Ressort
Du befindest dich hier:

Ich ließ Kinder und Mann zurück - für das Abenteuer meines Lebens

Wenn man Gabriele Frank erzählen hört, traut man seinen Ohren kaum. Die Oberösterreicherin reiste letztes Jahr alleine nach Pakistan, um ihren Traum zu erfüllen. Mit WOMAN hat sie über ihre Abenteuer-Reise gesprochen!

von

Gabriele Frank

Gabriele Frank (57) mit ihren Töchtern in Indien.

© Privat

Im Sommer 2015 reiste die 57-jährige Gabriele Frank aus Vöcklabruck alleine nach Pakistan. Sie ließ ihre drei Kinder und ihren Ehemann zurück, um dort für einen ganzen Monat ihren Traum zu leben. Ein Fotograf von "Humans of New York", einer der populärsten Seiten auf Facebook (mehr als 16 Millionen Fans), porträtierte die Österreicherin und stellte das Foto ins Netz. Bisher haben das Bild schon 300.000 Menschen geliked - Menschen weltweit preisen die dreifache Mutter als "role model", weil sie trotz ihres Alters, trotz Familie und schlechten Englischkenntnissen alleine nach Pakistan aufbrach, um dort Berge zu besteigen. Wir haben mit der Kindergartenpädagogin aus Oberösterreich über ihr großes Abenteuer gesprochen. Über Strapazen, Verzweiflung, wunderschöne Momente und Ortschaften - und über Erkenntnisse.

“Sorry, my English is not good. I’m here to climb mountains. I left my husband and sweet childrens back in Austria.” (Hunza Valley, Pakistan)

Posted by Humans of New York on Sonntag, 2. August 2015

WOMAN: Sie waren auf dieser Reise durch Pakistan als österreichische Touristin komplett alleine unterwegs. Erzählen Sie ein bisschen davon...
Gabriele Frank: Ich habe während der ganzen Reise nur zwei männliche Touristen aus Europa getroffen und keine weitere Frau. Ich war mit keiner europäischen Trekkingagentur oder Reisebüro unterwegs, hatte aber immer einen Guide. Die komplette Reise habe ich selbst organisiert und mir nur einheimische Guides und Unterkünfte ausgesucht. Übers Internet und Facebook habe ich kommuniziert. Manchmal hatte ich auch einen extra Driver und auf den Bergen Träger für das Gepäck. In einigen Landesteilen auch eine bewaffnete Polizeieskorte oder einen Polizisten, der mit einem Gewehr hinter oder vor uns herging.

WOMAN: Das klingt irgendwie bedrohlich... war es das?
Gabriele Frank: In einem besonders gefährlichen Abschnitt der Reise hatte ich auch ein extra Polizeiauto, das mit drei bewaffneten Männern vor uns herfuhr und uns überwachte und/oder beschützte. Besonders lustig war es im Astoretal, da fuhr der Polizist auf einem altersschwachen Moped vor uns her und wir mussten im Schneckentempo hinter ihm herfahren. Es gab auch immer wieder Polizeikontrollen, an denen Ausweise, Visa und Genehmigungen überprüft wurden. Interessant war es im Ort Chilas, da musste ich alleine in das von schwer bewaffneten Männern umlagerte Polizeihauptquartier kommen. Zur Prozedur wurde extra ein Dieselstromaggregat angeworfen um Strom für den Computer zu haben.

WOMAN: Ein unglaubliches Abenteuer also... verlief trotzdem alles nach Plan?
Gabriele Frank: Die Reise begann in der Hauptstadt Islamabad wo ich gelandet bin. Da musste ich gleich mein Programm ändern. Eigentlich wollte ich mir zwei Tage die Hauptstadt anschauen, aber wegen Unruhen war die Stadt für Ausländer gesperrt und es war besser gleich nach Norden in die Berge zu fahren. Da startete ich auf der Rakhiotseite des Nanga Parbat das Trekking. Hier erreichte ich die sogenannten Fairy Meadows. Das ist das Basislager von wo aus 1953 Hermann Buhl zur Erstbesteigung des Nanga Parbat aufgebrochen ist. Es ging nun in verschiedenen Abständen zu den anderen Seiten des Nanga Parbat, nach Gilgit über den Passugletscher bis fast an die Grenze nach Tadschikistan und China. Ich besuchte die Täler Hunzavalley, Naranvalley, Astorevalle und die Rupalflanke des Nanga Parbat. Auch die Stadt Abbottabad in der Osama bin Laden, 2011 von der US Armee aufgestöbert und getötet wurde, konnte ich besuchen. Sie liegt in der gefährlichen Provinz Khyber Pakhtunkhkwa.

»Ich konnte manche Dörfer und Landschaften nur durch langwierige Verhandlungen meines Guides und dessen Onkeln, Neffen und anderen Verwandten mit den örtlichen Stammesführern besuchen.«

WOMAN: War es denn nicht schwierig als Touristin all diese Plätze zu besuchen?
Gabriele Frank: Ich konnte manche Dörfer und Landschaften nur durch langwierige Verhandlungen meines Guides und dessen Onkeln, Neffen und anderen Verwandten mit den örtlichen Stammesführern besuchen. Das war immer spannend und aufregend. Denn in Pakistan ist es ohne Erlaubnis der Dorfältesten nicht möglich ein Stammesgebiet zu betreten. Eine Frau darf entweder vorne durch das Dorf gehen (wenn der Älteste gut aufgelegt ist) oder muss hinten um das Dorf herumgehen! Es war auch immer ein Wechsel der Träger an diesen unsichtbaren Grenzen notwendig. Denn die Träger aus dem einen Dorf dürfen nicht in das andere Dorf, so musste das Gepäck wieder umgeladen und verteilt und die Preise neu verhandelt werden. Einmal hat sich ein Dorf geweigert die Tätigkeit für eine niedrige Frau zu übernehmen. Und wir mussten das Gepäck mit Hilfe der Polizeieskorte selbst befördern.

WOMAN: Die gesamte Reise scheint ein einziges Abenteuer gewesen zu sein... Gibt es dennoch etwas, das Sie nie vergessen werden?
Gabriele Frank: Ich war in einem sehr entlegene Tal dem Chapursanvalley auf 4000 Meter Höhe unterwegs, als ich mitten in der Nacht von einheimischen Männern geweckt wurde. Sie klopften aufgeregt an die Türe meiner Unterkunft und schrien irgendetwas. Sofort war ich hellwach. Ich wollte die Türe nicht öffnen da ich an irgendwelche Übergriffe dachte und überlegte fieberhaft was ich nun tun konnte. Die Männer ließen nicht locker und schließlich konnte ich einige Fetzten Englisch verstehen: "Rain, Rain, Landslide!" Sofort begriff ich. Durch plötzlich einsetzenden Regen in der Nacht hat sich eine Schlammlawine gebildet, die nun den Ort bedrohte. So schnell wie möglich zog ich mich an, packte nur das Notwendigste und öffnete die Tür. Draußen in der Finsternis standen triefend nasse Männer und holten mich mit einem Jeep ab. Ich wurde schnell in ein tiefer gelegenes Gebiet gefahren und konnte im Haus des Dorfältesten unterkommen. Im einzigen Raum dieses Hauses waren schon mindestens 20 Frauen und Kinder evakuiert worden. Gott sei Dank haben sie noch an mich gedacht und mich, die fremde Frau, noch schnell geholt. Tatsächlich bin ich dann in diesem Dorf drei Tage festgesessen, weil der einzige Zugang verschüttet war. Es ist auch in den folgenden Tagen den Männern des Dorfes nicht gelungen die Straße freizubekommen. Ich wollte aber nicht ewig in diesem Dorf versauern und so musste ich mitsamt dem Gepäck zu Fuß über die Mure und von dort ins nächste Dorf, um einen Jeep zu bekommen. Da war ziemlich aufregend, zumal die Stimmung im abgeschnittenen Dorf gekippt ist und die Männer mit Fäusten aufeinander losgegangen sind.

WOMAN: Was hat Sie überhaupt veranlasst diese Reise zu machen?
Gabriele Frank: Ich bin begeisterte Bergsteigerin und verbringe jede freie Minute in den Bergen. Ich war schon im nepalesischen und im indischen Teil des Himalaya und wollte nun auch den pakistanischen Teil dieses gigantischen Bergmassives kennenlernen. Außerdem wollte ich auf den Spuren von Hermann Buhl reisen. Hermann Buhl der 1953 als erster Mensch den Nanga Parbat bestiegen hat, war der Held meiner Mutter. Immer hat sie in meiner Kindheit von ihm erzählt. Er war der damalige Reinhold Messner und ich habe mich sehr mit ihm beschäftigt und seine Bücher gelesen. Ich wollte nun sehen wie dieser Berg ausschaut und einen Traum verwirklichen - „Einmal im Leben den Nanga Parbat sehen“.

Gabriele Frank mit Familie
Gabriele Frank (links) mit ihrer Mutter und ihren drei Kindern (Julia, Rosa und Florian)

WOMAN: Wie hat Ihr Mann reagiert, als sie ihm von dem Vorhaben erzählten?
Gabriele Frank: Mein Mann ist ein sehr ruhiger und pragmatischer Mensch. Er unterrichtet Deutsch und Geographie an einer HTL. Er ist es schon gewöhnt, dass ich sehr selbständig bin und oft alleine verreise. Ich war auch schon im Himalaya alleine unterwegs. Er versorgt dann zuhause unsere Kinder und kümmert sich um unsere Katze. Er begleitet mich an seinem Computer virtuell und schaut auf Google Maps und Street View wo ich bin. So habe ich immer das Gefühl, dass er bei mir ist. Er ist mein Stützpunkt in der Heimat für alle Eventualitäten.

»Ich wurde mit den absoluten Grenzen meines Ichs konfrontiert und da geschah, was immer geschieht, wenn ich gefordert werde: Ich mache einfach weiter.«

WOMAN: Sie scheinen eine Frau ohne Ängste zu sein. Gab es dennoch eine Situation, in der Sie verzweifelten?
Gabriele Frank: Ja, die gab es. Ich musste einen Gletscher mit schlecht ausgerüsteten Trägern und Guides überqueren. Während der Nanga Parbat Umrundung musste ich auch einen Gletscher überqueren. Ich habe in Österreich schön öfters einen Gletscher mit Bergführer überquert und kannte die dafür notwendige Seiltechnik und Ausrüstung. Aber hier war alles anders. Die einheimischen Träger waren junge Burschen die nur Turnschuhe und nicht einmal Gletscherbrillen hatten. Der Guide hatte statt einem Seil nur eine kurze Reepschnur, diese war gut verpackt und er wollte diese Verpackung auch nie öffnen. So startete ich mit 3 Trägern und 2 Guides die allesamt schlecht ausgerüstet waren zu dieser Gletscherüberquerung. Stundenlang kam es mir so vor als irrten wir durch das Labyrinth aus Eis und Moränen. Immer wieder mussten wir Gletscherbäche und tiefe Spalten überqueren. Ich war am Heulen als sich wieder ein Weg als aussichtslos erwies und wieder eine riesige Eiswand vor uns stand. Hier fühlte ich zum Ersten Mal reale Gefahr und die Angst. Ich wurde mit den absoluten Grenzen meines Ichs konfrontiert und da geschah, was immer geschieht, wenn ich gefordert werde: Ich mache einfach weiter. Und schließlich kamen wir dann doch noch auf die andere Seite und eine herrliche Vollmondnacht mit glitzernden Sternen war das Dankeschön!

WOMAN: Warum ist es wichtig manchmal alleine zu reisen?
Gabriele Frank: Mit dieser Reise habe ich mir einen Traum erfüllt „Einmal den Nanga Parbat“ sehen. Meinen Berg, der Schicksalsberg der Deutschen, der Killer Mountain, der Berg Reinhold Messners und Herrmann Buhls. Keine Freundin in meinem Alter wäre bereit gewesen oder auch nur annähernd fit genug diese Strapazen auf sich zu nehmen. Mein Mann liebt es lieber bequem und so musste ich alleine starten um diesen Traum zu erleben. Also, verschiebt nicht eure Träume auf später, geht alleine! Ich habe eines gelernt: Wenn man alleine reist, ist man viel aufmerksamer. Man hat keine Ablenkung und ist ganz alleine auf die Bevölkerung des Landes angewiesen. Man findet schneller Freunde, wenn man nicht alleine herumsitzen will. Man ist viel spontaner und kann schneller reagieren und Routenänderungen machen. Es wird immer deutlicher, je länger die Reise dauert, was einem wirklich wichtig ist. Die Kinder! Die Familie, die zuhause wartet! Niemals werde ich die annähernd gleichaltrige Bäuerin in Rashit, einem entlegenen Bergdorf, vergessen. Sie hat mich in ihr Haus eingeladen und wir wurden Freundinnen ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Sie zeigte mir ihre Felder und den Garten, ihre Enkel und wir verstanden uns. Sie traute sich sicher nur zu mir Kontakt aufzunehmen, weil ich alleine war. Das war eine tolle Begegnung.

Gabriele Frank
Gabriele mit ihren beiden Töchtern Julia (30) und Rosa (24) in Indien
»Es macht sehr nachdenklich, wenn man in Gebieten unterwegs ist, in denen Frauen komplett aus dem öffentlichen Geschehen verdrängt sind und Gesellschaft nur männlich definiert ist.«

WOMAN: Würden Sie sagen, dass Sie diese Reise verändert hat?
Gabriele Frank: Durch diese Reise habe ich gesehen, wie schwer es Frauen in Pakistan haben und wie sehr sie entwertet und unterdrückt werden. Ich habe auch erkannt, dass das Kopftuchtragen als Demutshaltung von den Frauen verlangt wird. Viele Frauen möchten nicht verschleiert leben, sondern ihre Gesichter und ihre Schönheit zeigen. Es macht sehr nachdenklich, wenn man in Gebieten unterwegs ist, in denen Frauen komplett aus dem öffentlichen Geschehen verdrängt sind und Gesellschaft nur männlich definiert ist. Ich habe Einblick in diese patriarchalische Kultur bekommen und gesehen, wie man mit Frauen umgeht. Persönlich habe ich die Leistungsgrenzen meines Körpers in großen Höhen kennengelernt. Wir sind doch viele Tage auf über 5000 Metern unterwegs gewesen und das verlangt dem Körper viel ab.

WOMAN: Haben Sie noch Tipps für Frauen, die auch alleine reisen wollen?
Gabriele Frank: Eine gute und sehr durchdachte Vorbereitung ist für mich sehr wichtig. Genaue Streckenkenntnisse, Kenntnisse des Landes und dessen Kultur, wo und wie bekomme ich Hilfe. Die Botschaften und deren Adressen wissen, Notfallgeld und Dokumente immer am Körper tragen. Wichtig ist auch das Gepäck: Was nehme ich alles mit? Was brauche ich unbedingt zum Wohlfühlen auch in der dreckigsten Hütte? Was hilft mir in einsamen Stunden? Reisetagebuch führen... Offen sein für Abweichungen, wenig Ansprüche an Sauberkeit, Hygiene und Essen stellen. Sich selbst an der Hand nehmen und führen, Empathie für Gefahren und gefährliche Situationen entwickeln. Es einfach tun und schauen was passiert!

Gabriele Frank hat uns alle sehr inspiriert. Ihre Geschichte erinnert uns daran, dass wir unsere Träume nur selbst verwirklichen können. Dass wir für unseren Traum auch einmal Strapazen in Kauf nehmen müssen. Und dass wir anstatt zu verzweifeln lieber einfach weitermachen sollten. Eine starke Frau.

Themen: Reise, Report