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Harry Styles trug ein Rüschenkleid auf einem Magazincover – so what?!

Geht die gesamte westliche Männlichkeit unter, nur, weil Harry Styles ein Kleid am Vogue-Cover trägt? Wir finden nicht. Aber das sehen wohl nicht alle so.

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harry styles
© 2019 Getty Images

Wenn unsere Kids, Enkerl und Urenkerl später auf das Jahr 2020 zurückblicken, werden sie mehr als nur ein Kapitel im Geschichtsbuch dazu finden. Wir erleben gerade so viele beängstigende Situationen, jeder Tag ist neu und unvorhersehbar – und trotzdem haben wir das Gefühl, dass uns ein ganzes Jahr geklaut wurde. Eine paradoxe Situation! Doch zum Glück passieren immer noch tolle Dinge, über die wir auch regelmäßig berichten. Eines dieser tollen Dinge, ist das Dezember-Cover der Vogue, denn darauf ist Sänger Harry Styles zu sehen – und zwar in einem langen, berüschten Kleid.

Nicht nur auf dem Cover, sondern auch in der großen Fotostrecke trägt Styles "weibliche" Kleidung. Aber eben nicht auf eine Art, wie man es von Drag Queens kennt. Harry Styles will keine Frau sein – er ist einfach eine Person, die Mode liebt und sich darin austobt. Dabei bewegt er sich fließend zwischen den maskulinen und femininen Zuschreibungen hin und her. Denn wenn man es einmal ganz nüchtern betrachtet, dann hat Kleidung an sich kein Geschlecht. Das sind nur Fäden, die zu populären Formen verwoben sind.

Die konservative Fraktion ist aber nicht für ihre Nüchternheit bekannt, wenn es um das Gender-Thema geht. So äußerte sich ziemlich schnell Candace Owens per Twitter zu dem Cover. Owens ist Afro-Amerikanerin, ist aber erst durch ihre offene Ablehnung der Black-Lives-Matter-Bewegung in den Fokus gerückt. In ihrem Tweet schreibt sie: "Es gibt keine Gesellschaft, die ohne starke Männer überleben kann. Der Osten weiß das. Im Westen ist die stetige Feminisierung unserer Männer zur gleichen Zeit, in der unseren Kindern der Marxismus beigebracht wird, kein Zufall. Es ist ein regelrechter Angriff."

Und Ben Shapiro, ein ebenfalls rechtskonservativer Journalist, sprang auf den Zug der "Manly Manliness" auf. Wobei Shapiro es nicht dabei beließ, sich negativ über das Cover per se zu äußern. Er versuchte mit mehreren Tweets die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen Mann und Frau zu untermauern. Auch den "Linken" sei klar, dass den Buben in jeder erdenklichen, menschlichen Kultur die Männlichkeit beigebracht würde. Denn: "Die männliche Rolle ist nicht immer dieselbe wie die Rolle der Frauen."

Da hat Shapiro sogar Recht, aber eben auf die Menschheit selbst gesehen, denn wir sind kein Ameisenhaufen, in dem alle gleichgeschaltet sind. Jeder und jede von uns ist verschieden und es gibt keine zwei gleichen Lebenswege auf dieser Welt. Deshalb sollte es aber auch möglich sein, dass sich ein Mann ein Kleid anzieht, ohne, dass deshalb gleich die Männlichkeit aller Männer zerstört wird. Vielmehr bietet Styles sich als positive Projektionsfläche für all jene Burschen an, die bis jetzt das Gefühl hatten, abseits der Norm zu sein, wenn sie sich für feminine Dinge interessieren. Denn Harry Styles ist kein Künstler einer alternativen Szene – er ist Teil des Mainstreams.

Shapiro, Owens und zahlreiche Twitter-UserInnen scheinen aber Angst vor dem Individualismus der Menschen zu haben. Denn genau darum geht es: Nicht jeder einzelne Mann, der das Vogue-Cover sieht, wird plötzlich ein Kleid tragen wollen. Aber jenen, die schon mit dem Gedanken gespielt haben, könnte es nun eben ein bisschen leichter fallen, zu sich selbst zu stehen. Vor allem, weil Styles selbst in den letzten Jahren große Veränderungen durchlaufen ist. Dies illustrieren folgende zwei Cover-Stories perfekt:

Auf dem linken 2012er-Cover der TeenVogue war Styles nicht nur erst 18 Jahre als, sondern auch noch Teil der Boyband "One Direction". Heute ist er 26, Solo-Artist und steht zu seinem ganz eigenen Modestil. Der Sänger wirkt, als habe er sich selbst gefunden und sei soweit zufrieden mit sich. Und wir können allen Männern, die eine Fashion-Liebe in sich tragen, nur raten: Lebt es aus! Das Leben ist einfach zu kurz.