Ressort
Du befindest dich hier:

Femizide in Österreich: Warum die Zahl an Frauenmorden steigt

28 Frauen. Bis zum 25. November 2021 wurden in Österreich 28 Frauen ermordet. Heute ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen: Wir sprachen mit Expertinnen darüber, was Femiziden zugrunde liegt ...

von ,

frauenmorde
© iStock

"Mit Blick auf den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen ziehen wir eine traurige Bilanz", so Klaudia Frieben, Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings. "In Österreich verzeichnen wir eine Serie an Femiziden, dennoch geht die Bundesregierung nicht auf die wiederholten Forderungen der Gewaltschutz- und Frauenorganisationen ein, die Gewaltprävention endlich mit den nötigen finanziellen und personellen Ressourcen auszustatten." Deshalb werden auch wir weiter laut sein. Und darüber berichten – bis sich endlich etwas ändert und alle Frauen in Österreich ein sicheres Leben führen können.

Hochgerechnet wird hierzulande knapp alle zwei Wochen eine Frau ermordet. Dazu kommen 51 Mordversuche bzw. Fälle von schwerer Gewalt gegen Frauen, davon 47 mutmaßlich durch (Ex-)Partner, Bekannte oder ein Familienmitglied. In Österreich ist jede fünfte Frau ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt.

Eine ähnliche Bilanz musste auch 2020 gezogen werden: 24 Morde an Frauen durch Täter, mit denen das Opfer in einem Familien- oder Beziehungsverhältnis gestanden ist. Weltweit sind es laut Schätzungen der Vereinten Nationen 137 Femizide, die täglich (!) verübt werden. Sie auch klar als solche zu benennen, ist wichtig. Sie dürfen nicht weiter als "Familientragödien" oder "Beziehungsdramen" bezeichnet werden.

Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser, erklärt warum: "Es sind Verbrechen an Frauen, weil sie Frauen sind. Schuld hat da ganz klar das patriarchale Denksystem, das noch immer extrem stark in unserem gesellschaftlichen Denken verankert ist. Nach wie vor glauben viele Männer, nicht nur jene aus anderen Herkunftsländern, dass sie aufgrund ihres Geschlechts mehr Rechte und Ansprüche haben. Sie sehen Frauen oft als Besitz und halten es nicht aus, wenn sie sich ihnen entziehen." Gewalt gegen Frauen gibt es in allen sozialen Schichten, Nationen und Familienverhältnissen. Die Täter stehen ihrem Opfer häufig nah - meist handelt es sich um Familienmitglieder oder (Ex)-Partner.

»Wenn sie einen klaren Schlussstrich ziehen, bedeutet das oft ihr Todesurteil.«

Erst in der Nacht von Sonntag auf Montag wurde im Bezirk Mistelbach eine 49-Jährige gefunden. Die Frau lag leblos neben einer Tankstelle. Eine von der Staatsanwalt angeordnete Obduktion ergab, dass sie vermutlich angefahren wurde. Der Lebensgefährte wurde festgenommen.

Wir erinnern uns auch noch an den Fall Nadine, der Trafikantin, die Anfang April nach einem Anschlag auf sie – ihr Ex hatte sie mit Benzin übergossen und angezündet – verstorben war. Sie und der Täter sollen eine On-Off-Beziehung geführt haben. Für Rösslhumer ein Indiz, dass in dieser Konstellation die Angst dominierte: "Er hat es scheinbar immer wieder geschafft, sie zurückzuholen. Das ist etwas, das wir bei vielen Frauen beobachten können. Sie gehen zu ihrem Ex zurück, weil sie fürchten, dass er das, womit er ihnen immer wieder droht, tatsächlich umsetzt. Wenn sie irgendwann doch einen klaren Schlussstrich ziehen, bedeutet das oft ihr Todesurteil …"

»An der Umsetzung hapert’s leider zu oft …«

Die Zahl der Frauenmorde steigt in den letzten Jahren stetig

Österreich ist im EU-Vergleich ein Negativ-Beispiel. Das, obwohl wir hier gute Gesetze und Maßnahmen haben in der Bekämpfung gegen Gewalt an Frauen. Allerdings: "An der Umsetzung hapert's leider zu oft", so Rösslhumer. "Die Behörden reagieren in vielen Fällen nicht adäquat oder schätzen die Situation einfach falsch ein. Justiz und Polizei sind dazu aufgefordert, noch bessere Gefährlichkeitsprognosen zu erstellen, noch mehr Beweismittel zu eruieren, mehr Zeugen zu befragen, noch enger mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten. Sie müssen sich die Täter genauer anschauen, ihre Geschichte akribisch analysieren. Auch die Strafverfahren müssen dementsprechend geführt werden: Wenn die Täter zu milde oder gar nicht verurteilt werden, bringt es die Frauen in weitere, oft lebensgefährliche Situationen."

Hier muss die Politik ansetzen

Mit einem Mitte Mai geschnürten Maßnahmenpaket, präsentiert von Justizministerin Alma Zadić, Frauenministerin Susanne Raab und Innenminister Karl Nehammer, sollte gegen Gewalt an Frauen angekämpft werden. So werden zukünftig in jeder Polizeistation Präventionsbeamte eingesetzt, die über eine spezielle Ausbildung verfügen werden. Motive und Hintergründe sollen besser und detaillierter analysiert werden. Den Datenaustausch zwischen einzelnen Einrichtungen möchte man transparenter und dichter gestalten. Auch die Beweissicherung wollte man forcieren, um die Wahrscheinlichkeit von Verurteilungen zu erhöhen.

Zum Auftakt der internationalen 16 Tage gegen Gewalt an Frauen fand am Dienstag abermals ein Gewaltschutzgipfel statt – Frauenministerin Susanne Raab, Innenminister Karl Nehammer und Martina Sorgo, Vorsitzende der Gewaltschutzzentren präsentierten in einer anschließenden Pressekonferenz vor allem die bereits vorhandenen Maßnahmen. Mit Pressekonferenzen und Gewaltschutzgipfeln ist es aber nicht getan. Es braucht dringende Schritte.

Der Österreichische Frauenring fordert 228 Millionen Euro jährlich zur sofortigen Umsetzung der #Istanbul-Konvention und zusätzlich 3.000 Vollzeitarbeitsplätze für die Gewaltprävention: "Weiters ist es dringend notwendig, dass eine langfristige Basisförderung der Einrichtungen einen planbaren Betrieb sichert und Berater:innen nicht gezwungen werden, aufgrund fehlender Förderung selbst in prekäre Arbeitsverhältnisse zu wechseln. Diejeinigen, die die Frauen beraten, die am Limit sind, dürfen selbst nicht ans Limit kommen."

»Gewalt beginnt nicht bei physischen Übergriffen und schon gar nicht bei einem tatsächlichen Mord - sondern bei Abwertung, Kontrolle, verbaler und psychischer Gewalt …«

Auch Beatrice Frasl, Podcasterin und Social Media Aktivistin für feministische Gesellschaftspolitik sieht die Situation kritisch: "Viele Betroffene von männlicher Gewalt mussten in der Vergangenheit die Erfahrung machen, von Polizeibeamten wenig ernst genommen zu werden.“ Opfer berichten von Aussagen wie: "Was haben's denn angestellt, dass ihr Mann so ausgerastet ist?"

Für Frasl ist klar: "Es mangelt immer noch an Sensibilisierung und Wissen darüber, dass Gewalt nicht bei physischen Übergriffen beginnt und schon gar nicht bei einem tatsächlichen Mord - sondern bei Abwertung, Kontrolle, verbaler oder psychischer Gewalt in einer Beziehung beziehungsweise Stalking nach einer Trennung. Im Laufe der Zeit kann das alles in physischer Gewalt eskalieren. Deshalb bin ich der Meinung, dass, angesichts der weiten Verbreitung von häuslicher Gewalt und Gewalt durch Männern an Frauen in Beziehungskontexten, ALLE Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten sehr ausgiebig auf die Thematik sensibilisiert und geschult werden müssen - nicht nur einige wenige."

Die Tatsache, dass beim Regierungsgipfel keine Gewaltschutzexpert:innen dabei waren, bemängelt Frasl ebenfalls: "Im Bereich Gewaltschutz liegen seit Jahrzehnten Forderungen auf dem Tisch - diverse Einrichtungen haben Jahrzehnte an Know-How, es braucht keine großartigen neuen Konzepte - man müsste von Seiten der Politik lediglich das tun, was die Expertinnen und Experten seit Jahrzehnten sagen."

»Diskriminierende Kommunikation darf nicht länger salonfähig sein.«

Neben dem politischen Willen, etwas zu verändern, muss auch gesellschaftliches Umdenken stattfinden, weiß Rösslhumer. Dafür braucht es kontinuierliche und dauerhafte Bewusstseinskampagnen – ebenfalls ein Punkt im Anti-Gewalt-Paket: "Wir müssen es wieder und wieder thematisieren, was hier falsch läuft – in Schulen, aber auch in Schulungen und Seminare in Betrieben etwa. Es muss Aufklärung passieren, auch dahingehend, dass Männer Zivilcourage ausüben, wenn Gewalt an Frauen stattfindet. Dass sie nicht zusehen, sondern sagen: 'Mir gefällt nicht, wie du mit deiner Freundin umgehst.'"

Diskriminierende Kommunikation darf nicht länger salonfähig sein. "Männer haben oft kein Gefühl dafür, wie sie mit Frauen umzugehen haben und wo der Übergriff beginnt. Sie nehmen sich Dinge heraus und gehen davon aus, das ist normal. Regen wir uns auf, heißt es: 'Seid nicht so zickig!' Wir sind noch so weit weg von echter Gleichstellung. Und solange das so ist, wird sich auch die Gewaltproblematik nicht bekämpfen lassen."

Diese Artikel könnten dich auch interessieren:

Hier bekommst du Hilfe

Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555 / Beratung rund um die Uhr, anonym und kostenlos, 365 Tage im Jahr.

Zusammenschluss Österreichische Frauenhäuser: Ziel des Vereins ist es, die Unterstützung von gewaltbetroffenen Frauen und deren Kindern österreichweit voranzutreiben. Mitglieder des Vereins ZÖF sind die Frauenhäuser Wien (4 Frauenhäuser), Graz, Kapfenberg, Klagenfurt, Lavanttal, Spittal, St. Pölten und Villach.

Frauenhäuser Wien: Der Verein Wiener Frauenhäuser bietet misshandelten und bedrohten Frauen und ihren Kindern Schutz und Hilfe. Insgesamt stehen rund 175 Plätze für Frauen und Kinder zur Verfügung. Neben den Frauenhäusern betreibt der Verein auch eine ambulante Beratungsstelle. Die Beratungen sind anonym und kostenlos.

Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: kostenlose und vertrauliche Hilfe bei Gewalt an Frauen, familiärer Gewalt und Stalking.

Rat auf Draht: Telefonnummer 147 - die österreichische Notrufnummer für Kinder und Jugendliche.

Auch immer mehr Unternehmen helfen aktiv mit und möchten Frauen in Notsituationen über Hilfsmöglichkeiten informieren: In einer gemeinsamen Initiative von BILLA und der Stadt Wien werden die Telefonnummern des 24-Stunden Frauennotrufs sowie des Notrufs der Wiener Frauenhäuser auf den Kassabon aufgedruckt. So soll niederschwellig über Hilfsmöglichkeiten informiert werden.

Auf dem Kassabon-Nachdruck von steht die kostenlose Telefonnummer 01/71719 des 24-Stunden Frauennotrufs der Stadt Wien. Dieser ist Anlaufstelle für alle Frauen und Mädchen ab 14 Jahren, die von sexualisierter, körperlicher und/oder psychischer Gewalt betroffen sind oder waren. Ebenfalls abgedruckt ist der Notruf des Vereins Wiener Frauenhäuser unter der Nummer 057722, die ebenfalls rund um die Uhr besetzt ist. Die Wiener Frauenhäuser bieten Frauen und ihren Kindern Schutz, Unterstützung und auch vorübergehende Wohnmöglichkeit.