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Freundschaft ist die neue Liebe

Mit ihnen stürzen wir uns in die wildesten Abenteuer, lachen, leiden und weinen gemeinsam. Sie sind da, wenn uns andere im Stich lassen und Beziehungen scheitern. Durch sie ist unser Leben bunter, wärmer, schöner: Beste Freundinnen und Freunde.

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Beste Freunde
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Manche gehen irgendwann in die Brüche, manche halten ein ganzes Leben lang. Überdauern Schicksalsschläge, Lebenskrisen, gescheiterte Partnerschaften und alle Distanzen: Freundschaften. "Wenn zwei Menschen willens sind, Veränderungen und Entwicklungen des anderen zu akzeptieren und sogar zu begrüßen, dann sind sie erfolgreich", so Freundschafts-Experte und Buchautor Martin Hecht. "Aber viele Leute wollen ihren Freund immer so wie vor 20 Jahren haben, in alten Zeiten schwelgen. Das tut nicht gut."

Denn Freundschaft ist eine Dauerbaustelle, außer man bricht die Arbeiten schon früher ab. Und wann das passiert, hängt vor allem mit bestimmten Lebensabschnitten zusammen, so die Wiener Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher: "Im Schnitt ändert sich unser Leben alle sieben Jahre, durch Schule, Lehre, Berufswechsel, Beziehungen, Kinder." Den neuen Umständen sind viele alte Freundschaften nicht gewachsen. Männer wie Frauen erreichen laut Statistik mit 25 ihren Höchststand an sozialen Kontakten, dann werden die Freundesbeziehungen weniger. Ab 45 stabilisiert sich die Anzahl der Wegbegleiter.

Man kann mit maximal 150 Leuten befreundet sein.

Wobei drei wirklich gute Freundinnen oder Freunde mehr bringen als 20 halbherzig gepflegte Beziehungen. Was aber ist "gut"? Martin Hecht hat da für sich eine Regel aufgestellt: "Es gibt immer Freunde für den Spaß und solche für den Ernst. Es gibt selten Menschen für beides. Wenn du so jemanden gefunden hast, hast du einen wahren Freund. Wenn's eng wird, ist er oder sie noch da. Das ist die Nagelprobe." Neben dem ganz engen Freundeskreis, der aus maximal sieben Personen besteht, haben wir noch gute Bekannte und Menschen, mit denen man lose interagiert, wie den Kellner vom Lieblingscafé. Das hat Robin Dunbar, britischer Professor für evolutionäre Psychologie, festgestellt. Insgesamt kann unser Hirn aber nicht mit mehr als 150 Personen umgehen.

Freundschaften sind Familienersatz

Wer allerdings eher auf Quantität setzt, auf viel Ablenkung, wird notgedrungen oberflächlichere Freundschaften haben. Doch gerade die tiefergehenden sind heutzutage, in der Single-Gesellschaft, in der es schon normal ist, dass Beziehungen früher oder später in die Brüche gehen, wichtiger denn je. "Unsere Großmütter hatten noch x-Verwandte. Neffen, Nichten, Onkeln, Tanten. Da war man eingebettet in einen großen Verband, der natürlich auch in Krisenzeiten zuverlässig war. Heute erleben wir den Trend zur Vereinzelung. Viele Aufgaben, die früher die Familie übernommen hat, übernehmen heute Freundinnen und Freunde. Sie sind die Wahlverwandten, hat schon Goethe gesagt." Sie stärken das Immunsystem, geben Selbstwert und stärken die Psyche, weiß Oberzaucher. Und das sogar oft mehr als Familie und Verwandte, wie eine australische Langzeitstudie belegt.

Echte Freunde und Freundinnen erhöhen die Lebenserwartung um bis zu 22 Prozent.

"Ist ja auch kein großes Wunder", ergänzt Hecht. "Wenn ich Leute habe, die mir meine Probleme schultern helfen, brauche ich keinen Psychotherapeuten. Das altmodische Wort Trost ist das, was Freunde spenden, wenn es einem nicht gut geht. Die einen aufrichten und sagen: ,Hey, das wird schon wieder!' Das ist eine große Ressource, die einem helfen kann, den Glauben an die Welt wiederzufinden." Erforscht ist, dass Menschen nach traumatischen Erlebnissen, wie nach einem Unfall oder einer Gewalttat weniger oft psychisch erkrankten, wenn ein stabiles soziales Netzwerk sie aufgefangen hat. Hundert Likes auf Facebook und Bekundungen wie "Kopf hoch!" oder Ähnliches können allerdings kein Face-to-Face-Gespräch ersetzen. "Freundschaft muss man nämlich erleben", betont die Verhaltensbiologin.

Alles platonisch

"Freundschaft ist wie eine Liebesbeziehung ohne erotischen Faktor, aber sie entspringt dem gleichen Gefühl. Wenn du jemanden nicht von Herzen magst, dann wird es nie eine gute Verbindung werden. Der Kitt ist, dass man sich einfach mag. Dass man ein ehrliches Interesse an der Person des anderen hat." Der Vorteil gegenüber einer Partnerschaft: Wir erwarten nicht so viel Aufmerksamkeit - wir sind nicht so streng mit dem anderen, wenn er sich mal komisch verhält.

"Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns ganz genau kennen und trotzdem zu uns halten." Marie von Ebner-Eschenbach

Was Freundschaften zwischen Männern und Frauen betrifft, ist der Experte allerdings eher skeptisch: "Das gibt es, aber eher als Ausnahme. Denn oft ist einer der beiden im Innersten dann doch enttäuscht, dass es keine Liebe wurde und hofft vielleicht sogar noch weiter." Die amerikanische Kommunikationsforscherin Heidi Reeder hat solche platonischen Freundschaften untersucht und herausgefunden: 28 Prozent der Befragten finden den anderen körperlich anziehend, 14 Prozent sehnen sich nach einer Liebesbeziehung, 39 Prozent haben zumindest früher romantische Absichten gehabt. Funktionieren kann es auch, wenn die Freundschaft aus einer Liebesbeziehung entsteht, mit der beide ohne Bitterkeit abgeschlossen haben.

Beste Freunde

Es ist nie zu spät für neue Freundschaften

Freundschaften kann man in jedem Alter schließen. Schon mit drei Jahren hat man die ersten. Und es ist, sofern man ein offener, kommunikativer Mensch ist, nie zu spät. Allerdings gehört auch Glück dazu, wie Hecht erklärt. Ob man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Eine deutsche Studie kann das belegen. So fand man heraus, dass die Sitzordnung im Hörsaal einer Uni die Entwicklung von Freundschaften beeinflusst hat. Personen, die zufällig nebeneinander gesessen sind, waren ein Jahr später stärker miteinander befreundet als Kommilitonen, die voneinander entfernt gesessen sind. Neue Begegnungen stehen den längeren dabei um nichts nach."

"Über die Qualität einer Freundschaft entscheidet nicht deren Alter, sondern wie der gegenseitige Austausch ist." Es gibt auch keine fixen Regeln, wie Freundschaften entstehen.

Klassischer Freundschaftskiller

Freundschaften, die wegen neuen Partnern in die Brüche gehen: "Das ist der Klassiker", schmunzelt Hecht. "Wenn die eine zur anderen sagt: ,Was hast du dir denn da für einen Lackaffen geangelt' und nicht bereit ist, den Neuen mit einzubeziehen. Dann kann es schnell mal Erotik gegen Freundschaft heißen." In der ersten Verliebtheit hat der Neue die besseren Karten.

Fehlende Freundschaften sind so ungesund wie 15 Zigaretten am Tag.

Eine stabile Freundschaft müsste so etwas eigentlich aushalten. Die ist ja nicht nur etwas für Gelegenheiten, sondern sollte auch solche Prozesse überdauern. Tatsache ist allerdings, dass Männer nach der Eheschließung ihre Freundschaften um die Hälfte reduzieren, bei Frauen fällt das nicht ganz so dramatisch aus. "Man darf allerdings nicht vergessen, dass auch ein Paar beste Freunde sein kann." Tragisch wird es, wenn man plötzlich ohne Beziehung dasteht - und auch ohne Freundschaften außerhalb. Denn kann ein Single-Leben auch durchaus glücklich sein - ohne die beste Freundin, mit der man alles bequatschen kann, wird's einsam. Und Einsamkeit ist genauso schädlich wie 15 Zigaretten am Tag.

Sei dir selbst eine Freundin

"Alles kann man sich von einer Freundschaft aber auch nicht erwarten", weiß Hecht. "Sie hat ihre Grenzen. Wir müssen auch mit uns selber befreundet sein und mit uns selber auskommen. Die besten Freundschaften werden von Menschen geführt, die sehr eigenständig und autonom sind, die auch mal allein sein können. Dann muss die Freundschaft nicht so viel auffangen und tragen."
Am schädlichsten für eine Beziehung ist, wenn man eine Funktion füreinander hat. In einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander steht. Der eine den anderen beispielsweise immer bemuttern oder beschützen muss. "Denn Freundschaft heißt nicht, dass wir uns gegenseitig von Nutzen sind, sondern miteinander heiter und unbeschwert. Dass wir lachen und uns ergänzen. Und auch in Krisenzeiten füreinander einstehen."

Beste Freunde