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Häusliche Gewalt soll in Russland nicht mehr bestraft werden - aus Tradition

Frauen und Kinder zu schlagen hat in Russland Tradition - da muss man doch nicht gleich mit Strafen kommen (Achtung: Ironie!)! Und daher gibt es einen Gesetzesentwurf, der das aktuelle Strafausmaß abschaffen beziehungsweise mildern soll.

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Gewalt aus Tradition
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Statt Opfer von Gewalt zu schützen, will man in Russland zukünftig lieber die Täter schützen: Denn ein aktuell im Parlament besprochener Gesetzesentwurf sieht eine Minderung des Strafausmaßes bei häuslicher Gewalt vor.

Bisher wurde Gewalt gegen die eigene Frau, Kinder oder Familienangehörige mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft. Das empfindet die russische Parlamentsabgeordnete Jelena Misulina jedoch als "familienfeindlichen Zustand". Denn so ein Gefängnisaufenthalt für denjenigen, der zugeschlagen hat, würde schließlich das Familienklima verschlechtern. Eigentlich könnten wir diesem Argument ja zustimmen, wenn wir es nicht komplett anders auslegen würden.

Gewalt als Familientradition

Misulina sieht nämlich Schläge als adäquates Mittel in der Erziehung. Wobei wir uns auch fragen, warum Frauen von ihren Männern erzogen werden müssen. Darüber hinaus entsprechen Schläge der russischen Familientradition.

Die 62-Jährige, die übrigens propagiert, dass alle Frauen mindestens drei Kinder kriegen und selbst nur zwei hat, erklärt den von ihr eingebrachten Gesetzesentwurf folgendermaßen: Zwei Jahre im Gefängnis sind zu viel, nur weil es einmal einen leichten Schlag gegeben hat. Schließlich hätten viele gar keine Wahl, als ihre Kinder mit Gewalt auf den richtigen Weg zu bringen und in Russland beruhen die Familienwerte auf der Autorität der Eltern. Diese wunderbaren "Werte und Traditionen" sollen also nun gesetzlich geschützt werden.

Gewalt in der Familie soll demnach nicht mehr als Straftat, sondern nur mehr als Ordnungswidrigkeit gewertet werden. Strafen sollen nur verhängt werden, wenn mehr als einmal im Jahr zugeschlagen wird oder die Folgen davon sichtbar in Form von körperlichen Schäden sind.

Alle 40 Minuten stirbt in Russland eine Frau aufgrund von häuslicher Gewalt

Diesem Banalisieren von Gewalt stehen die offiziellen Zahlen der russischen Regierung gegenüber: 40 Prozent aller Körperverletzungen passieren laut deren aktuellster Statistik innerhalb von Familien. Man merkt, die Traditionen werden hochgehalten!
36.000 Frauen werden täglich von ihren Männern geschlagen, 26.000 Kinder werden täglich von ihren Eltern misshandelt. Alle 40 Minuten stirbt eine Frau aufgrund von häuslicher Gewalt - im Jahr zwischen 12.000 und 14.000 Frauen. Dazu kommt auch noch eine große Dunkelziffer, da viele Frauen und Kinder sich nicht trauen, ihre Misshandlungen öffentlich zu machen.

Das neue Gesetz könnte diese Hemmschwelle noch erhöhen und somit noch weitaus mehr Opfer fordern, die es nicht mehr wagen, über ihr Leid zu sprechen und ihre Peiniger anzuzeigen. Dabei schweigen und leiden jetzt schon zu viele Frauen und Kinder.

Nachtrag: Das russische Parlament hat Misulinas Gesetz über die Dekriminalisierung häuslicher Gewalt tatsächlich in 2. Lesung beschlossen - 385 Ja-Stimmen, nur 2 Nein-Stimmen.