Ressort
Du befindest dich hier:

Das denken FriseurInnen *wirklich*, wenn du dir selber die Haare schneidest oder färbst

In der Quarantäne haben wir unsere FriseurInnen vermisst und selbst auch mal Hand angelegt. Dass das nicht immer so gut ausgegangen ist, weiß Expertin Karin Ekengren. Sie berichtet, wie es den Salons in der Krise ergangen ist.

von
Kommentare: 2

haare corona
© iStock

Der Pony wurde lang, der Ansatz unerträglich und die Spitzen gar so splissig. Plötzlich hielt man nach einem YouTube-Video eine Schere in den Händen und schnipp! – schon ist das Unglück passiert. Oder man hat doch die falsche Haarfarbe gewählt. Natürlich sind wir nun heilfroh, dass unsere FriseurInnen wieder ihre rettenden Hände an unsere Haar-Fails legen können.

Doch obwohl die ganzen misslungenen Haar-Experimente für die FriseurInnen einen wirtschaftlichen Zuwachs bedeuten können, sind sie nicht wahnsinnig froh darüber, weiß Karin Ekengren. Die gebürtige Schwedin ist die Geschäftsführerin der KM-HairAcademy in Wien. Außerdem vertreibt sie Friseurprodukte der Marken Kevin.Murphy, Eleven Australia und Oway, die alle drei für ihre nachhaltige Herangehensweise bekannt sind. Mit ihr sprachen wir über die Situation in den letzten Monaten und der Chance, jetzt (endlich) auf nachhaltige Produkte zu setzen.

WOMAN: In den letzten Wochen hat man auf Social Media gemerkt, dass die Emotionen hochgekocht sind, wenn es um das Thema "DIY-Haareschneiden/-Nachfärben" gegangen ist. Hatten Sie auch das Gefühl, dass in Ihrer Branche viel Stress, Angst und Sorge geherrscht hat?
Karin Ekengren: Viele FriseurInnen haben ja tatsächlich davon abgeraten, selbst etwas zu tun. Denn man arbeitet dann eher mit billigen Produkten, zum Beispiel Farben, die man dann nur extrem schwer wieder aus dem Haar bekommt. Das ist dann natürlich wirtschaftlich gut für die FriseurInnen, aber es ist ein langer Prozess. Oft ist es nämlich nicht möglich, die KundInnen beim ersten Termin wieder schön zu machen. Um da einen Mittelweg zu gehen, haben wir unsere KundInnen per Skype beraten, indem wir ihre Karteikarten angeschaut haben. Wenn es sich zum Beispiel nur um eine einfache Ansatzfarbe handelte, haben wir sie den KundInnen direkt zugeschickt und ihnen erklärt, wie man das zuhause selbst nachfärbt. Aber das haben wir nur in den Fällen gemacht, in denen wir wussten, dass es nicht kompliziert ist. Wenn jemand eine Blondierung gebraucht hat, dann haben wir andere, Produkte wie etwa einen Ansatzspray angeboten. Eine schöne Notlösung eben.

WOMAN: Merkt man, dass viele KundInnen zuhause experimentiert haben?
Karin Ekengren: Ja, unser Salon ist gerade komplett ausgebucht und da kommen viele KundInnen, die komplett verzweifelt sind. Da hat etwa der Mann seiner Frau die Haare gefärbt oder die Frau ihrem Mann die Haare geschnitten und das ist dann in vielen Fällen so richtig schief gegangen. Und das ist dann für die FriseurInnen auch nicht leicht, was die zeitliche Einschätzung betrifft. Denn wir wissen ja auch nicht genau, wie lange wir brauchen werden, um die Haare zu retten. Aber natürlich ist es auch schön, wenn man die KundInnen wieder glücklich machen kann, wobei ihnen dann häufig teurer kommt als ein üblicher Friseurbesuch.

WOMAN: Jetzt haben die Salons ja wieder geöffnet. Wie ist die Stimmung?
Karin Ekengren: Die KundInnen sind extrem glücklich, dass wir wieder geöffnet haben. Aber wir arbeiten wirklich viel mit speziellen Behandlungen und da ist es für eine Friseurin, einen Friseur schön, wenn man gleich ein perfektes Ergebnis präsentieren kann und nicht eine "Rettung" durchführen muss. Denn das ist meistens ganz schön, aber eben nicht perfekt. Und trotzdem müssen wir dafür viel Geld verlangen, da die Behandlung entsprechend kompliziert war. Das ist dann kein gutes Gefühl.

WOMAN: Ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt, ist Nachhaltigkeit. Das haben aber noch nicht viele Salons umgesetzt. Ist das eine Sache der KundInnen, dass sie bei ihrem Friseurbesuch darauf achten oder ist das eine Sache der Friseursalons?
Karin Ekengren: Ich vertrete ja drei Marken in Österreich und für unsere GeschäftspartnerInnen ist es schon sehr wichtig, dass sie nachhaltig arbeiten können. In unserem Salon ist das auch so. Und deshalb ziehen wir auch KundInnen an, denen die nachhaltigen Produkte genauso wichtig sind. Denn sie sind auch bereit, mehr Geld für solche Produkte auszugeben.

WOMAN: Das ist aber noch nicht in allen Salons so?
Karin Ekengren: Das hat damit zu tun, dass die günstigeren Marken den Großkonzernen gehören und da steht nicht die Nachhaltigkeit ganz weit vorne. Die meisten FriseurInnen arbeiten immer noch mit den Großkonzernen zusammen. Weil die oft die besseren Gewinn-Margen haben, aber im Endeffekt kommt dasselbe raus. Zum Beispiel setzen sie den Listenpreis höher an und dafür bekommen die KundInnen 30 oder 40 Prozent Rabatt im Salon. Bei uns sind die Listenpreise fair angesetzt. Das bedeutet, wir setzen die Preise nicht höher an, um dann Rabatte geben zu können. Das ist eine andere Art zu arbeiten.

WOMAN: Hat das Thema Nachhaltigkeit nach der Krise vielleicht eine bessere Chance, sich durchzusetzen?
Karin Ekengren: Ich glaube, wir haben während der Krise alle gesehen, wie es sich auf die Umwelt auswirkt, wenn wir Menschen nicht so viel Einfluss nehmen und uns zurückziehen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, nachhaltig zu denken. Und zwar bei Produkten, die nicht nur für unsere Haare nachhaltig sind, sondern auch für die Umwelt. Ich sehe auch, wie viel Müll wir im Salon produzieren. Da könnte man den ganzen Prozess und die Mülltrennung überdenken. Und das ist dann auch die Möglichkeit für Salons, die nicht viel Geld in Nachhaltigkeit investieren können! Wichtig ist nur, dass wir jetzt damit anfangen. Später könnte es zu spät sein.

WOMAN: In den letzten Monaten standen die Salons still, doch obwohl das Business jetzt wieder laufen kann, weiß man nie, ob man nicht noch einmal in eine solche Situation kommt. Was haben die Salons aus dieser Zeit gelernt? Wie konnten sie sich umstellen und auf eine andere Art weiterarbeiten?
Karin Ekengren: Social Media und Videotelefonie war für viele FriseurInnen sehr neu, glaube ich. Und es gab auch Video-Tutorials für die FriseurInnen selbst, damit sie sich weiterbilden können. Daran musste man sich zwar gewöhnen, aber ich glaube das hat dann auch geklappt. Falls so etwas noch einmal passieren würde, würden wir noch viel stärker auf die Online-Kommunikation setzen. Wir würden unseren KundInnen sagen: 'Bitte, bevor du zuhause selbst etwas machst, lass dich von uns beraten!' Ein weiterer Bereich, sind die Produkte. Wir haben zum Beispiel vermehrt jene Produkte zu den KundInnen nach Hause geschickt, die sie sonst im Salon gekauft hätten.

WOMAN: Wie kann man eine Brücke schlagen zwischen den KundInnen, die gerne selbst Hand an ihre Haare legen wollen und den FriseurInnen, die nachher Frisuren retten müssen? Welche Haar-Tipps sollte man geben?
Karin Ekengren: Temporäre Produkte! Farbauffrischer, die der Haarfarbe neuen Glanz geben. Oder Ansatzsprays. Es gibt zum Beispiel auch Spitzenseren, die man mit dem Glätteisen einarbeitet und wo dann die Spitzen zumindest zeitweise versiegelt werden. Wir werden weiterhin solche temporären Produkte empfehlen und die KundInnen bitten, das zuerst mal so zu probieren, bevor sie etwas dauerhaft verändern.

Thema: Haare

Kommentare

Katja X.

Äh, bessere „Maschen“ der Großkonzerne? Vielleicht sehe ich das als Nicht-Strickerin falsch, bin aber ziemlich sicher, dass hier die „Margen“ gemeint sind ... 😉

WOMAN

Wir sind von den besseren "Verkaufsmaschen" ausgegangen! :-D Aber ändern das jetzt in "Margen"! Danke fürs genaue Lesen!