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Gewalt an Kindern: „die möwe“ und die BSO nehmen sich dem heiklen Thema an

Die Organisation „die möwe“ hat es sich jetzt gemeinsam mit der Österreichischen Bundes-Sportorganisation (BSO) zur Aufgabe gemacht, das Thema rund um Gewalt an Kindern und Jugendlichen weiter zu enttabuisieren.


Gewalt an Kindern: „die möwe“ und die BSO nehmen sich dem heiklen Thema an
© Corbis

Wie notwendig das Projekt ist, zeigen die Zahlen: Jährlich werden in der möwe rund 3.500 Klienten betreut. 75 Prozent davon sind weiblich.

Dass sich genau diese beiden Institutionen zu einer Zusammenarbeit entschlossen haben, kommt nicht von ungefähr. „In Sportvereinen sind Mädchen und Burschen aller Altersklassen, aller sozialer Schichten aus dem städtischen und ländlichen Bereich vertreten“, erklärt Peter Wittmann, Präsident des BSO.

Viele davon befinden sich in einer Phase, in der sie ein neues Verständnis für ihren Körper entwickeln. Verändern Kinder und Jugendliche ihr Verhalten, fällt es hier besonders schnell auf. Werden die Trainer zusätzlich geschult und sensibilisiert, kann man eher eingreifen und potentielle Täter ausfindig machen. Das Zauberwort hier lautet Sensibilisierung. Denn erst, wenn die Umgebung feinfühlig auf Veränderungen der Kinder und Jugendlichen reagiert, können eventuelle Missbrauchsfälle auch aufgedeckt werden.

Martina Fasslabend, Präsidenten von „die möwe“, im WOMAN-Interview.

WOMAN: Wenn ich die Vermutung habe, dass in meinem Umfeld ein Kind missbraucht wird, ich aber keine eindeutigen Beweise dafür vorliegen habe – was raten Sie?

Fasslabend: Auf keinen Fall voreilig handeln. Jeder Fall ist anders. So wie auch jedes Kind anders ist, jede Familie, jedes Umfeld. Daher braucht es kompetente Experten, an die man sich wenden kann, wenn man vermutet, dass im eigenen Umfeld Kinder oder Jugendliche missbraucht werden. Die Beweislage ist selten klar. Unsere Fachleute können solche Situationen dank ihrer Erfahrung oft besser abwägen und wissen auch, wie man sich in solchen Fällen verhält. Dafür haben wir unsere kostenlose Helpline (0800/ 808088) eingerichtet.

WOMAN: Was bietet „die möwe“ Betroffenen außerdem an Hilfestellungen?

Fasslabend: Von der persönlichen sowie telefonischen Beratung, Fortbildungsmaßnahmen und Supervision bis hin zur kostenlosen Psychotherapie und Prozessbegleitung bieten wir Betroffenen alles an, um optimal zu unterstützen. Auch die Broschüre, die gemeinsam mit der BSO zusammengestellt wurde, enthält wichtige Informationen für Eltern und Bezugspersonen.

WOMAN: Kurz gefragt: Wo beginnt Gewalt für Sie?

Fasslabend: Übergriffe fangen bei sexualisierten Witzen, sexistischen Blicken und Gesten, anzüglichen und abwertenden Bemerkungen an. Auch das ist bereits Gewalt. Und genau dieses Problembewusstsein müssen wir hier in Österreich noch schärfen. Was das betrifft, hinken wir etwa Deutschland und der Schweiz bis zu 15 Jahre hinten nach.

WOMAN: Die Tragödie rund um den gewaltsamen Tod des 3-jährigen Cain sorgt derzeit für Entsetzen. Wie kann es überhaupt soweit kommen?

Fasslabend: Extremfälle wie der des kleinen Cain sind Situationen, die sich oft über Jahre hinweg zuspitzen. Missbrauch an Kindern passiert selten einmalig, sondern oft durchleben die Kinder einen jahrelangen Leidensweg. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs, denn diese Themen werden dann medial für kurze Zeit groß aufbereitet, während sie kurz später wieder verebben. So wie es auch im Fall Fritzl oder bei Luca war. Unsere Gesellschaft muss lernen, feinfühlig zu werden und auf bestimmte Anzeichen zu achten, damit es nicht so weit kommt, dass Kinder im schlimmsten Fall mit dem Tod bezahlen müssen. Es ist wirklich noch sehr viel zu tun, aber ich sehe die Kooperation als große Chance für die Kinder und für Österreich.

Katharina Domiter