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Gin ist die neue Eule.

Einst dominierten die Abbildungen von Eulen fast jedes Produkt. Jetzt verstaubt der Eulen-Kram irgendwo im Eck, denn wir haben eine neue Sucht gefunden: Gin.

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Gin Tonic
© istockphoto.com/DenPotisev

Wann haben wir angefangen so süchtig nach Gin zu sein? Ich meine, es hat immer schon fancy Leute gegeben, die sich beim Barhopping Gin Tonics bestellt haben. Aber so beliebt wie er jetzt ist, war der Wacholderschnaps schon lange nicht mehr, wage ich zu behaupten. In meinem Freundeskreis hat er sogar den allseits verehrten Hugo abgelöst. Eigentlich könnte ich mich schon eine halbe Stunde vor Treffpunkt in die Bar setzen, für alle Gin Tonic bestellen und würde damit keine meiner Freundinnen erzürnen.

Vielleicht hängt das auch mit dem Alter zusammen, dass die Gin-Liebe so präsent wirkt. Schließlich tranken wir mit 20 Jahren weder Gin noch Hugo. Wir waren sparsame Studenten und glühten sowieso zuhause vor: Mit Vodka und dem billigsten Orangensaft. Ich will hier keine Promotion für den Konsum von Alkohol machen, ich frage mich nur, wann wir alle gemeinsam beschlossen haben, dass Gin das coolste alkoholische Getränk der Welt ist.

Gin ist so cool, dass man es am liebsten in jeder Lebenslage um sich haben möchte. Gemütlicher Netflix-Abend? Gin-Kartoffelchips! Trockene und rissige Lippen? Gin-Tonic-Lippenbalsam! Alle wollen auf den Weihnachtsmarkt? Einmal Glüh-Gin, bitte! Kuscheliger Abend zu zweit? Gin-Tonic-Kerze anzünden! Körpergeruch nicht gut genug? Gin-Tonic-Parfum! Die Liste geht weiter und weiter. Tatsache ist nämlich, dass uns der Gin-Wahnsinn erreicht hat.

Der Markt hilft dieser Zwangsliebe natürlich auf die Sprünge, schließlich sind all die Gin-Dinge schöne Weihnachtsgeschenke für Freunde und Familie. Sie fallen unter die Kategorien "Mal was anderes!", ohne die Person dafür allzu gut kennen zu müssen. Gut, jetzt werde ich zynisch, aber das ist nunmal so, wenn ein Trend-Teil außer Rand und Band ist. Mit der Eule als Deko-Objekt und allgemeiner Lebensbegleiter war es doch sehr ähnlich. Wer ein Produkt nennen kann, dass nicht Eule-siert wurde, ist ein Held.

Einmal Gin-Tonic-Alles, bitte.

Man kann heutzutage noch immer kaum Geschenkpapier kaufen, auf dem sich keine zuckersüße Abbildung einer Eule verirrt hat. Und mit den Einhörnern ist es genauso! Anfangs war es noch witzig, überall Einhorn-thematische Dinge zu bekommen, aber mittlerweile ist es einfach zu viel! Die pure Übersättigung ist ausgebrochen.

Zum Glück sind wir aber eine moderne Gesellschaft, in der es dann doch nicht zu einer tatsächlichen Epidemie kommen kann. Denn ob ihr es glaubt oder nicht, fast hätte Gin das englische Königreich zerstört. In den 1750er Jahren wurde die Biersteuer erhöht, so dass jenes alkoholische Getränk nicht mehr für alle käuflich war. Gleichzeitig gab es einen Weizenüberschuss, der dann vor allem in die Produktion von billigem Branntwein floss.

Die Londoner Unterschicht wurde süchtig nach dem neuartigen Alkohol, der ihnen unbekannte Räusche bescherte. Sie mordeten sogar, um noch Gin kaufen zu können. Es kam sogar soweit, dass die Sterberate zeitweise die Geburtenrate überstieg. London droht im Abgrund des "Gin-Craze" zu versinken und nur mit Mühe konnte die Regierung ihre Schäfchen wieder befreien. Durch neue Steuern und strengen Kontrollen wurde aus dem billigsten Branntwein ein Getränk der Mittel- und Oberschicht.

Das mag zwar sehr zynisch klingen, aber ohne die Restriktion, hätten die Menschen wahrscheinlich wirklich nicht mit dem Konsum aufgehört. Dies unterscheidet wohl die heutigen First-World-Hypes von alten Epidemien: Wir reagieren auf Übersättigung früher oder später automatisch mit Langeweile und Abneigung. Wenn wir also mit diesem Tempo weitermachen, werden wir spätestens Mitte 2018 mit einem (alten-)neuen Kultgetränk beglückt werden. Und Gin kommt dann zur Eule und zum Einhorn aufs Regal.

Themen: Cocktails, Report

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