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Betrügerinnen, Mörderinnen und Schwerverbrecherinnen: "Die Wilde Wanda und andere gefährliche Frauen"

Sie haben Kaiser Franz Joseph bestochen, die heutige Band Wanda inspiriert und waren alles andere als harmlos: Zwei Autorinnen sammelten Porträts von 22 Frauen, die zu legendären Fällen der Kriminalgeschichte wurden. Auf WOMAN.at findest du zwei derer Schicksale zum Reinlesen.

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Betrügerinnen, Mörderinnen und Schwerverbrecherinnen: "Die Wilde Wanda und andere gefährliche Frauen"
© Carl Ueberreuter Verlag GmbH

Laut Kriminalstatistiken werden schwere Verbrechen weltweit hauptsächlich von Männern verübt. Auch in der jüngeren Geschichte Österreichs scheinen nur wenige Kriminalfälle auf, die von Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts begangen wurden. Es existieren zu dieser Tatsache widerstreitende psychologische Erklärungen. Einige Fachleute sprechen vom „maskierten Charakter“ der Frauenkriminalität, die mit einem niedrigen Entdeckungs- und Anzeigerisiko in Verbindung stehe und sich daher nicht in den einschlägigen Statistiken niederschlage.

In anderen Argumentationslinien werden die Unterschiede biologisch, psychologisch und soziologisch begründet. Den Vermutungen von Gabriele Hasmann und Sabine Wolfgang nach sind vor allem drei Komponenten ausschlaggebend: Damen haben im Normalfall andere Motive als Herren, werden von Letzteren aus Schamgefühl häufig nicht ans Messer geliefert und sind außerdem meist zu schlau, um sich erwischen zu lassen. Was allerdings nicht unbedingt bei den „wilden Weibern“ zutrifft, denn sonst wären die beiden Autorinnen ja nicht in der Lage wären, deren interessante Geschichten in einem neuen Buch zu erzählen.

Frauen sind unschuldiger und verüben keine schweren Verbrechen? Tja...

Es handelt sich allerdings um einen großen Irrtum, wenn man meint, Frauen seien ohne emotionalen Auslöser und rein aus eiskalter Berechnung nicht zu einer brutalen Tat fähig. Ebenso die Annahme, dass Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts beim Lügen und Betrügen zwar clever, aber nicht durchtrieben seien, geht fehl. Außerdem falsch ist, dass Damen sich nicht gern die Finger schmutzig machen und daher so leise und unblutig wie möglich töten. Die Täterinnen, die sie porträtiert haben, werden Vertretende dieser Theorien eines Besseren belehren.

Im neu erschienenen Buch "Die Wilde Wanda und andere gefährliche Frauen - Verbrecherinnen über die Jahrhunderte" werden bekannte und weniger bekannte Verbrecherinnen aus Österreich vom 18. bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts vorgestellt, die ihren Mitmenschen das Leben sehr schwer gemacht haben.

Einige Opfer dieser „wilden Weiber“ wurden raffiniert ausgetrickst, andere gemein hintergangen und bestohlen und wieder andere haben ihre Bekanntschaft mit den kriminellen Damen sogar mit dem Leben bezahlt. Beim Lesen kann man das Geschehen hautnah miterleben, zugleich taucht man ein in eine Zeit, in der vor allem Tristesse, Armut und der Wunsch nach ein bisschen mehr Glamour vorgeherrscht haben, sodass hier und da sogar ein wenig Verständnis für die Täterinnen aufglimmt. Zumindest für manche …

Die in diesem Buch porträtierten Frauen können teilweise das Fürchten lehren. Andere wiederum bringen einen zum Schmunzeln oder Kopfschütteln angesichts des Einfallsreichtums und der kriminellen Energien, die sie aufwenden, um an ihr Ziel zu gelangen.

Und wer jetzt neugierig geworden ist: Wir haben hier exklusiv zwei dieser schaurig-spannenden Geschichten für euch zum Reinlesen:

THERESIA KANDL: die schönste Mörderin Wiens

Theresia Kandl, geboren im Jahr 1785, war eine attraktive junge Dame. Ihr Leben wäre vielleicht besser verlaufen, hätte sie nicht eine unglückliche Entscheidung bei der Wahl ihres Partners getroffen. Sie vermählte sich nämlich mit dem weit älteren Matthias Kandl, einem wohlhabenden Lebensmittelhändler. Mit dieser Heirat wollte sie sich von der Schande reinwaschen, ein uneheliches Kind zur Welt gebracht zu haben, das kurz nach der Geburt starb. Theresia und ihr Gatte wohnten in Matzleinsdorf am Hungelgrund Nr. 9, auch „Zum Salzkrüffel“ (heute Wiedner Hauptstraße 91–93) genannt.

Ihr Eheleben war alles andere als glücklich, denn der ungehobelte Greißler scheute nicht davor zurück, seine Gattin im Alkoholrausch zu schlagen und zu vergewaltigen. Die Personen im Umfeld des Paars wunderten sich darüber, wie es diese begehrenswerte Frau mit so einem brutalen Mannsbild aushalten konnte. Und irgendwann rächte sie sich für all die Demütigungen – auf ihre Weise. Obwohl Theresia es geschafft hatte, mit ihrem anmutigen Wesen kurzfristig sogar hartgesottene Gerichtskommissäre in die Irre zu führen, wurde sie letzten Endes des Mordes überführt und in Wien als erste Frau vor den Augen der Öffentlichkeit am Galgen gehenkt.

Die verzweifelte Witwe

Als Matthias Kandl einmal mehr seine Hasstiraden auf Theresia losließ und ihr mit Schlägen drohte, stand für sie fest, ihrem Leiden ein Ende setzen und ihr mittlerweile schon lange andauerndes Ehemartyrium beenden zu wollen. In einer eiskalten Dezembernacht im Jahr 1808 holte die Greißlersgattin eine Axt aus dem Keller und zerhieb den Kopf ihres schlafenden Manns mit zehn kräftigen Schlägen.

Nun lag die blutüberströmte Leiche ihres Gemahls im gemeinsamen Schlafzimmer. Bis dahin hatte sich Theresia wohl keine Gedanken darüber gemacht, was sie nach der Tat mit dem Corpus Delicti anstellen würde. Sie geriet in Panik, denn sie musste den leblosen Körper so schnell wie möglich loswerden. Doch wie um alles in der Welt sollte es die zarte Frau anstellen, das Schwergewicht allein aus dem Haus zu schaffen? Ihr gelang das Unmögliche und sie vermochte den Toten an einer entfernten Stelle abzulegen.
Zunächst vermutete man nach dem Fund des Toten aufgrund der Brutalität einen Raubmord.

Es war Josef Werner, ein Bäckermeister aus Heiligenstadt, der einige Tage später zum ersten Mal aussprach, dass die Ehefrau des Verstorbenen hinter der brutalen Aktion stecken könnte. Er machte Geschäfte mit Kandl und wusste zu berichten, dass Theresia seit einiger Zeit ein Verhältnis mit dem Sohn eines Fleischhauers pflegte. Werner erklärte später vor Gericht: „Wenn Sie nicht wissen, wer den Kandl umgebracht hat, dann will ich es Ihnen sagen: niemand anderer als die Kandlin selbst, die hier so ein heiliges Gesicht macht.“

Obwohl man die hübsche junge Frau mit der Zeit verdächtigte, traute man ihr nicht zu, die Tat selbst begangen zu haben. Man brachte sie neuerlich auf die Wache und begann mit einem stundenlangen Verhör. Theresia blieb dabei freundlich und gefasst, versuchte aber geschickt, den Verdacht von sich zu lenken.

Nur wenig später führten die beiden Kommissäre Seißer und Albrecht eine Hausdurchsuchung am Hungelgrund Nr. 9 durch. Im Zuge dessen hat man nicht nur die Axt gefunden, sondern es wurden auch verwischte Blutspritzer an den Schlafzimmerwänden entdeckt. Auch die besudelten Kleider des Greißlers tauchten auf, was nur einen Schluss zuließ: dass der Mann nicht auf offener Straße, sondern im eigenen Heim ermordet worden sein musste. Nach wie vor vertrat die Polizei allerdings die Meinung, die Ehefrau, welche die grausame Tat weiterhin leugnete, hätte den Kraftakt allein nicht schaffen können.

Quasi gezwungen dazu, einen Namen zu nennen, brachte die junge Frau den zweiten Mann in ihrem Leben ins Spiel.
Michel Pellmann, ihr Liebhaber, sollte sie laut ihrer Aussage beim Axtmord an ihrem tyrannischen Gatten unterstützt haben.

Der Verdächtige, ein Fleischhauer aus Mauer, wurde alsbald verhaftet und verhört. Erst da erfuhr er, dass Matthias Kandl getötet worden und er von seiner Geliebten in die Geschichte mit hineingezogen worden war. Pellmann stritt wutschnaubend alles ab und kam dann aufgrund seines hieb- und stichfesten Alibis auch sofort wieder auf freien Fuß.

Theresia fühlte sich von den Beamten unter Druck gesetzt und sah sich irgendwann gezwungen, nicht nur den Mord zu gestehen, sondern auch den Beweggrund dafür zu nennen. Sie hatte Kandl aus unbändigem Hass getötet und aus einem innigen Verlangen heraus, frei zu sein für ihren Liebhaber, den Fleischhauer aus Mauer.

„Ausg’hoiden hob i’s nimma”, soll sie bei den Vernehmungen geschluchzt haben. Dazu schilderte sie, wie es ihr gelungen war, die Leiche allein und mitten im Winter während eines heftigen Schneesturms über eine weite Strecke zu transportieren: Sie entkleidete den toten Kandl bis auf sein Hemd, hievte ihn in eine Obstbutte, schnallte sich diese auf den Rücken und schleppte sie quer durch die Stadt. Anfangs sackte sie aufgrund der Last immer wieder zusammen, schaffte es jedoch aus lauter Verzweiflung und Dringlichkeit schließlich doch, die notwendige Energie für diese kraftraubende Tat aufzubringen. Auch als sie von einem Polizisten angesprochen wurde, während sie sich erschöpft gegen eine Wand lehnte, verlor sie nicht ihre Contenance. Der nichts ahnende Beamte half der zarten Frau sogar dabei, die schwere Bürde auf ihrem Rücken zurechtzurücken. Anschließend marschierte Theresia, am ganzen Körper bebend, weiter, während ihr der Schneesturm eisig ins Gesicht blies.

Obwohl Theresia den Tatvorgang so lebhaft schilderte, konnte sich der Gerichtskommissär immer noch nicht vorstellen, wie ihr der Transport der Leiche gelungen sein konnte. Aus diesem Grund ließ er eine Butte mit Ziegelsteinen füllen, um die Angeklagte zu testen, ob sie diese tragen konnte. Unter größter Anstrengung brachte sie es zustande und lieferte somit den letzten Beweis für ihre schreckliche Tat selbst.

Die schönste Mörderin Wiens

Der Prozess der „schönen Thesi“, wie sie oft genannt wurde, zog sich bis zum Urteilsspruch am 3. März 1809 einige Monate hin. Sie wurde wegen Meuchelmordes mit dem Tod bestraft. Vor den Augen des Volkes wurde sie am 16. März am Hohen Markt an den Pranger geführt, wo man sie stundenlang begaffen, beschimpfen und anspucken konnte.
Danach brachte sie der Malefiz-Wagen mit einer Kavallerie und Infanterie von 332 Mann durch die Gassen der Stadt bis zur Spinnerin am Kreuz (an der heutigen Triester Straße), dem Ziel von Theresias letzter Reise. Dort sollte sie als erste Frau Wiens öffentlich gehenkt werden.

Gefeiert haben die Wiener dieses einmalige Ereignis feuchtfröhlich mit der Konsumation von Galgenbier und Arme-Sünder-Würsteln. Unzählige Schaulustige warteten auf die berühmt-berüchtigte Axtmörderin, eine angeblich wunderschöne Frau mit „kaiserblauen“ Augen, schlanker Statur und langem blonden Haar, die sich stets adrett kleidete.
Und die Menge wurde nicht enttäuscht, auch an jenem Märztag hatte Theresia nicht auf ihr perfektes Aussehen vergessen. Sie war kreidebleich, aber gefasst und offenbar ohne Reue. Viele Leute zeigten sich erstaunt darüber, wie jemand von solcher Schönheit ein derart grausames Verbrechen verüben konnte.

GERTRUDE KUCHWALEK („WILDE WANDA“): die legendäre Zuhälterin

Wanda Gertrude Kuchwalek, besser bekannt als Kultfigur „Wilde Wanda“, gilt als Österreichs versäumte Antwort auf Calamity Jane. Sie wusste sich in der männerdominierten Szene der Wiener Unterwelt zu behaupten und war eine der wenigen weiblichen „Strizzis“ des Landes. In den 1970er-Jahren etablierte sie sich im Rotlichtmilieu, bestritt ihren Lebensunterhalt als Zuhälterin und sorgte dabei laufend für Schlagzeilen. Mit einigen der Mädchen, die sie in der Leopoldstadt rund um den Wiener Prater „auf den Strich“ schickte, unterhielt sie ein intimes Verhältnis.

Mit den männlichen Outfits und ihrem maskulinen Auftreten verschaffte sich die „Wilde Wanda“ in der von Männern dominierten Szene großen Respekt. Zugleich wusste sie auch ihre herbe Schönheit mit den hohen Backenknochen und den arrogant blitzenden Augen in Szene zu setzen, stülpte lasziv ihre schmalen Lippen auf und zwinkerte herausfordernd, wenn sie meinte, mit dem Einsatz ihrer Weiblichkeit mehr zu erreichen. Ihren Spitznahmen verdankte Gertrude der Tatsache, dass sie sich unter Einfluss von Alkohol und Tabletten selten zügeln konnte. Ihr Temperament war auch dafür verantwortlich, dass sie ein Strafregister von insgesamt 20 Jahren Gefängnis schaffte.

Von Geburt an anders als die anderen Gertrudes Lebens begann schrill. Sie wurde im Jänner 1947 in einen Zirkus hineingeboren, in dem ihre Mutter als Schlangentänzerin arbeitete. Ihren Vater, einen russischen Besatzungssoldaten, lerne sie nie kennen. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr war das Mädchen mit dem fahrenden Volk unterwegs, danach landete es in einem Erziehungsheim in Wiener Neustadt.

Später berichtete sie von dieser Institution, dass dort verheerende Zustände geherrscht hätten. Angeblich wurde sie dort zum ersten Mal vergewaltigt – nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen. In jener Zeit entdeckte sie ihre Vorliebe für das weibliche Geschlecht, eingeführt in diese Welt durch eine rothaarige Prostituierte namens „Winnetou“, und begann auch damit, diese aktiv auszuleben.

Ende der 1960er-Jahre kam sie zum ersten Mal mit dem Rotlichtmilieu in Berührung, in dem sie sich zunächst selber ihren Unterhalt als Prostituierte verdiente. Später baute sie sich rund um den Wiener Prater ein „Unternehmen“ mit jungen, vorwiegend bisexuellen Frauen auf, die käufliche Liebe anboten und für sie anschaffen gingen. Mit einigen der Mädchen pflegte Gertrude zeitweise auch ein intimes Verhältnis. Ihre Truppe führte sie mit strenger Hand, aber auch mit Leidenschaft. Die „Wilde Wanda“ ließ sich von niemandem etwas sagen und lebte nach ihren eigenen Regeln, war gegen soziale Ächtung und sah zwanghafte Normen als Grund, um aus ihnen auszubrechen.

Sie prügelte sich schon früh, allerdings fast immer nur mit Männern, und ging dabei am liebsten gleich auf zwei oder drei gleichzeitig los. Vor allem bei Provokationen von Vertretern des „starken Geschlechts“ sowie im Liebesrausch vergaß sie stets alle guten Vorsätze, die sie unter Umständen kurz davor in Haft noch gefasst hatte. Es kursierten von jeher die schrägsten Geschichten über die lesbische Revoluzzerin, etwa dass sie in einem Nachtlokal einem Mann mit dem Revolver die Uhr vom Handgelenk schoss oder dem Richter beim Prozess die Zunge herausstreckte.

Domäne der männlichen Strizzis

Die Gegend rund um den Wiener Prater und am Gürtel war in den 1970er-Jahren geprägt von Straßenstrich und Prostitution. Schillernde Persönlichkeiten wie der Rote Heinzi (Heinz Bachheimer), der Oide (Franz Altmann), Waldi (Waldemar Gehmayer) und Freddy Rabak dominierten die Szene. Sie hingen damals im „Café Elvira“ in Wien-Donaustadt ab, führten nebenbei einschlägige Etablissements und gingen alles andere als zimperlich mit ihren Mädchen, den Kunden und sogar der Polizei um. Unterbrochen wurde ihr Prostituierten-Business immer nur dann, wenn sie hinter Gitter mussten.

In ausgerechnet jenes rein von Männern besetzte Gewerbe wagte sich mit Gertrude zum ersten Mal eine Frau in das Rotlichtmilieu vor. Es gelang ihr, sich in kurzer Zeit einen Namen zu machen und sich Respekt bei ihrer draufgängerischen Konkurrenz zu verschaffen. Freiern, die nicht zahlten, begegnete sie angsteinflößend, indem sie auch diverse Gegenstände wie Bierkrüge, Stühle oder Aschenbecher als Waffen gebrauchte und dabei nicht gerade zimperlich vorging. Neben Messer und Pistole brachte sie gerne auch eine ausziehbare Stahlrute zum Einsatz, die in ihrem Stiefel steckte und schließlich zu ihrem Markenzeichen wurde.

Wandas Motto lautete: „Entweder du kriagst oder du teilst aus.“ Mit 1,75 Metern Größe und einem selbstbewussten Auftreten gelang es ihr mühelos, sich als einzige Zuhälterin Wiens Respekt zu verschaffen. Stets war sie mit einem schwarzen Herrenanzug, einem weißen Hemd mit Stehkragen und Cowboymascherl sowie Cowboystiefeln und Schlapphut bekleidet.

Damit präsentierte sie sich als ehrgeizige Unternehmerin und ernst zu nehmende Konkurrentin im Rotlicht-Business, die wusste, was sie wollte, und die sich von niemandem von ihrem außergewöhnlichen Karriereweg abbringen ließ. Sie war vor allem stolz darauf, keine Männer zu brauchen, und galt als furchtlose Frau, „die vor nix und niemand Angst hat“.

Hinzu kam, dass sie ihren exzessiven Lebensstil zelebrierte und offen über ihre homosexuellen Neigungen sprach. In einer Zeit, in der man sich in Österreich erst zögerlich mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau beschäftigte, setzte sie ein deutliches Zeichen.

Das erste Mal landete sie im Alter von 14 Jahren im Gefängnis. Mit 20 konnte sie schon zehn Vorstrafen vorweisen, wobei sie im Zuge einer ihrer Verfahren den Strafverteidiger Herbert Eichenseder kennenlernte, den sie als „einzigen dauerhaften Mann in ihrem Leben“ bezeichnete. Ihr Strafregister wies öffentliche Gewalttätigkeit, gefährliche Drohung, schwere Körperverletzung auf – insgesamt 25 kriminelle Handlungen. Wegen Zuhälterei wurde sie allerdings nur ein einziges Mal verurteilt. Eine ihrer Aussagen vor Gericht lautete: „Wenn mi wer sekkiert, könnt i eahm mit lachendem Gesicht umbringen.“

Wenn die „Wilde Wanda“ etwas getan hatte, gestand sie es allerdings auch. Einmal wurde sie wegen versuchten Mordes angeklagt. Sie hatte in einem Lokal auf eine Kuckucksuhr geschossen, die einem darunter sitzenden Zuhälter auf den Kopf gefallen war. Der Staatsanwalt behauptete, dass sie auf ihren Konkurrenten gezielt und ihn aufgrund starken Alkoholkonsums verfehlt hätte. Nach einem Lokalaugenschein wurde das Verfahren jedoch eingestellt.

Im Jahre 1972, einmal mehr im Gefängnis, gelang es ihr, zwei Justizwachbeamtinnen zum Liebesspiel zu verführen. Die eine bezirzte sie so lange, bis sie nachts in ihre Zelle kam. Die andere widerstand ihr vorerst, somit musste sich Gertrude etwas einfallen lassen: Sie verschluckte eine mit Stoff umwickelte Rasierklinge, um ins Spital gebracht zu werden. Dort versah die von ihr auserkorene Wärterin Dienst. Nach ihrer Operation lag sie zehn Tage im Krankenbett und schaffte es in dieser Zeit, die betreffende Dame zu umgarnen und gefügig zu machen. Die beiden Beamtinnen wurden wegen Amtsmissbrauch zu je fünf Jahren Haft verurteilt, Gertrude wegen Anstiftung zu zehn Jahren – zuvor hatte die lesbische Insassin als Lohn für ihr „Talent“ besseres Essen erhalten.

1973 bat Gertrude nach vier Jahren Haft wegen schwerer Nötigung, Körperverletzung und Zuhälterei ihren Richter: „Lassen S’ mi außi, i kumm eh wieder ... lochen S’ net, so is des.“

Im „Wirtshaus Gollner“ in Wien-Floridsdorf stach die mittlerweile 44-Jährige dem Stammgast und stadtbekannten Stänkerer Alfred V.
ein Messer in den Hals, nachdem dieser ihren geliebten Pitbullterrier Lady brutal in den Bauch getreten hatte. Ihm war allerdings nicht klar, wem er da lästig wurde. Der Vierbeiner, Gertrudes Ein und Alles, genoss alle Vorzüge im Leben mit der Zuhälterin. „Den hat sie behandelt wie ein Baby“, sagte Frau Erna, Bedienung in Wandas Stammbeisl „Amigo“, gleich neben ihrer Haustür.

1994 behauptete ein Drogendealer, dass ihn die „Wilde Wanda“ mit drei weiteren Männern ausgeraubt hätte. Ihre Version klang allerdings ganz anders: „Er wollte mir Haschisch geben, zum Kaufen. Aber das brauch i ned, mir reicht des Saufen. Dann hat er mir unsittliche Anträge gemacht. Grad von einem Mann mag ich so was ned.“ Der Mann fragte die Zuhälterin irgendwann angeblich: „Und was, wenn ich dich jetzt vergewaltige?“, worauf sie laut eigener Aussage einfach herzhaft lachen musste.

Der Dealer verwickelte sich vor Gericht in Widersprüche und Wandas Anwalt mutmaßte, dass der Kriminelle damit nur einen teuren Verkauf verschleiern wollte. Der Jurist meinte außerdem lächelnd, dass seine Mandantin sicher nicht drei Männer gebraucht hätte, um den Drogendealer zu verprügeln. Gertrude wurde freigesprochen.

Laut einem Interview im Wiener 1996 klang ihre Stimme nach Marlboro und Bacardi-Cola, als sie mit dem Journalisten über ihr Leben sprach – dass die Presse immer nur die Unterweltgröße in ihr sah, aber nie die Frau mit Träumen, Wünschen und Sehnsüchten. „Ich werde am Stock gehen und die werden noch immer schreiben, ich bin Zuhälterin.“ Mit nur 57 Jahren starb sie im September 2004 und wurde am Stammersdorfer Zentralfriedhof begraben. Die letzten Monate ihres Lebens hatte die „Wilde Wanda“ damit verbracht, alten Zeiten nachzutrauern, vergilbte Polaroidfotos anzuschauen und in Erinnerungen zu schwelgen. Der Kult um die erste und damals einzige Zuhälterin Österreichs hält bis heute an; unter anderem hat sich eine österreichische Rock-Band aus Wien nach dem Vornamen der verruchten Unterweltkönigin benannt.