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"Gute Gene sind kein Zufall"

Das Erbgut spielt für unser Leben und unsere Gesundheit eine wichtige Rolle. Aber wir sind ihm nicht ausgeliefert. Tatsächlich haben wir einen Großteil unseres Schicksals selbst in der Hand, wie die Epigenetik, eine junge Wissenschaft, nahelegt. Expertin Michaela Döll weiß mehr dazu.

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Frau, Zähne
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Gesund, schön, glücklich und für immer jung. Ach, wenn man nur den entsprechenden Sack voll guter Gene hätte. Aber leider kann man sich's ja nicht aussuchen "Doch, kann man!", weiß Prof. Dr. Michaela Döll. "Zumindest bis zu einem gewissen Grad." In ihrem neuen Buch "Gute Gene sind kein Zufall" (südwest) befasst sich die Ernährungsexpertin mit der relativ jungen Wissenschaft der Epigenetik. Diese besagt, dass es sehr wohl möglich ist, durch Ernährung und Lebensstil die Gene zu steuern. Denn nur zehn Prozent der vorhandenen sind in unseren Zellen tatsächlich aktiv. "Man kann Schalter umlegen, ein ganzes Leben lang", will die Fachfrau, Professorin für Lebensmittelchemie an der Universität Braunschweig, zu mehr Bewusstsein motivieren. "Nichts ist in Stein gemeißelt." Viele Markierungen im Erbcode kommen lebensstilbedingt zustande. Und sowohl gute als auch schlechte Markierungen an den Genen können auf die nächste Generation übertragen werden, von beiden Elternteilen. Zu den Einflussgrößen, die solche Spuren hinterlassen können, gehören neben Ernährungsgewohnheiten und Lifestyle-Facts auch psychische Belastungen, die nicht aufgearbeitet wurden. In einem spannenden Experiment wiesen Forscher etwa nach, dass die Babys von Rattenvätern, denen man Angst vor einem bestimmten Geruch anerzogen hatte, mit der gleichen Angst auf die Welt kamen. Wären sie Menschen, könnten sie dieses Angstgen allerdings durch eine Therapie deaktivieren. Was es mit der Epigenetik sonst noch auf sich hat und wie wir von ihr profitieren können, fragten wir Michaela Döll (prof.drmdoell.de) im spannenden Talk.

»Keine guten Zeiten für Gemüsemuffel.«

WOMAN: Die Gene, die wir vererbt bekommen, sind also keine starre Größe?

Döll: Nein. Wir haben durch die Epigenetik gelernt, dass die Genregulation eine sehr flexible Angelegenheit ist. Das ganze Leben lang liegt es in unserer Hand, unser Erbgut selbst zu beeinflussen. Das ist doch eine grundlegend gute Nachricht! Sie müssen sich das so vorstellen: Von den 23.000 Genen, die wir in jeder Zelle haben, sind nur etwa zehn Prozent aktiv. Hier kommt die Genregulation ins Spiel. Neben der klassischen Vererbungslehre, die für unser Aussehen und unsere Charaktereigenschaften von Bedeutung ist, gibt es zahlreiche Faktoren, die Gesundheit und Wohlbefinden mitbeeinflussen. Das ist letztlich eine Frage der Gen-Programmierung, die wiederum über die Schalter an den Genen zustande kommt. Hier können Geninhalte geöffnet bzw. verschlossen werden.

WOMAN: Und wie soll das gehen? Hat die klassische Genetik ausgedient?

Döll: Das sicher nicht. Wenn man einen Gendefekt hat, kommt dem natürlich die gleiche Bedeutung zu wie früher. Aber im Allgemeinen können wir selbst Einfluss auf die Schaltpläne nehmen - durch unseren Lebensstil. Ein Beispiel: Sogenannte Tumorsuppressor-Gene helfen dem Körper, Tumorzellen aufzuspüren und zu deaktivieren. Wenn diese Schutzgene aus irgendeinem Grund verschlossen sind, ist das klarerweise ein gesundheitlicher Nachteil. Aber wir können sie aktivieren. Das Gleiche gilt auch etwa für die Gene, die Einfluss auf Übergewicht und Fettstoffwechselstörungen haben.

WOMAN: Was also sperrt gute Gene auf?

Döll: Das sind vor allem Bewegung, Ernährung, Entstressung und Entspannung und das Aufarbeiten von negativen Erlebnissen. Bewegung ist das Allerwichtigste. Klingt langweilig, aber es ist halt so. Ganz wichtig, was die Ernährung betrifft, sind die bioaktiven Pflanzeninhaltstoffe, wie zum Beispiel die Polyphenole, sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe. Sie werden in Obst, Gemüse und Gewürzpflanzen als Schutzstoffe gegen Schädlinge gebildet. Was sowohl als Antibiotikum als auch als Entgiftungsmittel den Pflanzen nützt, ist für uns ebenso von Bedeutung. Aus der Forschung wissen wir, dass diese Stoffe Schutzgene anwerfen können. Sie wirken zudem entzündungshemmend, und man weiß ja, dass praktisch alle chronischen Erkrankungen mit Entzündungen zu tun haben. 700 Gramm Grünfutter täglich senken das allgemeine Sterberisiko um mehr als 40 Prozent.

WOMAN: Keine guten Zeiten für Gemüsemuffel ...

Döll: Nein. Wenn sich einer gar nicht dafür begeistern kann, gibt es auch entsprechende Nahrungsergänzungsmittel (z. B.: Plantazym in der Apotheke).

WOMAN: Wie kann man sich die Wirkung praktisch vorstellen?

Döll: Die Nahrung spricht sozusagen mit unserem Erbgut. Konkret hängen sich chemische Gruppen an bestimmte Stellen der DNA an, was das Ablesen von Informationen ermöglichen oder verhindern kann. Stark vereinfacht formuliert: Um negative Informationen zu verschließen, braucht es positive Einflüsse. Ich muss also schon selbst etwas tun, wie eben richtig essen.

WOMAN: Wenn ich z. B. die Veranlagung für Lungenkrebs geerbt habe und rauche ...

Döll: ... wird die Krankheit bei mir mit viel höherer Wahrscheinlichkeit ausbrechen als bei jemandem, der kein entsprechendes aktives Gen dafür hat. Mit gesundem Lebensstil kann ich aber dagegenwirken und versuchen den Schalter sozusagen umzulegen.

WOMAN: Umgekehrt passiert das auch?

Döll: Ja. Mit ungesundem Lebensstil kann ich Schutzgene ausschalten.

WOMAN: Wie ist das mit Übergewicht? Da ist doch viel Veranlagung dabei, oder?

Döll: Es gibt natürlich eine Veranlagung für Übergewicht, ja. Und man kann in diesem Zusammenhang nicht oft genug darauf hinweisen, dass die Schwangerschaft der Mutter da eine sehr wichtige Rolle spielt. Ernährt sie sich falsch, können Generationen von Kindern ein Problem mit dem Körpergewicht haben. Man hat das in großen Studien nachgewiesen. Hungert die werdende Mutter zum Beispiel, wird der Stoffwechsel des Babys so umprogrammiert, dass er alles festhält, was er kriegen kann. Aber auch wenn sie zu viel isst, ist das Risiko des Kindes für Übergewicht und Stoffwechselstörungen im Erwachsenenalter erhöht.

WOMAN: Die Schaltpläne, werden von Generation zu Generation weitergegeben?

Döll: Die Forschung liefert Hinweise, dass das passieren kann. Aber es bringt einem ja auch nichts, zu sagen, meine Uroma ist schuld. Schaun wir doch lieber, dass wir unseren Stoffwechsel auf schlank umprogrammieren.

WOMAN: Wie schaut man da?

Döll: Sport und Bewegung programmieren Gene um. Weiters können Extrakte von Natursubstanzen Übergewichtige bei der Optimierung ihres Stoffwechsels unterstützen. Hier liegen Bitterstoffe ganz vorn, und da wieder die Bittermelone. Sie wurde in mehr als 100 Studien auf ihre insulinverbessernde und gewichtsreduzierende Wirkung hin untersucht. Wissenschaftlich belegt ist auch, dass Zink den Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel unterstützt. Grüntee und Zitrusfrüchte wie Blutorange, Orange, Grapefruit und Guarana (z. B. in figuracell kombiniert enthalten, Apotheke) wurden ebenfalls überprüft. Was nichts bringt, ist eine Diät nach der anderen zu machen. Unser Körper lässt sich nicht einfach austricksen. Fasten ist hingegen eine wunderbare Möglichkeit, den Körper auf gesund zu programmieren. Immer wieder eine Woche lang, oder in Intervallen. 14 bis 16 Stunden am Stück nichts essen. Dinner Cancelling ist auch eine gute Sache.

WOMAN: Als weiteren Dickmacher prangern Sie Plastik an.

Döll: Ja, Plastik macht dick und ist überhaupt extrem schädlich. Bisphenole, die Weichmacher in dem Stoff, manipulieren unser Erbgut. Sie können zu Türöffnern für schlechte, normalerweise versperrte Gene werden. Sie wirken nachteilig auf unsere Immunabwehr, das Hormonsystem und die Nervenzellen im Gehirn. Und sie kurbeln eben auch die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse an. Es ist furchtbar. Ein riesiges Problem.

WOMAN: Dem Plastik zu entkommen, ist aber nicht wirklich leicht.

Döll: Ich weiß. Ich kaufe seit 30 Jahren im Naturkostladen, und auch da werden die Lebensmittel immer mehr eingeschweißt angeboten. Wir müssten wieder mehr an die Theke gehen und uns Käse und Fleisch frisch abschneiden lassen. Glasflaschen benützen. In meinem Haushalt gibt es seit über zehn Jahren keine Plastikflaschen mehr.

WOMAN: Wie schaut es mit psychischen Belastungen aus? Wie viel wird da vererbt?

Döll: Es gibt Hinweise darauf, dass sich Traumata ins Erbgut einbrennen können. Daher: Depressionen, posttraumatische Störungen, Missbrauchserfahrungen nach Möglichkeit immer aufarbeiten, um diese Fehlprogrammierungen aufzulösen. Schon den Nachkommen zuliebe.

WOMAN: Gute Gefühle, so schreiben Sie, öffnen ebenfalls Schlösser zu guten Genen.

Döll: Ja, positiv denkende, dankbare Menschen sind nachweislich gesünder. Auch Nächstenliebe wirkt Wunder. Wer etwa sozial engagiert ist, ist auf einem epigenetisch sehr guten Weg.

WOMAN: Die Frage drängt sich auf: Gibt es eigentlich ein Glücksgen?

Döll: Das Glücksgen schlechthin gibt es nicht. Allerdings gibt es interessante Hinweise zu Genabschnitten, die bei der Herstellung des Glückshormons Serotonin eine Rolle spielen. Denn es existieren tatsächlich zwei unterschiedliche Ausführungen des betreffenden Gens, kürzere und längere DNA-Stücke nämlich. Wer die längere Variante mitbekommen hat, ist deutlich besser dran, er hat mehr Serotonin im Gehirn, ist weniger ängstlich und trägt ein deutlich geringeres Risiko für psychische Störungen. Aber auch das muss aus epigenetischer Sicht relativiert werden. Faktoren wie Familie, Freunde, Geborgenheit spielen eine große Rolle. Hat man gute soziale Kontakte mit Füreinander-da-Sein und Zuwendung, kann man eine eventuell nachteilige Genetik überwinden.

WOMAN: Soziale Kontakte sind ja auch eines der besten Mittel gegen negativen Stress - den großen Feind!

Döll: Negativer Stress ist klarerweise sehr ungesund und lässt uns vorzeitig altern. Die für die Zellerneuerung entscheidenden Chromosomenenden werden durch psychische und nervliche Belastungen vor der Zeit abgebraucht, das trägt auch zur Begrenzung der Lebenszeit bei. Ausreichend Schlaf, ein gutes Stressmanagement sowie reichlich Sozialkontakte sind epigenetische Basics für ein gesundes, langes Leben.

WOMAN: Fassen Sie doch bitte noch mal alle epigenetischen Trumpfkarten zusammen!

Döll: Gern: gesunde, pflanzenbetonte Ernährung, Bewegung, aufs Gewicht achten, nicht rauchen, gute Gefühle, Entspannung, wenig Zucker, fasten, Traumata und negativ Erlebtes anschaun, wenn geht, auf Plastikverpackungen verzichten. Ein gesunder Lebensstil ist das Beste, was man seinen Nachkommen mitgeben kann.