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Fertig mit fertig Machen

Wir kränken uns selbst und andere und werden gekränkt. Das tut weh und macht wütend. Dabei würde es nur ein bisschen Anerkennung brauchen, damit wir glücklich sind. Die Philosophin Barbara Strohschein über einen Teufelskreis und wie man ihm entrinnen kann.

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sich selbst fertig machen
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Mal eine Frage: Wie wertvoll bist du? Auf einer Skala von eins bis zehn, wie schätzt du dich ein? Unteres Drittel? Mitte? Acht bis neun? In letztem Fall Gratulation. Dein Selbstwertgefühl kann sich sehen lassen. Aber leider haben die wenigsten Menschen so ein Bollwerk gegen das, was uns im Leben am meisten fertigmacht: Kränkungen. Und die sind an der Tagesordnung, immer und überall.

"Gestresste Eltern kränken ihre Kinder, indem sie ihnen vermitteln, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Vorgesetzte kränken ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, indem sie sehnlichst erhofftes Lob vermissen lassen. Angestellte machen sich gegenseitig durch üble Nachrede das Leben schwer. Männer kränken Frauen, indem sie sich mit Internet-Pornos beschäftigen, statt ihrer Partnerin gegenüber zärtlich zu sein. Frauen schlagen mit Liebesentzug zurück. Ärzte kränken Patienten, indem sie ihnen nicht zuhören, Nationen sind gekränkt, wenn sie sich von einer anderen Nation in ihrer Kultur und Geschichte oder gar in ihrer Religion nicht geachtet fühlen!", zählt Ethik-Expertin Dr. Barbara Strohschein typische Beispiele auf. Und wer gekränkt wird, entwickelt meist Wut, sinnt auf Rache und verletzt zurück. Oft kommt dann irgendwann später ein ganz anderer zum Handkuss. Ein Teufelskreis.

DU BIST NICHTS WERT

EINE KRÄNKUNG IST EINE AB-WERTUNG, die impliziert: Du bist nichts wert. "Das erzeugt ein Ohnmachtsgefühl, das nicht eingestanden, aber kompensiert wird", so Strohschein, "denn wer zugibt, gekränkt zu sein, fühlt sich noch schwächer. Also muss das durch den Versuch, Stärke zu zeigen, kompensiert werden: durch Abwertung des anderen, durch Intrigen, durch körperliche und seelische Gewalt. Und so entsteht eine Negativspirale." Die nicht nur individuelle Leiden, sondern auch gravierende Konflikte wie Gewaltakte auf der Straße, Terror und Kriege bedingt.

Was die Abwertungen anderer im Kleinen und auch im Großen bewirken, hat Barbara Strohschein in ihrem Buch "Das gekränkte Ich" ausführlich und spannend beschrieben. Die promovierte Philosophin betreibt in Berlin eine Praxis für Werte, in der sie seit über zehn Jahren berät. Und ihre Klientel kommt aus allen Schichten. "Auch dem schwerreichen Unternehmer helfen seine Millionen kein bisschen, wenn er sich von den anderen Firmenbossen nicht anerkannt oder nur wegen seines Geldes und nicht um seiner selbst willen geschätzt fühlt."

GEWALT NIMMT ZU

ANERKENNUNG, DAS IST DER SCHLÜSSEL. Sie ist der logische Umkehrschluss von Entwertung. Aber sie ist, so die Expertin für Ethik und Wertefragen, heutzutage Mangelware. "Dabei möchte jeder Mensch verstanden, anerkannt und geliebt werden." Das Fehlen dieser Seelennahrung macht viele traurig, krank und einsam. Und auch gewaltbereit.

Jugendliche etwa, die sich wertlos und überflüssig fühlen, erleben einen Machtkick, wenn sie auf irgendjemanden einschlagen. "Sie bewirken etwas, wo sie sonst überhaupt nichts bewirken." Zunehmende Gewalt in den Familien, Mord und Totschlag am Fernsehabend, Mobbing in der Schule, am Arbeitsplatz und im Netz, der "lieblose und respektlose Umgang mit Alten, Kranken und Behinderten" sind Marker dieser unseligen Entwicklung. Und in Partnerschaften ist gegenseitiges Entwerten ein probates Mittel, sich über den andere Macht zu verschaffen, unterstreicht die Beraterin, die auch zahlreiche Vorträge hält.

ES WÄRE JA EIGENTLICH OFT SO EINFACH, die Negativspirale zu durchbrechen: "Anerkennung, Lob, Wertschätzung und Liebe kosten nichts. Ein Wort, eine Geste, eine bejahende Handlung reichen, um einen Menschen glücklich zu machen. Und wenn nur für einen Moment", schreibt Strohschein in ihrem Buch. Und fügt im Interview hinzu: "Versuch doch gegebenenfalls das nächste Mal nicht gleich anzudeuten: Du gehst mir auf die Nerven! Probiere zuzuhören, zu verstehen, was im anderen vorgeht!" Jemandem zuzuhören, ihn anzuschauen, seinen Standpunkt anzuerkennen, ist das, was wir relativ leicht tun könnten und was uns doch oft schwerfällt.

Wer als Kind nie gelernt hat, wie man (mit-)fühlt, wird es auch später nicht können

Empathie ist das Zauberwort, aber man muss mal wissen, wie das geht. Wer als Kind nie gelernt hat, wie man (mit-)fühlt, wird es auch später nicht können. "Wenn Kinder nicht genug Liebe und Anerkennung erfahren haben, werden sie es nicht nur schwerer haben, sich selbst zu lieben, sondern auch andere zu achten und zu lieben", so Strohschein, die noch weiter geht: "Ich fürchte, viele Menschen haben weit mehr einen Mangel als einen Überfluss an Liebe erlebt." So entstünde eine Gesellschaft vieler ungeliebter Kinder, die als Erwachsene sich selbst und andere abwerten.

Und die die zerstörerische Lebensformel selbst wieder an den Nachwuchs weitergeben. Auch unterschiedliche Wertevorstellungen lösen jede Menge Konflikte aus. An Tugenden, die einem als Kind beigebracht wurden, wie fleißig sein, anständig, ordentlich, ehrlich, sauber, hilfsbereit und pünktlich, misst man später sich selbst und andere. Missachtet den Unpünktlichen, Unzuverlässigen, weniger Fleißigen. Fühlt sich umgekehrt durch seine vermutete Ignoranz gekränkt. "Du kannst ja mal den Test machen", so Strohschein: Welche Ideale und Tugenden sind dir sehr wichtig? Aufgrund welcher Werte bewertest du andere? Die Frage kann zur Selbsterkenntnis und zu einem bewussteren Umgang mit anderen beitragen."

IDEAL PERFEKTION

ANERKENNUNG UND LOB von außen sind das eine. Was aber, wenn man sich auch noch selbst abwertet? Seinen eigenen Idealen und Maßstäben nicht gerecht werden kann? In der heutigen Leistungsgesellschaft, in der Perfektion, Erfolg und Makellosigkeit ganz oben auf der Werteskala stehen, kein Wunder, meint die Autorin. Das Ideal Perfektion betrifft vor allem das Erscheinungsbild und die Frage: Was bin ich eigentlich wert, wenn ich nicht gut aussehe? "Wer den heutigen Maßstäben von körperlicher Vollkommenheit entspricht, liefert den Beweis dafür, dass er ,richtig' lebt. Richtig heißt: auf die Linie achten, sich gesund ernähren, Sport treiben, sich Operationen unterziehen, durch die ein Makel beseitigt wird." Alle anderen, und das sind unglaublich viele, leben nach dieser Rechnung also falsch.

Wer zu einer Elite gehören will, könne es sich nicht leisten, unattraktiv und dick zu sein, weiß Strohschein und zitiert die Grazer Soziologin und Buchautorin Waltraud Posch ("Objekt Körper"):"Schlanksein steht nur allzu schnell für Wendigkeit, Fleiß und Flexibilität." Ein dicker Bauch wird hingegen mit falschem Konsumverhalten, falschen Entscheidungen, mangelnder Kontroll- und Managementfähigkeit gleichgesetzt!"

Da pfeif ich doch drauf! Warum sagen wir das nicht viel öfter? Weil wir fürchten, dann nicht mehr dazuzugehören, erklärt die Fachfrau. Und das bedeutet immer Entwertung und Schmerz. "Wer sich in einem Team, bei Freunden, in der Familie nicht so oder so verhält, wird sanktioniert. Wer die jeweiligen Werte, die in einer Gruppe gelten, nicht teilt oder infrage stellt, gehört nicht dazu, wird möglicherweise ausgeschlossen." Und, stellt die Ethikerin klar, der soziale Tod könne schlimmer sein als der physische.

SPENDE LOB!

EIN GUTES SELBSTWERTGEFÜHL hilft uns, selbstbestimmter und weniger abhängig zu sein. Normen hin oder her. Aber wo kauft man das bitte? Es entwickelt sich, beschreibt Strohschein, unabhängig von Status, Bildung und Herkunft. "Im besten Fall entsteht es durch die einst erfahrene elterliche Liebe, durch Selbstakzeptanz, durch gelingende Beziehungen zu anderen Menschen und durch das Gefühl, verstanden zu werden. All das kann man weder kaufen noch erzwingen.

So spielt es letztlich gar keine Rolle, ob jemand einen hohen Posten hat, reiche Eltern, gut aussieht, viel Geld verdient und sehr gebildet ist oder wenig Geld hat und keine Statussymbole vorweisen kann. Denn selbst eine Person, die über alle diese Privilegien und Qualitäten verfügt, kann sich ablehnen und sich mit Selbstzweifeln herumplagen." Ein unabänderliches Schicksal sind Minderwertigkeitskomplexe deshalb noch lange nicht: Wer sich bewusst macht, dass er nicht nur Opfer, sondern auch Gestalter seines Lebens ist, kann gleich mal anfangen. Zum Beispiel statt sich selbst vor dem Spiegel wieder mal mit dem Stempel "Wie furchtbar ich heute wieder ausschau!" zu versehen, kurz innehalten, ein Blatt Papier nehmen und aufschreiben, was man gut an sich selbst findet.

Welche Menschen haben etwas Positives über mich gesagt? Was genau? Was fand Thomas an mir so interessant, was hat Eva so bewundert? Gib auch anderen Menschen positive Rückmeldungen! "Wie Sie das Zimmer geschmückt haben, das kann nicht jeder! Haben Sie gerade so wunderbar gesungen? Also so einen guten Kuchen hab ich noch nie gegessen!" Das Lob muss halt ehrlich sein, gibt die Coachin den Tipp. Aufgesetztes Geschwafel merkt der andere sofort. Durch ehrliche Anerkennung allerdings "entsteht Beziehung. Und die wiederum gibt auch Ihnen selbst ein gutes Gefühl!"

Sieh weiters zu, dass du etwas bewirken kannst. Das kann freiwillige Arbeit in einem Hospiz sein, aber auch einfach das Erfolgserlebnis, einen Garten zu bepflanzen. "Allein die Erfahrung, etwas zu gestalten, ist dazu angetan, sich etwas wert zu fühlen!" Sich zu engagieren, hilft auch, die eigenen egozentrischen Sichtweisen zu relativieren. "Wer sich auf diesen Weg begibt, wird anerkannt und immer fähiger, anzuerkennen!" so Strohschein.

Und übe dich in Empathie. "Der Begriff beschreibt die Fähigkeit, sich selbst und andere zu erkennen und zu fühlen!" Die Autorin beschreibt in drei Schritten (siehe unten), wie man die Kunst, die glücklich macht, auch später noch erlernen kann. Wie groß das Anerkennungsthema tatsächlich ist, hätten nicht nur die alten Philosophen schon gewusst, sagt Strohschein, auch sie erfährt es immer wieder neu. "Wir, ein Team von Wissenschaftern und Wissenschafterinnen, beschäftigen uns gerade mit der Frage, warum wir unsere Welt kaputtmachen, und sind auf höchst interessante Hintergründe auf beiden Seiten, bei Klimabefürwortenden und Leugnenden, gestoßen. Was alle am meisten wünschen, ist: Bitte, erkennt meine Meinung an. Hört doch wenigstens mal zu. Wäre das zu erreichen, würden wir ein Riesenstück weiterkommen, aber "Rechthaberei, stur auf einem Standpunkt zu beharren, das fordert die Gegenseite zur Gegenwehr heraus. So lange, bis ein Sieger und ein Verlierer feststehen. Aber um welchen Preis?

EINES IST TROTZDEM KLAR: Es ist im Leben unvermeidbar, nicht gekränkt zu werden. Wünsche werden nicht erfüllt, Erwartungen werden enttäuscht und Bedürfnisse werden nicht befriedigt. Gekränkte Menschen verletzen weiter. Nicht gelöste Probleme wie Geldsorgen, Angst vor Versagen, negative Antizipationen sind ebenfalls Ursachen dafür, sich schwach zu fühlen und das durch negative Äußerungen zu kompensieren. Das Heruntermachen erzeugt, wie gesagt, zumindest ein kurzes Machtgefühl.

WER IST GEMEINT?

IHRE MOTIVE SIND DEN BELEIDIGENDEN selbst meist gar nicht bewusst, und sie sind oft auch gar nicht mit der ernsten Absicht verbunden, jemanden zu kränken. Den Tätern, die spontan und emotionsgeladen losschießen, ist häufig gar nicht klar, wie tief die Verletzungen bei ihren Opfern gehen und nachwirken. Aber man kann wieder was lernen: die große Kunst, den Schmerz, der auf jede Kränkung folgt, zu akzeptieren, ohne wütend zu werden. Und das geht so: Erste Frage: Bin ich überhaupt gemeint? Das bedeutet: Nicht alles persönlich nehmen. Wenn dein Liebster wieder mal nach Hause kommt und dich anschnauzt - da gibt's einen Stich, aber frage ganz cool zurück:"Wen meinst du wirklich?" Oder: "Willst du mich jetzt tatsächlich kränken?" Dann wird er innehalten (außer er ist schon ein ganz hoffnungsloser Fall) und verwundert stammeln. "Nein, wieso?" Und dann wird er vielleicht vom Chef berichten, der ihn fertigmachen wollte. Und du zeigst Verständnis (in der Hoffnung, dass es nächstes Mal umgekehrt ist)."Hättest du aber gleich zurückgeschlagen: ,Du A...., du kannst mich doch mal!', wäre der schönste Konflikt daraus entstanden", spricht Strohschein aus langjähriger Praxiserfahrung.

Genauso ist es, wenn man sich in der ärztlichen Sprechstunde etwa nicht genügend beachtet fühlt. Statt sich innerlich zu grämen und danach im Büro alle anzupflaumen, lieber gleich bekunden: "Herr Doktor. Ich wünsche mir, dass Sie sich mehr Zeit für mich nehmen!"

SELBSTERKENNTNIS

EINE DRITTE MÖGLICHKEIT WÄRE klipp und klar zu sagen: Ich lasse mir deine Äußerungen nicht bieten. "Es wäre überhaupt ein effizienter Schritt, Menschen, die einen immer wieder kränken, in Zukunft zu meiden", schlägt Strohschein vor. Ist das nicht leicht möglich, hilft die nächste Stufe der Souveränität: die Kränkung mit Humor zu nehmen. "Na, welcher Elefant ist Ihnen denn heute auf den Fuß getreten?", wäre eine nette Gegenfrage.

KRÄNKUNGEN FORDERN ABER AUCH DAZU HERAUS, über sich nachzudenken. Warum hat mich diese Aussage, diese Nichtbeachtung, diese Unhöflichkeit jetzt dermaßen getroffen? Was hab ich erlebt, in der Kindheit oder später, das mich so prägt? Sollte ich mir zu dem Thema - Verlassensängste, Verlustängste, eine Mutter, die immer an mir herumkritisiert hat - vielleicht Hilfe suchen? Ich kann weiters beobachten, wie die Kränkungen ablaufen, und mich fragen, wer welche Motive hat, mich abzuwerten. Je besser man sich selbst durchschaut, desto gewappneter ist man und desto sicherer wird man in seiner Entscheidung, beleidigende Äußerungen freundlich, aber bestimmt zurückzuweisen oder aber einzusehen, dass eine Kritik berechtigt war. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, heißt eine alte Weisheit (sie wird Sokrates zugeschrieben). Und wenn's von dem Pulver mehr gäbe, wär es ein Segen. Für jeden Einzelnen und für die ganze Welt.

EMPATHIE LERNEN!

  • Wie geht's mir? Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln, ist der erste Schritt. Was fühle ich? Wie fühle ich mich? Das sind die Fragen, die deine Wahrnehmung schulen.
  • So war ich auch. Versuche dich an eigene gefühlsbesetzte Kindheitserlebnisse zu erinnern, um deine Kinder zu verstehen und mit ihnen mitzufühlen.
  • Kommen und gehen. Nimm deine Gefühle wahr, ohne dich mit ihnen zu identifizieren. Sie ziehen vorüber wie Wolken am Horizont.
  • Ursachen finden. In welchen Situationen und durch welche Auslöser kommen Gefühle oft immer wieder? Erforsche dich selbst.
  • Neue Perspektive. Probiere mal, wie es ist, wenn du dich von einer höheren Warte aus beobachtest und dir selbst zuschaust.
  • Glücksspritze. Freue dich jeden Morgen bewusst auf den Tag.
  • Bestätigung. Sage Ja zu deinem Spiegelbild.
  • Hat was Gutes! Gestehe Fehler ein und bejahe diese als Chance, mehr über dich zu lernen.

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