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Frauen*Volksbegehren: Gelingt so endlich die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz?

In Österreich gibt es 51% Frauen und 49% Männer. Ein ausgewogenes Verhältnis, das sich in keinster Weise in der Politik oder in Führungsetagen widerspiegelt. Und welches das Frauen*Volksbegehren nun endlich zurecht rücken will.

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Gleichberechtigung am Arbeitsplatz
© Photo by rawpixel on Unsplash

Die Eintragungswoche für das Frauen*Volksbegehren findet von 1. bis 8. Oktober statt. Die Forderungen umfassen neun Themengebiete, die WOMAN.at im Rahmen einer Serie analysiert. Was beinhalten die Forderungen? Was sagen Expertinnen und Experten dazu? Was würde sich für Frauen in Österreich ändern? Beim Thema "Macht teilen" geht es darum, Maßnahmen zu schaffen, die Ausgeglichenheit der Geschlechter auf allen Ebenen vorsieht:

Was fordert das Frauen*Volksbegehren?

  • Die Hälfte aller Plätze für Wahllisten und in Vertretungskörpern auf Gemeinde-, Landes- und Bundesebene für Frauen und Männer
  • Die Hälfte aller Plätze in politischen Interessensvertretungen und der Sozialpartnerschaft sowie in diversen öffentlichen Beiräten, Gremien, Kommissionen etc. für Frauen und Männer
  • Die Hälfte aller Plätze in Leitungs- und Kontrollgremien von Kapitalgesellschaften und Genossenschaften für Frauen und Männer
  • Wirksame Sanktionen, wenn die Quoten nicht erfüllt werden

Der aktuelle Stand in Österreich

Gleichberechtigung? Nun ja. In zahlreichen Gremien, Firmen und Institutionen - sei es in der Politik oder in der Wirtschaft - sind immer noch deutlich weniger Frauen als Männer vertreten. Und das, obwohl Frauen mehr als 50 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. So gab es bisher noch keine Bundespräsidentin und auch keine Bundeskanzlerin. Und obwohl Frauen beispielsweise die Mehrheit der HochschulabsolventInnen stellen, finden bei weitem nicht so viele Frauen wie Männer an die Spitze verschiedenster Unternehmen.

  • Im Nationalrat ist nur jeder dritte Sitz von einer Frau besetzt.
  • Österreichweit gibt es derzeit nur 7,5 Prozent Bürgermeisterinnen.
  • In Vorständen und Aufsichtsräten kommen auf jede Frau neun Männer.
  • Bei mehr als ein Viertel der Unternehmen finden sich nur Männer in Spitzenpositionen.
  • In Österreichs Unternehmen sind nur bei 3,6 Prozent Frauen als CEO beschäftigt.

Heiß umstrittene Quote

Das Frauen*Volksbegehren fordert daher eine 50:50-Quote, um die berühmt berüchtigte gläserne Decke zu durchbrechen und Machtpositionen gerechter zu erteilen.

Mit der Frauenquote bezeichnet man eine geschlechterbezogene Regelung bei der Besetzung von Stellen. Quoten sind eben dann erforderlich, wenn es zu Fehlentwicklungen und erheblichen Ungleichgewichten gekommen ist. Eine Quote soll helfen, die Balance wieder herzustellen.

Das klingt doch nur fair, oder? Dennoch wird diese Forderung immer wieder diskutiert und spaltet so manche Gemüter: Durch eine fixe Quotenregelung würden Männer benachteiligt werden wird dann argumentiert und dass es doch einzig auf die Qualifikation ankommen müsse. Denn schließlich würden aufgrund der Quote doch ständig niedriger qualifizierte Bewerberinnen den höher qualifizierten Männern vorgezogen werden. Dass diese Annahme durchaus fehlgeleitet ist, zeigt beispielsweise eine Untersuchung aus Norwegen, die belegt, dass die Frauen, die aufgrund der Frauenquote in die Verwaltungsräte aufgenommen wurden, durchschnittlich sogar höhere Qualifikationen haben als ihre männlichen Kollegen.

Aber die Quote funktioniert eben

Quotenregelungen gibt es bereits in zahlreichen Ländern, so auch im geringen Ausmaß in Österreich (wie beispielsweise, dass 30 Prozent des Aufsichtsrats in Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten mit Frauen besetzt werden müssen). Allerdings sollen diese auf 50:50 und auf weitere Ebenen ausgeweitet werden.

Denn gibt es tatsächlich gesetzliche Vorgaben, dann werden diese auch umgesetzt. Das bestätigt etwa eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, wonach sich der Frauenanteil in den Aufsichtsräten jener Firmen, die unter die 30-Prozent-Regelung fallen, bereits auf 27 Prozent erhöht hat. Bedauerlicherweise beweist diese Studie außerdem, dass wenn die Quote einmal erfüllt wurde, sich die Zahl der Frauen überhaupt nicht mehr erhöht.

Und ohne Sanktionen funktioniert es gleich gar nicht: Spanien setzt seit 2007 bei der Quote nur auf Freiwilligkeit und es gab keinerlei Strafandrohungen. Damit wollte man bis 2015 einen mindestens 40-prozentigen Frauenanteil in Aufsichtsräten erreichen - dieser liegt aktuell jedoch bei nur 22 Prozent.

Nicht nur gleichberechtigt, sondern auch erfolgreicher

Ziel der Quote soll es nicht nur sein, Gleichberechtigung herzustellen, sondern darüber hinaus die Leistungen von Frauen sichtbarer zu machen und Vorbildwirkung zu kreieren: So können weibliche Vorbilder in vielleicht immer noch traditionell männlich dominierten Branchen für Mädchen entstehen und deren Berufswahl beeinflussen.

Aber auch die Unternehmen profitieren: Das beweist unter anderem Schweden, deren Börsenunternehmen mit mehr als 40 Prozent Frauenanteil im Vorstand deutlich mehr Gewinn aufweisen als der Durchschnitt. Und auch zahlreiche andere internationale Studien zeigen, dass eine verstärkte Frauenrepräsentanz in den Führungsebenen von Firmen zu einer stärkeren ökonomischen Entwicklung führt.

Kein Wunder, schließlich stellen Frauen ja nicht nur die Hälfte der Bevölkerung dar, sondern ebenso die Hälfte dessen Talents und Potenzials. Daher sollten Unternehmen schon aus rein eigennützigen, wirtschaftlichen Überlegungen daran interessiert sein, mehr Frauen in Entscheidungspositionen zu engagieren.

Wir haben dazu die erfolgreiche Geschäftsfrau Dr. Gundi Wentner, Partnerin im Bereich Human Capital bei Deloitte Österreich, befragt:

Wie stehen Sie zur Frauenquote?
Wentner: Ich bin eine Befürworterin der Frauenquote. Wenn man sich die Entwicklung des Frauenanteils in Top-Führungspositionen ansieht, dann zeigt sich: In den vergangenen 20 Jahren hat es leider keine positive Veränderung gegeben. Ohne konkretes Ziel geht hier nichts weiter. Dass eine Quote durchaus sinnvoll ist, sieht man am Beispiel der Aufsichtsräte in Bundesbeteiligungen. Dort verpflichtet man sich bereits seit einigen Jahren freiwillig zu einer Quote von 35 %. Innerhalb kurzer Zeit konnte dieses Ziel bereits übererfüllt werden. Grundsätzlich kann man festhalten: In allen Unternehmen, die sich eine Erhöhung des Frauenanteils zum Ziel setzen, kann diese auch erreicht werden.

Warum ist die Quote sinnvoll? Warum nicht?
Wentner: Die Quote ist sinnvoll, weil sie ein Ziel vorgibt, das man messen kann und auf das man hinarbeitet. Unternehmen funktionieren nun einmal so, sie brauchen messbare Ziele – ganz nach dem Motto: „If you can’t measure it, you can’t manage it.“

Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht? Und haben sich diese Erfahrungen von jungen Jahren bis jetzt geändert?
Wentner: Die Quote in den Aufsichtsräten bewirkt beispielsweise, dass mehr Frauen in verantwortungsvollen Positionen sichtbar werden. Damit bringen weibliche Aufsichtsratsvorsitzende auch das Thema Diversität in den Top-Führungsebenen auf die Agenda.

Was würde sich ändern, wenn die Verteilung tatsächlich 50/ 50 wäre?
Wentner: Bei einer 50/50-Verteilung würde Geschlecht keine Rolle mehr spielen und wäre dadurch kein Kriterium mehr. Gemischte Teams wären normal und es wäre auch eine Normalität, dass Frauen Top-Führungspositionen anstreben und entsprechend befördert werden.

Wie konnte überhaupt so ein Missverhältnis entstehen?
Wentner: Das Missverhältnis hat eine Vielzahl von Gründen. Ein offensichtlicher Grund dafür: Personen, die über Besetzungen entscheiden, rekrutieren in der Regel nach Selbstähnlichkeit. Wenn ausschließlich Männer in diesen Entscheidungspositionen sitzen, werden diese ganz unbewusst wieder Männer befördern. Ein zweiter Grund: Frauen bleiben im mittleren Management hängen, obwohl viele von ihnen mittlerweile mindestens genauso gut ausgebildet sind wie junge Männer. Die meisten Unternehmen fördern Frauenkarrieren nicht ausreichend. Gleichzeitig überwiegt nach wie vor ein klassisches Rollenbild und ausgleichende gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie Kinderbetreuungsangebote fehlen. Dadurch werden viele Frauen in die Teilzeit gedrängt. Und die Teilzeitfalle bedeutet das Ende der Karriere.

Welche Maßnahmen könnten hier gegensteuern?
Wentner: Viele Unternehmen beschäftigen sich mittlerweile mit dem Thema Diversity. Nicht aus Gerechtigkeitsempfinden, sondern weil sie wissen, dass sie auf eine Vielzahl von Talenten und einen großen Teil des Arbeitskräftepotenzials verzichten, wenn sie nur Männer in Führungspositionen holen. Diversität leistet darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zu Innovation und Profitabilität. Unternehmen, die das Thema ernst nehmen wollen, müssen zunächst ihre Ausgangssituation mit Tools wie dem Frauen-Karriere-Index analysieren. Dann können realistische Ziele gesetzt und entsprechende Maßnahmen gesetzt werden. Auf Unternehmensebene liegen diese einerseits in Personalprozessen, andererseits im Bereich Unternehmenskultur und Führung. Grundsätzlich müssen aber natürlich auch die Rahmenbedingungen verändert werden: Flächendeckende Ganztagsschulen und Kleinkindbetreuung sind notwendig, damit Frauen an Karriere denken können.

Warum glauben Sie, wehren sich so viele Menschen gegen die Quote?
Wentner: Die Abwehrhaltung gegen die Quote resultiert meist aus einem Missverständnis: Manche Frauen haben sich einreden lassen, dass sie durch die Frauenquote auf das Geschlecht reduziert werden und sie nur aufgrund dessen in eine Führungsposition kommen. Wissenschaftliche Untersuchungen beweisen allerdings das Gegenteil. Frauen, die so weit gekommen sind, dass sie tatsächlich für Top-Führungspositionen in Frage kommen, hatten in der Vergangenheit bereits besonders hohe Beförderungshürden zu bewältigen. Dadurch sind sie meist viel qualifizierter als Männer in vergleichbaren Positionen.

Sollte es auch eine Quote für andere Positionen geben, nicht nur für Führungsebenen?
Wentner: Es gibt Unternehmen, die sich klare Ziele in Hinblick auf den Frauenanteil in bestimmten Positionen oder Unternehmensbereichen setzen. Das sollte aber auch umgekehrt passieren. Eine Durchmischung aller Bereiche, also auch durch mehr Männer in Kinderbetreuungs- oder Pflegeberufen, wäre wünschenswert.

Gundi Wentner
Dr. Gundi Wentner

"Ich bin so eine Quotenfrau"

Eine der wenigen, die offen dazu steht, eine sogenannte "Quotenfrau" zu sein und dies nicht als Schimpfwort definiert, ist Maria Fekter, ehemalige Innen- und Finanzministerin der ÖVP. Sie hielt letztes Jahr im Nationalrat eine Brandrede für die Quote – und das, obwohl ihre eigene Partei dagegen ist: "Ich bin vor 27 Jahren in die Politik gekommen und habe damals auch die Auffassung vertreten: A Quote brauch ma nicht. Ich habe in 27 Jahren Politik einfach zur Kenntnis nehmen müssen: Es funktioniert halt nicht ohne Quote.“ Und: "Ich bin so eine Quotenfrau. [...] Diese Quote hat mich nicht blöder gemacht, hat mich nicht schlechter gemacht, hat mich auch nicht weniger motiviert in der Politik engagiert zu arbeiten."

Alle anderen Artikel unserer großen Serie zum zum Frauenvolksbegehren findet ihr hier.


Da die Forderungen des 1. Frauenvolksbegehrens 1997 nur unzureichend oder überhaupt nicht verwirklicht wurden, sahen sich die Vertreterinnen und Vertreter des neuen Frauen*Volksbegehrens dazu berufen, die Forderungen noch einmal aufzurollen, zu aktualisieren und wieder in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen und starteten eine der größten feministischen Bewegungen Österreichs. In der Woche von 1. bis 8. Oktober ist 7 Tage lang Zeit, das Frauenvolksbegehren auf jedem Gemeindeamt (Bezirksamt in Wien) unabhängig der eigenen Gemeinde zu unterschreiben. Wichtig: Für eine gültige Unterschrift wird ein amtlicher Ausweis benötigt. Volksbegehren müssen von mindestens 100.000 Stimmberechtigten unterschrieben werden, damit sie im Nationalrat behandelt werden. Mehr Infos findet ihr auf frauenvolksbegehren.at.