Ressort
Du befindest dich hier:

Feminines Regiment: vier Ladys schupfen das weltweit erste Null-Energie-Bilanz-Hotel

Vier Ladys und eine Unterkunft: Mit Tochter, Mutter und Oma schupft Michaela Reitterer das weltweit erste Null-Energie-Bilanz-Hotel in Wien.


Feminines Regiment: vier Ladys schupfen das weltweit erste Null-Energie-Bilanz-Hotel
© Patricia Weisskirchner

Dass der Müll getrennt gehört und wir alle mehr auf unsere Umwelt achten müssen, hat Hotelière Michae-la Reitterer bereits früh gelernt. „Meine Mutter hat schon immer penibel auf all diese Dinge geachtet“, lacht sie und wirft einen schmunzelnden Blick zur Frau Mama an ihrer Seite. „Flugblätter wurden nie weggeworfen, sondern umgedreht und als Schmierzettel verwendet. Und bei Fensterkuverts musste ich immer das Plastik vom Papier trennen.“ Kein Wunder, dass die 45-jährige Powerfrau im November des vergangenen Jahres das weltweit erste Null-Energie-Bilanz-Hotel eröffnete: das Boutiquehotel Stadthalle in Wien. Reitterer: „Ich habe mir bereits als Sechsjährige ein eigenes Hotel gewünscht. Das Null-Energie-Bilanz-Hotel habe ich aus voller Überzeugung gestartet! Es kann nicht jeder immer sagen:, Die anderen tun ja auch nichts.‘ Bei uns ist es anders, wir achten auf unsere Umwelt.“ So blüht im Hotel im Sommer wunderschön der Lavendel auf dem Dach, das Regenwasser wird für die WC-Spülung gesammelt, und eine Solar- sowie eine Photovoltaikanlage erzeugen die Energie. Für die Windräder, die Reitterer so gern am Dach montieren würde, kämpft sie noch. „Die müssen erst von der Stadt genehmigt werden, aber auch das werde ich noch schaffen.“

Und weil Michaela Reitterers gesamte Familie ohnehin bereits fachlich bestens versiert ist, hat die Tourismus-Lady die Damen um sie herum gleich in den Hotelbetrieb eingespannt – ihre 87-jährige Oma genauso wie ihre 22-jährige Tochter.

Green Girls.
„Ich bin für Botengänge und Erledigungen zuständig. So komme ich wenigstens auch in der Stadt herum!“, erzählt „Urli“ Anna Ruhs ganz geschäftig. „Und das Beste dar-an: Meine Enkelin ist meine Chefin!“ Kaum gesagt, macht sich die rüstige alte Dame auch schon auf, um die Besorgungen für den heutigen Tag zu erledigen, denn „sonst werde ich nicht mehr fertig“.

Michaelas Mutter Susanne Ruhs ist die ehemalige Inhaberin des Hotels. Gemeinsam mit ihrem Mann Herbert machte sie 1984 aus einer kleinen Pension ein Sterne-Hotel. „Dass wir den Betrieb schlussendlich an unsere Tochter verkauft haben, war die beste Entscheidung – die Michi macht das viel besser!“, freut sich die 66-Jährige, die noch heute fleißig im Einkauf und in der Buchhaltung mitarbeitet.

Und ihre Enkelin Katharina hilft neben ihrem Studium für Internationale Entwicklungen an der Rezeption aus. Schon als Kind war die 22-Jährige mit ihrem jüngeren Bruder immer bei Oma und Opa im Hotel, später – nach der Scheidung der Eltern – hat sie mit ihrer Mutter sogar dort gewohnt. Die Studentin schmunzelt: „Wenn ich nach der Uni im Hotel vorbeischaue, treffe ich immer gleich die ganze Familie: In der Lobby schwirrt irgendwo die Urli umher, oben sitzt die Oma im Büro, und die Mama ist natürlich auch da. Wie in einem kleinen Familienbetrieb.“ 88 Prozent von Reitterers Mitarbeitern sind übrigens weiblich. „Das hat sich ganz zufällig ergeben“, lacht die Hotelchefin, „wir sind kein strenges Emanzenhotel. Im Gegenteil: Männer sind bei uns recht herzlich willkommen.“ Mit ein Grund, warum sich auch Reitterers Vater täglich im Haus einfindet.

Alle unter einem Dach.
Bei so viel Familie unter einem Dach sind Machtkämpfe vermutlich programmiert. „Aber überhaupt nicht!“, entgegnet Reitterer sofort. „An jenem Tag, an dem ich das Hotel gekauft habe, haben sich meine Eltern total zurückgezogen. Das war wichtig, schließlich kann es nur einen Boss geben!“ Die umtriebige Hotelbesitzerin – sie ist auch Vorsitzende der Österreichischen Hoteliervereinigung in Wien – hat schon die nächsten Pläne im Kopf: Sie möchte eine Beratungsagentur gründen und so ihren Kollegen beim ökologisch verantwortungsvollen Hotelbetrieb unter die Arme greifen.

Redaktion: Melanie Zingl