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Pro & Contra: Shades of Grey

Mädelsevent, ja klar. Aber was steckt noch in der "Fifty Shades of Grey"-Trilogie? Unsere Redakteurinnen Anne und Márcia haben sich die Filme angeschaut und ziemlich konträre Meinungen dazu gebildet.

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Shades of Grey Pro Contra
© VGN
  • PRO: Márcia hat alle Bücher gelesen und jeden Film gesehen. Sie sagt: "Fifty Shades macht Spaß!"

    Ich bin die einzige in der WOMAN Redaktion, die freiwillig zugibt alle drei Bücher gelesen und alle drei Filme gesehen zu haben und somit fiel die Wahl, wer die Pro-Argumente anführen darf – natürlich – auf mich.

    Ich werde nicht versuchen meinen fragwürdigen Literatur- und Filmgeschmack schön zu reden, sondern direkt zur Sache kommen. Die Bücher las ich zum ersten Mal vor etwa fünf oder sechs Jahren als sie in Amerika erschienen. Eine Freundin hatte mir den ersten Teil geschenkt und ich war froh „leichte Kost“ mit auf meinen Strandurlaub mit meinem damaligen Freund mitnehmen zu können. Kaum fing ich an zu lesen, war ich auch schon wirklich drinnen und konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Ja, es ist furchtbar schlecht geschrieben. Ja – die Dialoge sind fragwürdig, und ja - ich hatte beim Lesen auch das Gefühl, dass mir sämtliche Gehirnzellen absterben. Vielleicht hatte ich aber auch nur einen Sonnenstich. Aber aus einem mir unerfindlichen Grund konnte ich nicht aufhören.

    Zu der Zeit war ich sehr jung, naiv, unerfahren und unsicher, jedoch in keinem vergleichbaren Ausmaß wie die Protagonistin Anastasia Steel. Im Buch und Film erlebt sie ein sexuelles Erwachen. Zum ersten Mal setzt sie sich mit Verlangen, Lust, Kontrolle und Einverständnis auseinander. Sie lernt sich und ihre Bedürfnisse in einer sexuellen Beziehung kennen. Sie probiert neue Dinge aus, von denen sie vorher noch nie etwas gehört hatte.

    Natürlich ist die Darstellung der Beziehung zwischen der sexuell unerfahrenen Anastasia Steele und dem wohlhabenden älteren Milliardär Christian Grey in vielerlei Hinsicht problematisch, aber meiner Meinung nach hat Fifty Shades of Grey als kulturelles Phänomen, den nicht-normativen Sex und das weibliche Begehren zum Mainstream gemacht, und somit weit mehr Gutes als tatsächlichen Schaden angerichtet.

    Viele junge Frauen – mich eingeschlossen – haben dadurch gelernt offener mit dem Thema Sex umzugehen. Vor Fifty Shades gab es – neben Pornos – kaum Ressourcen für Frauen, sexuelle Phantasien zu erforschen und kennenzulernen. Das Buch hat hierfür die Schleusen geöffnet und einen lukrativen Markt für Frauen geschaffen, um ihre Sexualität zu erforschen. Die amerikanische Pornodarstellerin Jessica Drake sagt selbst: „Frauen kaufen das Buch und dazu Dessous, Gleitgel und Spielzeug. Es hat dazu geführt, dass wir offen über Sex sprechen und unsere Sexualität ausleben.“

    Die problematische Beziehung zwischen den Protagonisten und die falsche Darstellung von BDSM mal außen vor gelassen, was Fifty Shades für die weibliche Sexualität geleistet hat, muss anerkannt werden!

    Und weitere Pro-Argumente sind: Der Film ist wie ein Verkehrsunfall. Man kann nicht hin- aber auch nicht wegschauen und genau deshalb eignet er sich ideal für einen Mädelsabend. Meine Freundinnen und ich wissen, sobald der Film in den Kinos läuft, treffen wir uns, gehen Essen, quatschen und ziehen uns einen schlechten Softporno rein, bei dem wir die meiste Zeit Würgegeräusche aufgrund der furchtbaren Dialoge oder tiefe Seufzer wegen Christians Greys nacktem Oberkörper von uns geben.

    Bild 1 von 2 © Bilder der Autorinnen
  • CONTRA: Anne mag eigentlich Trash, aber "Fifty Shades of Grey" ist ihr zu trashig!

    Die „Fifty Shades“-Filme sind das perfekte Mädelsevent. Am besten hüpft man als größere Gruppe gemeinsam in das nächste Kino, gibt sich der kollektiven Aufregung hin und hat am Ende eine schöne Zeit gehabt. Wirklich contra gegen „Fifty Shades“ zu sein, ist also eine ziemliche Überreaktion.

    Allerdings gilt Genuss mit Vorsicht. Denn wenn es um das vermittelte Frauenbild geht, ist es bei genauerer Betrachtung ganz schön bedenklich, was die gute E. L. James da alles verzapft. Dass sich Anastasia für die Aufwertung des Liebesspiels von sexy Christian ein bisschen auf den Popo klatschen lässt? Geschenkt. Das hat mit Sexismus nichts zu tun und wenn’s ihnen Spaß macht, soll’s so sein. Komisch ist aber wie die Protagonistin konkret mit diesen besonderen Vorlieben sowie prinzipiell allen Macken ihres Ehemannes umgeht. Zwar betont die Serie häufig wie sehr sich der gute Christian verändert hat. Zu sehen bekommen wir aber vielmehr eine Anastasia, die sich alles gefallen lässt.

    Denn die große Entwicklung ist nicht etwa, dass Christian seine Vorlieben an seine Frau anpasst. Vielmehr fängt sie an, es zu mögen. Dieses unorthodoxe Muster findet sich aber nicht nur im Liebesspiel wieder. Im dritten Teil möchte Christian Anastasia „beschützen“, indem er sie praktisch von der (männlichen) Außenwelt abschottet. Sie hält sich nicht daran und wird natürlich vom Film dafür bestraft. Christians Reaktion? Konsequenter Liebesentzug und ein passiv-aggressives Sex-Spiel, das pure psychische Gewalt ist. Anastasia ist daraufhin wie immer verständnisvoll, denn sie ist ja eine Frau und als solche hört sie zu. So löst man nämlich Probleme.

    Es ergibt sich zwangsläufig eine fragwürdige Moral. Eine Frau, die mit viel Geduld und Verständnis der emotionalen Gewalt eines psychisch Kranken ausharrt, erfüllt sich am Ende ihren Traum: Einen feschen Mann, der unendlich viel Geld hat, Klavier spielen kann und - wenn es seine psychischen Traumata gerade erlauben - ein ganz anständiger Kerl ist. Aber ist dieses Verherrlichen der weiblichen Passivität wirklich noch zeitgemäß?

    Bild 2 von 2 © Bilder der Autorinnen
Thema: Liebe

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