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Das passiert, wenn eine Frau ein WM-Spiel kommentiert

Claudia Neumann ist bei der WM die einzige Fußball-Kommentatorin im deutschen Fernsehen. Nach jedem Spiel, das sie kommentiert, erntet sie Spott, Hass und viel Kritik im Netz. Und immer schwingt der Zweifel mit: Wird sie aufgrund ihrer Kompetenz kritisiert oder weil sie eine Frau ist?

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Das passiert, wenn eine Frau ein WM-Spiel kommentiert
© 2018 Getty Images

Claudia Neumann kassiert viel Hass im Netz. Sie ist als weibliche Sport-Kommentatorin ein Unikat im deutschen Fernsehen und hat bei dieser WM schon drei Spiele kommentiert. Und nach jedem dieser Spiele wurden Stimmen im Netz laut, die an Neumanns Kompetenz zweifeln. Dabei arbeitet die Reporterin seit 1999 in der ZDF-Hauptredaktion Sport mit dem Fokus auf Fußball. Schon 2016 hatte sie bei der Fußball-EM in Frankreich als erste Frau im deutschen Fernsehen Spiele kommentiert. Und schon damals begegnete man ihr im Internet mit Hass und Spott. Sexistische Kommentare auf Twitter standen an der Tagesordnung. Es wurde debattiert, wie es sein kann, dass eine Frau in der heutigen Zeit so fertiggemacht wird, nur weil sie sich in einer absoluten Männerdomäne bewegt.

Und auch bei dem diesjährigen Fußball-Großereignis in Russland hat sich die Lage nicht gebessert. Nach dem sie das Spiel Island gegen Argentinien kommentiert hatte, trudelten schon die ersten Anti-Neumann-Tweets ein. Manche sprechen es offen aus, dass sie die einfache Tatsache stört, dass Claudia Neumann als Frau ein Fußballspiel kommentiert:"Es liegt tatsächlich daran, dass #claudianeumann eine Frau ist. Nicht dass ich sie deswegen reduziere, sondern dass diese nervige Stimme einfach nicht zu einem Fußballspiel passt" . Andere fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit gestört, weil ihre patriarchalen Meinungen kritisiert werden: "Ich möchte keine Frau als Fussballkommentatorin! Ich, wohlgemerkt! Warum darf ich das nicht sagen? Warum bin ich dann ein Sexist?? Warum?? "

Solche Tweets zielen eindeutig auf das weibliche Geschlecht von Neumann ab, das scheinbar nicht mit dem männlichen Fußball vereinbar ist. Die meisten Postings jedoch weisen eine sexistische Beurteilung von sich. Sie würden nur die Kompetenz, vielleicht noch die Stimme, aber auf keinen Fall das Geschlecht in die Bewertung einbeziehen. Neumann hätte ja auch offensichtliche Fehler eingebaut, schreibt ein User: "Ihre männlichen Kollegen schaffen es besser als sie, den Schiedsrichter vorzustellen (bei #ARGISL in Minute 52) und auch heute stellte sie Arzani nicht mit Vor-und Nachnamen vor, sondern umgekehrt. Wer sagt: "Jetzt kommt Müller Thomas"?" und ihre Stimme sei eben nicht gut genug für ein Live-Kommentar: "Ich bin absolut dafür, dass Frauen Spiele kommentieren, aber wenn, dann bitte ich darum, eine erträgliche Stimme haben, ihre Stimmen nicht künstlich senken, um männlicher zu klingen. Ich ertrage diese Stimme noch weniger als sie von Bela Rethy #Claudianeumann #saynotosexism"

Natürlich darf man den letzteren Usern keinen Sexismus vorwerfen, doch ist es schon sehr auffällig, wie sehr ein Fußball-Kommentar die Gemüter erhitzen kann. Zum Glück gibt es auch Stimmen, die sich eindeutig hinter Neumann stellen. Dies sind einerseits ebenfalls Twitter-UserInnen, die tapfer gegen die Kritik einstehen: "Ich fand Claudia Neumann bei #ARGISL schon sehr angenehm. Im ersten Moment für mich ungewohnt, da ich erstmals ein Fussballspiel mit einem weiblichen Kommentator (ja, das schreibe ich bewusst so) gehört habe, aber schnell dran gewöhnt. Würde ich gerne öfter hören." . Andererseits haben sich auch KollegInnen der Journalistin zu Wort gemeldet. Alexander Bommes zum Beispiel. Der ARD-Moderator beendete seine Moderation nach dem Spiel Iran gegen Spanien mit einer Solidaritätsbekundung. Kritik im Fernsehen sei man gewohnt, sagte Bommes, doch "wer so beleidigt, sagt mehr über sich selbst aus." Auch der ZDF-Sportchef nahm in einer Pressemeldung der DPA Stellung: "Wir akzeptieren natürlich Kritik, auch bei den Kommentatoren - was aber bei Claudia Neumann passiert, sprengt alle Grenzen“

Eine Frau, die ein WM-Spiel kommentiert: dies scheint für viele noch immer ein großes Problem zu sein. Dass es ungewohnt ist, eine weibliche Stimme bei einem Fußballspiel zu hören, das ist klar. An alles, was neu ist, muss man sich gewissermaßen gewöhnen. Das ist menschlich und auch okay so. Was aber nicht okay ist, dass in einer Zeit der #MeToo-Bewegung und der täglichen Berichte über die aktive Benachteiligung von Frauen, noch immer massives Mansplaining an der Tagesordnung steht. Und besonders heikel ist das Thema auch, weil es eine Gratwanderung zwischen fachlicher Kritik und Sexismus ist. Im Endeffekt muss man sich aber nur eine Frage stellen: Wäre diese Welle der Empörung auch über einen männlichen Fußball-Kommentator geschwappt? Eher nicht.

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