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15 Frauen sprechen über Hass im Netz

Es wird beschimpft, verurteilt und bloßgestellt. In sozialen Medien, Foren und auf Blogs. 15 Frauen sagen: Genug Gehasst! Über ihre persönlichen Erfahrungen und was dieses untergriffige Verhalten mit unserer Gesellschaft macht.

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15 Frauen sprechen über Hass im Netz
© © ORF/ Ramstorfer

Während die Bundesregierung heute zu einem einstündigen "Gipfel" geladen hat, um über Maßnahmen gegen "Hass im Netz" zu beratschlagen, hat WOMAN 15 Frauen aus Kultur, Medien und Society über ihre Erfahrungen und Gegenstrategien befragt. Hier könnt ihr das Ergebnis nachlesen.

BIANCA SCHWARZJIRG, 38, PULS4-Moderatorin

Ganz aktuell wurde mir geschrieben, dass ich fett bin, ich mich mit dem Babybauch verstecken sollte und nicht mehr im TV sein dürfte. Ansonsten gab es auch schon alles Mögliche. Von Beleidigungen, Beschimpfungen bis zu Nacktfotos und Drohungen. Die User nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Auf Facebook ist es am wildesten. Früher habe ich geantwortet, manchmal habe ich mich auch gerechtfertigt. Mittlerweile ist Ignoranz meine Strategie. Dummen Wortmeldungen möchte ich keine Achtung schenken.

»"Wann geht die Bianca in Karenz? Die wird ja immer hässlicher und fetter, schön langsam nicht mehr anzuschauen."«

CHRISTL CLEAR, 35, Bloggerin

Die User vergessen, dass sich in der virtuellen Welt echte Menschen befinden. Menschen mit Gefühlen, die diese Messages auch treffen. Hass-Poster rechnen oft nicht damit, dass man ihre Nachrichten auch wirklich liest. Ich bekomme rassistische Bemerkungen, dann wird wieder meine Figur kritisiert: "Vielleicht bist du doch ein bisschen zu dick für die Hose." Meistens lösche ich das einfach, aber wenn es richtig heftig ist, mache ich den Absender unkenntlich und teile es mit der Community.

»"der ist mit einer negerin zusammen? so etwas gehört verboten"«

NATALIE ASSMANN, 30, Regisseurin

Genügend Distanz zu ekelhaften Nachrichten zu wahren, gelingt mir nicht immer. Manchmal, wenn ich nachts nach Hause gehe, drehe ich mich paranoid um, werde immer schneller und versuche, rasch den Schlüssel für mein Haustor zu finden. Von der Politik erwarte ich mir, dass Strafen für sexuelle Belästigung, rassistische Diskriminierung und sexualisierte Gewaltsprache im Netz erweitert werden. Über all dem steht eine notwendige gesamtgesellschaftliche Veränderung: Opfern von sexuellen Übergriffen, sei es körperlich oder verbal, muss endlich geglaubt werden - #believethevictim.

»"Hey, Gstörte, soll ich dich mal durch Wien begleiten und dir zeigen was Belästigung ist? Oder willst du lieber nur von Ausländern vergewaltigt werden?"«

SIGI MAURER, 33, Ex-Grünen-Abgeordnete

Im Mai hat Maurer vom Geschäftsaccount eines Wieners vulgäre Facebook-Messages erhalten (siehe r. u.), die 33-Jährige machte diese öffentlich. Und wurde von ihm dafür verklagt. Der Unternehmer behauptete im Prozess, die Nachrichten nicht verschickt zu haben. Wegen übler Nachrede wurde Maurer am 9. Oktober schuldig gesprochen. Die ehemalige Politikerin und ihre Anwältin Maria Windhager legten Berufung ein, in nächster Instanz wird der Fall vom Wiener Oberlandesgericht geprüft. Mit dem Verein Zara hat sie eine Crowdfunding-Initiative gestartet, um ähnliche Klagen zu finanzieren.

WOMAN: Haben Sie in den letzten Wochen überlegt, Ihre Social-Media-Kanäle zu löschen?
Maurer: Kein einziges Mal. Weil ich mich nicht verdrängen lasse und auch gern und viel in den sozialen Medien unterwegs bin.

Ihr Fall regt ganz Österreich auf. Wie sehr hat Sie das Urteil schockiert?
Maurer: Natürlich habe ich gewusst, dass es so kommen kann, gerechnet habe ich aber nicht damit. Nachvollziehen kann ich es auch nicht ganz, immerhin hat der Richter gemeint, dass ich so ziemlich die Einzige im Prozess bin, die die Wahrheit sagt. Aber ich gebe nicht auf, jetzt geht es vor den Oberlandesgerichtshof, und im äußersten Fall bis zum EGMR in Straßburg.

Empfinden Sie sich als Wegbereiterin?
Maurer: Es ist definitiv ein Präzedenzfall. Ich bin in einer privilegierten Position - die meisten Frauen, die von solchen Dingen betroffen sind, haben nicht die Öffentlichkeit und auch nicht den juristischen Beistand. Deshalb sehe ich es als meine Verantwortung, den Fall auch in ihrem Namen durchzukämpfen.

Was überwiegt: Support oder Negatives?
Maurer: 99 Prozent sind motivierend. Die Breite, die das Thema mitträgt, hilft mir.

Polarisierende Reaktionen kennen Sie aus der Politik. Hat Sie das abgebrüht?
Maurer: 2009 ist der erste Artikel über mich erschienen, seitdem kenn ich das. Damals war es noch nicht so gewaltvoll, aber ich war von Anfang an ein Mensch, der sich das nicht zu Herzen genommen hat. Das ist bei jedem Betroffenen natürlich anders. Ich habe ein sehr gutes Selbstbewusstsein und kein kleines Ego. Ein Unterschied ist es aber, wenn es von Leuten kommt, die mir nahestehen.

Welche Nachrichten nehmen Sie persönlich?
Maurer: Wenn es heißt, ich hätte politisch nichts erreicht oder wenn man mir Expertise aberkennt.

Sind Sie selbst online schon "ausgerastet"?
Maurer: Dass ich einen Hassposter als Arschloch bezeichnet habe, kam schon vor, aber ich bin generell kein untergriffiger Mensch - wenn, waren es inhaltliche Auseinandersetzungen, die hitzig geworden sind.

»"Hallo, Du bist heute bei mir beim Geschäft vorbeigegangen und hast auf meinen Schwanz geguckt, als wolltest du ihn essen."«

INGRID THURNHER, 56, Chefredakteurin ORF III

Ich habe schon jede Menge solcher Postings bekommen und werde sicher den Absendern nicht die Genugtuung verschaffen, ihre Kommentare in einer Zeitung abgedruckt zu sehen. Es sind teilweise sehr persönliche Attacken, teilweise aber auch Angriffe von Leuten, die ganz einfach für ihre Wut auf "das System","die Politiker","die Medien" irgendeinen Adressaten zu suchen scheinen. Das meiste ist dumm, niveaulos und letztklassig. Nachdem der Großteil nicht klagbar ist, lösche ich es und blockiere die Verfasser.

»"Mädchen wurden früher abgetrieben"«

ALEXANDRA STANIC, 27, Journalistin

Besonders Angst machte mir die Nachricht von einem Mann, der meinte, er wüsste, wo ich wohne, und würde mir einen Besuch abstatten. Natürlich ist man bei der x-ten Hassmeldung gewappneter, aber trotzdem geht es einem nahe. Das macht oft unbewusst etwas mit einem. Man hinterfragt sein eigenes Verhalten und ist verunsichert. Mir hilft es, Bücher zu dem Thema zu lesen, weil ich so das Muster von Hass im Netz verstehe. In den Social Media möchte ich meinen Platz deshalb aber nicht hergeben.

»"du dahergelaufener Parasit"«

EVA DICHAND, 45, Herausgeberin HEUTE

Man fragt sich schon, was sich diese Menschen denken und wie sie bei einer direkten Konfrontation reagieren würden. Die meisten trauen sich eh nur, wenn es anonym ist. Manchmal finden meine Techniker heraus, wo die IP-Adresse her ist, und man weiß dann, wer es geschrieben hat. Treffen einen diese Leute, sind sie meist "scheißfreundlich". Twitter verwende ich deshalb nur noch ungern, meist für die Infosuche und nicht für die Verbreitung der eigenen Meinung. Instagram ist da ein viel positiveres Medium.

»"Der Dichand müsste man einmal die Waffeln vorwärts richten."«

Was man öffentlich sieht, ist nur die Spitze des Eisbergs, die viel heftigeren Beleidigungen werden als Privat-Nachricht verschickt", weiß Digital-Expertin Ingrid Brodnig. Jede dritte Frau ist von Online-Hass betroffen. Dazu gehören Beschimpfungen, sexuell anzügliche Mitteilungen, die Verbreitung von Gerüchten, Stalking, Cyber-Mobbing, Drohungen. "Euren Hass könnt ihr behalten. Soziale Medien geben euch keinen Freibrief für Hass und die Abwertung von Frauen", twitterte Umweltministerin Elisabeth Köstinger Mitte Oktober. Und veröffentlichte ein Posting, in dem ein User stänkerte, dass die Politikerin "fett" wäre, seit sie "geworfen" habe. Eva Glawischnig, Ex-Grünen-Chefin, hat seit einem Jahr alle Social-Media-Accounts gelöscht. Sie war eine der Ersten, die 2016 Klagen gegen User einreichten -rund 40 Verfahren hat die zweifache Mutter geführt, das Geld bei Verurteilung wurde an karitative Organisationen weitergegeben: "Mein Ziel war es, möglichst viele Justizurteile zu erlangen, um für andere Frauen Vorzeigefälle zu schaffen. Während meiner Zeit in der Politik hatte ich ein Team, das alle Texte durchsucht hat. Ich hatte nicht die Nerven und die Kraft, mich mit dieser Aggressivität auseinanderzusetzen. Jetzt hat keiner mehr die Möglichkeit, mich dort zu beschimpfen, das ist eine Entlastung."

SIND SHITSTORMS IN DEN LETZTEN JAHREN ZU ALLTÄGLICH GEWORDEN? Online-Bashing gehört in den sozialen Medien quasi dazu. Und wird im Medien-Business "vielfach als Teil des Jobs betrachtet, muss man aushalten", bringt es Autorin Doris Knecht auf den Punkt. Aber was sagt das über unsere Gesellschaft aus?"Die Gefahr, dass wir uns an diese harte Tonalität gewöhnen, ist groß", so Brodnig. "Ich beschäftige mich schon lange damit, man wird dabei sehr abgebrüht. Beleidigungen wie ,Idiot' oder ,Drecksgesindel' prallen schon ab an mir. Das fällt generell auf. Es muss schon sehr derb sein und zutiefst verletzend, dass es thematisiert wird. Das darf nicht sein."

VERENA SCHNEIDER, 37, PULS 4-Moderatorin

Ich bin nicht perfekt, das will ich auch gar nicht sein. Trotzdem wird immer wieder meine Figur kritisiert. Mindestens einmal im Monat landet auch ein Foto von einem nackten Schwanz in meinem Postfach. Anfangs habe ich nicht zurückgeschrieben, nach ein paar Jahren habe ich beschlossen: Warum lasse ich mir das gefallen? Seitdem antworte ich nett. Spannend, wie die Leute dann reagieren, manche haben mich danach auch schon nach Dates gefragt, obwohl sie mich davor aufs Grauslichste beschimpft haben.

»"schiache grindige alte"«

SUSANNE SCHNABL-WUNDERLICH, 38, ORF-Moderatorin

Nach konfrontativen Interviews nehmen die politisch motivierten Postings zu. Primär ist das nie inhaltliche Kritik, es geht um die Person und darum, dass ich eine Frau bin. Das Bedürfnis mancher Menschen, niederträchtig in die Tasten zu hämmern, kennt keine Grenzen nach unten. Immer wieder kommt auch der Satz, ich solle mich doch lieber um meine Kinder kümmern anstatt Politikern gegenüber lästig zu fragen. Manchmal antworte ich oder greife zum Hörer. Das kostet Zeit und Energie. Die Reaktion ist meist immer jene: "Was, das lesen Sie?"

EDITA MALOVČIĆ, 40, Schauspielerin

Für mich hat das Urteil von Frau Maurer aufgezeigt, dass unsere Justiz sehr starr in ihrem Gesetzesnetz verstrickt ist und dass wir Frauen solchen Verhaltensweisen ausgesetzt sind. Bei so massiven Angriffen wie sie Frau Maurer erlebt hat, muss es Konsequenzen geben. Es kann nicht sein, dass man uns Frauen in so einer Situation alleine lässt. Ich wünsche mir, dass die Politik auf diese Missstände ernsthaft reagiert und die notwendigen Schritte dafür setzt, dass so ein Benehmen nicht mehr geduldet werden muss.

»"Reg dich nicht auf, dass du nicht als Österreicherin besetzt wirst, denn du bist keine astreine, sondern ein Jugo."«

SUSANNA HIRSCHLER, 44, Schauspielerin

Von Beleidigungen, Pornos, Penissen und schlüpfrigen Nachrichten war alles dabei. In meiner Zeit bei "Dancing Stars" etwa hat mir einer geschrieben, was ich mir einbilde, mit meinen schwabbeligen Knien mitzumachen. Ein anderer meinte, ich solle arabische Pornos drehen, da muslimische Männer Frauen mögen, die so gebaut sind wie ich. Es muss ein schärferes Gesetz her, dass nicht jeder tun und lassen kann, was er will.

»"Spiel doch in arabischen Pornos mit. Die muslimischen Männer mögen sie Frauen, die so gebaut sind wie du "«

JOHANNA SETZER, 38, PULS 4-Moderatorin

Weder im Publizistikstudium noch in der Moderatorenausbildung wird man darauf vorbereitet, öffentliches Freiwild zu sein. Nach 15 Jahren ist da auch eine gewisse Abgeklärtheit, wenn es um sexuelle Online-Belästigungen geht. Was mich besonders getroffen hat, war der jahrelange Terror durch einen Stalker, der mich bedroht hat. Das war Psychoterror, der Spuren hinterlassen hat. Diese kranke Person vor Gericht zu bringen, war eine ungute Situation für mich. Aber ich würde diesen Weg wieder gehen.

»"johanna. ich. möchte. dich. heute. dreffen. weil. icj. ein. paar. nackt. fotos. von. dir. habe. sagen. wir. um. 14uhr. komm. alleine."«

DORIS KNECHT, 52, Schriftstellerin

Natürlich habe ich auch schon solche Nachrichten erhalten, anonyme Beschimpfungen und Bedrohungen in Online-Foren. Das wird vielfach als Teil des Jobs betrachtet, muss man halt aushalten. Mich haben diese Sachen teilweise sehr belastet, deshalb lese ich es nicht mehr. Es braucht eine Gesetzesänderung, um Frauen davor zu schützen. Außerdem würde ich mir von den Redaktionen mehr Unterstützung wünschen. Teilweise werden Autorinnen anonymen Hatern mitleidslos zum Frass vorgeworfen.

MARI LANG, 38, ORF-Moderatorin

Ich bin total für Solidarität mit Frauen, die im Netz angefeindet werden. Das ist richtig grausig und darf nicht einfach Usus werden, der geduldet wird. Frauen müssen außerdem per Gesetz geschützt werden. Mich hat mal jemand darauf hingewiesen, ich solle bei meiner nächsten Sendung doch einen BH anziehen. Obwohl ich einen anhatte. Kurze Zeit später habe ich ein Foto erhalten, das eine Frau im Miniaturformat zeigt, die einen riesigen Penis hält. Ich war schockiert und habe mich richtig geschreckt.

»"Ich denke mal Du weißt, dass viele Männer aber auch Frauen DIR gerne mal deine Schuhe ausziehen und sich DEINE schönen FÜSSE vornehmen würden ODER .??"«

KATHRIN MENZINGER, 30, Profitänzerin

Es gibt nichts Schlimmeres auf Social Media als Menschen, die denken, Hasskommentare gehören zur Meinungsfreiheit. Das ist schlicht und einfach Bullshit, und ich habe null Verständnis für so was. Ich kann nicht nachvollziehen, wie und warum man sich als Mensch hinsetzt und einen anderen im Internet öffentlich beleidigt. Ich wurde noch nie mit so heftigen Nachrichten attackiert, aber ich musste mir auch schon anhören, dass ich für eine Frau zu viele Muskeln habe und zu laut und auffällig bin.

»"Du bist zu laut und auffällig" «

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