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Gertrud Roll: Der heimliche Star der Vorstadtweiber

In der dritten Staffel der "Vorstadtweiber" zeigt Gertrud Roll auf einmal auch ganz andere Seiten ihrer Rolle - und wir finden die "coole Alte" gleich noch viel großartiger!

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Gertrud Roll
© Lukas Beck/ WOMAN

Welch ein Schwung, welch ein Elan. Im Studio von WOMAN-Fotograf Lukas Beck wirft Gertrud Roll mit Tulpen um sich. Und es macht ihr Spaß, "Blumenmädchen" zu spielen. Mit dem Begriff "coole Alte" hat die 81-jährige Schauspielerin kein Problem, wenn es um ihre Figur in den "Vorstadtweibern" geht: die schrullige Anna, Mutter von Georg (Juergen Maurer) und Schwiegermutter von Maria (Gerti Drassl).

"Eine", meint Roll, "die etwas im Hirn hat und skrupellos reagiert, die Kriminelles anzieht, dass die Balken krachen." Anna verachtet ihren Sohn als Weichei und solidarisiert sich mit den "Vorstadtweibern". Kleines Serien-Update: In der dritten Staffel lebt der schwule Georg mit seiner Noch-nicht-Exfrau Maria unter einem Dach. Die verweigert dem wahren Vater ihres Kindes, dem Toyboy Timo, die Möglichkeit, das Baby David zu sehen. Was sie will, ist ihre Freiheit, und so inszenieren die "Vorstadtweiber", unter Anleitung von Anna, einen "Unfall".

Maria verschwindet, der Verdacht fällt auf Georg. Seine Mutter selbst hat ihn bei der Polizei angeschwärzt. Zitat aus der Serie: "Dem Trottel würde nie einfallen, dass ich ihn angezeigt habe. Dazu hat er mich viel zu lieb." Der Plan gelingt nur teilweise, Maria setzt sich aber nach Goa ab, wo Schwiegermutter Anna sich ein kleines Haus gekauft hat. Irgendwann soll auch sie dann mit dem kleinen David nachkommen...

KEINE FADE ALTE. Wie es mit Gertrud Roll in der Serie weitergeht, ist noch nicht ganz klar. Ab dem Frühjahr 2018 sollte die vierte Staffel gedreht werden, und da ist sie vorerst nicht dabei. "Wir werden sehen, ob ich in einer späteren Folge wieder dabei bin." Von den Dreharbeiten schwärmt sie jedenfalls. "Es gab eine tolle Atmosphäre und keinen Zickenkrieg! Je besser die Kollegen, desto weniger die Probleme."

Angebote, ältere Damen zu spielen, hat die zweifache Mutter jede Menge, die sind ihr aber zu fad. "Entweder sind die alten Frauen depressiv, verblödet oder sie saufen, das ist mir zu wenig, das macht keinen Spaß!" Es entspricht nicht ihrem Naturell, unglücklich durchs Lebens zu gehen. "Was ich verachte, ist, wenn die Leute jammern. Dieses ewige Gezeter, wie schlecht es ihnen geht, diese Opferrollen, die sie mit sich herumschleppen."

Schlau merkt sie an, dass das Alter auch Vorteile hat: "Alle sind höflich und freundlich zu mir. Wenn sie aber dann kapieren, wie gut ich drauf bin, sind sie nicht mehr so vorsichtig." Nebenbei erzählt Gertrud Roll, dass sie ihre großen TV-Rollen - 2018 kommen "Fluss des Lebens" und "Wir sind doch Schwestern" heraus - erhielt, weil sie nicht geliftet ist. "Die Produzenten wundern sich, dass man mit fast 82 so gut aussieht. Zu mir sagte einmal ein Doktor, als ich Mitte 50 war: "Machen Sie nichts, Ihr Gewebe ist viel zu schlecht, Sie werden nur Narben bekommen. Aber ich hätte ohnehin zu große Angst vor Operationen gehabt."

KRAFTTRAINING. Natürlich sind es nicht nur die guten Gene, die diese geschmeidigen Bewegungen, diesen entschlossenen Schritt zulassen. Die gebürtige Heidelbergerin spielte als Kind Fußball und war badische Jugendmeisterin im Kraulen. Jetzt geht sie zwei Mal die Woche zum Kraft- und Ausdauertraining, macht Pilates und joggt langsam durch ihren Bezirk Döbling, die Heimat der "Vorstadtweiber".

Schauspielerin werden wollte die Frau mit dem strahlenden Blick schon nach einer Aufführung im Kindergarten. Den Eltern war das nicht recht, also musste sie das Schulgeld selbst verdienen. "Ich arbeitete in den 1950er-Jahren bei einem Verlag, ich sage nur: #MeToo".

Erst als die Schauspiellehrerin den Eltern versicherte, wie begabt die Tochter ist, ging es richtig los. Gleich nach der Ausbildung folgte die erste Hochzeit, die Geburt der Tochter Renée, bald darauf die Trennung und die Begegnung mit dem Opernsänger Hans Kraemmer. Ein Herumgeziehe durch den deutschen Sprachraum, immer den Engagements des Ehemanns hinterher. Ende der 1970er wurde Wien Lebensmittelpunkt der Familie. Die damals aufregendste Bühne der Stadt: das Schauspielhaus unter Hans Gratzer. Roll war dabei.

FREIGESPIELT. Als die Kinder größer waren, nahm sie auch wieder fixe Engagements an. Und bekam meist nur die Hälfte der Gagen männlicher Kollegen angeboten. Der "gute Kumpel" (laut Eigendefinition) ließ sich in dem Punkt nichts gefallen und lehnte die Diskriminierung ab. Meist wurde sie trotzdem engagiert - mit entsprechendem Verdienst.

"Ich kann gut brüllen, wenn es ungerecht wird." Gertrud Roll spielte in Berlin, in Köln und bei den Salzburger Festspielen, immer versucht, auf der Augenhöhe mit dem Regisseur zu sein. Was zur schon erwähnten #MeToo-Debatte überleitet: "Das Thema ist wichtig. Als Schauspielerin kann man sich gegen sexuelle Übergriffe, auch gegen verbale, nur wehren, wenn man keine Anfängerin mehr ist." Sie tat es, hoch erhobenen Hauptes!

EINSICHTEN. Ab einem gewissen Alter ist die Frage legitim, ob die Künstlerin etwas versäumt oder sogar verabsäumt habe im Leben? "Oh ja, natürlich, klar gab es Defizite mit den Herren der Schöpfung. Und ich habe leider nie Thomas Bernhard gespielt, das tut mir sehr weh. Ich habe auch meine Tochter Renée damit überfordert, zu früh auf ihren kleinen Bruder aufzupassen. Da habe ich Fehler gemacht. Aber wie lernt man, Kinder zu erziehen? Jetzt bin ich sehr dankbar dafür, was ich erleben durfte, und bin offen für alles, was noch kommt."

Und wenn es einmal unrund läuft, hat Gertrud Roll ein Büchlein parat mit dem tröstenden Merksatz: Im schlimmsten Fall wird alles gut.

Gertrud Roll