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Gewalt in der Familie: Wie kann man sich wehren und wo bekommt man kostenlose Hilfe?

Tragischerweise passiert sie besonders oft in der gar nicht so stillen Weihnachtszeit und den Tagen danach: häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder. Was du für dich oder für betroffene Menschen in deinem Umfeld tun kannst.

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Gewalt in der Familie: Wie kann man sich wehren und wo bekommt man kostenlose Hilfe?
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Eigentlich sollten die Weihnachtsferien ja eine stressfreie und besinnliche Zeit sein. Doch leider kommt es während der Feiertage besonders häufig zu häuslicher Gewalt. Grund sind einerseits die hohen Erwartungen, die sich oft nicht erfüllen, andererseits ist während der Feiertage die Familie oft länger beisammen, was häufig zu Konflikten führt. Auch der erhöhte Alkoholkonsum trägt dazu bei, dass Streitigkeiten öfter eskalieren. Betroffen sind in der Regel Frauen und Kinder.

Betretungsverbot auch möglich, wenn den Betroffenen nicht die Wohnung gehört

Grundsätzlich gibt es durchaus rechtliche Möglichkeiten, sich gegen den Täter zur Wehr zu setzen. So kann die Polizei den Täter nach einem Gewaltvorfall aus der Wohnung wegweisen und ein Betretungsverbot aussprechen. Ein Betretungsverbot ist auch möglich, wenn die Betroffenen selbst nicht MieterInnen oder EigentümerInnen der Wohnung sind oder mit dem Täter nicht mehr zusammenleben.

Ab dem 1. 1. 2020 kann das Betretungsverbot nicht nur für bestimmte Orte (z.B. die Wohnung der von der Gewalt betroffenen Personen, die Schule oder den Kindergarten) verhängt werden, sondern kann auch jede Annäherung an das Opfer im Umkreis von 100 Metern untersagt werden. Das Betretungsverbot ist auf zwei Wochen befristet, kann aber auf 4 Wochen verlängert werden, wenn die von der Gewalt betroffene Person innerhalb dieser Zeit bei Gericht eine einstweilige Verfügung beantragt.

Das Gericht kann dem Täter auch länger, z.B. bis zur rechtskräftigen Beendigung eines Scheidungsverfahrens, verbieten, sich bestimmten Orten (wie der Wohnung, der Schule oder dem Kindergarten) oder der Betroffenen selbst zu nähern.

Das Problem ist allerdings, dass von Gewalt betroffene Frauen und Kinder in vielen Fällen keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn nach der Verhängung eines Betretungsverbotes keine einstweilige Verfügung beantragt wird, kommt der Täter nach zwei Wochen wieder in die Wohnung zurück und wird wieder gewalttätig. Und selbst bei massiven Körperverletzungen kann der Täter oft nicht belangt werden, weil das Opfer so eingeschüchtert ist, dass es sich nicht traut, eine Anzeige zu erstatten und gegen den Täter auszusagen. In solchen Fällen sind den Strafverfolgungsbehörden die Hände gebunden. Daher kommen die Täter in den meisten Fällen ungestraft davon.

Was bewirkt das neue Gewaltschutz-Gesetz in Österreich?

Um die stetige Zunahme der häuslichen Gewalt zu bekämpfen, wurde am 25. 9. 2019 im Nationalrat ein Gewaltschutzgesetz beschlossen. Abgesehen von der sehr begrüßenswerten Ausweitung des Betretungsverbots und einer damit verbundenen verpflichtenden Gewaltpräventionsberatung (die allerdings erst am 1. 1. 2021 in Kraft tritt) bringt das Gewaltschutzgesetz unter anderem auch eine Ausweitung der Anzeige- und Meldepflicht für Gesundheitsberufe auf weitere Berufsgruppen (z.B. PsychotherapeutInnen, PsychologInnen und SanitäterInnen) und eine Verschärfung der Strafen bei Gewalt- und Sexualdelikten durch höhere Strafdrohungen und die Einführung von Mindeststrafen.

Diese Maßnahmen mögen zwar gut gemeint sein, helfen den Betroffenen aber nicht, sondern sind sogar kontraproduktiv. Denn höhere Strafdrohungen und Mindeststrafen werden sicherlich nicht dazu beitragen, die Anzeigebereitschaft der von Gewalt betroffenen Personen zu erhöhen. Und die erweiterte Meldepflicht für Angehörige von Gesundheitsberufen wird in vielen Fällen dazu führen, dass von Gewalt betroffene Personen überhaupt keine Hilfe mehr in Anspruch nehmen.

Hier die Checkliste für den Notfall:

Gewalt in der Familie: Was kannst du im akuten Notfall machen?

  • Rufe die Polizei: Notrufnummer 133 oder 112 (Euro-Notruf). Die Polizei ist verpflichtet, in jedem Fall von Gewalt einzuschreiten.
  • Bitte die Polizei, ein Betretungsverbot auszusprechen.

Was kannst machen, wenn du von zu Hause flüchten musst?

  • Rufe die Notrufnummer des nächst gelegenen Frauenhauses (z.B. Verein Wiener Frauenhäuser, Amerlingstraße 1, 1060 Wien, E-Mail: verein <AT> frauenhaeuser-wien.at , Telefon: 01/485 30 30)
  • Egal aus welchem Land du kommst, welche Religion du hast oder ob du ein Einkommen hast oder nicht – wenn du von häuslicher Gewalt betroffen bist, findest du (auch mit deinen Kindern) im Frauenhaus Unterstützung. Die Frauenhäuser sind rund um die Uhr für dich erreichbar!

Wo kannst du dich bei Gewalt in der Beziehung oder der Familie beraten lassen?

  • Kostenlose Beratung und Hilfe bietet österreichweit die Frauenhelpline gegen Gewalt unter 0800 222 555 sowie mit Schwerpunkt Wien der 24-Stunden Frauennotruf unter 01 71 71 9 oder via E-Mail: frauennotruf <AT> wien.at .
  • Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym. Es wird psychologische, sozialarbeiterische und rechtliche Beratung geboten, ebenso die Begleitung zur Polizei, zu Gericht oder ins Krankenhaus. Hilfe wird in verschiedenen Sprachen angeboten.

Wichtig:

  • Du bist NIEMALS Schuld an der Gewalttätigkeit deines Partners/Ehemanns,
  • du hast die Gewalt nicht "verdient",
  • du musst und sollst nicht über deine Erfahrungen aus Scham schweigen,
  • du trägst nicht die Verantwortung für die Gewalt, sondern der Täter.
  • du musst dein Kinder in jedem Fall vor Gewalt schützen.
Carmen Thornton ist Rechtsanwältin und spezialisiert auf Scheidung und Obsorge.


Über die Autorin: Mag. Carmen Thornton ist selbständige Rechtsanwältin in Wien und schreibt regelmäßig juristische Artikel für WOMAN.at - zuletzt etwa über Zahnspangenkosten. Ihre Kanzlei ist spezialisiert auf Scheidungen, Obsorge und Unterhaltsverfahren. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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