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FVB: Wie würde eine Gesellschaft ohne Sexismus aussehen?

Frauen und Männer, die frei von Rollenbildern ihren Weg selbst bestimmen - das wünscht sich das Frauen*Volksbegehren, das seit Montag zum Unterschreiben aufliegt. Doch warum sind Sexismus und Stereotype überhaupt so schädlich für die Gesellschaft? Wir haben uns das Thema "Vielfalt leben" genauer angeschaut.

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FVB: Wie würde eine Gesellschaft ohne Sexismus aussehen?
© Photo by emily reider on Unsplash

Die Eintragungswoche für das Frauen*Volksbegehren findet von 1. bis 8. Oktober statt. Die Forderungen umfassen neun Themengebiete, die WOMAN.at im Rahmen einer Serie analysiert. Was beinhalten die Forderungen? Was sagen Expertinnen und Experten dazu? Was würde sich für Frauen in Österreich ändern? Beim Thema “Vielfalt leben” geht es darum, Sexismus und schädliche Stereotype aus der Gesellschaft zu verbannen und so für mehr Entfaltungsmöglichkeiten für Männer und Frauen zu sorgen.

Was fordert das Frauen*Volksbegehren?

  • Verbot von Werbungen, Marketingstrategien und sonstigen kommerziellen Medieninhalten, die Menschen in abwertender, stereotyper und/oder sexistischer Weise darstellen
  • Gesetzliche Verankerung einer geschlechtersensiblen Ausbildung aller Pädagog*Innen mit bundesweit einheitlichen Standards und Evaluationsmaßnahmen, sowie staatliche Finanzierung und gesetzliche Verankerung von Institutionen und Beratungsstellen, die in diesem Bereich Schulungen, Aus- und Weiterbildung anbieten
  • Verbot der sexualisierten Darstellung Minderjähriger
  • Verbot von geschlechterdiskriminierenden und stereotypen Darstellungen in Kinder- und Jugendmedien, insbesondere in Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen
  • Presseförderungsbonus für alle Medien, die sich in der Blattlinie zu einer geschlechtersensiblen, klischeefreien Berichterstattung bekennen

Warum sind Sexismus und Stereotype schädlich für Jugendliche?

Sexismus bezeichnet die Diskriminierung einer Person aufgrund ihres Geschlechts. Es handelt sich also ganz klar um etwas Negatives - das trifft nicht automatisch auf alle Stereotype zu. Sie dienen zur Strukturierung und Einordnung der Gesellschaft. Laut Psychologie braucht der Mensch solche schnellen Anhaltspunkte um sich in seiner Umgebung zurechtzufinden und sich den sozialen Situationen entsprechend zu verhalten. Geschlechterstereotype dienen - nicht zuletzt aufgrund unserer Sozialisation - dazu, um Menschen in zwei Kategorien einzuteilen: Mann oder Frau. Das Problematische daran: Einerseits kann sich nicht jeder innerhalb dieser binären Kategorien verorten, andererseits wird es eben diskriminierend, wenn eine der beiden Kategorien als weniger wert angesehen wird.

Typische Geschlechterstereotype kennen wir alle: Männer sind stark, dominant, emotionslos und mutig. Frauen wiederum gelten als fürsorglich, sozial, emotionsgeladen und sensibel. Auch wenn die meisten wissen, dass sich das von Mensch zu Mensch, unabhängig vom Geschlecht unterscheidet - diese Zuschreibungen halten sich hartnäckig. Und indem diese Differenzen immer wieder reproduziert werden - sei es in den Medien, der Werbung, dem Unterricht oder in der Erziehung - werden sie zur Norm. Und alle, die von der Norm abweichen, haben es nicht leicht. Ein Beispiel dafür sind etwa der Schlankheitswahn und die Mager-Models.

Wie wirken sich Medieninhalte auf Jugendliche aus?

Die Mediensozialisation ist ein eigenes Forschungsfeld und bezeichnet das Lernen durch Medieninhalte. Fernsehen, Internet, insbesondere Smartphones und Social Media beeinflussen schon früh Kinder und Jugendliche. Dort vergleichen sie sich konstant mit ihren Freunden und Gleichaltrigen. “Vor allem über das jugendkulturrelevante Social Media, besonders über Instagram oder auch YouTube-Influencer, wird die stereotyp-optimierte Selbstdarstellung verankert. Dort suchen und finden Jugendliche heute nämlich ihre Leitbilder”, so Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung Wien.

Auch die Geschlechterentwicklung funktioniert auf diesem Wege. Laut Eleanor Maccoby, einer der führenden EntwicklungspsychologInnen in Gender-Fragen, können Kinder schon mit zwei bis drei Jahren nicht nur ihr eigenes Geschlecht bestimmen, sondern verstehen auch die Geschlechterordnung der Gesellschaft. Angeeignet haben sie sich dieses Wissen durch ihr Umfeld. In diesem Alter verlangen Kinder also häufiger nach klaren Strukturen und nach einfach zu unterscheidenden Merkmalen. Dieses strenge Rollenverständnis wird dann ab 5 Jahren wieder ein wenig gelockert.

Gendermarketing: So nutzt die Wirtschaft Geschlechterstereotype

Der Wunsch der Kinder und jungen Menschen nach Orientierung wird von der Werbebranche genutzt. Das sogenannte Gendermarketing baut auf leicht verständliche Geschlechterstereotype. So werden verschiedene Spielsachen für Jungen und Mädchen produziert und beworben. Die offensichtlichste Unterscheidung findet bei der Farbgebung statt - Mädchen spielen mit Rosa, Jungen mit Blau. Und dies wird dann in der Handlung weitergeführt: Jungen hämmern, bauen, kämpfen, Mädchen treffen sich mit Freundinnen, tratschen, spielen gerne mit Puppen und machen sich hübsch.

Gendermarketing ist aber nicht nur auf Kinder ausgerichtet, sondern zieht sich durch alle Altersgruppen. Würde man dem glauben, was in der Werbung zu sehen ist, so könnte man meinen, Frauen und Mädchen interessieren sich hauptsächlich für Mode, Kosmetik und Gesundheit. Männer lieben demnach hingegen Heimwerken, Autos und Sport. Diese Differenzierung wird in weiterer Folge nicht nur im Konsumverhalten sichtbar, sondern auch in der Berufswahl und der Selbstwahrnehmung.

In einer Studie über “Bodyshaming und Social Media”, für die im Jahr 2017 15- bis 19-jährige Wienerinnen befragt wurden, zeigt sich ein starker Hang zur Selbstoptimierung, insebesondere beim Aussehen. Laut den befragten Jugendlichen, erhöhe eine Anpassung an die im Web kursierenden Körperbilder, ihr soziales Kapital. Jene, die es nicht tun, müssen mit Kritik rechnen. Viele der Befragten gaben deshalb an, schon mit 13 "extrem viel Sport" gemacht und die erste Diät probiert zu haben, weil “der Eindruck vermittelt wird, für die Welt da draußen nicht hübsch genug zu sein.” Doch auch wenn sich die Mädchen stereotyp verhalten, würden sie das nie so nennen, meint Beate Großegger. “Sie würden sagen, dass sie sich auf Instagram eben einfach ein bisschen schöner, besser und cooler zeigen als sie wirklich sind, weil das auf „Insta“ einfach dazu gehöre. Dass sich ihr Verständnis von ‘schöner, besser und cooler’ an medial vermittelten und letztlich auch medial verfestigten Attraktivitätsstandards orientiert, ist dabei nicht Thema”, so die Wissenschaftlerin.

Und auch im Berufsleben sieht man die Unterschiede zwischen Mädchen und Buben deutlich, vor allem am Gender Pay Gap (siehe unser Artikel zur 30-Stunden-Woche). In Sachen Berufswahl wird mit dem Girls’ Day im März und dem Boys’ Day im November versucht, möglichst das gesamte Berufswahlspektrum für beide Geschlechter zu öffnen. Denn es gibt immer noch Ausbildungen und Bereiche, die von jeweils einem Geschlecht bevorzugt werden. Dafür reicht ein Blick auf die häufigsten Lehrberufen von 2017:

Top 5 - Mädchen

  • Bürokauffrau
  • Frisörin und Perückenmacherin (Stylistin)
  • Einzelhandel - Lebensmittelhandel
  • Einzelhandel- Allgemeiner Einzelhandel
  • Köchin

Top 5 - Jungen

  • Metalltechnik
  • Elektrotechnik
  • Kraftfahrzeugtechnik
  • Installations- und Gebäudetechnik
  • Maurer

Wie sieht die gesetzliche Lage für die Werbewirtschaft und Medien aus?

In Österreich gilt das Gleichbehandlungsgesetz. Es besagt, dass niemand aufgrund von Geschlecht, Alter, ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder Weltanschauung, sexueller Orientierung oder Behinderung diskriminiert werden darf. Dieser Grundsatz gilt für die Arbeitswelt, wobei da zwischen privaten und staatlichen Unternehmen unterschieden wird.

Wie steht’s mit der Werbung?

Seit 2011 gibt es innerhalb des Werbereats den Antisexismus-Beirat. Dieser gibt Empfehlungen ab, “wie Beschwerden mit sexistischen Werbeinhalten zu beurteilen wären, bevor der Werberat eine endgültige Entscheidung trifft”. Der Werberat wiederum ist ein Selbstregulierungstool der werblichen Wirtschaft. Er mahnt und ruft gegebenenfalls zum Stopp von Kampagnen auf (im Jahr 2017 waren das von den 504 eingebrachten Beschwerden 18 Werbekampagnen), doch juristisch eingreifen kann er nicht. Tatsächlich gibt es in Österreich keine bundesgesetzliche Regelung zum Umgang mit sexistischer Werbung.

Geschlechtersensible Bildung in Österreich

Seit 2012 ist das sogenannte IBOBB-Konzept Teil der Grundprinzipien des österreichischen Bildungsangebots. Aufgebaut auf den drei Säulen Information - Beratung - Orientierung, soll es bei der Berufsorientierung helfen. Laut dem Bildungsministerium sollen strukturelle Einflussfaktoren wie das Geschlecht der Kinder in die Diskussion miteinbezogen werden, damit die Palette an Wahlmöglichkeiten größer wird.

Die geschlechtersensible Berufsorientierung ist laut dem Konzept ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung der SchülerInnen. Aber nicht nur im Bereich der Berufsorientierung kommt den Bildungsinstitutionen eine tragende Rolle zu: Generell würde es der Wahrnehmung von Vielfalt und der individuellen Entwicklung dienen, im Unterricht auf geschlechtersensible Sprache achten, verschiedene Familien- und Lebensformen in den Unterricht einbeziehen und den SchülerInnen nicht-stereotype Role Models vorstellen. Auch die Erziehungsberechtigten werden im Idealfall in diesen Prozess eingebunden. Und obwohl die Wissenschaft die positiven Auswirkungen von gendersensibler Pädagogik in vielerlei Hinsicht belegt hat - gesellschaftlich ist das nach wie vor nicht allgemein akzeptiert, Stichwort: "Genderwahn".

Gegenbeispiel Schweden & “Fun & Care” in Wien

Die skandinavischen Länder sind zwar nicht fehlerfrei, doch haben sie schon einige Veränderungen und Reformen durchgebracht, die progressive Stimmen auch in Österreich und Mitteleuropa fordern. Im Falle der Forderung “Vielfalt leben” kann man auf das schwedische Schulsystem verweisen, das 2011 grundlegend reformiert wurde. So ist das Gender Teaching noch mehr in den Fokus gerückt. Darunter versteht man bindende Anweisungen bezüglich der geschlechtersensiblen Bildung. So muss ein Kindergarten oder eine Vorschule aktiv den traditionellen Geschlechterrollen entgegenwirken. Mädchen und Buben sollen gleichermaßen die Möglichkeit haben, alles auszuprobieren und Interessen zu entwickeln - ungeachtet ihres Geschlechts. Und da dies eine Weisung der Regierung ist, wird dementsprechend auch in der Ausbildung der BetreuerInnen auf diesen Punkt geachtet.

In Österreich gibt es Einrichtungen, die dem schwedischen System sehr ähneln: etwa die Bildungskindergärten “Fun & Care”. 1999 startete die Stadt Wien den ersten geschlechtersensiblen Kindergarten als Pilotprojekt. Als Grundlage dient die Überzeugung, dass Geschlechterrollen angelernt sind. Demnach versucht man, die Handlungsräume der Kinder zu erweitern. Dies bedeutet nicht, dass die Kinder "gleichgeschalten" werden, sondern, dass sie sich individuell und ohne strengen Geschlechterrollen entwickeln können. Alle sollen die gleiche Chance haben, ein glückliches Leben zu führen. Und wenn ein Mädchen Fußballspielen mag und ein Bub gern in der Puppenecke sitzt, ist das okay so.

Wie würde die Gesellschaft ohne Sexismus aussehen?

Dass Sexismus keine angemessene Form der Kommunikation ist, dem würden wohl die meisten zustimmen. Doch wenn es um Geschlechterstereotype geht, werden kritische Stimmen laut. Es wird von der Gleichschaltung der Geschlechter gesprochen, dem Männerhass, von Kampf-FeministInnen, die Jungs nicht Jungs und Mädchen nicht Mädchen sein lassen. Doch diese Kritik beruht häufig auf einem Missverständnis: Der Sinn von geschlechtersensibler Bildung ist nicht, alle Menschen gleich zu machen, sondern allen Menschen die gleichen Chancen auf ein glückliches Leben einzuräumen - ohne, dass sie dabei einem bestimmten Bild entsprechen müssen.

Wo unterschreiben?

Da die Forderungen des 1. Frauenvolksbegehrens 1997 nur unzureichend oder überhaupt nicht verwirklicht wurden, sahen sich die Vertreterinnen und Vertreter des neuen Frauen*Volksbegehrens dazu berufen, die Forderungen noch einmal aufzurollen, zu aktualisieren und wieder in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen und starteten eine der größten feministischen Bewegungen Österreichs. In der Woche von 1. bis 8. Oktober ist 7 Tage lang Zeit, das Frauenvolksbegehren auf jedem Gemeindeamt (Bezirksamt in Wien) unabhängig der eigenen Gemeinde zu unterschreiben. Wichtig: Für eine gültige Unterschrift wird ein amtlicher Ausweis benötigt. Volksbegehren müssen von mindestens 100.000 Stimmberechtigten unterschrieben werden, damit sie im Nationalrat behandelt werden. Mehr Infos findet ihr auf frauenvolksbegehren.at.