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Frauen in der Wissenschaft: So sieht ihr Job wirklich aus

Am 11. Februar war der Internationale Tag der Frauen in der Wissenschaft. Aus diesem Anlass haben wir zwei Forscherinnen gefragt, wie sie in die Wissenschaft gekommen sind.

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34 Prozent der WissenschaftlerInnen in Österreich sind Frauen. Verglichen mit dem Anteil in der EU - 41 Prozent - sieht man, dass Frauen in der österreichischen Wissenschaft unterrepräsentiert sind. Woran das liegt? Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Buben und Männer über viel längere Zeit motiviert wurden, in die Wissenschaft zu gehen als Frauen. Initiativen, die Mädels für diese Branche begeistern sollen, machen erst seit einigen Jahren wirklich Druck.

Zwei Forscherinnen, zwei Blickwinkel

Doch wie ist es, wirklich als Wissenschaftlerin zu arbeiten? Trifft man auf Klischees, wird man mit Stereotypen konfrontiert oder ist das Feld total tolerant und aufgeklärt? Wir haben mit zwei Forscherinnen des IST Austria (Institute of Science and Technology Austria) gesprochen. Gaia Novarino ist Professorin und beschäftigt sich unter anderem mit der Entwicklung von Autismus. Nicole Amberg hat eine Stelle als postdoctoral Researcher bekommen und ist in der Hirnforschung tätig.

Gaia Novarino, Professorin am IST Austria

Erläutern Sie bitte kurz Ihr Forschungsfeld?
Novarino: Ich erforsche Gene, die bei entsprechender Mutation die Entwicklung des Nervensystems derart stören, dass sich letztendlich neurologische Erkrankungen wie Autismus oder Epilepsie entwickeln können. Man weiß, dass in den USA mittlerweile 1 von 68 Personen mit einer derartigen Erkrankung diagnostiziert wird. Und man weiß mittlerweile auch, dass diese sogenannte Autismus-Spektrum-Störungen - also ähnliche Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Kommunikation in unterschiedlichen Schweregraden - nicht durch eine Mutation eines einzelnen Gens verursacht wird, sondern durch eine Vielzahl genetischer Defekte dieselben Störungen hervorrufen können. Ich versuche nicht nur zu erforschen, welche Gene bei der Entwicklung gestört werden, sondern auch wann und in welchem Stadium der neuronalen Entwicklung diese Störungen dann auftreten.

Was fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet besonders und wie würden Sie das einem Laien erklären?
Novarino: Zu verstehen, wie das Gehirn sich entwickelt und welche Unterschiede in der Entwicklung zu unterschiedlichem Verhalten führen, fasziniert mich. Ganz besonders interessiert mich, welchen Einfluss Gene auf das Verhalten haben. Ich forsche an zum Teil schrecklichen Krankheiten bei Kindern und hier einen Unterschied zu machen ist für mich als Wissenschaftlerin, aber auch als Frau und Mutter eine ganz besondere Motivation.

»Solange ihr das tut was ihr mit Leidenschaft tut, werdet ihr erfolgreich sein.«

Warum sind Sie in die Wissenschaft gegangen und wie hat sich Ihre Karriere entwickelt?
Novarino: Das Gehirn hat mich immer schon fasziniert, denn das macht uns zu dem was wir sind. Das Gehirn zu verstehen, fasziniert mich aber nicht nur weil ich es verstehen will, sondern weil wir dadurch eine Wirkung auf die Gesellschaft haben. Es ist aber nicht so, dass ich mit 6 Jahren schon gesagt habe, ich will Wissenschaftlerin werden. Eigentlich bin ich immer schon meiner Leidenschaft gefolgt. Ich habe mich nicht auf eine Sache fixiert, sondern mein Weg hat sich entwickelt. Erst habe ich Biologie studiert, dann habe ich mich auf Molekularbiologie verlagert, dann kam die Neurowissenschaft und Humangenetik hinzu und ich habe diese Fächer mehr und mehr kombiniert. Anschließend bin ich in die USA gegangen, um näher an den Patienten zu sein. Letztendlich bin ich aber wieder nach Europa zurückgekommen. Ich kann nicht sagen, dass immer alles glatt gegangen ist in meiner Karriere, aber ich habe auch keine großen Hindernisse gefunden. Ich sage auch zu meinen Kindern, solange ihr das tut was ihr mit Leidenschaft tut, werdet ihr erfolgreich sein.

Hätten Sie noch einen anderen Berufswunsch gehabt? Wenn ja, welcher wäre das gewesen? Und sind Sie heute froh, dass es nicht dazu gekommen ist?
Novarino: Ich sage immer wieder, vielleicht ändere ich meine Karriere doch noch irgendwann. Ich habe mich immer für Kunst und Musik interessiert. Vielleicht wäre ich Künstlerin oder Pianistin geworden. Ich koche auch gern, vielleicht hätte ich auch ein Restaurant eröffnet oder vielleicht mache ich das noch irgendwann? Aber ich bin sehr glücklich mit meiner Karriere als Wissenschaftlerin. Als ich schwanger war mit meinem ersten Kind, hatte ich eine der schwersten Zeiten in meiner Karriere und viele Zweifel. Aber mein Mann und meine Familie haben mich unterstützt und mir gesagt: „Du kannst das!“ Vor allem meine Mutter war ein gutes Vorbild, dass man auch als Mutter arbeiten und Karriere machen kann.

Frauen leiden im Berufsleben häufiger an dem sogenannten „Hochstapler-Syndrom“ - sie glauben, dass sie ihre Fähigkeiten dem Anspruch des Jobs oder ihrer Aufgaben nicht gerecht werden, obwohl nichts für diese Annahme spricht. Ist Ihnen dieses Phänomen bekannt? Und kommt das im wissenschaftlichen Umfeld auch häufig vor, oder ist dort das Selbstbewusstsein von Frauen stärker gefestigt?
Novarino: Ich habe gerade erst einen Artikel über “Gender bias”, und “confidence bias” gelesen. Ich finde, da wurde das ganz gut wiedergegeben: In der Schule sind die Mädchen eigentlich die besseren, also warum ändert sich das später? Ich glaube, dass wir Mädchen, die eh schon gut in der Schule sind, beibringen, dass sie perfekt sein müssen und nur wenn sie perfekt sind, haben Mädchen das Gefühl gut zu sein. Aber niemand ist perfekt. Buben bekommen in der Schule mit, dass sie nicht so gut sind wie Mädchen, aber damit durchkommen und Erfolg haben und daher diese Perfektion gar nie so anstreben.
Gesamt gesehen, ist das aber ein Problem für die Gesellschaft. Sehr oft sind Probleme von Frauen vielmehr die Probleme der ganzen Gesellschaft und so sollten wir alle daran arbeiten, das zu ändern.

»Mein Mann und meine Familie haben mich unterstützt und mir gesagt: „Du kannst das!“«

Hatten Sie weibliche Vorbilder aus der Wissenschaft, zu der sie während dem Studium / der Schulzeit aufgeschaut haben? Wie wichtig war das für Ihre Karriere bzw. wie wichtig wäre es gewesen?
Novarino: Während meines Studiums und meiner Postdoc Zeit hatte ich immer männliche Professoren. Aber eine Frau, die mich beeindruckt ist Huda Zoghbi, mit ihrem Labor in Texas. Ich bewundere ihre Arbeit, ihre Systematik, aber auch sonst, sie ist eine gutaussehende Frau, bei der ich das Gefühl habe, dass sie Frau und Wissenschaftlerin ist. Man muss nicht wie ein Mann sein, um erfolgreich zu sein. Man darf sich auch schminken und einen Sinn für Mode haben, wenn man das möchte. Das sind auch Klischees gegen die ich ankämpfen möchte.

Welchen Tipp haben Sie für angehende Wissenschaftlerinnen?
Novarino: Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin, ich würde allen dasselbe raten: Folge deiner Leidenschaft. Zum Thema Work Life Balance würde ich auch sagen, in einer Familie ist nicht nur die Mutter für alles verantwortlich, das ist eine 50:50 Aufgabe, die Aufgaben müssen gut verteilt werden.
Für die Österreichische Gesellschaft würde ich sagen: die glücklichsten Kinder haben glückliche Eltern und daher sollte man sich vorher überlegen, was macht mich glücklich und dann muss man einen Weg finden, wie man das mit den Kindern so hinbekommt, dass alle glücklich sind. Und mein dritter Ratschlag ist: Fragt nach Hilfe und holt euch Hilfe, man muss nicht überall alles selbst machen und perfekt sein.

Woran merkt man, ob man für die Wissenschaft „gemacht“ ist oder eben nicht?
Novarino: Es gibt nicht den einen, perfekten Wissenschaftler, jeder muss seinen eigenen Weg finden, aber vor allem muss man das lieben, was man macht. Ich bin in der Nacht um drei Uhr aufgewacht und habe über ein Problem im Gehirn gegrübelt und konnte nicht aufhören darüber nachzudenken. Das ist nicht negativ gemeint, ich meine man sollte für seine Forschung brennen. Aber wie jeder einzelne das macht, muss er selbst finden.

Auch im wissenschaftlichen Betrieb gibt es die sogenannte „gläserne Decke“ - welche Maßnahmen bräuchte es, um Frauen die gleichen Karrierechancen wie Männern zu eröffnen?
Novarino: Wichtig ist, dass wir mal anfangen vom gleichen Punkt auszugehen. Wie vorher schon gesagt, ist das nicht ein Problem von Frauen allein, das ist ein Gesellschaftsproblem und das muss man als Gesellschaft angehen, mit Unterstützung und manchmal auch mit Geld. Manchmal kann Geld ganz konkret helfen. Wir haben festgestellt, dass manche Frauen nicht zu Konferenzen fahren können, weil sie zuhause die Kinderbetreuung nicht organisieren können, wenn sie für mehrere Tage weg sind. Es ist schwierig zu reisen, wenn man kleine Kinder hat, hier muss auch wieder den Vater miteinbeziehen.

Nicole Amberg, Postdoctoral Researcher

Erläutern Sie bitte kurz Ihr Forschungsfeld?
Amberg: Ich untersuche, welche Gene und auf welche Art diese Gene dazu beitragen, die Großhirnrinde während der Embryonalentwicklung korrekt zu bilden. Speziell interessiert mich, welche Rolle die Epigenetik dabei spielt. Epigenetik bezeichnet Modifikationen an den Chromosomen, welche die Aktivität von Genen beeinflussen, ohne die Sequenz der Gene selbst zu verändern.

Was fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet besonders und wie würden Sie das einem Laien erklären?
Amberg: Sehr spannend finde ich, dass ca 80% der Nervenzellen in der Großhirnrinde von einer einzigen Art von Stammzelle abstammen. Diese Stammzelle produziert im zeitlichen Verlauf der Gehirnentwicklung in einer ganz bestimmten Sequenz die unterschiedlichen Nervenzellen, aus denen sich die Großhirnrinde zusammensetzt und die dort ganz bestimmte Funktionen erfüllen. Woher genau die Stammzelle „weiß“, wann von einem Typus Nervenzelle schon genügend vorhanden ist und sie dazu übergeht den nächsten Typus zu produzieren, ist eine faszinierende Fragestellung. Die Beantwortung dieser Frage kann den Weg ebnen, diverse neurologische Krankheiten besser zu verstehen oder sogar Therapie-Ansätze zu entwickeln.

Warum sind Sie in die Wissenschaft gegangen und wie hat sich Ihre Karriere entwickelt?
Amberg: Zellbiologie und insbesondere DNA haben mich schon früh fasziniert, daher habe ich mich für das Studium „Molekulare Biologie“ entschieden. Ich wollte meinen Beitrag leisten, mehr Wissen über Zellen und ihre Funktionsweisen zu gewinnen.
Meine Karriere sieht ziemlich geradlinig aus. Nach dem Studium habe ich mein Doktorat, ein PhD, an der MedUniWien gemacht und dabei die Wechselwirkung zwischen Immunzellen und Stammzellen der Haut untersucht. Das PhD-Program wurde vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung gefördert, insbesondere auch einige Auslandsaufenthalte. Das hat es mir ermöglicht, mehrmals in einem der weltweit renommiertesten Stammzell- und Krebsforschungslabors in Brüssel arbeiten zu können. Nach Abschluss meines PhDs habe ich direkt den PostDoc am IST Austria angeschlossen.

Hierbei habe ich mich der Herausforderung gestellt, in eine mir völlig neue Fachrichtigung zu wechseln, nämlich Neurowissenschaften. Erst vor Kurzem habe ich für mein PostDoc-Projekt zur Untersuchung der Epigenetik in neuronalen Stammzellen vom FWF ein Hertha-Firnberg-Stipendium erhalten, was für meine Karriere eine tolle Unterstützung ist. Dadurch habe ich nicht nur eigenes Budget erhalten, um Materialien für meine Forschung zu kaufen, sondern kann auch zeigen, dass ich in der Lage bin relevante Forschungsprojekte durchzuführen und dafür Förderungsgelder zu generieren.

» Ja, ich hatte viele weibliche Vorbilder.«

Frauen leiden im Berufsleben häufiger an dem sogenannten „Hochstapler-Syndrom“ - sie glauben, dass sie ihre Fähigkeiten dem Anspruch des Jobs oder ihrer Aufgaben nicht gerecht werden, obwohl nichts für diese Annahme spricht. Ist Ihnen dieses Phänomen bekannt? Und kommt das im wissenschaftlichen Umfeld auch häufig vor oder ist dort das Selbstbewusstsein von Frauen stärker gefestigt?
Amberg: Dieses Phänomen ist auch in der Wissenschaft weit verbreitet, vor allem wenn es um den Karrieresprung vom PostDoc zum Professor geht. Ich vermute, dass dieses Syndrom gesellschaftspsychologische Ursachen hat. Den jungen Mädchen wird noch immer zu sehr suggeriert, dass sie sich in ihren Verhaltensweisen stärker an ein gesellschaftskonformes Bild anpassen sollen, in dem sie wenig Ausprobieren dürfen, sondern eher einen starken Perfektionsdrang zum Imitieren ausbilden sollen. Dabei kommt die Förderung von kreativen Ideen und dem damit einhergehenden Erproben von Lösungsansätzen zu kurz, ebenso wie die Motivation, darüber zu sprechen.

Dabei machen wir in der Wissenschaft ja kaum etwas anderes als Ideen zu haben und so lange nach neuen oder alternativen Herangehensweisen zu suchen, bis es klappt. Bei Frauen ist der Perfektionsdrang beim Experimentieren vielleicht sogar hilfreich, weil sie hier vieles genauer durchführen als Männer. Allerdings stärken solche Erfolge die Frauen trotzdem nicht genug in ihrer Überzeugung, auch eine Führungsposition gut ausführen zu können.

Hatten Sie weibliche Vorbilder aus der Wissenschaft, zu der sie während dem Studium / der Schulzeit aufgeschaut haben? Wie wichtig war das für Ihre Karriere bzw. wie wichtig wäre es gewesen?
Amberg: Ja, da gab es viele.
Während des Studiums war es Renee Schroeder, eine Professorin für Biochemie an der Uni Wien. Sie hatte immer viel Zuspruch für jeden, der ihr Ideen präsentierte und grundlegende Fragen zu biologischen Prozessen stellte. Sie hat immer versucht, uns dazu zu inspirieren, kreativ und neugierig zu sein. Ihre Vorlesungen sprühten immer vor Motivation und Faszination über die Wissenschaft. Außerdem hat sie sich immer dafür eingesetzt, dass Frauen die gleichen Karriereoptionen offen stehen wie Männern.

Aufgrund dieser (und vieler anderer) Frauen in der Wissenschaft ist es mir nie in den Sinn gekommen, dass es ein berufliches Problem sein könnte, eine Frau zu sein. Ich bin durch die Pionierleistung vieler Frauen wissenschaftlich also in der Luxus-Zeit aufgewachsen, in der Frauen von außen keine Karriere-Steine in den Weg gelegt werden. Die größten Steine legen sich die Frauen aufgrund von gesellschaftlicher Vorbeeinflussung bezüglich zu starker Selbstzweifel vermutlich selbst.

»Man muss Frauen von klein auf verstärkt für eine Präsenz in der „ersten Reihe“ fördern.«

Haben Sie mit Klischees oder Stereotypen zu kämpfen?
Amberg: Hier am IST Austria eigentlich nicht. Wir legen hier sehr viel Wert darauf, keine Geschlechterbenachteiligung in jeglicher Art und Weise zuzulassen. Witzigerweise werde ich mit Klischees oder Stereotypen eher im privaten, oder sagen wir im nicht-wissenschaftlichen Umfeld konfrontiert – da sind die Menschen doch tatsächlich erstaunt, weil man sich unter anderem für seine Frisur oder Mode interessiert, anstatt wie ein verwahrloster verrückter Wissenschaftler aus einem Comic auszusehen.

Welchen Tipp haben Sie für angehende Wissenschaftlerinnen?
Amberg: Man sollte sich nie aufhalten lassen, kreativ zu sein und sein Selbstvertrauen nicht zu sehr in Frage zu stellen. Allerdings sollte man sich keinen vom TV geprägten romantischen Ideen vom Forschungsalltag hingeben, sondern sich die Möglichkeit geben, in viele wissenschaftliche Bereiche hineinzuschnuppern. Vielleicht gefällt einem dabei ja eine Forschungsrichtung besonders gut, an die man vorher nicht gedacht hatte. Abgesehen davon wäre es sicherlich vorausschauend, die Freiheiten des Studiums zu nutzen und freie Wahlfächer zum Beispiel im Wirtschaftsbereich zu belegen. Themen wie „Personalführung“ oder „betriebliche Organisation“ sind immer relevant und könnten für Frauen eine hilfreiche Stütze sein, sich als Führungsperson zu betrachten.

Woran merkt man, ob man für die Wissenschaft „gemacht“ ist oder eben nicht?
Amberg: Das merkt man ganz einfach: ist man in der Lage, mit dem alltäglichen Scheitern umgehen zu können? Realistisch betrachtet geht über 50 Prozent unserer Arbeit schief, denn wir beschäftigen uns mit Dingen, die vor uns noch niemand angeschaut oder durchgeführt hat. Das heißt wir müssen uns Untersuchungsmethoden ausdenken, eventuell neue Moleküle oder Modelle entwickeln, Methoden zu einer hohen Reproduzierbarkeit verfeinern, später unsere Ergebnisse und ihre Bedeutung interpretieren etc. Dabei ist man natürlich nicht immer erfolgreich. Wenn man damit keinen Frieden schließen kann, wird einen der Beruf psychisch vermutlich an den Kollaps führen. Allerdings ist es ein unglaublich tolles Gefühl, wenn man mit seiner Arbeit allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder die Wissensgrenzen durchbrechen und dabei etwas Neues entdecken kann.

Auch im wissenschaftlichen Betrieb gibt es die sogenannte „gläserne Decke“ - welche Maßnahmen bräuchte es, um Frauen die gleichen Karrierechancen wie Männern zu eröffnen?
Amberg: Ich glaube, dass Frauen in der Wissenschaft per se die gleichen Karrierechancen haben. Das Problem, warum wir nicht mehr Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen haben, liegt nicht in mangelnden Chancen, sondern im mangelhaften Vertrauen der Frauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Selbst im PostDoc-Level gibt es in den Biowissenschaften signifikant mehr Frauen als Männer. Erst danach, am Sprung zur Professur, dreht sich die Geschlechterverteilung, und zwar nicht weil Männern eher ein Job angeboten wird, sondern weil sich viel weniger Frauen für eine Professur bewerben. Deshalb muss man zum Durchbrechen der „gläsernen Decke“ viel früher ansetzen und Frauen von Klein auf verstärkt für eine Präsenz in der „ersten Reihe“ fördern.

Durch den anerzogenen Perfektionsdrang verfügen Frauen häufig über höhere fachliche Kompetenzen als Männer, allerdings haben Frauen nicht gut gelernt, dieses Bild von sich zu steuern und ihre Vorteile daraus zu ziehen. Am Sprung zur Professur kommt bei einem überproportionalen Anteil der Frauen der Selbstzweifel zu stark zum Vorschein. Um dieser Dynamik in Zukunft großflächig vorzubeugen, würde es gesellschaftspsychologischer Maßnahmen bedürfen, so dass junge Mädchen erst gar nicht mehr mit einem solchen zweifelnden Bild über sich selbst aufwachsen. Bis dahin sind aber sicherlich mehr Mangement-Workshops während früherer Karrierestufen für Frauen sinnvoll.