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Die tapferen Frauen von Las Patronas

Vor 20 Jahren wartete Norma mit ihren Einkäufen an den Gleisen von Las Patronas. Sie wusste nicht, dass der nächste Zug ihr Leben verändern würde.


Die tapferen Frauen von Las Patronas
© Reuters/Stringer Mexico

Es war ein Tag wie jeder andere, damals, vor 20 Jahren. Norma Romero und ihre Schwester waren zu dem kleinen, gelb getünchten Laden auf der anderen Seite der Bahngleise des mexikanischen Ortes La Patrona gegangen, um Milch und Brot für das Frühstück zu kaufen. Dann warteten sie, dass der nächste Zug durchfuhr, ehe sie die Gleise überqueren konnten.

Doch dieser Zug veränderte das Leben der Frauen von La Patrona für immer.

"Aus einem Waggon hingen Leute, sie schrieen uns etwas zu. Der nächste Waggon: Genauso! Ausgemergelte Männer in schmutziger Kleidung, die verzweifelt riefen: "Madre, wir haben Hunger, furchtbaren Hunger!"", so Norma zur BBC. "Wir haben ihnen unser Brot zugeworfen, als nächstes die Kartons mit Milch."

Der instinktive Akt der Güte zweier junger Frauen führte zur Gründung von "Las Patronas", einer gemeinnützigen Organisation, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten 10.000enden zentralamerikanischen Migranten bei ihrer Flucht vor Armut und Gewalt in Richtung Amerika geholfen hat – und dafür Mexikos renommierten Menschenrechtspreis verliehen bekam.

Es ist die Geschichte der tapferen Frauen von La Patrona die nicht die Augen vor dem Elend ihrer Mitmenschen verschließen wollten.

La Patrona liegt in einer vergessenen Ecke des östlichen Bundesstaates Vera Cruz, zwei bis drei Mal pro Tag rasen die langen Güterzüge, "La Bestia" ("Das Biest") genannnt, durch den Ort. Auf den Zugdächern klammern sich Flüchtlinge aus Honduras, Guatemala, El Salvador und Nicaragua, in der Hoffnung, in den USA Arbeit oder Zuflucht vor gewalttätigen Banden und korrupten Polizisten in ihren Heimatdörfern zu finden.

Als die Schwestern Romera an jenem Tag nach Hause zurückkehrten, erwarteten sie eine Strafe der Eltern, weil sie das für die Familie gedachte Essen einfach verschenkt hatten. Stattdessen entwickelte ihre Mutter, die imposante Dona Leonidas, einen Plan. Ab nun sollte die Familie jeden Tag rund 30 Portionen Reis und Bohnen extra zubereiten, in Plastiksackerl verpacken und den hungrigen Flüchtenden auf dem vorbeidonnernden Zug zuzuwerfen.

Heute gleicht die Gemeinschaftsküche der "Las Patronas" einem geschäftigen Bienenstock. Reis, Bohnen, Maistortillas – statt 30 geben die Frauen der Initiative heute Nahrung und Wasser für mehrere 100 Flüchtlinge am Tag aus. "Wir können nicht zulassen, dass diese armen Menschen, die aus dem Elend fliehen, auf den Zügen verhungern," sagt Norma Romero. "Sie haben kein Geld, um in den Stationen etwas zu kaufen – und ihre Reise ist extrem gefährlich. Viele fallen von den Zügen und sterben. Es gibt auch Gerüchte, dass Jugendliche auf der Flucht Opfer von Organhändlern werden." Das Mindeste, was man tun könne, sei, ihnen ein wenig Nahrung und Mitmenschlichkeit zu geben...

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