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Diese Frau fährt seit 3 Jahren mit dem Fahrrad alleine um die Welt

Heike (44) ist mit ihrem Fahrrad bereits durch 31 Länder gefahren. Im Talk mit WOMAN spricht sie über Gastfreundschaft, Freiheitsliebe und gefährlichen Situationen.

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Diese Frau fährt seit 3 Jahren mit dem Fahrrad alleine um die Welt

Heike war schon im Iran, in China, Kanada oder Russland!

© Heike Pirngruber

"Ich bin Heike, 44, und im Mai 2013 in Heidelberg (Deutschland) alleine mit dem Rad in Richtung Osten aufgebrochen. Bisher bin ich 42.000 km geradelt und habe 31 Länder besucht." Diese Nachricht schickte uns Heike Pirngruber vor einiger Zeit. Mit ihrem Fahrrad durchquert sie alleine die ganze Welt und berichtet auf ihrem Blog www.pushbikegirl.com von den atemberaubenden Landschaften und den wunderbaren Menschen rund um den Globus. WOMAN hat mit dieser außergewöhnlichen Powerfrau, die gerade irgendwo in den USA unterwegs ist, über ihre Radweltreise gesprochen.

»Die Welt ist voller wunderbarer Menschen und das Gefährlichste auf einer Radweltreise ist der Verkehr.«
Heike in Arizone, USA

WOMAN: Liebe Heike, du fährst nun seit über 3 Jahren alleine mit dem Rad durch die Welt. War es dein Plan so lange unterwegs zu sein?
Heike: Mein anfängliches Ziel war Australien, doch als ich nach fast 2,5 Jahren und bis dahin 29 Ländern, in Japan angekommen war und Australien gar nicht mehr so weit weg war, bekam ich innerlich ein beklemmendes Gefühl. Frei nach dem Motto: Das soll es schon gewesen sein? Daher verschob ich mein Ziel nochmals für eine ganze Weile und entschied kurzfristig meine Reise nach Amerika fortzusetzen, um eine richtige Weltreise daraus zu machen.

WOMAN: Warum wolltest du eigentlich mit dem Fahrrad wegfahren?
Heike: Als ich vor etwa 20 Jahren, das Buch von Heinz Helfgen „Ich radle um die Welt“ gelesen hatte, ein Klassiker unter den Radreise-Büchern, war die Entscheidung für eine Fahrradweltreise gefallen. Nur der Zeitpunkt war damals noch offen.

WOMAN: Eine Frau, die alleine durch die Türkei, den Iran oder Russland fährt. Ist das nicht gefährlich?
Heike: Nun ja, gefährlich ist relativ. Eines vorweg: Die Welt ist voller wunderbarer Menschen und das Gefährlichste auf einer Radweltreise ist der Verkehr.

Wir hören immer nur die negativen Vorfälle, die in der Welt passieren. Über die vielen positiven Vorkommnisse redet leider kaum jemand. Die meisten von uns, egal in welchem Land, wollen in Frieden leben und tun daher keiner Menschenseele etwas zu leide.

Heike bei einer Familie in China

WOMAN: Gab es in den 3 Jahren wirklich nie negative Erfahrungen?
Heike: Einmal bin ich in der Türkei in Schwierigkeiten gekommen. Der Osten der Türkei war nicht einfach. Ich wurde dort mit einem Messer bedroht und beraubt, ein anderes Mal von vier Motorradfahrern verfolgt und geschlagen und zudem mehrfach von Kindern mit Steinen beworfen. Auch der Osten Russlands zählt nicht wirklich zu den Ecken, in denen ich mich am wohlsten gefühlt habe, obwohl mir dort niemand etwas Böses getan hat.

WOMAN: Gab es ein Land, das dich total überrascht hat?
Heike: Der Iran ist ein Land das leider viele total falsch einschätzen. Die Iraner sind sicherlich die gastfreundlichste Nation der Welt. Ich habe nahezu jeden Abend im Kreise einer wildfremden Familie gesessen und gegessen, geplaudert und auch dort bei ihnen übernachtet. Übrigens ist die Gastfreundschaft in vielen muslimischen Gegenden absolut toll – auch in der Türkei. Doch der Iran ist schon etwas ganz besonderes. Iraner sind sensationell.

Heike inmitten iranischer Frauen

WOMAN: Was ist der große Vorteil, wenn man mit dem Fahrrad reist?
Heike: Das Fahrrad bietet alles was ich persönlich am meisten liebe: Freiheit pur.

Es ist langsam genug um Kontakt zur Bevölkerung zu bekommen, Kinder die einem hinterher rennen und sich freuen mich zu sehen, Leute die mir zuwinken oder mich ins Haus einladen. Es ist auch langsam genug, um die Blumen am Wegesrand zu riechen, das Wetter zu spüren und um eins zu sein mit der Natur.

Mit dem Auto rauscht man an allem vorbei – das Gefühl für die Landschaften, die extremen Distanzen und die schier endlose Vielfalt, die uns dieser wunderschöne Planet bietet, gehen im Blech, das einen umgibt, total verloren.

Zelte und Fahrrad eingeschneit in Kirgistan

WOMAN: Wie viele Kilometer fährst du ca. täglich?
Heike: Das ist eine der meist gestellten Fragen. Ich kann darauf nur antworten: jeder Tag ist anders. Anfangs bin ich deutlich mehr gefahren. Je länger ich nun unterwegs bin, desto mehr merke ich, dass ich eigentlich noch immer zu schnell unterwegs bin. Ich kann an einem Tag, an dem ich nur 5Kilometer gefahren bin mehr erleben als in insgesamt 10 Tagen an denen ich jeden Tag 100 Kilometer geradelt bin. Ich liebe meine Freiheit und wenn ich nach 3 Stunden nicht mehr radeln möchte oder ich jemanden treffe, mit dem ich mich Stunden unterhalten kann, dann ist mir das wichtiger als irgendeine Kilometer-Zahl.

WOMAN: Wo schläfst du?
Heike: Das hängt vom jeweiligen Land ab. In den muslimischen Ländern bin ich ganz oft nach Hause eingeladen worden und habe daher dort nur ganz selten gezeltet. In Ländern wie Japan, USA und Kanada, aber auch im Oman, in Zentralasien, in Europa und in Taiwan habe ich fast nur gezeltet. In billigen Ländern wie Südostasien bin ich auch mal in ein Hostel um eine Art „normale“ Welt zu genießen.

Zelten kann man nahezu überall – ich habe dafür in 3 Jahren nur dreimal bezahlt. Oft finde ich tolle Plätze in der Natur, aber auch in Dörfern finden sich schöne und sichere Plätze, manchmal auch im Garten einer netten Familie.

Abends in Turkmenistan

WOMAN: Was und wo isst du?
Heike: In Asien wo es an jeder Ecke leckeres und billiges Essen gibt, habe ich nahezu nie selber gekocht. In muslimischen Ländern genoss ich das Essen was mir meine Gastgeber auf den Tisch gestellt haben. In Europa, Nordamerika, Japan, Zentralasien und im Oman kochte ich mir einfache Gerichte auf dem Campingkocher. Haferschleim, Reis und Linsen, Nudeln mit Tunfisch.

WOMAN: Gab es Plätze, an denen du am liebsten bleiben wolltest, weil sie so schön waren?
Heike: Irgendwo bleiben finde ich weiterhin sehr schwierig. Sesshaft sein war noch nie wirklich mein Ding. Ich liebe die Vielfalt der Welt und bin viel zu neugierig, wie es hinter der nächsten Ecke aussieht, um irgendwo länger bleiben zu wollen. Doch ich hatte auch meine Pausenzeiten, in denen ich Freunde gewonnen habe und ein paar Wochen an einem Ort eine Gemeinschaft und eine Art zu Hause genossen habe.

WOMAN: Und umgekehrt: Gab es eine Situation, in der du einfach nur nach Hause wolltest?
Heike: Nach Hause wollte ich noch nie. Es gab Zeiten, in denen ich Heimweh hatte. Heimweh nach der Familie und meinen Freunden, nach gutem Essen und nach einem kuscheligen Bett. Aber das sind Phasen die vorüber gehen – am Ende hat die Neugierde immer gewonnen und das seelische Tief war irgendwann überwunden.

WOMAN: Hattest du auch mal einen Unfall?
Heike: Ja, erst vor kurzem in den USA. Eine Fahrerin eines großen Pick-ups hatte mich leider nicht gesehen und mich an einem Stop-Schild einfach umgefahren. Ein Glück hatte ich nur eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma und bin daher glimpflich davon gekommen. Das Rad war kaputt, doch die Versicherung hat mir alles ersetzt.

WOMAN: Wie lange willst du noch weiter mit dem Fahrrad fahren?
Heike: Alles ist offen. So lang ich es irgendwie finanzieren kann und ich Spaß daran habe. Es ist mein Leben geworden, ein wunderschönes und extrem spannendes. Ein Leben wie ich es mir immer gewünscht habe.

WOMAN: Apropors finanzieren... Wie finanzierst du die Reise?
Heike: Ich versuche nichts auszugeben! Ich lebe sehr sparsam und werde viel eingeladen. Außerdem zelte ich immer umsonst und bekomme ab und zu Spenden über meinen Blog. Ich schlage mich eben durch! ;)

WOMAN: Wird man nicht einsam, wenn man ständig alleine fährt?
Heike: Ja und nein. Es gibt Zeiten da fühle ich mich richtig alleine. Meistens ist das der Fall wenn ich in Städten oder Dörfern bin und realisiere, dass ich überhaupt niemanden kenne. Doch wenn ich in der Natur bin, ganz weit weg von allem, die Welt, die mir sowieso am Besten gefällt, dann spüre ich diese Einsamkeit überhaupt nicht. Ich komme gut mit mir selber aus.

Heike in Usbekistan

WOMAN: Hattest du nie Heimweh?
Heike: Grenzlastig wurde es nach 2 Jahren in Asien. Ich meide die Touristenorte so gut ich kann und somit war ich sprachlich sehr isoliert gewesen. Was natürlich einen großen Reiz hat, aber eben auch zur totalen Einsamkeit führt.

Seit ich in Nordamerika bin sind die Gefühle wieder anders. Ich kann mich wunderbar unterhalten, merke aber trotz allem, dass ich eben doch nur zu Gast bin und die Menschen nicht wirklich meine Freunde sind.

»Die Leute sind viel offener, sie entwickeln einen Beschützerinstinkt.«

WOMAN: Gibt es Regionen, die du als speziell als Frau toll gefunden hast?
Heike: Abgesehen von der Türkei und Russland, war jedes Land toll für mich, eben weil ich alleine als Frau unterwegs bin. Die Leute sind viel offener, sie entwickeln einen Beschützerinstinkt. Eine Frau alleine mit dem Fahrrad ist überall etwas Besonderes und vor allem bin ich für die Menschen keine Gefahr.

Egal ob im hinterletzten Dorf kurz vor der Mongolei oder in einer Stadt in Kanada. Ich bin extrem oft im Mittelpunkt, was mir manchmal etwas peinlich ist, aber es öffnet sehr viele Türen und extrem viele positive Erlebnisse.

Heike bei ihrer Ankunft in Isfahan, Iran

WOMAN: Worauf sollte man unbedingt achten, wenn man als Frau alleine die Welt bereist?
Heike: Ich kleide mich unauffällig und meide Alkohol, um jede Situation unter Kontrolle zu haben. Ich bin umsichtig bei der Zeltplatzwahl, ebenso bei Einladungen in ein Haus.

Angst ist für mich ein Bremsfaktor, den ich von Anfang an versucht habe erst gar nicht aufkommen zu lassen. Manchmal gelingt es mir besser und manchmal eben nicht so gut. Das ist aber völlig normal und gehört ja auch zum Leben dazu.

Mein Lieblingslied als Kind war immer „Dem Mutigen gehört die Welt – tralala – zum Glücklich sein braucht man kein Geld – tralalala“ irgendwie war es schon immer mein Lebensmotto und all das was ich bereits erlebt habe, hätte ich ohne dieses Motto nicht erleben können. Vielleicht ist dies eine Inspiration für andere Frauen.

Zelten unter der Autobahn in China

WOMAN: Welche Dinge hast du auf deiner Tour immer mit dabei?
Heike: Ich versuche ständig Gewicht zu sparen und je länger ich nun auf der Straße lebe, desto weniger brauche ich. Ohne Zelt, Isomatte und Schlafsack geht es aber auch bei mir nicht. Ein paar Klamotten – wenn auch nicht viele, Ersatzteile, kleiner Gaskocher und Topf, meine Kamera, Taschenlampe, Landkarten, Laptop und mal mehr und mal weniger Essen und Wasser. Die genaue Liste findet ihr auf meiner Seite: www.pushbikegirl.com/ausrüstungsliste

WOMAN: Welche Tipps hast du für andere, um glücklich und zufrieden im Leben zu sein?
Heike: Höre auf deine innere Stimme! Lass dich nicht zu sehr von der Außenwelt beeinflussen. Wenn du anders sein möchtest, dann sei anders.

Auf den Straßen von Utha, USA

Die letzten Grüße hat Heike gestern aus Idaho geschickt, wo sie wegen eines Feuers nicht weiterradeln konnte. Ihre Route könnt ihr auf ihrem Blog nachverfolgen: www.pushbikegirl.com

Themen: Reise, Report