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Der schönste Charakterzug der Welt: Großzügigkeit

Wer andere unterstützt, beschert sich selbst eine Freude. Großzügigkeit hat aber noch mehr Facetten. Welche das sind, besprachen wir mit einer begeisterten Schenkerin.

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Der schönste Charakterzug der Welt: Großzügigkeit
© iStock

Es gibt nichts Erfreulicheres als großzügige Menschen. Sie laden gerne ein, nehmen unsere kleinen Macken gelassen hin und chauffieren uns, trotz Umweg, bis vor die Haustür. Christine Nöstlinger etwa, die geniale Kinderbuchautorin, war ein Paradebeispiel für Generosität. Wenn man eine Vase auf ihrer Kommode bewunderte, konnte es sein, dass sie das gute Stück nahm und einem hinhielt: "Nimm's! Ich schenk's dir. Man soll sowieso nie mehr besitzen, als man wirklich braucht." Oder Anna, eine gute Freundin. Sie hat immer ein offenes Haus und einen vollen Kühlschrank und noch nie nachgezählt, wer sich wie oft daraus bedient hat. Sie ist einer der bestgelaunten Menschen, die wir kennen.

Großartig auch die Geste des deutschen Millionärs-Ehepaares, das spontan für ein Jahr die Lieferung einer täglichen warmen Mahlzeit an eine Pensionistin bezahlt. Die 81-Jährige hatte im Fernsehen erzählt, wie schwer sie mit ihrer kleinen Rente über die Runden kommt.

Geld geben, Zeit oder Engagement und nicht lange fragen: Was hab ICH davon? Nach einem Streit den ersten Versöhnungsschritt machen und nicht groß aufrechnen, wer schuld ist. Dem bemühten Kellner ein gutes Trinkgeld geben oder als Bruder gleich kommen und der Schwester die Heizung reparieren, auch wenn man selbst mit Terminen eingedeckt ist -das alles ist Großzügigkeit. Ihr Wesen ist es, nicht zu kalkulieren, keine Bedingungen zu stellen und keine Gegenleistung zu erwarten.

Obwohl die ganz automatisch eintritt, denn: Gerne zu geben, ist gesund und macht glücklich. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Das schöne Gefühl, einem anderen Gutes tun zu können, wird auch "Warm Glow" genannt. Wie sehr man anderen und letztlich auch sich selbst "etwas gönnen" kann, wird meist in der Kindheit bestimmt. Susanne Kippenberger etwa hatte Eltern, die großzügiges Verhalten vorlebten. Heute sieht sich die Journalistin als "leidenschaftliche Schenkerin" und hat über ihr Lieblingsthema ein Buch geschrieben: "Die Kunst der Großzügigkeit".

Susanne Kippenberger, 63, ist Journalistin und Autorin.

Wir haben mit der Expertin über den schönsten Wesenszug der Welt geplaudert: Großzügigkeit.

WOMAN: Wer hat das Schenken eigentlich erfunden? Oder gibt es da sozusagen ein Gen?

Kippenberger: Das könnte man fast meinen. Denn schon kleinste Kinder pflücken Blumen, sammeln Steine und schenken sie den Großen. Aber ich denke, es muss auch entsprechende Vorbilder geben. Bei mir waren es die Eltern.

Auch so leidenschaftliche Schenker?

Kippenberger: Meine Mutter hat schon im Sommer Weihnachtspräsente erstanden. Schenken ist ja Einkaufen mit gutem Gewissen, weil es doch für andere ist. Sie hat die Fundstücke zuweilen so gut versteckt, dass sie sie im Advent nicht wiederfand. Das geht mir manchmal genauso. Macht nichts -bald ist Geburtstag.

Und Ihr Vater?

Kippenberger: Er war der König der Gastfreundschaft und ging deshalb auch nicht mehr zu seinem Schwager, weil der bei Essenseinladungen die Kartoffeln einzeln abzählte.

Warum sind manche Menschen eigentlich so knausrig?

Kippenberger: Da kann purer Egoismus dahinterstecken, aber auch das innere Muster: Ich darf mir und dann eben auch den anderen nichts gönnen.

Weil einem die Eltern vielleicht beigebracht haben, unnütz Geld auszugeben, sei eine Todsünde. Außerdem gibt's ja das viel propagierte "Geiz ist geil!"

Kippenberger: Ist er aber nicht. Es ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass Geben glücklich macht. Und im Zeitalter des Narzissmus, der Selbstoptimierung und der Achtsamkeit, vor allem für die eigenen Bedürfnisse, tut es allen gut, mal nicht nur an sich selbst zu denken.

Aber es gibt ja auch die Zeitgenossen, die auf keinen Fall etwas geschenkt bekommen wollen.

Kippenberger: Die haben nicht verstanden, worum es geht. Nämlich immer um Beziehung und Bindung zwischen den Leuten. Man macht sich ja Gedanken, was für den anderen am besten passen könnte. Ich habe im Zuge der Recherchen viel darüber gelernt, was Präsente eigentlich bedeuten, und mich dann umgesehen bei mir. In meinem Bücherschrank, im Küchenregal, bei den Tischdecken, im Geschirrschrank, überall sind Geschenke drunter, und die verbinden einen mit einem anderen Menschen. Wenn jemand sagt, er will nichts, und er hat eine Wohnung ohne all solche Dinge, da würde ich mir echt Sorgen machen. Weil er offenbar andere abweist: Ich will nichts von dir.

Möglicherweise haben diese Leute die Sorge, dann dankbar sein zu müssen.

Kippenberger: Ja, aber Dankbarkeit ist doch keine Strafe, sondern ein Glück. Wenn man sie empfindet, fühlt man sich, das sagen etliche Studien, viel besser. Alters-und Hirnforscher empfehlen sie geradezu als Therapie. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass nicht alles selbstverständlich ist. Man weiß: Wer das Gefühl hat, viel bekommen zu haben, teilt großzügiger. Menschen, die ihr eigenes Leben als Glück empfinden, wollen auch etwas zurückgeben. Das kurbelt den Altruismus, die Spendenbereitschaft an.

Aber wenn es bei Geschenken, wie Sie sagten, um Beziehung geht, was, wenn man sich vertut? Statt einem freudigen Gesicht ein enttäuschtes sieht.

Kippenberger: Das, was Menschen wirklich als sehr verletzend empfinden, ist, wenn sie das Gefühl haben, nicht als die gesehen zu werden, die sie sind. Ich erinnere mich an eine Frau, die erzählte, wie kränkend sie ein Weihnachtsgeschenk ihres Mannes empfand. Sie, die eine ganz unsichere Fahrradfahrerin war, fand unterm Baum ein Rennrad. "Was möchte er damit sagen? Er möchte offenbar, dass ich sportlicher bin." Das Rennrad hängt seit 20 Jahren unbenützt in der Garage.

Wir schenkten, lang ist's her, einem Schulkollegen ein Deo, weil, na ja … Das tut uns bis heute leid. Aber manchmal greift man bei Präsenten ja auch ganz unabsichtlich daneben. Man kauft einen wunderschönen Strauß, und der Beschenkte ist konsterniert, weil er Schnittblumen als Mordopfer sieht, wie Sie es im Buch skizzieren.

Kippenberger: (lacht) Wenn es ein Versehen ist, dann kann man da auch gelassener werden, großzügig darüber hinwegsehen. Das ist etwas, was Männer besser können. Sie sind oft nicht so gute Schenker, weil sie sich weniger Gedanken machen, worüber der oder die andere sich freuen würde. Aber wenn ein Geschenk schiefgeht, dann lachen sie eher drüber. Während Frauen, weil sie eben mehr Gefühl in ihre eigenen Präsente legen, dann auch verletzlicher sind. Wobei: Es gibt natürlich Dinge, die gehen gar nicht. Wenn etwa ein trockener Alkoholiker Weinflaschen unterm Christbaum findet.

Das ist klar. Aber es ist ja manchmal echt schwer, das Richtige zu finden. Manche Menschen haben doch schon alles.

Kippenberger: Ich bin jetzt 63 und brauch auch keinen weiteren Kochlöffel mehr. Aber da gibt es ja andere Möglichkeiten. Ich lasse mir eine gemeinsame Unternehmung, einen Spaziergang, ein Essen, eine Tea-Time einfallen und schenke einen entsprechenden Gutschein. Aber bitte auch einlösen. Meine Nichte meinte mal, dass es verletzender sei, als gar nichts zu bekommen, wenn die Geber keinerlei Anstalten machen, das Versprochene auch einzulösen.

Da berichten ja manche Eltern von Gutscheinen ihrer Kinder: fünfmal Geschirr abwaschen, zehnmal staubsaugen oder mit dem Hund Gassi gehen, und die liegen seit Jahren geduldig in der Schatulle. Die Kinder sind schon längst erwachsen.

Kippenberger: Da würde ich radikal sein und erinnern, dass noch was offen ist.

Bei offiziellen Warengutscheinen muss man sich nicht weiter drum kümmern.

Kippenberger: Das schenke ich nur sehr ungern. 50 Euro für einen Internetanbieter - lieber nicht. Das geht überhaupt nur, wenn ich weiß, dass sich jemand das ganz gezielt wünscht. Sonst ist für mich, Geld und Gutscheine zu geben, ein echtes Armutszeugnis. Da kann man sich schon ein bisschen mehr Mühe machen.

Und wenn Sie welche bekommen?

Kippenberger: Auch nicht mein Ding. Nach spätestens zwei Monaten hab ich sie irgendwo verlegt und vergessen. Ich hab jetzt im Zuge einer kleinen Aufräumaktion einige wiedergefunden. Manche waren schon verfallen.

Was haben Sie selbst sofort in Erinnerung, wenn es um unser Thema geht?

Kippenberger: Ein Erlebnis Anfang 2020, als ich in einer irischen Kleinstadt in den Bus stieg. Ich hatte den Fahrpreis, 18 Euro, nicht passend, nur 15 Euro klein und einen größeren Geldschein, den der Fahrer nicht wechseln konnte. Als ich mich hilfesuchend zu den Passagieren umdrehte, hielt mir ein älterer Herr in der ersten Reihe schon Münzen hin: "Wie viel brauchen Sie?" Es war klar, dass wir uns nie wiedersehen würden. Er bot mir, der Fremden, ein Geschenk an. Die Geste hat mein Herz erwärmt, bis heute. Das ist echte kindness, ein Wort, das man eigentlich nur mit Großzügigkeit ins Deutsche übersetzen kann.

Wir selbst und einige Bekannte haben schon Geld einfach dazugelegt, wenn jemand an der Supermarktkasse ein bisschen zu wenig dabei hatte. Das würden wir jederzeit wieder tun.

Kippenberger: Großzügigkeit ist wie Medizin. Die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt hat in ihrem Buch über Resilienz die fünf Strategien aufgezeigt, die die Forschung als besonders nützlich für die psychische Widerstandskraft ansieht: soziale Bindungen leben, großzügig sein und helfen, dankbar sein, Routinen entwickeln und das Positive wahrnehmen.

Und diese Einstellung hat ja, um es noch mal zu betonen, sicher nicht in erster Linie mit Geld und Reichtum zu tun.

Kippenberger: Gar nicht. Denken Sie nur, wie gerade Familien, die selber nicht viel haben, ihre Tische oft reich für Gäste decken. Wie oft jemand sein letztes Geld zusammenkratzt, um jemand anderem eine Freude zu machen. Auch über seinen eigenen Schatten springen zu können, ist ein Zeichen von Großzügigkeit. Etwa der Mann, der seiner Frau eine Skulptur schenkt, die er selber scheußlich findet, von der sie aber träumt.

Es soll nur nicht so sein, dass die Großzügigkeit mancher von einigen dann ausgenützt wird, oder?

Kippenberger: Ich denke, das reguliert sich von selbst. Freigebigkeit stößt an ihre Grenzen, wenn der andere drängt, etwas Konkretes erwartet oder das alles für selbstverständlich nimmt. Man möchte geben, weil es einem selber ein Bedürfnis ist. Es muss sich nicht lohnen und lohnt sich eben dennoch.

"Die Kunst der Großzügigkeit. Geschichten einer leidenschaftlichen Schenkerin" von Susanne Kippenberger, erschienen im Hanser Verlag, € 24,70.