Ressort
Du befindest dich hier:

Hary Raithofer im WOMAN-Interview

10 Jahre weckte Hary Raithofer auf Ö3 die Nation. Bis er Pilot bei Tyrolean Airways wurde. Ob er beim angeschlagenen Mutterkonzern AUA seine Zukunft sieht und warum sein Herz gebrochen ist, lesen Sie hier.


Hary Raithofer im WOMAN-Interview
© Ernst Kainerstorfer

WOMAN : Herr Raithofer, verstehen Sie alteingesessene Austrian Airlines-Piloten, die dank „privilegierter Selbstkündigung“ bis zu 550.000 Euro Abfertigung cashen, um dem Betriebsübergang auf die billigere Tochter Tyrolean zu entgehen?

Raithofer: So eine Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Diese Verträge stammen aus Zeiten, als wirtschaftlich noch alles anders war. Damals war der Wettbewerb zwischen den Airlines nicht so hart wie heute. Das Geld, um solche Verträge zu bezahlen, lässt sich für eine Fluggesellschaft heute einfach nicht mehr verdienen.

WOMAN: Sie waren 10 Jahre lang der Starmoderator beim ö3-Wecker. Und haben nebenbei den Berufspilotenschein bei der „Jet-Alliance“ gemacht. Weil man als Pilot mehr verdient als beim ORF?

Raithofer: Ich verdiene jetzt weniger als beim Radio. Soviel dazu. Pilot sein war schon immer mein Traumberuf. Aber ich wuchs in der Obersteiermark auf, mein Vater Karl war Finanzbeamter, meine Mutter Johanna Hausfrau. Ich hatte also nicht die finanziellen Möglichkeiten, diese kostspielige Ausbildung zu machen. Es dauerte sehr lange, bis ich genügend Geld beisammen hatte. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht mehr daran, diesen Beruf ernsthaft zu ergreifen, hab aber trotzdem den Privatpilotenschein gemacht. Quasi als Hobby. Doch ich wollte mehr über die Fliegerei wissen, als nur auf eigene Kosten spazieren zu fliegen. Als ich dann 2004 mit dem Berufspilotenschein die Chance bekam, bei der Jet Alliance ein Rating zu machen, tat ich das für drei Jahre. Und entschied mich dann ganz dafür.

WOMAN: Haben Sie 2008, als Sie neben der Fliegerei kurzweilig bei „88. – der Musiksender“ wieder Radio gemacht haben, schon geahnt, dass es einmal mit der AUA so enden wird wie jetzt?

Raithofer: Endet es? Ich bin davon überzeugt, dass es das nicht tut. Diese kurze Rückkehr in die 88.6-„Morningshow“ war nicht finanziell motiviert. Das war keiner meiner Jobs. Ich tat es, weil ich’s nochmal wissen wollte. Und stell es mir ganz, ganz schlimm vor, einer Beschäftigung nachzugehen, die einen nicht erfüllt, die man aber braucht, um finanziell zu überleben. Immerhin verbringt man die meiste Zeit am Arbeitsplatz!

WOMAN: Was waren so Ihre ersten Eindrücke als Berufspilot?

Raithofer: Ich lernte sehr viele Reiche kennen. Man ist in diesen Zirkeln aber nicht „dabei“, sondern bloß der Diener, der den Koffer hinterher trägt. Im Businessjetbereich ist das üblich! Mir fiel deshalb aber kein Zacken aus der Krone. Erstens steht’s in der Berufsbeschreibung, zweitens schadet’s nicht, ab und zu etwas zu heben.

WOMAN: Vor allem, wenn das Trinkgeld stimmt.

Raithofer: Ich habe in drei Jahren einmal Trinkgeld bekommen. 50 Euro von einem Russen. Zum Trinkgeld gibt’s viele Märchen. Aber ich weiß von Kollegen, die schon mal 1.000 Dollar bekamen.

WOMAN: Oje! Haben Sie etwas falsch gemacht?

Raithofer: (lacht) Nein, wenn du als Pilot das Flugzeug als Ganzes wieder zum Gate bringst, hast du ziemlich viel richtig gemacht. Die meisten Passagiere denken einfach nicht ans Trinkgeld. Da sindRussen sicher die Ausnahme. Denen ist das wurscht, ob sie uns 5.000 Dollar ins Cockpit schmeißen. Die spüren das im Geldbörsel nicht.

WOMAN: Früher mussten Sie um drei Uhr Früh aus den Federn. Hat sich Ihre Lebensqualität verbessert, wo Sie sich in himmlischen Sphären aufhalten?

Raithofer: Es ging mir nie auf den Wecker, so zeitig aus dem Bett zu müssen. Dafür war ich um 12 Uhr Mittags am Golfplatz. Das war auch nicht so schlecht. Den Schlafentzug hab ich grundsätzlich gut vertragen, und gelernt mit dieser latenten Müdigkeit zu leben. Auf lange Sicht ist es nicht gesund. Unbewusst spürte ich: Es wird der Tag kommen, wo ich weiß: das war’s jetzt... Und der Tag kam. Weil Ö3 einfach nicht mehr den Spaß machte wie früher einmal. Diese Bauchentscheidung „Es ist genug“ traf ich binnen weniger Tage.

WOMAN: Was, wenn die AUA in Sachen Sparkurs ein Musterbeispiel wird für andere heimische Konzerne? Soll man Widerstand leisten oder wie Roland Düringer sagt, ein „Systemtrottel“ bleiben?

Raithofer: Jeder hat die Möglichkeit, etwas zu verändern, wenn’s ihm wo nicht mehr gefällt. Solange ich das Vertrauen in das System „Austrian Airlines“ habe, werde ich die besten Leistungen erbringen. Sollte ich dieses Vertrauen verlieren, ziehe ich meine Konsequenzen. Irgendwie wird’s immer weitergehen.

WOMAN: Vielleicht in Dubai! Die Vereinigten Arabischen Emirate ködern Piloten gerade mit exorbitanten Gagen!

Raithofer: Dubai würde mich in der Tat reizen. Ich mag das Land und seinen dynamischen Spirit. Die Sonne und das Meer. In Europa wird eh nur noch geraunzt.

WOMAN: Seit Jahren wird gespart, aber es tritt für die Masse keine Besserung ein.

Raithofer: Ich weiß nicht, ob ein paar „Schlauere“ irgendwo zusammensitzen und dies alles nur steuern!?! Aber es gibt offenbar immer welche, die es gut verstehen, die Masse dafür einzusetzen, dass es ihnen sehr, sehr gut geht. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein, ein gewisses Maß an Skrupellosigkeit – und schon ist man dabei. Bis auf wenige Ausnahmen, würde ich sagen, wird man mit Arbeit allein nicht mehr reich. Da gehören offenbar ein paar andere Faktoren dazu. Verbindungen zum Beispiel. Der extreme Reichtum aus dem Osten verdeutlicht, dass Leute mit guten Connections von der Privatisierung des Staates total profitieren. Jeder Mensch entscheidet für sich selbst, ob er so etwas moralisch vor sich selbst verantworten kann.

WOMAN: Welche Bedeutung hat Reichtum für Sie? Sind Sie geldfixiert?

Raithofer: Ich jage sicher nicht ständig dem Euro hinterher. Habe gelernt mit etwas weniger auszukommen...

WOMAN: Besitzen Sie noch Ihren silbergrauen Porsche Carrera?

Raithofer: Nein, den habe ich verkauft. Jetzt fahre ich einen kleinen, schwarzen Fiat. Früher habe ich mich für gewisse private Einbußen wie etwa wenig Schlaf mit finanziellen Geschenken belohnt. Meine „Trostpflaster“ waren das Golfspielen, Markenklamotten, mein Sportwagenspleen – das saugte ziemlich viel Geld. Heute weiß ich, ich kann auch ohne dem sehrglücklich leben.

WOMAN: Und fühlen Sie sich auch als Fiat-Fahrer als ganzer Mann? Männer definieren sich ja oft übers Auto, brauchen es als Spielzeug.

Raithofer: (grinst) Ich komme auch ohne die „Penis-Prothese“ ganz gut zurecht. Der Verlustschmerz hält sich in Grenzen. Wenn man das Talent hat, auf die Bedürfnisse zu hören, die sein Körper braucht, entwickelt man auch ein Gefühl dafür, was man sich leisten kann und was nicht. (Er zündet sich eine Zigarette an).

WOMAN: Rauchen ist leider schlecht.

Raithofer: Stimmt. Eine leise Stimme in mir mahnt mich eh schon die ganze Zeit: „Hör lieber auf, bevor’s zu spät ist...“ Geistig bin ich fast soweit. Aber mit der praktischen Umsetzung hapert’s, wenn man ein Packerl pro Tag verpoffelt.

WOMAN: In welchen Situationen brauchen Sie Nikotin?

Raithofer: Bei mir passt eine Zigarette immer.

WOMAN: Auch nach dem Sex?

Raithofer: Jooo (dehnt das Wort) . Aber im Bett wird nicht geraucht! So süchtig, dass ich mir gleich nach dem ersten Augenaufschlag eine anheize, bin ich zum Glück nicht.

WOMAN: Denken Sie einfach an das viele Geld, das Sie sich ersparen würden! Damit ging sich ein Familien-Van aus. Ist Familie mittlerweile ein Thema? Außer Ihren zwei Kurzbeziehungen mit Millionärstochter Kathi Stumpf und Ex-Model Krisztina Cerny waren Sie ja immer Junggeselle.

Raithofer: Ich hatte vor zwei Jahren das Glück, meine Traumfrau zu treffen. Ich habe lang genug gewartet, habe es erwartet und bin bei mir angekommen. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass sie es für mich ist. Sie war 30. Eine Kollegin. Hat zwei kleine Töchter, die ich in mein Herz geschlossen habe. Aber es gab widrige Umstände, die ein „wir“ verhinderten. Das ist traurig.

WOMAN: Wenn Ihr Herz immer noch an der Dame hängt, ist es kein Fehler ihr zu sagen, dass Sie sie immer noch mögen.

Raithofer: (lächelt) Ja. Aber diese Geschichte ist gegessen. Um Liebe kann man nicht kämpfen. Sie ist da oder nicht. Man kann sie nicht erkaufen oder mit Geschenken manipulieren. Alles, was einem auf diesem Gebiet Gegenteiliges eingeredet wird, grenzt an Betrug. Vor allem an Selbstbetrug.

WOMAN: Wie lange sind Sie nun wieder Single?

Raithofer: Seit einem Jahr.

WOMAN: Und wie lange sind Sie im Herzen frei?

Raithofer: Gar nicht. Mein Herz ist noch gebrochen. Ich muss es erst zusammenkleben. Zeit ist ein wesentlicher Faktor. Vom Ablenken halte ich gar nichts. Das tue ich mir nicht an und auch keiner anderen Frau. Die Firma ist Gott sei Dank groß genug, dass ich meiner Exfreundin nicht ständig über den Weg laufe. Und so wie der Niavarani, der nahtlos von der Beziehung mit seiner Ex in eine Freundschaft über geht, bin ich nicht. Sensible Gespräche führe ich mit männlichen Freunden, dafür brauche ich keine weiblichen Kumpels. Eine Frau braucht also auf keine andere eifersüchtig sein. Ich „gehöre“ einer Partnerin ganz und gar – soweit man einem Menschen gehören kann.

WOMAN: Stimmt es, dass Sie sich immer Hals über Kopf in Beziehungen stürzen?

Raithofer: Korrekt! Das Schlimmste für mich ist der Mittelweg. Ich kann extrem lieben. Nur so kann man sich fallenlassen. Ohne Rücksicht auf Verluste...

WOMAN: Wie oft klaubten Sie sich schon zusammen, wenn wieder mal alles in Scherben lag?

Raithofer: Eigentlich jedes Mal. Aber sooft habe ich nicht geliebt. Es waren bisher nur vier oder fünf Frauen. Immer wenn’s so war, habe ich eine besondere Energie ausgestrahlt. Gespürt, wie ich innerlich wachse. Das habe ich aber zum Glück auch dann, wenn ich solo bin. Bei manchen Bekannten habe ich das Gefühl, dass sie stehen, nicht vom Fleck kommen. Vor allem bei jungen. Die haben mit 22 die paar Punkte abgearbeitet, die man angeblich so abarbeiten muss: Studium machen, jemanden kennen lernen, Häusl bauen, Vater werden... Das ist erschreckend. Neben solchen fühle ich mich unfassbar jung und beweglich im Kopf.

WOMAN: Schwingt da ein bisschen Neid mit, weil ein 22 jähriger bereits das erreicht hat, wovon Sie träumen?

Raithofer: Ganz und gar nicht. Jeder, wie er will. Ich hatte bis vor kurzem auch das Gefühl, ich wäre angekommen. Es wäre der optimale Zeitpunkt für mich gewesen, um Familie zu haben. Vorher hatte ich den Wunsch nicht in mir gespürt. Das viele Getrenntsein von Zuhause schürt sicher die Sehnsucht irgendwo zu ankern. Auf der einen Seite genieße ich es, bei meinem Stopp in Florenz dort auf einen Espresso zu gehen und Urlaubsfeeling zu inhalieren, andererseits muss nach langen Distanzen die Seele erst einmal mitkommen.

WOMAN: Ein Freund von mir sagt immer, wenn ich verreise: „Dein Körper ist bereits an dem anderen Ort, aber die Seele ist noch hier. Weil die Seele immer nachreist.“

Raithofer: So ist es. Im Cockpit gilt nur: sicher, pünktlich, wirtschaftlich. Umso wichtiger ist es, dass du auch zuhause gut andockst, deine sozialen Kontakte behältst und pflegst.

WOMAN: Sitzt Ihnen Ihre Mutter schon im G’nack, weil sie endlich Oma werden will?

Raithofer: (lacht) Meine Eltern wissen, dass man sich das nicht so bestellen kann. Sie führen seit bald 50 Jahren eine Traumbeziehung. Die lieben sich wirklich. Und behandeln sich gegenseitigem mit großem Respekt. Mein Vater schreibt meiner Mutter immer noch Liebesbriefe!Einfach so. Liebe allein ist der Anlass. Die Briefe schreibt er allerdings nicht mit der Hand sondern am Computer – ich hab ja einen modernen Vater. Und mit solchen Eltern die allerbeste Basis, um weiter an die große Liebe zu glauben.

Interview: Petra Klikovits