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Start-up-Gründerin mit 66 Jahren: Diese Frau weiß, wie du in Zukunft leben wirst

Viele gehen in dem Alter in Pension - sie startete mit 66 Jahren mit einer Idee, die ihr am Herzen liegt, noch einmal durch: Monika Kohut gründete ein Matching-Website für WG-Interessierte über 50.

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Monika Kohut
© GOLD WG

Start-up? Da denken die meisten wahrscheinlich an junge Hipster mit Bart. Aber zum Glück ist das ja nur ein Klischee. Und zum Glück gibt es auch Gründerinnen wie Monika Kohut. Sie hatte die Idee, aus einer aktuellen Not eine Tugend zu machen und wurde Unternehmerin - mit 66 Jahren!

Und ihre Idee ist nun online zu finden und hilft Menschen über 50 eine neue Form des Wohnen wieder zu entdecken: die Wohngemeinschaft. Denn gemeinsames Wohnen hilft nicht nur gegen die Einsamkeit, es ist auch bedeutend günstiger. Und natürlich auch unterhaltsamer!

Ihr Service - die GOLD WG - ist eine Plattform, die der Generation 50plus dank eines wissenschaftlich fundierten Matching-Systems hilft, die richtigen WG-Partnerinnen oder -Partner fürs Leben zu finden. Das seit 2017 in Wien ansässige Start-up wendet sich vor allem an Singles über 50 im deutsch-sprachigen Raum. Mittels eines umfassenden Persönlichkeitsabgleichs werden WG-Interessierten hierin „erstmals ausschließlich nur vorgefilterte Kontakte“ angeboten.

Wir wollten unbedingt mehr wissen und baten Monika Kohut daher uns einige Fragen zu beantworten:

WOMAN: Wie kamen Sie auf die Idee, diese Plattform zu gründen?
Kohut: Die eigentliche Triebfeder war mein Eigenbedarf: Aufgrund des Auszugs meines Sohnes wollte ich schon 2003 eine Frauen-WG50plus gründen. Die Wohngemeinschaft galt damals aber noch – fast ausschließlich – als studentisches Wohnmodell. Es fanden sich somit nur jüngere Mitbewohnerinnen. Erst 2010 gab es dann eine WG-Vermittlungsplattform, die die Generation Ü50 adressierte. Da es sich bei dem Portal letztendlich nur um einen wenig strukturierten, digitalen Kleinanzeigenmarkt handelte, war alleine die Sichtung der Anzeigen mit sehr viel Zeitaufwand verbunden. Als dann im Frühjahr 2012 die Vor-Ort-Besichtigung einer WG, für die nur 3 Fahrstunden eingeplant waren, wetterbedingt zwei Tage dauerte, wollte ich – völlig entnervt - aufgeben. Der Kommentar eines Freundes: „Dann mach es halt selbst – und besser“. Das war der berühmte Klick! Ich wusste sofort: „Ich will eine professionell betreute und gemanagte Plattform mit Matching. Als ich meinem Sohn mein Konzept-Scribble erklärte, meinte der sofort: „Die beste Idee, die du je hattest. Ich bin dabei!“

Sie ist selbst das beste Testimonial für die GOLD WG, denn auch sie nutzt die Plattform, um eine neue WG zu gründen. Erste Mitbewohnerinnen gibt es schon.

WOMAN: Wie verlief die Umsetzung?
Kohut: Das war „a long way to Tipperary“: Insgesamt haben wir für die Projektentwicklung - Marktanalyse, Pilotprojekt, Weiterentwicklung des Matching und Testphasen rund fünf Jahre gebraucht. Besondere Herausforderungen waren die komplexen Matching-Algorithmen und die hohen Ansprüche an die IT, die wir - ohne Eigenkapital, ohne Venture Capital - meistern mussten.

WOMAN: Waren Sie in Ihrem Berufsleben jemals mit Vorurteilen als Frau oder in Bezug auf Ihr Alter konfrontiert?
Kohut: Mit Vorurteilen als Frau war ich eigentlich nie konfrontiert. Ein Grund ist sicher, dass die PR Ende der 80er Jahre, als ich in die Kommunikation einstieg, ohnehin noch eine Frauendomäne war. Aber auch später, als ich dann auf Management-Ebene im internationalen Marketing tätig war, hatte ich nie Probleme. Ein Umstand, der sich sicher in meinem Auftreten begründet. Denn ich ging und gehe NIE in ein Meeting mit dem Mindset: „Ich bin eine Frau, sondern mit dem Bewusstsein: Ich kann, ich will, ich werde.“ Meine Ausdrucksweise ist definitiv nicht typisch feminin. Soll heißen, ich formuliere im Indikativ und Futur und nicht im Konjunktiv oder Konditional. Zudem gehe ich immer konfliktbereit in einen Diskurs.

Ich hatte das Glück, dass bereits meine Mutter Anfang der 50er Jahre eine emanzipierte, berufstätige Geschäftsfrau war. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, meinen Vater um Haushalts- oder Taschengeld zu bitten. Und der hätte das auch nicht von ihr erwartet. Somit war auch mein Vater bereits ein Mann mit modernem Frauenbild. Das eigentliche Problem bei meinem Einstieg ins Business war, dass ich nur eine Ausbildung als Gymnasiallehrerin hatte. „Mit einem Studium der Geisteswissenschaften willst du in die freie Wirtschaft?“ war der Kommentar, den ich regelmäßig von einem Kopfschütteln begleitet, zu hören bekam. Von keiner Seite kam da irgendeine Unterstützung – auch nicht von Frauen oder Freundinnen, die die Möglichkeit gehabt hatten, mir zu helfen. Das Bewusstsein, dass auch wir Frauen „networken“ müssen, existierte noch nicht.

Alter spielte und spielt – geschlechtsunabhängig - im Berufsleben immer eine Rolle, auch wenn die offiziellen Statements anders lauten. Das hat sich sicher zum Teil aufgrund des Fachkräftemangels in einigen Branchen geändert, vor allen, in denen „Handarbeit“ gefragt ist. Grundsätzlich aber sehen Unternehmen im Hinblick auf das Gehalt einer/s Senior eher den vermeintlich hohen Kostenfaktor und weniger das wertvolle Asset: umfassende Berufs- und Lebenserfahrung, also fundierte Hard und Soft Skills.

WOMAN: Wie sind dazu Ihre Erfahrungen in der Start-up-Szene?
Kohut: Meine Erfahrungen bezüglich meines Alters als Gründerin mit 66 Jahren sind grundsätzlich positiv, auch in der Start-up-Szene. Selbst Möchtegern-Machos zollen älteren Frauen mit fachlichem Know-how Respekt. Das gilt für alle hierarchischen Ebenen und selbst männlich geprägte Kulturen. Vorausgesetzt natürlich: Frau kennt die Spielregeln und verfügt über die jeweils erforderliche interkulturelle Kompetenz.

WOMAN: Leben Sie aktuell in einer WG?
Kohut: Ich lebe seit 2003 in einer 2-er WG. Aus privaten und beruflichen Gründen will ich bis Ende des Jahres eine 4er- bis 5-er WG gründen. Dank GOLD WG sind wir bereits zu dritt (zwei Frauen und ein Mann). Aktuell bin ich dabei, Ende April vor Ort ein Treffen mit unserer potenziellen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern, zu organisieren.

Die WG als Wohnform eines zeitgemäßen Lifestyles einer neuen, jungen Generation 50plus

WOMAN: Ist die WG die Lebensform der Zukunft in Ihren Augen – auch für ältere Menschen?
Kohut: Unbedingt! Das Interesse ist ja jetzt schon enorm und es wird weiter steigen. Und zwar vor allem aus drei Gründen:

Erstens: Es gibt immer mehr Singles, also auch in der Altersgruppe 50plus. Seit Jahren steigt zudem auch die Zahl der Paare, die sich Ü60 scheiden lassen. Aber kaum ein Single will wirklich langfristig alleine leben. Wir Menschen sind Gruppentiere: Wir brauchen die Gemeinschaft. Und Ü50 wollen wir Lebensqualität mit Gleichgesinnten – oder auch Wahlverwandtschaften - teilen.

Zweitens: Immer mehr Menschen droht Altersarmut. Grundsätzlich betroffen sind alle Arbeitnehmer, die heute im Niedriglohnbereich oder mit befristeten Arbeitsverträgen tätig sind. Insbesondere aber trifft es Frauen, die nur halbtags arbeiten (können). Ihre Rentenansprüche dürften die aktuellen Zahlen in naher Zukunft geradezu explodieren lassen. Aber auch die rasant steigende Rate der sogenannten "grauen Scheidungen" (Anm. der Red.: Scheidungen im fortgeschrittenem Alter) trägt zu dieser Entwicklung bei. Denn die haben oft dramatische wirtschaftliche Folgen.

Drittens: Das immer geringer werdende Angebot an bezahlbarem Wohnraum in den Ballungsgebieten und die damit erschreckend steigenden Mieten.

Kurzum: Ich bin fest davon überzeugt: Die WG ist das Trendmodell einer neuen, jungen Generation 50plus. Denn die ist aktiv, agil und (welt-)offen. Der Grund für die geringe Anzahl an bisher existierenden WGs ist sicher nicht mangelndes Interesse, sondern der lange und mühsame Weg von der Idee bis zur Realisation. Bisher dauerte es in der Regel mehrere Jahre bis die Wohngemeinschaft endlich formiert und immobilientechnisch etabliert hatte. Und dann scheiterten die meisten dieser WGs nach kurzer Zeit. Weil die im Alltag auftretenden Konflikte nicht bewältigt wurden. Der Grund: Die tatsächlich vorhandenen Gegensätze sind unterschätzt worden. Alle diese Faktoren sind in meine Überlegungen bei Konzeptentwicklung für GOLD WG eingeflossen.

Mehr dazu erfährst du auf gold-wg.com.

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Thema: Feminismus