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Gibt's die eine beste Freundin?

Best Friends Forever! Doch hat frau wirklich die eine beste Freundin fürs ganze Leben? Was eine Frauenfreundschaft ausmacht und wie an dieser komplexen Beziehung gefeilt werden muss, fragten wir Bestsellerautorin Susann Sitzler.

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Gibt's die eine beste Freundin?
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Die beste aller Freundinnen! Sie begleitet uns durchs Leben und ist verlässlich in guten und schlechten Zeiten. Wir lachen, streiten, fluchen und weinen mit ihr. "Für viele Frauen sind beste Freundinnen wichtiger als Partner und Familie", behauptet Susann Sitzler in ihrem neuen Buch "Freundinnen. Was Frauen einander bedeuten" (Klett-Cotta, € 20,60). Doch diese Beziehung zu der Seelenverwandten ist nicht immer konstant. Es gibt Zeiten, da ist die Verbindung stark wie ein Drahtseil, dann ist sie wieder fragil wie ein Porzellanpüppchen. Die Schweizer Autorin beschreibt, wie Frauen solche Krisen bewältigen – oder wie Freundschaften schmerzlich enden. Und auch, dass die Kindergartenfreundin nicht die beste, weil langjährigste ist. Beziehungen, die später beginnen, können emotional viel aufregender sein. An Freundschaften muss gearbeitet werden, weil sich die Frauen unterschiedlich entwickeln, sagt Sitzler, die im Buch eigene Erfahrungen verarbeitet – und die waren nicht immer gut.

»Eine Frauenfreundschaft beginnt, wenn auf Rivalität verzichtet wird.«

WOMAN: Was war Ihr Input, ein Buch über Frauenfreundschaften zu schreiben?

Sitzler: Ich dachte an verflossene Freundschaften, und zunächst hat ein negatives Gefühl dominiert. Als ich andere Frauen fragte, erzählten sie, dass sie manche Trennungen noch immer nicht verdaut haben. Obwohl die Freundschaft schon vor 20 Jahren zerbrach. Dieses ambivalente Verhältnis zu einer Freundin fand ich interessant.

WOMAN: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die erste Freundin, die Sie sich ausgesucht haben, ein kleiner Star war und Sie sich bei ihr einschmeicheln wollten. Hat ein Schulmädchen den Instinkt, sich an ein stärkeres Kind zu wenden, um auch etwas von dem Glanz abzubekommen?

Sitzler: Jein! Kinderfreundschaften beginnen schon mit gegenseitiger Sympathie. Aber kleine Mädchen haben noch keine Seelenfreundschaft zu anderen Kindern. Meistens suchen sie sich Freunde, die sie stärken können. Bei Mädchen ist es wichtig, dass die Freundin beliebt ist. Die soziale Beliebtheit ist bei Frauen ein Kapital. Wenn das Mädchen selber ein Alpha-Tierchen ist, schart es Verehrerinnen um sich, die diesen Status stärken.

WOMAN: Braucht eine Frau eine beste Freundin? Und ist das Herzenswärme oder Statussymbol?

Sitzler: Das sind die beiden am weitesten auseinanderliegenden Pole. Ich würde subjektiv sagen, eine enge Freundschaftsbeziehung bereichert das Leben. Frauen legen viel Wert auf soziale Wärme. Im Lauf des Lebens hat eine Frau vielleicht zwei oder drei beste Freundinnen. Sie ist dadurch in vielen Situationen stärker. Andere haben keine engen Freundinnen, sind aber trotzdem nicht unglücklich. Aber sie sind eindeutig in der Minderheit.

WOMAN: Kann man das Phänomen Frauenfreundschaft definieren?

Sitzler: Eine Frauenfreundschaft ist eine eigenständige, komplexe und vollwertige Beziehung und kein Partnerersatz. Eine Beziehung mit eigenen Regeln, die Entwicklungen durchmacht. Wenn sie lang dauert, hat sie Wandlungen erfahren. Und wie jede Beziehung verlangt auch die Freundschaft das hässliche Wort "Arbeit". Da geht es nicht immer locker und flockig zu, man muss sich miteinander auseinandersetzen. Auch Konflikte überwinden, die daher kommen, dass man sich unterschiedlich entwickelt. Dann kann man sich ineinander vielleicht nicht mehr so gut spiegeln und vergleichen. Zwischen Frauen ist das wichtig.

WOMAN: Wenn man sich vergleicht, entsteht doch bald Rivalität ...

Sitzler: Das ist ein ganz zentraler Punkt! Man könnte vereinfacht sagen, Freundschaft beginnt dann, wenn man auf die Rivalität verzichtet. Wenn man nicht versucht, die andere zu übertrumpfen. Nicht versucht, noch besser auszusehen.

WOMAN: Frauen kritisieren sich aber oft körperlich. Wie wirkt sich das auf die Freundschaft aus?

Sitzler: Das hören Frauen nicht so gern. Die Frage ist, aus welcher Perspektive werde ich kritisiert? Ich persönlich bin da radikal, lehne fat talk total ab. Wenn das eine bei mir macht, hat die Freundschaft einen ziemlichen Riss. Wenn beide Frauen Kinder haben, werden oft die Kinder miteinander verglichen und sie werfen einander falsche Erziehung vor. Oft beginnen da Freundschaften zu bröseln.

WOMAN: Kann man allgemein sagen, nach welchen Kriterien sich Frauen eine Freundin aussuchen?

Sitzler: Das hängt vom Alter ab. Je jünger sie noch sind und je weniger sie sich kennen, desto mehr sucht sich eine Frau eine andere aus, in der sie sich spiegeln kann. Die das hat, was man selber gerne hätte. Die ein ähnlicher Typus ist, zum Beispiel gerne Sport macht oder auf Partys geht. Je älter man wird und sein eigenes Leben mit Partner und Kindern eingerichtet hat, desto mehr weiß man schon, dass nicht ein Mensch alle Bereiche abdecken kann. Desto mehr schätzt man dann auch, wenn eine Freundin einem mit anderen Interessen bereichern kann. Aber dieser Initialfunke, mit der Frau könnte ich etwas anfangen, der muss da sein.

WOMAN: In Ihrem Buch kommt das Thema Girl Crush vor, was ist damit gemeint?

Sitzler: Das ist das Äquivalent zu dem Strohfeuer, das es in sexuellen Beziehungen gibt. Bei Girl Crush verknallt sich die Frau ohne sexuelle Anziehung. Das ist oft bei jüngeren Frauen, die dann jubeln: Meine beste Freundin, die versteht mich durch und durch. Sie telefonieren und schreiben sich die ganze Zeit. Das haben viele Frauen schon erlebt. Und dann kommt der Moment, wo die Frau plötzlich enttäuscht ist und merkt, so gut kenne ich die ja gar nicht! Bei Girl Crush ist dann die Frage: Kann die Frau die Überhitzung hinunterfahren und auf eine Freundschaft übertragen, bei der sie bereit sind, füreinander im Alltag da zu sein. Nicht nur, wenn es ganz aufregend und bunt ist.

WOMAN: Sind Singles die besseren Freundinnen?

Sitzler: Ich würde sagen, Singles haben mehr Zeit und brauchen eine Freundin, weil sie sich sonst einsam fühlen. Und dadurch wirken sie verfügbarer. Das ist für eine Freundschaft sehr wichtig, denn Frauenfreundschaft misst sich auch immer an der realen Zeit, die füreinander da ist. In einer festen Beziehung sind die Wochenenden mit der Familie meist verplant. Singles haben mehr Kapazitäten, aber das heißt nicht, dass sie auch bessere Freundinnen sind. Freundschaft ist eine komplexe Beziehung, die beide empfinden müssen und die sorgsam behandelt gehört. Wenn das gegeben ist, ist es nicht mehr so wichtig, wie viel Zeit man miteinander verbringt. Das Gleichgewicht muss da sein. Wenn die eine viel mehr Zeit hat, kann es zu Unstimmigkeiten kommen.

WOMAN: Was verlangen Sie von Ihrer besten Freundin?

Sitzler: Ich habe zwei Frauen, die ich als beste Freundinnen bezeichnen würde. Bei beiden ist es so, dass sie für mich ansprechbar sind und mich nicht auf nächste Woche vertrösten. Dass sie banale Momente im Alltag teilen, wenn es wirklich wichtig ist. Zum anderen, dass ich mich mit ihnen sicher fühle und weiß, sie konkurrieren nicht mit mir. Ich tue es nicht, und ich habe Vertrauen, dass sie mich nicht in den Schatten stellen wollen. Das ist das Wichtigste.

WOMAN: Sind Sie eine gute Freundin?

Sitzler: (lacht) Ich hoffe es. Ich bin sicher eine bessere Freundin geworden.

WOMAN: Sie schreiben auch, Sie hätten früher Angst gehabt, Freundschaften zu schließen. Warum denn?

Sitzler: Ja, weil mir in vielerlei Hinsicht nicht klar war, dass das eine ernsthafte, komplexe Beziehung ist, in der ich mich auch wohlfühlen muss. Wo es nicht nur darum geht, jemanden zu haben und den sozialen Wunsch zu erfüllen. Ich muss mich zeigen, auch wenn es mir schlecht geht. Dadurch mache mich verletzlicher und bin für andere anstrengender. Das zu akzeptieren, dass man sich nicht einfach zurückziehen kann, wenn man schlecht drauf ist, das beherrsche ich heute viel besser als früher. Wichtig ist, dass man authentisch bleibt und sich mit all seinen Widersprüchen der anderen zumutet, und auch akzeptiert, dass die andere so ist, wie sie ist.

WOMAN: Was soll eine Frau der Freundin verzeihen?

Sitzler: Alles das, was verziehen werden muss, damit die Freundschaft weiterbestehen kann. Verziehen und nicht verdrängt und ignoriert. Die andere hat einen Fehler gemacht, aber die Bindung ist mir wichtig genug, um sie zu verstehen. Wenn es schwere Vertrauensbrüche sind, wie der Betrug mit dem eigenen Ehemann, dann kommt es darauf an, ob der Betrug schwerer wiegt als der Verlust der Freundschaft. Dann muss man nicht verzeihen. Man muss – etwas pathetisch gesagt – von der Seite ausgehen: Was brauch ich, damit ich glücklich weiterleben kann? Brauche ich die Freundin oder die eigene Integrität, die sagt, da ist für mich eine Grenze erreicht, die kann nicht überschritten werden. Ich finde es falsch, eine Pauschalregel aufzustellen wie: Freundschaft verzeiht alles. Freundschaft ist extrem individuell.

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