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"Frauen vertrauen Männern nicht mehr"

Frauen, die Männer "mit Eiern" suchen, und Männer, die sich nicht festlegen wollen. Wie sollen sich da Beziehungen ausgehen? Michael Nast hat in seinem Buch genau das zum Thema gemacht und ist erfolgreich wie ein Popstar. Wie es seine Generation mit Liebe hält? Wir fragten ihn.

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Michael Nast Interview

Bestseller-Autor Michael Nast ist momentan Single, aber kein überzeugter.

© www.steffen-jaenicke.de

Eine Lesung ist das? Der coole Mann auf der Bühne wirkt eher wie ein Popstar. Im Publikum sind auch fast ausschließlich junge Frauen, die ganz schön laut sind. Der Typ in Action ist Michael Nast, 41-jähriger Autor aus Berlin, der mit seinem neuen Buch "Generation Beziehungsunfähig" unterwegs ist. Auf großer Lesetour mit insgesamt 70 Terminen im deutschsprachigen Raum (Infos unter: michaelnast.com). Nast, dessen Online-Kolumnen von Millionen gelesen werden, gilt als Sprachrohr einer (seiner) Generation, die aus chronischen Selbstoptimierern und Perfektionisten besteht. Aus Männern, "die es sich in der Unverbindlichkeit eingerichtet haben", und Frauen, die deshalb schon auch mal verzweifeln. Wir sprachen mit dem Autor über wachsende Singlezahlen, nicht mehr greifbare Männer und das Hauptproblem von allem: die Ichsucht.

»"Wir WERDEN ZU EINZELKÄMPFERN ERZOGEN."«

WOMAN: "Beziehungsunfähigkeit?" - Was für eine ansteckende Krankheit ist das eigentlich?
Nast: Es ist ein Symptom der Zeit, sich oder sein Umfeld für beziehungsunfähig zu halten. Die Selbstdiagnose "Ich bin einfach nicht beziehungsfähig" ist natürlich eine Ausrede, wenn man sich nicht einlassen, aber den anderen nicht verletzen will. Wirkliche Beziehungsunfähigkeit ist Symptom tiefgreifender psychischer Erkrankungen und beschränkt sich nicht ausschließlich auf Liebesbeziehungen. Die eigentliche "Krankheit" ist, dass wir die Prinzipien unseres Wirtschaftssystems - einer Bedarfsweckungsgesellschaft - so sehr verinnerlicht haben, dass wir diese Mechaniken auf das Zwischenmenschliche anwenden. Als perfekte Konsumenten, die gebraucht werden, damit unsere Wirtschaft funktioniert. Und als solche gehen wir inzwischen auch mit Menschen um. Ein gutes Beispiel sind Dating-Apps, die wie Online-Shops strukturiert sind. Dort geben wir bei der Partnerwahl den gleichen Impulsen nach wie beim Produktkauf. Das kultiviert eine Unverbindlichkeit, in der wir uns gerade einrichten.

WOMAN: Heißt das, wir suchen dort wie da nach dem "perfekten Produkt"?
Nast: Ja. Wir wissen, dass alles immer noch viel besser werden kann. Bis es perfekt ist. Das Problem ist allerdings, dass man diesen Zustand nie erreicht. In Sachen Partner weiß man einfach, dass es irgendwo noch jemanden gibt, der besser zu einem passt, der das eigene Leben sinnvoller ergänzt. Und so richtig bewusst wird es einem, wenn Beziehungsprobleme auftauchen. Die Bindungsunfähigkeit, von der so viel geredet wird, ist nichts anderes als das Streben nach vermeintlicher Perfektion.

Michael Nast Interview

WOMAN: Es gibt heute, vor allem in den Städten, so viele Singles wie nie zuvor. Wahrscheinlich sind die wenigsten ganz freiwillig Einzelkämpfer, oder?
Nast: Die Gesellschaft erzieht uns zu Einzelkämpfern. Im Kapitalismus wird Egoismus zu einem Wert erhoben. So gesehen wurden wir in diese Rolle konditioniert. Viele kriegen das aber gar nicht mit, wir sind einfach zu nah dran. Und es ist ein komfortables Leben, diese Freiheit des Alleinseins. Man muss keine Kompromisse machen, auf niemanden Rücksicht nehmen. Die Leute sind sehr ichbezogen - nicht nur in Liebesbeziehungen. Man denkt nicht im Wir, ist nicht bereit, sich auf eine Person zu konzentrieren. Sobald Probleme auftauchen, orientiert man sich neu. Es gibt diesen schönen Satz: Heutzutage werden Beziehungen beendet, bevor die Liebe beginnen kann. Das ist leider sehr wahr. Es ist halt immer das große Ich da.

WOMAN: Sie selbst scheinen ein relativ überzeugter Single zu sein?!
Nast: Ich bin kein überzeugter Single, denn das ist jemand, für den das Singleleben der perfekte Lebensentwurf ist. Ich wünsche mir natürlich eine Frau, mit der ich irgendwann eine Familie gründen kann. Ich bin allerdings kein verzweifelter Single. Mir geht es nicht um den Zustand einer Beziehung, sondern um die Frau, mit der ich mir eine Beziehung vorstellen kann.

WOMAN: Aber Frauen, so meinen Sie, sind in der Kennenlernphase oft zu unlocker. Ich zitiere wörtlich aus Ihrem Buch: "Es ist schon erschreckend, wie viele Frauen das Vertrauen in uns Männer verloren haben. Das strahlen sie aus, sie sind verunsichert, verspannt und verkrampft." Wie sollte eine Frau denn rüberkommen?
Nast: Männer wünschen sich in der Kennenlernphase, dass sich die Dinge ganz natürlich entwickeln, dass sie ineinandergreifen. Sie sind anfangs auch vorsichtiger, fühlen sich schnell eingeengt. Frauen sollten einfach ganz entspannt sein, ohne Druck aufzubauen.

»"MAN IST NICHT BEREIT, SICH AUF EINE PERSON ZU KONZENTRIEREN. SOBALD PROBLEME AUFTAUCHEN, ORIENTIERT MAN SICH NEU."«

WOMAN: Warum kamen den Frauen Unbeschwertheit und Vertrauen abhanden?
Nast: Weil sie wohl an uns Männern verzweifeln. Von weiblichen Bekannten weiß ich, was für eine Art Mann sie suchen. Einen, der noch Entscheidungen trifft, sich festlegt, nicht unscharf bleibt und greif bar ist. Viele scheint es da nicht mehr zu geben. Auch ich passe nicht in dieses Bild. Wir Männer durchlaufen einen Prozess der Selbstsuche und sind so nun mal ziemlich mit uns selbst beschäftigt.

WOMAN: Frustrierend für die Frauen!?
Nast: Ja. Gerade jüngere Frauen haben so viele Enttäuschungen erlebt, dass es für sie schon eine regelrechte Krise ist.

WOMAN: Wünschen Frauen sich alte Rollenbilder zurück?
Nast: Das nicht. Aber sie wünschen sich einen Mann, der ihnen Geborgenheit und Halt gibt.

WOMAN: Und viele Frauen scheinen sich auch was zu wünschen, was es gar nicht leicht gibt. Sie schreiben: "Wenn ich es richtig verstanden habe, eine Art feinsinnigen, sensiblen und intellektuellen Überproleten. Sie wünschen sich ein Paradoxon. Es gibt nun mal immer weniger Männer, die in Handwerksberufen arbeiten, und die wenigsten von ihnen führen Konversation auf Feuilletonniveau." Was sollen wir Frauen da machen?
Nast: Frauen treffen viele Entscheidungen auf der emotionalen Ebene. Sie müssen das richtige Grundgefühl haben, auch bei Männern.

WOMAN: Zurück zur männlichen Selbstfindung. War das nicht immer eher ein weibliches Thema. Sind jetzt die Männer dran?
Nast: Das war doch eigentlich schon immer so. Aber heute wird das in den Medien einfach mehr thematisiert. Früher waren die Strukturen nur klarer, die Dinge waren festgelegter. Man kannte seinen Lebensweg, in manchen Berufen wusste man, wo man in 30 Jahren stehen würde, was ja auch ein erschreckender Gedanke ist. Heute haben wir eine absolute Freiheit. Alle Möglichkeiten stehen uns offen, da fällt es schwerer, Entscheidungen zu treffen. Auch in der Liebe.

WOMAN: Haben Männer Angst vor starken Frauen?
Nast: Das kann ich nicht einschätzen. Ich jedenfalls nicht. Ich wünsche mir eine Frau, die im Leben steht, in sich ruht, souverän ist. Ich glaube, vielen Männern geht es ähnlich. Sie wünschen sich eine gesunde Partnerschaft - und keine Beziehung, die eigentlich eine Therapie ist.

WOMAN: Aber viele Männer bevorzugen jüngere Frauen. Ist das auch, weil die noch weniger seelische Narben haben?
Nast: Das ist sicherlich ein Aspekt, ein anderer ist die Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander. Ein anderer, weniger abgeklärter Blick ins Leben.

WOMAN: Will man sich nicht binden, ist dann unverbindlicher Sex bis zum Abwinken die Lösung?
Nast: Das ist keine Lösung, das ist Ablenkung. Der einfache Weg. Drastisch gesagt, ist es emotional unbelastender, jede Woche mit einer anderen Frau Sex zu haben, als sich mit Ausdauer auf eine Beziehung mit all ihren Konflikten einzulassen. Wir sind inzwischen auch Konsumenten im Zwischenmenschlichen. Wir konsumieren im Netz und auf Apps Menschen. Die Frage ist, wie sich das auf den Umgang miteinander auswirkt.

WOMAN: Das Thema ist auf jeden Fall der Burner. Sie sind auf Tour wie ein Rockstar. Mindestens 90 Prozent Ihres Publikums sind Frauen. Was zieht die so magisch an?
Nast: Ich glaube, es ist die Art, wie ich über die Dinge schreibe. Ich bin kein Ratgeber, mein Anspruch ans Schreiben ist eher ein belletristischer Ansatz, ein authentisches Abbild des Lebens zu schaffen. Ich habe viele Mails bekommen, in denen mir Leser schreiben, wie sehr sie sich in meinen Texten zu Hause fühlen, sich wiederfinden. Ich beschreibe offensichtlich die Befindlichkeit vieler Menschen. Keine Ahnung, wie ich das mache. So etwas kann man auch nicht planen, so etwas passiert einfach.

WOMAN: Was müsste passieren, damit Ihre Suche in Sachen Beziehung beendet wäre?
Nast: Ich müsste die Frau treffen, mit der es sich richtig anfühlt. Und natürlich müsste sie dieses Gefühl auch bei mir haben. Das Einfache, das so schwer zu machen ist.

WOMAN: Und was müsste passieren, damit sich die Menschen liebestechnisch generell wieder mehr aufeinander einlassen?
Nast: Letztlich geht es darum, unsere extreme Ichbezogenheit zu überwinden. Das passiert natürlich, wenn man sich verliebt, also wirklich verliebt. Wenn man beginnt, in einem Wir zu denken. Und verinnerlicht, dass es ganz natürlich ist, dass es auch zu Verletzungen kommen kann, wenn man sich öffnet.

Generation Beziehungsfähig - Michael Nast

Mit seinem Buch "Generation Beziehungsunfähig", Edel Books, € 15,40, tritt Michael Nast in ausverkauften Locations auf. "Illusion perfekte Liebe" oder "Religion Selbstoptimierung" sind Schlagworte aus seinem Repertoire.