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Fotos von den Kindern online posten: Darf Mama das?

Eltern kennen das: Man ist so stolz auf sein Kind, dass man es am liebsten der ganzen Welt zeigen möchte. In Zeiten von Facebook, Instagram und Co. ist das auch keine große Hexerei. Aber ist es tatsächlich okay, seine Kinder im Internet zu präsentieren? Drei Mütter mit unterschiedlicher Meinung diskutieren. Plus: Ein Anwalt erklärt die Gesetzeslage.

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Fotos der Kinder online posten

Nach dem Shitstorm, der mir passiert ist, bin ich froh, dass ich meinen Sohn im Internet nie von vorne gezeigt habe." Julia, 32, verbirgt das Gesicht ihres Sohnes.

© Stefan Gergely

Die italienische Erfolgsbloggerin Chiara Ferragni, 31, tut es dauernd. Die deutsche Influencerin Toyah Diebel, 28, ist absolut dagegen und macht auf ihrer Instagram-Site "toyahgurl" User - auf sehr polarisierende Weise - auf mögliche Konsequenzen aufmerksam. Es geht ums Posten von Kinderfotos im Internet.

"Es liegt in der Verantwortung der Eltern, die Privatsphäre ihrer Kinder zu schützen und sie nicht für ein bisschen Reichweite zu verkaufen", sagt Toyah im WOMAN-Interview. Was aber denken heimische Mamas darüber, und wie handhaben sie es? Drei Mütter mit sehr unterschiedlichen Einstellungen diskutieren: Ist es okay, seine Kinder im Internet zu präsentieren? Und wenn man es tut: Wie macht man's? Was darf man zeigen? Was nicht? Abseits der persönlichen Meinung erklärt Rechtsanwalt und Datenschutzexperte Peter Harlander, was rechtlich erlaubt ist.

»Das mit dem Löschen ist so eine Sache - richtig weg ist es halt nie, sobald man es ins Netz gestellt hat. «

Sie drei haben komplett unterschiedliche Einstellungen, was das Posten von Kinderfotos auf Social-Media-Plattformen betrifft. Welche Standpunkte vertreten Sie konkret?

IULIA: Ich habe einen Blog, auf dem ich übers Mamasein schreibe und Szenen aus dem Alltag fotografiere. Dabei ist es mir wichtig, dass man das Gesicht von meinem Zwuck, wie ich ihn online nenne, nicht sieht. Ich mache das Foto auch immer aus einer Situation heraus. Wenn er mit etwas beschäftigt ist, wie zum Beispiel mit Staubsaugen, was er übrigens sehr liebt, setze ich mich dazu und drücke auf den Auslöser. Dazu schreibe ich dann ein paar Zeilen aus seiner Sicht. Etwas wie: "Die Mutter hat es mal wieder nicht geschafft, sich um den Haushalt zu kümmern. Immer muss ich alles selbst machen. Nach eineinhalb Jahren sollte sie mal langsam drauf kommen, wie sie Mamasein und Haushalt unter einen Hut bringt." Das kommt bei der Community gut an.

ALEXANDRA: Ich selbst bin auf Facebook und Instagram sehr aktiv. Allerdings konzentriere ich mich dabei darauf, mein Unternehmen zu präsentieren. Privates klammere ich online strikt aus. Auch von meiner fünfjährigen Tochter Clara gibt es kein einziges Foto. Man weiß nie, wer das in die Finger kriegt. Ich möchte außerdem ihre Privatsphäre schützen. Sie ist noch zu klein, um ein Veto einzulegen. Das Einzige, was ich mal hochgeladen habe, war ein Foto von ihren Schuhen.

SINA: Bei uns ist das komplett anders! Sogar meine Kinder haben schon eigene Instagram-Accounts. Was ich nicht ganz verstehe: Warum man sein Kind nur seitlich oder von hinten zeigt. Ich finde, das hat etwas von Doppelmoral. Die Eltern sagen, sie wollen ihr Kind dadurch schützen, aber gleichzeitig verwenden sie zig Hashtags, um ja eine große Reichweite zu generieren...

IULIA: Da muss ich widersprechen. Bei mir geht es in erster Linie um den Text. Die Bilder unterstreichen das Geschriebene nur. Außerdem bin ich nach dem Shitstorm, der uns vor ein paar Wochen passiert ist, sehr froh, dass wir unseren Sohn nie von vorn gezeigt haben.

Was ist da passiert?

IULIA: Die deutsche Bloggerin Toyah Diebel hat Screenshots von unseren Bildern gemacht, ihr Gesicht drübergelegt und sich über uns lustig gemacht. Ihre Follower haben dann massenhaft kommentiert, dass wir peinlich und asozial sind und ich eine schlechte Mutter bin, weil ich angeblich mein Kind verkaufe. Das bringt einen dann schon zum Nachdenken.

SINA: Okay, das kann ich natürlich nachvollziehen. Wir haben vermutlich auch einen anderen Zugang dazu, weil mein Mann Andreas Seidl beim Fernsehen arbeitet und wir als Familie ein Leben in der Öffentlichkeit gewohnt sind. Unsere Kids haben auch ein eigenes Tablet, das sie verwenden dürfen, wann sie wollen. Wenn sie stundenlang davor sitzen würden, wäre uns das natürlich nicht recht. Aber solange das Gleichgewicht stimmt, und das tut es, dürfen sie es selbstbestimmt nutzen. Natürlich haben wir aber ein Auge darauf, welche Inhalte sie konsumieren. Auf Instagram haben sie auch keinen Zugriff. Wenn sie ein Foto hochladen wollen, geschieht das immer im Beisein von uns Eltern.

Oft sind sich nicht mal Erwachsene klar darüber, welche Konsequenzen ein öffentlich gepostetes Foto haben kann. Beziehungsweise ist es auch nicht immer absehbar, ob ein Bild etwa shitstormgefährdet ist oder nicht. Wie erklären Sie Ihren Kindern dann die möglichen Auswirkungen von Inhalten, die man ins Netz stellt?

SINA: Indem wir ihnen einen unaufgeregten Zugang dazu vermitteln. Andreas kennt seit 20 Jahren nichts anderes, als vor der Kamera zu stehen. Er beherrscht das Spiel mit der Presse. Die Selbstdarstellung im Internet ist davon nicht weit entfernt. Wenn du da als Elternteil sattelfest bist, profitieren auch die Kinder davon. Man kann Kinder eine Zeit lang vom Internet fernhalten, aber nicht ewig. Es gehört zu unserer Zeit einfach dazu. Und da ist es mir lieber, sie wachsen langsam damit auf, als man entlässt sie mit 15 oder 16 völlig unerfahren ins WWW, und sie haben keinen Plan, was sie dort eigentlich machen Außerdem sind wir ja noch als Instanz dazwischengeschaltet und posten kein Foto, für das sie sich später schämen müssen. Nicht immer haben Eltern und Kinder die gleiche Auffassung, was peinlich ist und was nicht.
Wir wollen das Beste für unsere Kinder und würden sie nie vorführen, in irgendwelchen ungünstigen Posen und nackt zeigen oder wenn sie gerade trotzig sind. Und sollte ihnen aus irgendwelchen Gründen in ein paar Jahren irgendein Foto peinlich sein, werden wir es löschen. Oder sie müssen lernen, damit umzugehen, dass wir sie mal auf einem Bild hergezeigt haben, auf dem sie sich halt nicht so gefallen.

ALEXANDRA: Das mit dem Löschen ist so eine Sache. Ganz weg ist es halt nie, sobald man es ins Netz gestellt hat.

SINA: Ja, aber ich finde es wiederum eigenartig, wenn jemand so gar keinen Fußabdruck im Social-Media-Bereich hat. Wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, google ich ihn. Wenn ich zu dieser Person nichts finde, macht es mich stutzig. Was ich außerdem bei der Familie einer guten Freundin beobachte: Zuerst haben sie und ihr Mann sich sehr dagegen gewehrt, ihre Kinder im Netz zu zeigen. Mittlerweile gehen sie lockerer damit um, weil ihre älteste Tochter, sie ist zehn, jetzt schon ein bisschen Druck macht. Für sie ist es komisch, dass die Eltern Bilder posten, und sie darf auf keinem einzigen mit drauf sein.

ALEXANDRA: Wir machen ja auch viele Fotos von unserer Tochter. Auf meinem Handy finden sich hundertausend Bilder, auf denen wir alle möglichen Situationen dokumentiert haben. Wir verschicken diese Bilder auch innerhalb der Familie und an Freunde. Das reicht dann aber schon wieder, finde ich. Wozu es auf Facebook posten?

SINA: Social Media gehören heutzutage einfach dazu. Unsere Kinder sind die erste Generation der echten Digital Natives. Sie wachsen damit auf, kennen es gar nicht anders. Zum Halbjahreszeugnis haben wir unserer Tochter für ihre guten Noten einen freien Wunsch zugestanden. Sie meinte, sie hätte gern einen YouTube-Kanal. Wir haben uns mit ihr hingesetzt und ein Konzept erarbeitet. Was wir definitiv nicht wollten: dass sie irgendwas daherredet und sich dabei filmt. Wir haben eine Produktionsfirma und können so etwas auch leicht professionell umsetzen. Nach drei Videos war das Ganze für sie aber auch wieder uninteressant. Hätten wir es ihr verweigert, wäre es daheim fix zu einem Dauerthema geworden. Auch auf ihrem Instagram-Profil haben wir seit Monaten nichts mehr hochgeladen. Zwischendurch kommt sie dann mal, wir posten was, und sie freut sich über die ganzen Herzerl.

Haben Sie denn keine Angst, dass Sie sich dadurch später über Likes definiert?

SINA: Überhaupt nicht. Uns ist es wichtig, unsere Kinder zu starken Persönlichkeiten zu erziehen, die sich nicht über Meinungen anderer definieren. Wir ermutigen sie auch ständig, sich nicht runterziehen zu lassen, wenn jemand etwas nicht so toll findet. So ist das nun mal im Leben. Da muss man drüberstehen. Wie heißt's so schön: Haters gonna hate

IULIA: Mich hat der Shitstorm nicht kaltgelassen, aber mittlerweile versuche ich, es nicht mehr allzu sehr an mich ranzulassen und das Positive darin zu sehen: Durch jeden bösen Kommentar steigt meine Reichweite. Umso mehr Leute lesen dadurch meine Texte. Ich fände es sehr schön, wenn der Blog weiterhin so gut liefe, damit ich nicht so schnell wieder arbeiten gehen muss und länger bei meinem Sohn daheim bleiben kann.

KEINE FOTOS!

Fotos der Kinder online posten
Alexandra Jarolim, 42, zeigt ihre Tochter Clara, 5, nicht auf Social-Media-Plattformen.


Alexandra selbst ist auf Facebook und Co. sehr aktiv - um ihr Unternehmen "Die Einmacherin" zu promoten. Private Einblicke gewährt sie auf ihren Profilen allerdings nur wenige. Absolut tabu: Bilder ihrer fünfjährigen Tochter Clara.

JA, ABER ...

Fotos der Kinder online posten
Julia Huber-Purdea, 32, hat auf Instagram einen Mama-Blog. Ihren Sohn, 18 Monate, zeigt sie dort nur von der Seite oder von hinten.


Auf ihrem Blog "Der Zwuck und ich" schreibt Iulia über den Alltag mit ihrem eineinhalbjährigen Sohn. Davon gibt's auch Fotos -allerdings immer ohne Gesicht. Auch sein Name ist geheim.

SAY CHEESE!

Fotos der Kinder online posten
Sina Schmid, 32, hat für ihre Tochter Maxim, 7, und ihren Sohn Levi, 6, eigene Instagram-Profile erstellt.


Sina ist mit Puls 4-Moderator Andreas Seidl verheiratet. Für sie ist ein Leben in der Öffentlichkeit selbstverständlich. Genau diese Einstellung vermittelt sie auch ihren beiden Kindern Maxim und Levi.

WIE SIEHT ES RECHTLICH AUS? EIN EXPERTE KLÄRT AUF:

Rechtsanwalt Peter Harlander hat sich u. a. auf Social Media und Datenschutz spezialisiert.

Dürfen Eltern Bilder ihrer Kinder online posten ?

HARLANDER: Klare Antwort: Jein! Bei Kindern, die noch nicht die notwendige Einsichtsfähigkeit besitzen, um beurteilen zu können, ob die Veröffentlichung eines Fotos nun gut oder schlecht für sie ist, können die Eltern entscheiden. Voraussetzung: Das Foto darf nicht in den höchstpersönlichen Lebensbereich des Kindes eingreifen, herabwürdigend sein oder gegen die Interessen des Kindes verstoßen. Darunter fallen Aufnahmen wie etwa das erste Mal auf dem Topferl. Sobald das Kind die notwendige Einsichtsfähigkeit hat, ist es qualifiziert, über die möglichen Folgen der Veröffentlichung aufgeklärt zu werden. Das wird je nach Kind wohl frühestens ab zehn Jahren denkbar & wohl spätestens mit 14 Jahren der Fall sein.

Viele Eltern posten Fotos, auf denen die Kinder von hinten oder der Seite zu sehen sind, mit dem Argument, sie so zu schützen. Macht das rechtlich einen Unterschied?
HARLANDER: Sobald das Kind identifizierbar ist: nein. Und Identifizierbarkeit liegt bei einem Foto der Eltern von ihrem Kind (na, wer wird das wohl sein?) immer vor. Also kein Unterschied.

Worst case: Mein Kind klagt mich. Mit welcher Strafe muss ich rechnen?
HARLANDER: Einfach zu erzielen sind Ansprüche auf Beseitigung der Informationen aus dem Internet bzw. auf Unterlassung der Veröffentlichung weiterer Informationen. Schadenersatz wird nur dann zugesprochen, wenn tatsächlich materielle oder immaterielle (z. B. erlittene Kränkung) Schäden entstanden sind. Der Ersatz für immaterielle Schäden wird, wenn nichts absolut Ungeheuerliches passiert ist, entsprechend der sehr zurückhaltenden österreichischen Rechtsprechung, nur mit ein paar Hundert bis ein paar Tausend Euro ausfallen.

Was bedenken viele Eltern nicht beim Veröffentlichen von Kinderfotos?
HARLANDER: Abseits von rechtlichen Erwägungen: Auch Kinder haben ein Sozialleben, in dem ganz andere Dinge "in" und "out" sind als bei Erwachsenen. Und: Das Internet vergisst nie. Die Storys vom chaotischen Kind können zehn Jahre später wieder ausgegraben werden. Vom Arbeitgeber, wo sich der nun Erwachsene gerade um einen Top-Job mit entsprechendem Verantwortungsniveau beworben hat. Mehr Infos unter saferinternet.at

Themen: Eltern, Kinder