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Frauen*Volksbegehren: Wie realistisch ist die 30 Stunden-Woche?

Soll ich das Frauen*Volksbegehren unterschreiben, auch wenn ich mit der Forderung der 30 Stunden-Woche so gar nicht einverstanden bin?

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Frauen*Volksbegehren: Wie realistisch ist die 30 Stunden-Woche?

Haushalt? Kinder? Pflege? Noch immer fest in Frauenhand...

© Photo by Volha Flaxeco on Unsplash

Die Eintragungswoche für das Frauen*Volksbegehren (FVB) findet von 1. bis 8. Oktober statt. Die Forderungen umfassen neun grobe Themengebiete, die WOMAN.at im Rahmen einer Serie analysiert. Was beinhalten die Forderungen? Was sagen Expertinnen und Experten dazu? Was würde sich für Frauen in Österreich ändern? Beim Thema "Arbeit verteilen" geht es darum, faire und familienfreundliche Arbeitsverhältnisse zu schaffen.

Was fordert das Frauen*Volksbegehren?

Die Forderungen betreffen - wie beim ersten Frauenvolksbegehren 1997 - hauptsächlich die ausgeglichene Verteilung von Macht und Geld. Das Frauenvolksbegehren 2.0 fordert unter der Überschrift "Arbeit verteilen", die Arbeitszeit für alle ArbeitnehmerInnen bei vollem Lohn- und Personalausgleich schrittweise auf 30 Stunden pro Woche zu verkürzen. Außerdem sollen kleine und mittelständische Unternehmen staatlich gefördert werden, um eventuelle Wettbewerbsnachteile auszugleichen.

Gerade diese Forderung des FVB ist es, an der sich viele stoßen. Nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in vielen Zeitungs-Kommentaren wird die Forderung mit "einer Anleitung zum wirtschaftlichen Bankrott" verglichen. Hauptargument der KritikerInnen ist, dass Unternehmen und die österreichische Wirtschaft eine solche Arbeitszeitverkürzung nicht tragen könnten. So wird nicht zuletzt diese Forderung von vielen als Grund genannt, warum das Volksbegehren nicht unterschrieben werden kann.Weniger Arbeit für gleiches Geld mag zuerst paradox anmuten. Doch wie steht es um die Arbeitszeit(verteilung) in Österreich wirklich? Ist die Forderung nach einer 30 Stunden-Woche tatsächlich "obskur und lächerlich" und ein Argument, das Volksbegehren erst gar nicht zu unterschreiben? Und was hat das alles eigentlich mit der Gleichstellung von Frauen zu tun?

Die Arbeitszeitverteilung in Österreich

und ihr Zusammenhang mit Geschlechterungleichheit

Der Gender Equality Index der EU belegt zwar, dass sich der Gender Pay Gap hierzulande kontinuierlich schließt, hochgerechnet bräuchten wir bei dem derzeitigen Tempo aber noch immer um die 80 Jahre, bis Gleichberechtigung erreicht ist. Europaweit gibt es nur zwei Länder, in denen die Gehaltsschere weiter auseinandergeht als in Österreich. So klafften die Bruttojahreseinkommen von Frauen und Männern 2015 laut Statistik Austria hierzulande um 40 Prozent auseinander. Hier sind alle Teilzeit- und Vollzeitstellen eingerechnet. Vergleicht man nur die Bruttojahresverdienste der ganzjährig Vollzeitbeschäftigten, beträgt der Unterschied immer noch 17,3 Prozent.

Gerade Frauen sind es aber, die Teilzeit arbeiten – genauer gesagt knapp die Hälfte aller arbeitenden Frauen in Österreich und drei Viertel aller Frauen mit Kindern. Zudem leisten überwiegend Frauen unbezahlte Familien- und Hausarbeit, oder unterbrechen ihre Arbeit für Pflege und Kinderbetreuung. Rund vier Stunden pro Tag wenden sie für Haus,- Pflege-, Sorge- und Erziehungsarbeit auf. Diese Unterbrechungen und die generell schlechtere Bezahlung in sogenannten "Frauenberufen" haben auch Auswirkungen im Alter: Altersarmut ist in Österreich eindeutig weiblich. Die Differenz bei der Höhe der Pensionen beträgt ganze 43 Prozent.

Gleichzeitig arbeiten viele Männer 40 und mehr Stunden, um am Monatsende das Familienkonto ausreichend zu füllen. Nur zehn Prozent der Männer in Österreich sind Teilzeit-Angestellte. Sonderlich fair und familienfreundlich sind solche Arbeitsverhältnisse mit Sicherheit nicht – die Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten macht von diesem Standpunkt aus gesehen also durchaus Sinn. Für viele klingt die "kurze Vollzeit" bei vollem Lohnausgleich aber nach (zu) schöner Utopie. Wie realistisch ist sie wirklich – und was brächte sie?

Ist eine 30 Stunden-Woche überhaupt realistisch?

Neu ist die Idee einer kürzeren Arbeitswoche jedenfalls nicht. Und während in Österreich die Höchstarbeitszeit aktuell auf 60 Stunden die Woche und 12 Stunden am Tag ausgedehnt wird, geht international der Trend in Richtung Arbeitszeitverkürzung. Beispiele aus Skandinavien, Neuseeland oder auch Deutschland zeigen, dass durchaus auch die Unternehmen gewinnen könnten: Wo der 6 Stunden-Arbeitstag oder eine 4 Tage-Woche eingeführt wurden, gingen Krankenstände zurück und die Arbeitszufriedenheit wie auch die Produktivität der MitarbeiterInnen stieg deutlich. Das alles bei vollem Lohnausgleich. Weitergedacht profitieren so Staat und Gesellschaft, weil Ausgaben für Arbeitslosigkeit und Gesundheit sinken und den BürgerInnen wieder Zeit für ehrenamtliches und zivilgesellschaftliches Engagement bleibt.

Als Negativbeispiel wird von KritikerInnen immer wiederFrankreich ins Treffen geführt: Nach Einführung der 35 Stunden-Woche im Jahr 2000 seien die Personalkosten extrem gestiegen, was die von KritikerInnen des FVB befürchteten Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitslosenquote zur Folge gehabt hätte. Allerdings weitete die Regierung damals die Überstundenkontingente derart massiv aus, dass die 35 Stunden-Regelung, die übrigens bis heute gilt, verwässert wurde. Außerdem wird diese Analyse der französischen Verhältnisse nicht von allen geteilt: So stehen dem vermuteten Anstieg der Personalkosten und der verminderten Wettbewerbsfähigkeit Berechnungen gegenüber, die wiederum davon ausgehen, dass 18 Prozent der zwischen 1998-2002 geschaffenen Arbeitsplätze, auf die 35-Stunden-Woche zurückzuführen sind. Auch makroökonomische Analysen von Arbeitszeitverkürzungen kommen zu anderen Ergebnissen, etwa jene von Philipp Poyntner, die 2016 erschienen ist.

Vorreiter Oberösterreich?

Das oberösterreichische Marketingunternehmen eMagnetix lässt sich davon nicht abschrecken. Die Firma wird die Arbeitszeit ab Oktober 2018 als erste Firma in Österreich von 40 auf 30 Stunden kürzen. Ihre Idee von weniger Arbeit bei gleicher Bezahlung bezeichnen sie als "Win/Win/Win-Situation", denn die Angestellten seien durch mehr Freizeit ausgeglichener, zufriedener und damit auch produktiver. Dass das in der Praxis auch wirklich funktioniert, stellten sie mit einer Testphase im Vorjahr sicher. Trotzdem: Unterm Strich entstünden laut eigenen Angaben mehr Kosten, wie Geschäftsführer Klaus Hochreiter gegenüber orf.at sagt: "Wir haben einmal alles hinterfragt und durch gewisse Optimierungen Zeit eingespart. So kommen wir auf circa fünf Prozent weniger Umsatz. Aber das ist unser langfristiges Investment in die Zufriedenheit unserer Mitarbeiter."

»Die Gleichung Arbeitszeitverkürzung = mehr Arbeitsplätze kann nur aufgehen, wenn sich das Unternehmen das Einstellen von mehr Mitarbeitern auch leisten kann.«

Weiter gestützt wird der Trend Richtung Arbeitszeitverkürzung übrigens durch ein schon Jahre altes Modell des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien. Laut diesem brächte eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um zehn Prozent – also auf 35 Stunden – neben mehr Zufriedenheit, Produktivität und Gerechtigkeit – zudem ein Beschäftigungswachstum von drei bis vier Prozent. Das entspricht rund 100.000 neuen Jobs. Diese Zahl steht wiederum den hohen Kosten entgegen, die die Umstellung auf kürzere Arbeitszeiten mit sich brächte.

Der Soziologe Jörg Flecker hält da in seinem Essay aus dem Jahr 2015 optimistisch dagegen: "Natürlich steigen die Kosten zuerst einmal. Es ist eben eine Umverteilung. Man kann das auch nicht in großen Schritten alleine in einem Land machen, das muss auf europäischer Ebene koordiniert werden. Aber wir haben in Europa massive Ungleichgewichte, an der auch die hohe Produktivität in einzelnen Ländern schuld ist. Will man diese Ungleichgewichte ausgleichen, muss man die Kosten in Überschussländern wie Deutschland oder Österreich erhöhen. Wenn aber auch andere europäische Länder die Arbeitszeit verkürzen, muss das kein Nachteil für Österreich sein."

Ist die Kritik "der Wirtschaft" gerechtfertigt?

Die Arbeitsrechtlerin Julia Englader ergänzt: "Ein Großteil der Debatte dreht sich aus ökonomischer Sicht um die Frage, ob durch eine Arbeitszeitverkürzung tatsächlich ein positiver Beschäftigungseffekt geschaffen werden kann. Bevor man sich aber überhaupt mit einer Umverteilung der Arbeitszeit beschäftigt, sollte meines Erachtens erst an einer anderen (politischen) Stellschraube gedreht werden: einer deutlichen Reduktion der Lohnnebenkosten, welche bei uns im EU-Durchschnitt vergleichsweise hoch sind. Die Gleichung Arbeitszeitverkürzung = mehr Arbeitsplätze kann nur dann aufgehen, wenn sich die Unternehmen das Einstellen von mehr Mitarbeitern auch leisten können." Die heftig diskutierte mangelnde Wettbewerbsfähigkeit aufgrund steigender Kosten könnte dadurch entschärft werden. Einmal mehr wäre hier die Politik gefragt.

Würde die eigentliche Forderung des FVB durch eine 30 Stunde-Woche erreicht?

Fakt ist: Familie und Beruf ließen sich besser miteinander vereinbaren, wenn sich beide Elternteile die unbezahlte Arbeit im privaten Bereich fair teilen können. Eine 30 Stunden-Woche bringt aber nicht automatisch mehr Gleichberechtigung. Dazu braucht es ein entsprechendes Angebot an Kinderbetreuungs- und Pflegeeinrichtungen und den lange überfälligen Werte- und Einstellungswandel in puncto Geschlechterrollen in Haushalt und Arbeitswelt: "Es wäre Sache der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es auch Müttern ermöglichen, ihrem Beruf nachzugehen – und zwar in dem Ausmaß, in dem sie es wünschen. Denn der Hauptgrund, warum so viele Frauen in der Teilzeitfalle landen ist, dass es schlichtweg nicht möglich ist, eine Vollzeitbeschäftigung anzunehmen, weil der Kindergarten jeden Tag um 15:30 Uhr sperrt und insgesamt 10 Wochen im Jahr geschlossen hat", bringt es die WOMAN-Gastautorin und Rechtsanwältin Carmen Thornton auf den Punkt.

Claudia Gamon, Frauensprecherin der NEOS, nennt die Forderung nach der 30-Stunden-Woche etwas schärfer "sozialistische Symptombekämpfung". Stattdessen solle ihrer Meinung nach der Fokus auf Rahmenbedingungen des Arbeitsmarkts oder auf geschlechterspezifischen Rollenbildern liegen. Es sollten lieber geeignete Kinderbetreuungsmöglichkeiten geschaffen werden, um echte Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Aber genau das ist ebenfalls eine Kernforderung des Frauen*Volksbegehrens: Unabhängig von Erwerbstätigkeit, Wohnort und Einkommensverhältnissen der Eltern soll bis zum 14. Lebensjahr des Kindes eine ganztägige und kostenlose Kinderbetreuung gewährleistet sein, die mit einer Vollzeitbeschäftigung vereinbar ist. Die Ansinnen des Frauenvolksbegehrens greifen somit ineinander, sind durchdacht – und von einer Arbeitszeitverkürzung von jetzt auf gleich spricht ohnehin niemand.
Trotzdem stellt sich für einige weiter die Frage:

Soll ich das Frauen*Volksbegehren unterschreiben, auch wenn ich mit der Forderung der 30 Stunden-Woche so gar nicht einverstanden bin?

Das Frauen*Volksbegehren hat insgesamt neun Kernforderungen mit 34 Unterpunkten. Einer davon ist die Forderung nach einer 30 Stunden-Woche. Diese halten sicher nicht nur einige Ökonomen für unrealistisch – zumindest auf kurze Sicht. "Aber in Verhandlungen geht man schließlich immer mit ambitionierten Zielen," schlussfolgert die Arbeitsrechtlerin Englader: "bereits eine 35 Stunden-Woche wäre ein Erfolg." Und freilich wäre der einfache Schluss, das aktuelle Männer-Frauen-Arbeitsverhältnis von 40:20 kurzerhand auf 30:30 zu verteilen, naiv.

»In Verhandlungen geht man schließlich immer mit ambitionierten Zielen!«

Die 30 Stunden-Arbeitswoche ist vielmehr als langfristiges Ziel zu verstehen und könnte sich – bei allen zugestandenen Startschwierigkeiten – zu einer potenziellen Erfolgsstory für den gesamten österreichischen Arbeitsmarkt entwickeln. Die schrittweise Umsetzung könnte die geeignete Ausgangsbasis dafür schaffen, die Arbeit in der Gesellschaft tatsächlich völlig neu zu verteilen – zwischen Männern und Frauen, Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigen, Arbeitslosen und Beschäftigten.

Anders gesagt: Viele der Forderungen – so eben auch die der gerechten Arbeitsverteilung – reichen weit über die Frauenpolitik hinaus und betreffen allgemeine soziale Fragen. Bei der Themenbreite ist es fast logisch, dass man persönlich nicht von allen Anliegen zu hundert Prozent abgeholt wird. Ob das ein Grund ist, sich gleich ganz gegen das Volksbegehren zu stellen, muss jeder für sich selbst beantworten.

Da die Forderungen des 1. Frauenvolksbegehrens 1997 nur unzureichend oder überhaupt nicht verwirklicht wurden, sahen sich die Vertreterinnen und Vertreter des neuen Frauen*Volksbegehrens dazu berufen, die Forderungen noch einmal aufzurollen, zu aktualisieren und wieder in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen und starteten eine der größten feministischen Bewegungen Österreichs. In der Woche von 1. bis 8. Oktober ist 7 Tage lang Zeit, das Frauen*Volksbegehren auf jedem Gemeindeamt (Bezirksamt in Wien) unabhängig der eigenen Gemeinde zu unterschreiben. Wichtig: Für eine gültige Unterschrift wird ein amtlicher Ausweis benötigt. Volksbegehren müssen von mindestens 100.000 Stimmberechtigten unterschrieben werden, damit sie im Nationalrat behandelt werden. Mehr Infos findet ihr auf frauenvolksbegehren.at.