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„Garden of Delight“: Vaginas sind schön, also lasst uns offen über sie reden!

Das vorherrschende Idealbild von weiblichen Geschlechtsteilen verleitet immer mehr junge Frauen dazu sich unters Messer zu legen. Diesem gefährlichen Trend möchten Künstler entgegenwirken. So auch die Wienerin Petra Holländer mit ihrer Serie „Garden of Delight“.

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Petra Holländer / Farbenkind / Garden of Delight

Petra Holländer von Farbekind und ihre Serie "Garden of Delight"

© Petra Holländer / Farbenkind

Kürzlich hat mir eine Bekannte anvertraut, dass ihre Vagina nicht normal aussehen würde. „Was heißt normal?“, fragte ich sie. Sie fing an zu schluchzen und ich bemerkte wie tief die Komplexe saßen. Unter Tränen erklärte sie mir, dass ihre Schamlippen nicht so aussehen würden, wie in Pornos, nicht so „schön“. Sie wirken „ungesund“. Was heißt ungesund? Was heißt schön? Funktioniert alles so wie es funktionieren soll?

Schamlippen variieren von Frau zu Frau. Die Wahrheit ist, dass nicht einmal beide Schamlippen sich ähneln. Genauso wenig, wie unsere Augen, unsere Ohren, unsere Brüste und unsere Füße. Schamlippen sind weder identisch noch symmetrisch. Auch die Hoden eines Mannes sind kein Spiegelbild voneinander.

Die Zahl an Schamlippenverkleinerungen steigt...

Trotzdem leiden immer mehr Frauen unter dem Aussehen ihrer Vagina. Die Nachfrage nach Schamlippenkorrekturen steigt seit Ende der 1990er Jahren. In Großbritannien stellt der Eingriff den am schnellsten wachsenden Bereich innerhalb der plastischen Chirurgie dar. In Österreich hat sich die Zahl der durchgeführten Schamlippenverkleinerungen von 2001 bis 2011 verfünffacht. Auch im Nachbarland Deutschland boomen die Schönheitsoperationen in Bezug auf Schamlippenverkleinerungen. Während 2005 knapp 1000 Eingriffe durchgeführt wurden, waren es 2011 bereits 5400 Schamlippenkorrekturen. In einigen Ländern zählen Schamlippenverkleinerungen zu den beliebtesten Formen von plastischen Operationen.

Als Grund für die Operation werden in fast 85% der Fälle ästhetische Motive angeführt.
Durch die Popularität der Intimrasur sind Ausprägungen der Schamlippen sichtbarer als zuvor und werden oftmals subjektiv aus unästhetisch angesehen. Medien unterstützen dabei dieses Ideal, indem in vielen Erotikfilmen, -magazinen und sogar in Werbekampagnen für Unterwäsche die inneren Schamlippen mittels Grafikbearbeitung entfernt oder per Weichzeichnung unkenntlich gemacht werden. Als Ergebnis entsteht das Bild von Frauen mit einem glatten Spalt als Genitalbereich.

Kunst als Aufklärung

Die junge Wienerin Petra Holländer ist nur eine von vielen Künstlerinnen, die sich für Body-Positivity einsetzen. Was per Zufall begann, hat sich mittlerweile zu ihrem Hauptwerk etabliert. In einem Interview mit WOMAN erzählt sie, wie sie zu dem Thema „Vulvas“ kam, was dabei ihre Inspiration war und warum sie die Gesellschaft mittels ihrer Kunst aufklären möchte.

  • Petra Holländer / Farbenkind / Garden of Delight
    Bild 1 von 3 © Petra Holländer / Farbenkind
  • Petra Holländer / Farbenkind / Garden of Delight
    Bild 2 von 3 © Petra Holländer / Farbenkind

1. Wie bist du auf die Idee gekommen Vulvas zu malen?

Es hat eigentlich alles mit dem Künstlerkollektiv „Zyklus“ begonnen. Es ist eine Art Klub für Frauen, der von einer Wiener und einer Berliner Künstlerin gegründet wurde. Jeden Monat haben sie ein anderes Thema, zu dem man frei malen, zeichnen und illustrieren kann. Die eingereichten Werke werden dann auf deren Plattform ausgestellt. Ich fand es spannend, dass so viele Frauen etwas zu einem Thema kreieren. Vor etwa drei Monaten war das Thema „Vulvas“ dran. Ich habe mitgemacht und auch ein Bild aus „Garden of Delight“ eingereicht.

2. Wie bist du auf das Motiv gekommen? Hattest du schon eine genaue Vorstellung oder woran hast du dich inspiriert?

Anfangs wusste ich noch nicht in welche Richtung ich künstlerisch gehen wollte, einfach weil ich noch nichts konkretes über das Thema wusste. Dann habe ich mich mehr mit dem Thema auseinandergesetzt, bin vielen Accounts auf Instagram zum Thema „Body-Positivity“ gefolgt. Beim Recherchieren ist mir dann schnell aufgefallen, dass es keine guten und vor allem realitätsnahen Fotos von Vulvas gibt. In meiner weiteren Recherche bin ich dann auch in einen Bereich eingedrungen, wo es um das vorherrschende Idealbild der weiblichen Geschlechtsteile ging. Besonders erschreckend fand ich die Tatsache, dass die Anzahl an Schamlippenkorrekturen drastisch ansteigt und es vermehrt Seiten gibt, die Pro-OPs sind und genau erklären, wie der chirurgische Eingriff aussieht.

Damit war für mich schnell klar, dass ich eine realitätsnahe und detaillierte Vulva zeichnen, meinem eigenen Stil dennoch noch treu bleiben möchte. Die Vulva habe ich wie eine Blüte in einem Garten gezeichnet. Außenrum sind noch weitere Pflanzen. Die Serie selbst habe ich auch „Garden of Delight“ genannt, weil die Vagina auch mit Lust in Verbindung steht.

3. Ursprünglich wolltest du nur ein Bild machen. Wieso hast du doch eine Serie daraus gemacht?

Während meiner Recherche bin auch darauf gestoßen, wie eine ideale Vagina auszusehen hat. Viele Frauen und Mädchen glauben ihre Vagina müsste eine bestimmte Form haben, die inneren Schamlippen dürften nicht sichtbar sein und schon gar nicht über den äußeren hängen. Sie finden sich selbst hässlich, nicht liebenswert und all das, wegen etwas, das sie nicht ändern können. Manche Frauen leiden so sehr darunter, dass sie psychische Probleme entwickeln und als einzigen Ausweg nur noch eine Schamlippenkorrektur sehen.
Mich hat das sehr mitgenommen. Aus diesem Grund wollte ich durch eine Vulva-Serie zeigen, dass es viele unterschiedliche Formen und Ausprägungen der weiblichen Geschlechtsteile gibt und jede auf ihre eigene Art wunderschön ist.

4. Möchtest du noch mehr Bilder zu dem Thema machen?

Im Moment habe ich nur drei Vulvabilder gemacht, möchte die Serie aber definitiv noch ausweiten. Das Kollektiv Zyklus hat mir hierfür nur einen Anstoß gegeben. Ich habe gemerkt, wie viel Aufklärungsbedarf noch da ist. In meinen drei Bildern habe ich versucht unterschiedliche Darstellungsformen zu zeigen, welche aber bei weitem noch nicht ausreichend sind, daher wäre eine größere Serie sinnvoller.

Petra Holländer Künstlerin

5. Wie waren die Reaktionen auf deine Bilder?

Die Reaktionen waren zweigeteilt, einerseits fanden viele Leute (vor allem Frauen) die Serie toll und spannend, anderseits waren einige fast beschämt, die Bilder zu betrachten. Da merkt man, dass das Thema teilweise noch tabuisiert und kontrovers ist. Im Gegensatz zur Vulva kommt der Penis im Alltag viel öfter vor und wird viel mehr thematisiert, auch im Bereich des Visuellen. Wie oft hat man nicht schon einen Penis irgendwohin gekritzelt gesehen, eine Vulva sieht man dagegen sehr selten. Im Sprachgebrauch kommt das weibliche Geschlechtsteil oft negativ behaftet vor, „sei nicht so eine Muschi“ zum Beispiel. Begriffe wie „Schamlippen“ suggerieren dann auch, dass die Vulva etwas sei, wofür man sich schämen sollte. Ich denke, hier kann man noch einiges ändern!

Meine Serie behandelt nur einen kleinen Bereich der Themen Selbstwahrnehmung, Selbstliebe und Wahrnehmung der Frau in der Gesellschaft, aber die Reaktionen auf meine Werke haben mir gezeigt, dass es sich auf jeden Fall lohnt, hier anzusetzen und etwas verändern zu wollen.
An eine Reaktion erinnere ich mich noch besonders: eine Frau hat sich unter einer meiner Vulva Illustrationen, die auf Instagram von einer anderen Seite geteilt wurde, für dieses Kunstwerk bedankt. Es hätte ihr gezeigt, dass es viele unterschiedliche Arten und Formen von Vulvas gäbe und ihre nicht hässlich oder abnormal sei. Wenn ich durch meine Kunst etwas bewegen und zum Positiven verändern kann, auch wenn es nur bei einem einzigen Menschen ist, dann ist das ein sehr schönes, erfüllendes Gefühl und inspiriert mich zum Weitermachen!