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Fem Porn: Interview mit Patrick Catuz

Ein feministischer Porno?! Wie bitte passt das zusammen? Wir haben mit dem Wiener Buchautor und Filmproduzenten Patrick Catuz gesprochen.

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Fem Porn: Interview mit Patrick Catuz

Den Häschen-Vibrator gibt es im Store der Fem Porn Regisseurin Erika Lust!

© feminismusfickt.de

Es ist eine Freundin, die Patrick Catuz auf einen Porno von Erika Lust aufmerksam macht. Erika Lust gilt als Pionierin feministischer Pornographie. Damals hat er sich nur einen Kurzfilm von ihr angesehen. Ein paar Jahre später arbeitete Patrick dann bereits bei der schwedischen Regisseurin und Autorin in Barcelona. Nun hat er selbst ein Buch geschrieben mit dem Titel "Feminismus fickt!". Sein Buch beschäftigt sich mit der Beziehung von Feminismus und Pornographie und erzählt von praktischen Erfahrungen, die er in der Industrie gemacht hat. WOMAN hat den 29-jährigen Linzer, der nun in Wien lebt, für ein Interview getroffen.

»"Man merkt, dass eine Frau im Mittelpunkt der Sache steht, die ihrer Lust nachgeht und nicht bloß dazu da ist, die Phantasien von Männern zu bedienen."«

WOMAN: Feminismus und Pornographie? Geht das überhaupt zusammen?
Patrick Catuz: Das geht sogar sehr gut zusammen! Es stellt sich allerdings die Frage, von welchem Feminismus und welcher Pornographie wir ausgehen. Alice Schwarzers Feminismus lehnt Porno pauschal ab, das ist aber längst nicht mehr die einzige Position. Die jüngere Generation des Feminismus zeigt sich weitaus aufgeschlossener. Deshalb ist sie aber noch lange nicht weniger kritisch, sie wirft bloß nicht alles von "Hardcore-Netporn" bis "Porno Chic", von männlichen Mainstream bis feministischen Porno, von John Stagliano bis Erika Lust in einen Topf.

Patrick Catuz (29), Autor und Filmproduzent

WOMAN: Wo liegen die Unterschiede zwischen „normalen Pornos“ und „feministischen Pornos“?
Patrick Catuz: Die Unterscheide können sich darin zeigen, wer die Pornos macht, wie sie gemacht werden und wie sie schließlich aussehen. In herkömmlichen Produktionen findet man Frauen nur als Darstellerinnen oder vielleicht noch als Visagistinnen. Es dauerte lange, bis sie für sich die Rolle als Produzentinnen und Regisseurinnen erkämpft haben. Heute sind Frauen in diesen Positionen auch finanziell erfolgreich. Sie bringen frischen Wind in die Industrie, vor allem weil sie meistens einen höheren Anspruch mitbringen und nicht nur einen billigen 08/15-Streifen nach dem anderen produzieren wollen. Deshalb sind ihre Pornos nicht zwangsläufig weniger explizit. Man merkt, dass eine Frau im Mittelpunkt der Sache steht, die ihrer Lust nachgeht und nicht bloß dazu da ist, die Phantasien von Männern zu bedienen.

WOMAN: Ein Porno im klassischen Sinn dient zumeist als Masturbationsvorlage. Ist ein feministischer Porno genauso zweckerfüllend?
Patrick Catuz: Meiner Erfahrung nach schon. Wenn wir uns dem Spielfilm-Porno zuwenden, würde ich sagen, sie erfüllen sogar wesentlich mehr. Das sind Filme, die auch wegen ihrer Handlung geschaut werden oder aber weil man etwas Stimmungsvolles sucht, das man mit dem Partner oder der Partnerin schauen kann. Doch es gibt auch Alternativen, wenn man etwas mit weniger Handlung sucht und schneller zur Sache kommen möchte. Liandra Dahl, eine Freundin von mir, macht beispielsweise Pornoclips für das Internet. Einige wenige Pornointernetseiten bieten bei ihren Kategorien bereits eine „female choice“ an. Ob die Videos in diesen Kategorien immer halten, was sie versprechen, sei dahingestellt. Aber zumindest nehmen sie Frauen mittlerweile als Userinnen wahr.

WOMAN: Womit genau beschäftigt sich dein Buch „Feminismus fickt!“?
Patrick Catuz: Mein Buch erzählt die Geschichte der sich wandelnden Beziehung von Feminismus und Pornographie. Dabei beschäftige ich mich einerseits mit der Entstehungsgeschichte des pornographischen Films und damit, wie ältere feministische Strömungen zunächst versucht haben, Porno zu bekämpfen. Ich komme dann zu neueren Ansätzen, zu weiblichen Pornographinnen, die versuchen die Industrie von innen heraus aufzumischen. Und das mit Erfolg! Ich diskutiere auch konkrete Filmbeispiele und erzähle das eine oder andere von meinen Erfahrungen in der Industrie.

WOMAN: Woher kommt dein Interesse für dieses Metier?
Patrick Catuz: Eine Freundin hat mich darauf gebracht. Sie zeigte mir Erika Lust, die damals gerade mal ihren ersten Kurzfilm „The good Girl“ gedreht hatte und noch ganz am Anfang ihrer Karriere stand. Ich fand das so spannend, dass mich das Thema nicht mehr loslassen sollte. Ein paar Jahre später arbeitete ich bereits selbst bei Erika in Barcelona am Dreh von "Cabaret Desire" mit.

Trailer des Films "Cabaret Desire" von Erika Lust.
»"Ich kenne viele Männer, die mit dem gewöhnlichen Porno genauso wenig anfangen können, wie viele Frauen."«

WOMAN: Ist ein feministischer Porno ausschließlich für Frauen gemacht?
Patrick Catuz: Nein. Es geht ja genau darum, die Einseitigkeit der herkömmlichen Pornographie, die nur auf Männer ausgerichtet ist, aufzubrechen. Dabei finde ich, hat der Mainstream eine recht krude Vorstellung ihrer männlichen Zielgruppe. Ich kenne viele Männer, die mit dem gewöhnlichen Porno genauso wenig anfangen können wie viele Frauen. Feministische Pornographie versucht eher das Feld zu erweitern, als das Ganze einfach nur umzudrehen.

WOMAN: Welche Erfahrungen hast du am Film-Set von Erika Lust gemacht?
Patrick Catuz: Am Set von Erika Lust herrscht eine angenehme und entspannte Atmosphäre. Das ist auch notwendig, weil sie nicht nur mit Profis dreht, sondern auch gerne mit Amateuren. Letztere neigen weniger dazu, die Szenen mechanisch abzuarbeiten und nähern sich der Sache etwas authentischer. Man muss allerdings etwas Geduld mitbringen, da klappt nicht alles immer auf Anhieb. Doch selbst die Profis wählt Erika danach aus, ob sie ähnliche künstlerische Vorstellungen haben wie sie. Es läuft also vieles anders ab, als die meisten Leute sich das auf einem Porno-Set vorstellen würden. Auch die Frauen entsprechen nicht dem Klischee. Zum Beispiel saß ich nach einem Drehtag mit ein paar Leuten von der Crew und einer Darstellerin noch bei einem Gläschen und wir haben ernsthaft über die Philosophie von Foucault diskutiert. Ich muss zugeben, das hat auch mich ein wenig überrascht.

»"Feministischer Porno interessiert sich für die Lust der Frau. Beim Sex ist ja auch wichtig, dass alle Beteiligten auf ihre Kosten kommen und nicht nur einer."«

WOMAN: Wie unterscheidet sich z.B. eine Blow-Job-Szene eines Fem Pornos von der, eines „normalen“ Pornos?
Patrick Catuz: Ich beziehe mich einmal allgemein auf Oralsex um den Unterschied deutlich zu machen: Im Mainstream ist ein Blow-Job nur dazu da, dem Mann Lust zu bereiten. Es ist meist auch die abschließende Praktik in der obligatorischen Szene mit dem "Cum-Shot", der externen Ejakulation. Damit endet der Akt, der Film hat seinen Höhepunkt mit dem Mann. Cunnilingus gibt es im herkömmlichen Porno zwar auch, allerdings wiederum nur um den Mann anzuheizen und nicht um ihre Lust in den Mittelpunkt zu stellen. Feministischer Porno interessiert sich für die Lust der Frau. Beim Sex ist ja auch wichtig, dass alle Beteiligten auf ihre Kosten kommen und nicht nur einer. Es sollte ein Geben und Nehmen sein und es macht ja auch Spaß, Lust zu bereiten. Genau hier hat auch der Blow-Job im feministischen Porno seinen Platz.

WOMAN: Was hältst du von der "PorNO-Kampagne" - gegründet von Alice Schwarzer?
Patrick Catuz: "PorNO" hatte seine Zeit und seinen Zweck. Ich bin in dieser Sache zwar ganz anderer Meinung, sehe aber trotzdem einen Nutzen darin. Porno war ein breitenwirksames Mittel, um Aufmerksamkeit für das Thema der Gewalt an Frauen zu gewinnen. Aber als Ursache konnte man ihn nie ernsthaft ausmachen. Mittlerweile finde ich die Kampagne auch wirklich langweilig. Alice Schwarzer hat "PorNO" in den 70ern begonnen. Nach einem zweiten Vorstoß Ende der 80er versucht sie nun, sie zum dritten Mal aufzuwärmen. Dabei hat sich die Kampagne in 35 Jahren kaum weiterentwickelt und es hatte auch keinerlei Auswirkungen auf die Industrie. Bei allem nötigen Respekt für diese Ikone der deutschen Frauenbewegung, ich finde sie könnte sich weniger als einziges Sprachrohr der Bewegung gebärden und sich ein wenig auf die Positionen des jüngeren Feminismus einlassen. Denn es gibt aktivistische, feministische Frauen, auch im Business, die sich gewerkschaftlich organisieren, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, über besseren Porno nachdenken und aktiv versuchen, die Industrie von innen heraus zu verändern. Die haben mehr für die Sache geleistet, wenn sie auch weniger prominent sind.

WOMAN: Fazit: Ist Pornographie nun gut oder schlecht?
Patrick Catuz: Weder noch! Solange es sich um konsensuellen Sex unter Erwachsenen zu fairen Bedingungen handelt, sind es nur gute oder schlechte Filme. Was man nun gut oder schlecht findet, das möchte ich ganz jedem selbst überlassen - ebenso wie ich allen Menschen ihre sexuellen Vorlieben lassen möchte. Ich stehe bloß für eine Pornographie ein, die so vielfältig ist, wie unsere Sexualität selbst .

Feminismus fickt!

Das Buch "Feminismus fickt!" von Patrick Catuz ist bereits für Euro 20,50 bei Thalia erhältlich.