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Gewalt zu Weihnachten - eine Polizistin erzählt

Stille Nacht? Leider nicht immer - vor allem in Familien. Gerade zur Weihnachtszeit gibt es besonders viel Stress, die Nerven liegen blank und vielleicht ist noch Alkohol im Spiel. Eine Wiener Polizistin (25) hat uns ihre erschreckenden Erfahrungen geschildert:

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Häusliche Gewalt
© John Gomez/ iStock/ Thinkstock

Nach einigen Jahren Arbeit in einem Bezirk, lernt man so manche Bewohner und Bewohnerinnen ganz gut kennen. Zum Beispiel gibt es da ein Pärchen, beide so um die 50 und beide dem Alkohol zugetan. Kennengelernt und ineinander verliebt haben sie sich beim Entzug, wobei sie gemeinsam eine Kur absolvierten. Damals, vor zwölf Jahren waren sie wohl voller Energie und Zuversicht, ein Leben gemeinsam und ohne Alkohol zu bestreiten. Die Fotos und Berichte die mir von der damaligen Zeit voller Stolz präsentiert worden sind, zeigen ein glückliches, verliebtes Paar.

Ich kenne die Beiden nun seit drei Jahren, vom damaligen Glück habe ich aber nichts mitbekommen.

Unser erstes Aufeinandertreffen war am Morgen des 24. Dezembers. Einsatzgrund: Mann schlägt Frau! Schon bei der Anfahrt steigt der Adrenalinpegel, Blaulicht, Sirene, Fragen kreisen durch den Kopf: Sind Kinder dabei? Sollen wir gleich Verstärkung anfordern oder sondieren wir erst mal die Lage? Bereits beim Eintreffen im Stiegenhaus - die betreffende Wohnung war im dritten Stock – konnten wir unten Schreie einer Frau hören. Im Laufschritt nach oben, mit der Faust anklopfen – Aufmachen – POLIZEI – Stille. Die Türe ist versperrt, nochmalig die lautstarke Aufforderung, sofort die Türe zu öffnen, und dem wird dann auch nachgekommen. Die Türe öffnet sich, der starke Geruch nach Alkohol schlägt mir und meinem Kollegen entgegen, dahinter in der Wohnung Verwüstung, zerbrochene Gläser, leere Schnapsflaschen und der Mann, der mich und meine Kollegen fragend aus rot unterlaufenen Augen ansieht. Die Kollegen fordern ihn auf, sofort vor die Türe zu kommen und verstellen ihm den Weg retour in die Wohnung - ich gehe hinein.

Im Wohnzimmer, zusammengekauert auf einem Sessel sitzt die halb nackte Frau, schluchzend presst sie sich ein Geschirrtuch an eine leicht blutende Platzwunde an der Schläfe. Ich hocke mich hin und kann ihr so direkt in die Augen sehen, spreche sie ruhig an, ob sie sonst noch Verletzungen hat, ob ich die Rettung rufen soll. Sie verneint, ich glaube ihr, ich stehe auf und nehme eine Decke vom Sofa, lege ihr diese um die Schultern. Ein Kollege wirft einen Blick rein – Alles OK? – Ja – Alles unter Kontrolle. Ich hocke mich wieder zur Frau, lebt hier sonst noch wer, haben Sie Kinder? Sie verneint, ich bin fast ein bisschen froh darüber, zumindest keine Kinder involviert, wenn schon Weihnachten ist… Ich helfe ihr, die Platzwunde provisorisch zu verarzten, dabei beginnt sie mir zu erzählen. Es war nicht das erste Mal, dass so was passiert ist, der Alkohol, das Geld, wenn er besoffen ist, rutscht ihm halt die Hand aus, und so weiter. Zwei Monate zuvor musste sie deswegen auch ins Krankenhaus, erzählt habe sie aber niemandem etwas.

An diesem Punkt war die weitere Vorgehensweise geklärt für mich: Wegweisung des Mannes! Kurze Absprache mit den Kollegen, welche dem Mann die Sachlage und damit verbundenen Konsequenzen erklärten.
Ich redete weiter mit der Frau, wirkte beruhigend auf sie ein, versuchte mit Verständnis und Feingefühl ihre extreme Gefühlswelt etwas zu glätten, dann war Lärm vom Gang zu hören, der Mann war wohl mit dem damit verbundenen Betretungsverbot der Wohnung alles andere als einverstanden und fing mit den Kollegen zu raufen an. Die Konsequenz: Nicht nur Wegweisung, im Endeffekt dann Handschellen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt
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Zumindest ist keiner ernstlich verletzt worden dabei! Abgesehen mal von den psychischen und physischen Narben, die die Frau davon trug! Um sie nicht alleine ihrem Schicksal zu überlassen - Freundin hatte sie keine in der Nähe - wurde von uns der psychosoziale Notdienst hinzugezogen, der sich dann der Frau annahm.

Das nächste Mal, als ich die Beiden sah, war vor Gericht, die Verhandlung wegen des Widerstands gegen die Staatsgewalt. Sie hielten Händchen, die Frau mit gesenktem Blick und dunklen Ringen unter den Augen.

Schau nicht weg!

Gewalt gegen Frauen passiert oft am vermeintlich sichersten Ort, den eigenen vier Wänden. Meist ist es kein "Ausrutscher", sondern ein jahrelanger Prozess der Gewaltentstehung. Die Übergriffe werden häufiger und heftiger.

So kannst du helfen

Kennst du eine Frau in Notlage? Willst du helfen? In ganz Österreich ist nicht nur die Polizei rund um die Uhr für dich da, bundesweite Hilfseinrichtungen bieten kostenlos und anonym Unterstützung:

  • Polizeinotruf österreichweit: 133
  • Frauenhelpline (24 Stunden/Tag): 0800 222 555

Die Spezialistinnen und Spezialisten der Kriminalprävention stehen dir darüber hinaus unter der Telefonnummer 059133 zur Verfügung.

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