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Gaslighting: Psychoterror statt Partnerschaft

Schon einmal von Gaslighting gehört? Dieses fatale Beziehungsmuster kommt öfter vor als man denkt. Dabei möchte ein Partner den anderen manipulieren - durch subtile Gehirnwäsche.

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Gaslighting: Psychoterror statt Partnerschaft
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"Du übertreibst total" Oder: "Du kannst froh sein, dass ich mit dir zusammen bin!" Mit diesen oder ähnlichen Sätzen wird in vielen Beziehungen der Partner manipuliert. Das muss nicht gleich eine krankhafte Form annehmen, aber der Übergang zum "Gaslighting" - der Begriff leitet sich von einem gleichnamigen Theaterstück aus den 1940er-Jahren ab -ist fließend. "Dabei kommt es in Beziehungen zu einer massiven Machtverschiebung. Der schwächere Charakter wird so lange einer Gehirnwäsche unterzogen, bis er sich in völliger Selbstaufgabe verliert", weiß die Wiener Psychologin Karin Flenreiss-Frankl. Bei "Gaslighting" geht es also nicht um Herzschmerz im klassischen Sinn, sondern um eine Form von psychischer Gewalt. Das Fatale: Der Täter beeinflusst nicht nur im negativen Sinn, er wendet "Zuckerbrot und Peitsche" an.

»Das 'Opfer' orientiert sich zunehmend am 'Täter', die eigenen Bedürfnisse geraten in Vergessenheit.«

Wie schnell macht sich psychischer Missbrauch bemerkbar?
Flenreiss-Frankl: Das dauert. Zu Beginn gewinnt der dominantere Typ das Vertrauen des anderen. Er ist charmant, einfühlsam und spürt, wo die Schwachstellen des anderen liegen. Erfüllt man seine Ansprüche, gibt es Lob, weist man ihn zurück oder entspricht nicht den Vorstellungen, wird der Partner mit Liebesentzug bestraft. Das ist die größte Kränkung. Dabei geht es meist um Lappalien.

Versuchen Betroffene dann krampfhaft, alles "richtig" zu machen?
Flenreiss-Frankl: Ja, leider wird dadurch erst recht eine Negativspirale in Gang gesetzt. Der Leidtragende glaubt, wenn er sich "brav" und angepasst verhält, wird der andere wieder zum liebenswerten Charmeur. Doch das ist nicht der Fall. Der "Täter" möchte die völlige Unterwerfung, verachtet aber seinen unterlegenen Partner im gleichen Maß. Die Erniedrigungen gehen so weit, bis das "Opfer" an seinem Verstand zweifelt und sich zurückzieht. Isolation ist häufig die Folge. Damit geht die Möglichkeit verloren, diese Vorgänge mit Außenstehenden zu reflektieren.

Wie sieht dieser psychische Missbrauch konkret aus?
Flenreiss-Frankl: Subtile Manipulation ist kaum zu erkennen. Es wird kritisiert: "Du bist zu blöd dazu" oder "Wieso kannst du das nicht so gut wie XY?" Worte werden im Mund umgedreht und Emotionen infrage gestellt. Damit möchte der Machtmensch dem Partner das Gefühl der Unzulänglichkeit geben. Ist der Samen für ersten Selbstzweifel gesät, wird so lange weitergemacht, bis große Verunsicherung auftritt. Damit ist die erste Stufe der Manipulation erreicht. Danach lässt sich das "Opfer" leichter missbrauchen. Es orientiert sich zunehmend am "Täter" und möchte ihm gefallen. Die eigenen Bedürfnisse geraten völlig in Vergessenheit. Der Täter hat die angestrebte Machtposition erreicht.

Welche Partnerschaften sind davon besonders betroffen?
Flenreiss-Frankl: Eine schlechte Voraussetzung ist, wenn einer in der devoten, unterwürfigen Rolle feststeckt, ein geringes Selbstwertgefühl hat und den anderen vergöttert. Der wiederum weist eine narzisstische Störung auf. Dahinter verbirgt sich jedoch ebenfalls ein großer Selbstwertmangel. Er kompensiert ihn nur anders und benötigt einen Schwächeren zur Erniedrigung, um sich selbst aufzuwerten. Wieso lässt jemand so etwas mit sich machen? FLENREISS-FRANKL: Man darf dabei den Nutzen des Beeinflussten nicht übersehen. Er hat einen mächtigen Partner, für den er, so befremdlich es klingt, Bewunderung empfindet. Das trägt zu einer eigenen Aufwertung bei.

Wer ist denn besonders gefährdet, in ein Gaslighting-Verhältnis zu geraten?
Flenreiss-Frankl: Menschen, bei denen Entwertungen und Erniedrigungen bereits in der Kindheit stattgefunden haben. Die ersten Beziehungserfahrungen machen wir mit unseren Eltern. Wenn diese, statt Liebe zu geben, psychischen Missbrauch betreiben, hat das schwere Folgen für das spätere Leben. Ein Kind verwechselt diese schlechte Behandlung mit Liebe. Häufig fragt man sich ja, warum man immer wieder an denselben Typ von Mann oder Frau gerät. Das ist kein Zufall, sondern ein neuer Versuch, den unbewussten Konflikt zu lösen.

Wie kann man einen Ausweg finden?
Flenreiss-Frankl: Selbsterkenntnis ist das Um und Auf. Man stellt etwa fest, dass man früher doch nicht so unsicher war. Am besten mit Vertrauten darüber sprechen. Die sehen klarer, in was für einer schwierigen Situation man steckt. Oder psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Unbedingt den ganzen Mut zusammennehmen und sich Hilfe holen. Von Gaslighting hört man jetzt häufig.

Nehmen die Fälle zu?
Flenreiss-Frankl: Krankhafte Beziehungen hat es schon immer gegeben. Tendenziell wird jedoch ein Anstieg an Egozentrik in unserer Gesellschaft beobachtet. Einzelkinder werden überbehütet, Facebook und Co. treiben die Selbstdarstellung voran. Das sind alles Dinge, die einen Einfluss auf unser Selbstbild und unsere Beziehungserfahrungen haben. Somit gehe ich von einer Zunahme aus.

Sind in erster Linie Frauen betroffen?
Flenreiss-Frankl: Ja, da sie aus gesellschaftlichen und kulturellen Anlässen öfter zur Unterwürfigkeit erzogen wurden. Damit ist ihnen die Rolle nicht so fremd. Auch biologische Faktoren, wie eine geringere Menge an Testosteron, machen Frauen weniger aggressiv und dadurch anfälliger.

EXPERTIN: Karin Flenreiss-Frankl arbeitet als Psychologin in Wien. In ihrer Praxis (psychologin-wien.at) betreut sie einige "Gaslighting"-Opfer.

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