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Lassen Sie die Frauen im Stich, Frau Minister?

#WOMANforWOMEN: Nach gut zwei Monaten im Amt liefert die neue Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß erste Schlagzeilen. Hintergrund: Sie und ihre Regierungskollegen stellen sich gegen das Frauenvolksbegehren. Bremst sie damit die Gleichberechtigung? Warum sich die Grazer Biochemikerin trotzdem als Feministin sieht.

von

Juliane Bogner-Strauss

Juliane Bogner-Strauß im Gespräch mit den WOMAN-Redakteurinnen Angelika Strobl (l.) und Melanie Zingl (r.).

© Ernst Kainerstorfer

Das Büro in der Unteren Donaustraße 13 wirkt noch etwas leer. Die Agenden der neuen Chefin sind dafür aber umso dichter: "Es gibt einige Bereiche, in denen wir ziemlich schlecht unterwegs sind. Der Gender-Pay-Gap etwa ist erschreckend." Nachsatz: "Laut Statistik erreichen wir die Gleichberechtigung ja erst weit nach meinem Tod."

Nicht nur um dringende politische Themen muss sich Juliane Bogner-Strauß, 46, kümmern, auch um weitaus banalere Dinge: "Die Pflanzen für mein Büro sind schon bestellt, aber noch nicht da. In der Artothek möchte ich mir dann noch ein paar Bilder ausborgen." Ein bisschen Deko gibt es nur hinter ihrem Schreibtisch. Dort steht eine kleine Leinwand mit bunten Abdrücken von Kinderhänden: "Die hab ich bei einem Arbeitsbesuch in der Steiermark bekommen."

Daneben befindet sich ein kleines Foto ihrer drei Kinder - im Alter von sechs bis 18 Jahren. Seit die ehemalige Molekularbiologin und Uni-Professorin im Dezember als Bundesministerin für Frauen, Familie und Jugend angelobt wurde, pendelt sie regelmäßig zwischen ihrer Heimat Graz und Wien. Zumindest hatte sie das so geplant: "Eigentlich bin ich jeden Tag da, außer freitags, da möchte ich gern von Graz aus arbeiten. Bis jetzt hat das aber erst ein Mal geklappt." Für die bessere Vereinbarkeit von Job und Familie hat Bogner-Strauß bereits mit anderen Müttern bei früheren Vorgesetzten gestreikt. Was sie aus ihrer Erfahrung als Wissenschafterin und Dreifachmutter außerdem in die Politik mitnimmt:

WOMAN: Sie sind seit zwei Monaten im Amt. Wenn man auf die Website Ihres Ministeriums klickt, findet man da aber nur die Punkte Familie und Jugend. Wo sind die Frauen geblieben?
BOGNER-STRAUSS: Da wird erst an einem einheitlichen Erscheinungsbild gearbeitet. Derzeit gibt es noch zwei separate Sites. Die alte Website ist eigentlich nicht mehr aktuell und dient nur als Verlinkung, bis die neue steht. Die Frauen kommen also noch ganz prominent.

WOMAN: Bis 13. März können die Unterstützungserklärungen für das Frauenvolksbegehren abgegeben werden. Sie wollen nicht unterschreiben. Lassen Sie die Frauen im Stich?
BOGNER-STRAUSS: Ich begrüße alle Initiativen, die Frauen stärken, aber ich werde es nicht unterzeichnen. Ein paar Punkte gehen mir einfach zu weit. Wie etwa die Arbeitszeitreduzierung auf 30 Stunden bei vollem Lohnausgleich oder auch die starre 50-Prozent-Quote. Wir haben viele Branchen, in denen es nicht möglich sein wird, diese umzusetzen.

WOMAN: Was meinen Sie damit konkret?
BOGNER-STRAUSS: In der Technik wird es sich nicht realisieren lassen. Wenn man sich die Studienzahlen anschaut, fehlen da die weiblichen Interessenten. Natürlich sollten wir den jungen Mädchen und Frauen aufzeigen, was sie alles studieren können, trotzdem muss man ihnen, genauso wie den Männern, die Entscheidungsfreiheit lassen.

WOMAN: Viele Unterstützerinnen werfen Ihnen deshalb fehlende Solidarität vor. Trifft Sie das?
BOGNER-STRAUSS: Es ist ein Volksbegehren. Wie der Name schon sagt, sollte die Initiative dabei von den Bürgerinnen und Bürgern ausgehen, und nicht von der Politik in Beschlag genommen werden. Ich möchte die Leute da nicht zu sehr beeinflussen. Aber sollte das Thema in den Nationalrat kommen, wird es auf eine gerechte und faire Behandlung stoßen.

WOMAN: Haben Sie das erste Frauenvolksbegehren unterstützt?
BOGNER-STRAUSS: Nein, damals habe ich mich gar nicht so sehr damit auseinandergesetzt. Ich bin auf einem Bauernhof mit zwei Brüdern aufgewachsen, wir waren alle gleich. Eine Woche war ich dafür verantwortlich, Holz für den Herd zu holen, die nächste Woche musste ich den Tisch abräumen. So habe ich nie den Eindruck bekommen, dass Männer und Frauen anders behandelt werden.

WOMAN: Wann ist Ihnen zum ersten Mal bewusst geworden, dass es aber doch so ist?
BOGNER-STRAUSS: Lassen Sie mich überlegen: Auf der Universität gab es bei den Gehältern keine Unterschiede, da für alle der gleiche Kollektivvertrag galt. Mir ist dann eine Zeit lang eher das Gegenteil aufgefallen: Frauen wurden bei gleicher Qualifikation bevorzugt und konnten Führungspositionen einnehmen. Da gab es viele Diskussionen mit Männern, die auch bestens qualifiziert gewesen wären. Klar kann man dann auch nicht einfach sagen: Uns ist es auch jahrelang so gegangen. Ich finde es trotzdem gut, dass man an den Schrauben dreht und sich etwas bewegt.

WOMAN: Fokus auf der Karriere, Job & Kinder oder der Familie - egal welches Modell Frauen wählen, es scheint falsch. Sie werden stärker moralisiert als Männer. Haben Sie das auch erlebt?
BOGNER-STRAUSS: Sowohl die einen als auch die anderen werden kritisiert: Rabenmütter, Glucken, Karrierefrauen. Wir Frauen müssen stärker zusammenstehen, die Lebenskonzepte so akzeptieren, wie sie sind. Im Dezember wurde ich in jedem Interview darauf angesprochen, ob ich mich jetzt als Rabenmutter sehe. Das fand ich schon hart. Im Sinne der Gleichberechtigung sollten das auch die Männer gefragt werden. Kindererziehung ist Elternarbeit und sollte nicht auf eine Person reduziert werden.

»Im Dezember wurde ich in jedem Interview darauf angesprochen, ob ich mich jetzt als Rabenmutter sehe. Das fand ich schon hart. Im Sinne der Gleichberechtigung sollten das auch die Männer gefragt werden. «

WOMAN: Wer musste sich in den vergangenen Jahren denn häufiger dafür rechtfertigen, wie Beruf und Familie schaffbar sind: Sie oder Ihr Mann?
BOGNER-STRAUSS: Bringen wir es auf den Punkt: Mein Mann ist früher nie gefragt worden. Seit ich Ministerin bin, ist das schon ein Thema. Wir haben beide immer viel gearbeitet und uns das gut aufgeteilt. Ich habe einen super Partner zu Hause, der auch immer sehr stolz auf das war, was ich gemacht habe. So haben wir alles gemeinsam geschafft. Und was die Arbeitsstunden betrifft, hat sich im Vergleich zu meinem letzten Job nicht viel geändert. Ich habe früher auch am Wochenende gearbeitet oder mich noch einmal an den Computer gesetzt, wenn die Kinder im Bett waren. So mache ich das jetzt auch. Der einzige Unterschied ist die Distanz. In meinem letzten Job bin ich um sechs Uhr vom Büro heim und hatte Abendstunden mit meiner Familie, jetzt muss ich davor noch 200 Kilometer bewältigen.

WOMAN: Neben den Frauen & Jugendlichen sind Sie für Familien zuständig. Gehören da gleichgeschlechtliche Paare auch dazu?
BOGNER-STRAUSS: Die Vielfältigkeit ist zu akzeptieren, das wurde auch vom Verfassungsgerichtshof bestätigt. Somit hat sich das Thema für mich erledigt. Ich selbst lebe traditionell modern. Unser Ältester ist ein Patchwork-Sohn, mit meinem Mann habe ich die zwei Kleinen.

WOMAN: Im Regierungsprogramm wird Familie trotzdem als "Gemeinschaft von Frau und Mann mit gemeinsamen Kindern" bezeichnet. Ist das in Zeiten von Alleinerzieherinnen, Patchwork und Co. nicht eine ziemlich antiquierte Definition?
BOGNER-STRAUSS: Es kommt darauf an, wo man es liest. Ein paar Seiten weiter hinten gibt es auch die moderne Variante: "Familie ist dort, wo Kinder sind." Ich stehe für diese Version.

WOMAN: Sie wollen, dass Mütter möglichst schnell wieder Vollzeit in den Beruf einsteigen, um für die Pension vorzusorgen. Viele können sich die dafür notwendigen Krippenplätze, Leihomas oder Babysitter aber nicht leisten. Was wollen Sie da ändern?
BOGNER-STRAUSS: Das System gehört österreichweit ausgebaut, aber Sie sprechen die Leistbarkeit an. Da müssen wir in erster Linie bei den Frauen Bewusstsein schaffen, dass eine gute Kinderbetreuung sich später bei der Pension rentiert. Ich verstehe schon: Es ist viel, wenn ich von meinem Lohn die Hälfte oder zwei Drittel wieder ausgeben muss, damit meine Kinder betreut werden. Dafür habe ich dann aber mehr Gehalt, bessere Karrierechancen und eine Pension, von der ich leben kann. Mein Mann und ich haben ausgerechnet, was wir für die Kinderbetreuung gezahlt haben - obwohl ich an der Uni nicht viel verdient habe. Die Summe will ich öffentlich gar nicht sagen, aber es war eine nachhaltige Investition.

WOMAN: Wien ist das einzige Bundesland, in dem der öffentliche Kindergarten beitragsfrei ist. Im restlichen Österreich müssen Eltern für Betreuung ganztags oder nachmittags bezahlen. Ist der Nachwuchs nicht überall gleich viel wert?
BOGNER-STRAUSS: Das ist Ländersache. Natürlich sind die Kinder, meiner Meinung nach, überall gleich viel wert. Aber der Bund kann den Ländern nicht vorschreiben, wie sie das handhaben sollen. Die Betreuungskosten sind gestaffelt. Wer wenig verdient, zahlt auch weniger dafür. Und dass in Wien die städtischen Einrichtungen gratis sind, hängt auch mit dem starken Migrationshintergrund zusammen. So kommen nichtdeutschsprachig aufgewachsene Kinder früh mit der Sprache in Kontakt.

WOMAN: Aber wäre es nicht sinnvoll, ein einheitliches Modell auf Bundesebene durchzusetzen? Das Jugendschutzgesetz wollen Sie immerhin auch österreichweit angleichen.
BOGNER-STRAUSS: Die Sinnfrage ist oft eine andere als die Umsetzbarkeit. Das steht aktuell nicht auf dem Programm und wird von den Ländern auch gern als ihre Sache gesehen.

WOMAN: Was tun Sie als Chefin persönlich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
BOGNER-STRAUSS: Ich unterstütze flexible Arbeitszeiten. Man muss darauf vertrauen, dass der Job gemacht wird, auch wenn die Mitarbeiter mal später kommen oder früher gehen. Ich habe Sitzungen oft auch beendet, weil andere Angestellte ihren Nachwuchs von der Betreuung abholen mussten. In Skandinavien funktioniert das viel besser. Dort gibt es nach 17 Uhr keine Besprechungen. Mit Kolleginnen habe ich auf der TU gestreikt: Wir haben gedroht, dass wir nicht mehr kommen, wenn die Meetings zu spät angesetzt werden. Das war den Männern unangenehm, und es wurde alles auf spätestens 16 Uhr vorverlegt.

WOMAN: Sie haben sich einmal als Supermama bezeichnet.
BOGNER-STRAUSS: Das war vielleicht ein bisschen überheblich (lacht). Mein Credo ist: Wenn ich zu Hause bin, verbringe ich die Zeit aktiv mit meinen Kindern. Dann kochen wir gemeinsam. Der Kleinste kann mit sechs Jahren schon super Schnitzel panieren. Das taugt ihm. Auch die Hausarbeit wird aufgeteilt. Die Kinder müssen wissen, dass sie auch ihre Aufgaben haben, ich gehe nicht für sie Zimmer putzen. Wenn man es so vorlebt, funktioniert das. Und je früher man anfängt, desto besser.

WOMAN: Welche Frage sollen sich Frauen in fünf Jahren - nach Ihrer Amtsperiode -nicht mehr stellen müssen?
BOGNER-STRAUSS: Hätte ich es mir einfacher machen können? Ich möchte so viel Bewusstsein schaffen, dass Frauen genau wissen, welche Möglichkeiten sie haben.

Im Wordrap:

Frauentag: Wichtiges Datum, freu mich drauf.
Gleichberechtigung: Sollte selbstverständlich sein.
Frauenvolksbegehren: Wichtige Initiative, unterstütze ich, aber unterschreibe es nicht.
Klischee: Gibt es viele.
Typisch weiblich: Kommunikativ.
Feminismus: Ich bin für pragmatischen Feminismus.
Frauenpolitik: Frauen fördern.
Familienpolitik: Familien entlasten.
Ehe für alle: Ist anzuerkennen.
Vorbild: Meine Eltern, Marie Curie.

Juliane Bogner-Strauss