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100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich: Ein paar Zahlen, Daten und erstaunliche Fakten

Für uns erscheint es mittlerweile selbstverständlich und wir kennen es gar nicht anders: Aber eigentlich ist es Frauen in Österreich erst seit 100 Jahren erlaubt, ihre Stimme bei politischen Wahlen abzugeben. Da waren uns andere Länder weit voraus, anderswo können Frauen aber erst seit Kurzem wählen.

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Frauenwahlrecht in Österreich
© selimaksan/ iStockphoto.com

Politische Rechte passieren nicht einfach nur. Engagierte Menschen erkämpfen sie auf verschiedenste Art und Weise für eine größere, unterprivilegierte Gruppe. Und auch dem Frauenwahlrecht ging ein langer Kampf der Frauenbewegung voraus, der bereits im 18. Jahrhundert begann.

Dabei zeigt sich international ein trauriges Muster: Je eher die Männer das Wahlrecht bekamen, desto länger mussten die Frauen darauf warten. Beispielsweise Frankreich und die Schweiz wurden zu Nachzüglerstaaten, weil sie die ältesten Männerdemokratien Europas waren.

Die abstrusen "Gründe" gegen das Frauenwahlrecht

Denn Unterstützung von den regierenden Männern beziehungsweise Parteien war kaum zu erlangen: Jede Seite des politischen Spektrums befürchtete negative Konsequenzen für sich. Sozialisten und Liberale glaubten, dass vom Stimmrecht der Frauen die Konservativen und christliche Parteien profitieren würden, dagegen witterten konservative Parteien die Gefahr, dass Frauen ihre Stimme vor allem linken und liberalen Parteien geben würden. Zudem sahen sie im Frauenwahlrecht den ersten Schritt zur vollständigen Emanzipation. Und damit einen Macht- und Kontrollverlust.

In fast allen Ländern dieser Welt reagierten Menschen - oder sollen wir Männer sagen? - mit den gleichen Vorbehalten auf die Forderung der Frauen nach einem eigenen Stimmrecht. Bis hin zur Klischeevorstellung der "natürlichen Bestimmung" der Frau, sie gehöre ins Haus und an den Herd, während Politik in die männliche Welt gehöre.

Ebenso gab es abstruse Erklärungen, dass die Frau, weil sie ja so ein mitfühlendes Wesen hätte, nicht unabhängig entscheiden könnte. In Großbritannien wurde ein Vorstoß zur Veränderung des Wahlrechtes 1867 unter anderem deswegen verhindert, weil man befürchtete, dass es politische Differenzen und damit Streitigkeiten innerhalb von Familien oder zwischen Ehepartnern geben könne. Daher wurde in Skandinavien und Großbritannien zunächst nur für ledige und verwitwete Frauen das kommunale Wahlrecht eingeführt – mit der offiziellen Begründung, verheiratete Frauen wären ja bereits durch ihre Ehemänner vertreten.

Du darfst als Frau nur wählen, wenn...

Außerdem verband man bisweilen das Wahlrecht mit anderen "Bedingungen": In katholischen Staaten wie Belgien, Italien und im orthodoxen Bulgarien wurde verheirateten Müttern das Wahlrecht zuerst zugestanden, weil sie als „wertvoller“ galten als kinderlose Frauen. Bei Männern hingegen wurde die Wahlberechtigung nie mit der Zeugung ehelicher Kinder gleichgesetzt.
In Griechenland wiederum mussten Frauen für ihr Stimmrecht im Gegensatz zu Männern eine Schulbildung nachweisen. In England, Ungarn und Island durften Frauen erst mit 30 beziehungsweise 40 Jahren wählen. Und in Österreich, Spanien und Italien wurde aus moralischen Gründen Prostituierten zunächst das Wahlrecht nicht gewährt. Bei deren Kunden gab es diese moralischen Bedenken scheinbar nicht...

Das Wahlrecht für Frauen weltweit:

1776 wurde im US-Bundesstaat New Jersey das Wahlrecht für alle Personen ab einem gewissen Besitz eingeführt. Das galt somit auch für Witwen, aber nicht für verheiratete Frauen, da diese nichts besitzen durften; das Wahlrecht wurde 1807 jedoch wieder auf Männer eingeschränkt.

Die erste bekannte Kämpferin für das Frauenwahlrecht war Olympe de Gouges: Sie veröffentlichte im Laufe der Französischen Revolution die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin. 1793 wurde sie dafür verhaftet und nach kurzem Schauprozess hingerichtet.

1838 bekam die britische Kronkolonie Pitcairn, eine Insel im Südpazifik, als erstes Territorium ein Frauenwahlrecht. 1853 führte das kolumbianische Vélez als erste Stadt der Welt das Frauenwahlrecht ein, 1893 Neuseeland als erste selbstregierte Kolonie und 1902 folgte Australien als erster souveräner Staat.

Als erstes europäisches Land gab 1906 Finnland Frauen das Wahlrecht. Finnland war auch das erste Land, in dem Frauen nicht nur das passive Wahlrecht hatten, sondern auch tatsächlich ins Parlament gewählt wurden.

1984 kam Liechtenstein als letztes westeuropäisches Land dazu, nachdem zuvor in zwei Volksabstimmungen (1971 und 1973) die Einführung noch abgelehnt worden war. Seit 2005 haben Frauen in Kuwait das Wahlrecht, seit 2006 in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Am 12. Dezember 2015 hatten Frauen in Saudi-Arabien zur Kommunalwahl erstmals das aktive und passive Wahlrecht.

Das Wahlrecht für Frauen in Österreich:

In Österreich erhielten Frauen das allgemeine Wahlrecht am 12. November 1918 nachdem man sich im Zuge des Zerfalls des Kaiserreichs Österreich-Ungarn zur Republik erklärte.

Einen großen Einfluss hatte dabei der Erste Weltkrieg, welcher auch im Inland die Situation der Frauen veränderte. Da die Männer an die Front mussten, mussten Frauen deren Berufe übernehmen und diese Arbeitsleistung wurde für die Aufrechterhaltung des Landes unentbehrlich. Nach Kriegsende und dem kompletten Umsturz der Gesellschaft konnte den Frauen das Wahlrecht nicht mehr vorenthalten werden.

Allerdings standen diese anfangs noch unter Beobachtung: Verschieden farbige Kuverts wurden bei Nationalratswahlen bis 1930 verwendet, um zu kontrollieren, wie Frauen wählten. In Wien wurden diese auch wieder bei Landtags- und Gemeinderatswahlen ab 1954 eingesetzt und bis 1996 beibehalten.

Wann wurde das Frauenwahlrecht in den verschiedenen Ländern in Europa eingeführt:

  • 1906 Finnland
  • 1913 Norwegen
  • 1915 Dänemark
  • 1915 Island
  • 1917 Estland
  • 1918 Lettland
  • 1918 Deutschland
  • 1918 Österreich
  • 1918 Polen
  • 1918 Luxemburg
  • 1919 Niederlande
  • 1921 Schweden
  • 1928 Großbritannien
  • 1931 Spanien
  • 1934 Türkei
  • 1944 Frankreich
  • 1945 Ungarn
  • 1945 Slowenien
  • 1945 Bulgarien
  • 1946 Italien
  • 1946 Portugal
  • 1948 Belgien
  • 1952 Griechenland
  • 1971 Schweiz - im Halbkanton Appenzell-Innerrhoden wurde dieses Recht erst 1990 endgültig durchgesetzt.
  • 1984 Liechtenstein