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Wie viel Rock 'n' Roll steckt noch in Herbert Grönemeyer?

Im großen WOMAN-Interview spricht er erstmals über ganz Privates: Über die Liebe, das Alter und den verbliebenen "Hauch" von Rock 'n' Roll, wenn er auf Tour ist. Mit seinem neuen Album "Tumult" tourt Herbert Grönemeyer derzeit durch die TV-Studios.

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Wie viel Rock 'n' Roll steckt noch in Herbert Grönemeyer?
© Antoine Melis/Universal Music

Herbert Grönemeyer ist glücklich. Das spürt man auf seinem neuen Album „Tumult“. Kein Wunder, befindet sich der Sänger schon seit über sechs Jahren in einem „schönen Zustand“, den er mit einer neuen Frau Josefine Cox, gefunden hat. Möglicherweise findet man auf der CD auch deshalb neben vielen politisch engagierten Songs einige der schönsten Liebeslieder, die Grönemeyer je geschrieben hat. Uns verriet er im Interview jedenfalls, wie ihn die Liebe verändert hat.

WOMAN: Sie thematisieren den Tumult, den Migration und Fremdenhass mit sich gebracht hat, aber Sie werfen einen neuen Blick darauf. Nämlich, dass man die Herausforderung, die extreme Situationen mit sich bringen, auch mit freudigem Tatendrang angehen könnte. Auch das Belebende, das Abenteuer darin sehen …
Grönemeyer: Das sehen Sie völlig richtig. Die Idee des Albums ist: Kann man Haltung beziehen, sich der Herausforderung stellen, ohne gleich in Panik zu verfallen? Sind wir so erwachsen und aufgeklärt, dass wir uns dem Durcheinander stellen können? Aber nicht hysterisch, sondern ruhig und leichtfüßig? Es muss nicht immer alles so bleischwer behandelt werden.

Und man muss auch damit leben können, dass es eben keine Lösung gibt, die gleich morgen funktioniert.
Grönemeyer: Eben. Wir brauchen vielleicht zehn Jahre für die Lösung. Wir kommen ihr vielleicht auch nur stückweise entgegen und ganz langsamen Schritts. Aber deswegen geht die Welt ja nicht unter. Wir müssen uns auch klar machen, unter welchen Bedingungen wir leben. Wir haben keine Wirtschaftskrise, keinen Krieg, also welches Horrorszenario zeichnen wir hier?

„Tumult“ steht aber nicht nur für die politische Situation, in der wir leben, sondern auch für den plötzlichen Ansturm von Liebe und Gefühlen. Den Titel Ihres vorigen Albums „Dauernd jetzt“ erklärten Sie in unserem Interview 2014 als Versuch, einen schönen Augenblick so lange wie möglich auszudehnen. Auf Ihrem neuen Album preisen Sie das „Sekundenglück“.
Grönemeyer: (Lacht) Das Glück ist kürzer geworden. Es hat sich eingekocht. Aber dafür ist es in der Essenz umso stärker.

Also sind Sie jetzt anders glücklich als vor vier Jahren?
Grönemeyer: Damals waren das die Anfänge einer neuen Beziehung. Die hat sich über die Jahre stabilisiert. Die Essenz von Glück, ein sehr schöner Zustand, den ich mit einer neuen Frau gefunden habe.

Sie sagten damals auch, es sei der Punkt erreicht, wo man anfängt zu begreifen, wie gut alles funktioniert und passt. Jetzt ginge es darum, was man draus macht: „Wie findet man Horizonte, die einen gemeinsam reizen?“ Haben Sie die gefunden?
Grönemeyer: Wir sind jetzt fast im siebenten Jahr. Ich gehe heute natürlich anders in eine Beziehung als vor 30 Jahren. Instinktiv habe ich immer gewusst, was eine Beziehung ist, aber heute sehe ich sie bewusster und klarer. Mit dem Alter begreift man noch stärker die Wertigkeit, was es bedeutet, dass da jemand ist, der einen liebt und den man auch lieben kann.

Vielleicht würde man das mit 30 auch gar nicht erkennen, weil man glaubt, es kommt noch etwas Besseres nach.
Grönemeyer: Keine Ahnung, ich war immer ein Beziehungsmensch. Ich hatte ja das Glück, dass meine Eltern sehr stabil über 56 Jahre zusammen waren. Ich glaub, die haben sich nur einmal gestritten, auf einer Amerikareise. Und da waren sie ganz erschüttert drüber … und sagten als Erklärung, dass sie Cola getrunken hätten. Sie waren sehr streng und mit uns zum Teil ziemlich hart, aber miteinander hatten sie eine Lösung gefunden. Mein Vater war so ein Urgestein, Hauptmann im Krieg, aber mit meiner Mutter hatte er Heidenspaß. Und ich war ja mit meiner ersten Frau auch zwanzig Jahre zusammen. Man muss eine Beziehung nicht mit Gewalt haben, aber wenn man jemanden gefunden hat und mit dem Menschen auch bleibt, hat das schon eine große Stärke.

Aber nicht streiten – das wäre wahrscheinlich nichts für Sie?
Grönemeyer: Das wäre nicht mein Thema, nein! Man sollte sich schon auch streiten. Und es hat große Qualität, wenn man sich trotzdem vernünftig unterhalten kann über den Streit. Das hab ich auch erst spät gelernt.

Ihre Frau ist ja Mitbegründerin der Online-Spendenplattform „Musik Bewegt“, die spendenwillige Fans mit den Projekten ihrer Lieblingskünstler zusammenführt. Ist dieses soziale Engagement auch eine verbindende Komponente zwischen Ihnen?
Grönemeyer: Also, man checkt ja prinzipiell sein Gegenüber – wie weit deckt man sich auch gedanklich? Und das ist bei ihr sicherlich sehr klar, sie positioniert sich auch eindeutig mit dem, was sie macht. Was sie in die Wege geleitet und gegründet hat, ist schon sehr beeindruckend. Und es ist für mich hilfreich, dass so jemand Engagierter an meiner Seite ist.

Über Ihre erste Frau Anna sagten Sie: „Ein Mensch, bei dem ich weiß: Wenn der jetzt neben mir sitzt, fühl ich mich einfach einen Hauch mehr ich.“ Nun singen Sie auf dem Lied „Lebe mit mir los“: „Ich bin so viel mehr, wenn ich mit dir bin.“ Immer dieses Starksein im Doppel … dieses Komplettieren durch den Partner ist für Sie offensichtlich eine wichtige Sache.
Grönemeyer: Dieses sogenannte Ergänzen hat damit zu tun, dass der andere etwas widerspiegelt, was man gar nicht wahr nimmt von sich. Ich glaube, dass der Mensch sich nur zu, sagen wir, 54 Prozent kennenlernt im Leben. Wenn du dann jemand triffst, der dich etwas anders sieht und sich wirklich mit dir beschäftigt, kommst du schon mal auf 75 bis 80 Prozent. Das ist die Schönheit so einer Beziehung. Ich weiß viele Dinge von mir nicht, die man von außen sieht. Da käme ich auch vielleicht nicht mehr drauf in den Jahren, die ich noch hab in meinem Leben.

Vielleicht nimmt die Selbstwahrnehmung sogar ab, je älter man wird.
Grönemeyer: Man gibt sich jedenfalls weniger Mühe, sich zu verstellen. Und dann kommen oft Charakterzüge zum Vorschein, die manchmal nicht so lustig sind. Dass man denkt: Oh, das hab ich jetzt lange versteckt, eigentlich bin ich eine ziemliche Nervensäge. Aber es mir zu anstrengend das jetzt zu kaschieren.

Schön, wenn man eine Frau als Regulativ hat, wenn man zu sehr nachlasst im Alter! Man kennt ja diese eigenbrötlerischen Sechzigjährigen, die seit 20 Jahren keine Frau haben …
Grönemeyer: Ja, da wird’s schwierig. Man braucht dringend eine Frau, die einen immer wieder vitalisiert. Wie auch Töchter das machen. Die haben ja auch diese weibliche Fähigkeit, einen mental schön in Schwung zu halten.

Fast schon "alte Bekannte": Redakteurin Barbara Poche und Herbert Grönemeyer beim inzwischen dritten gemeinsamen Interview.


In dem Lied „Der Held“ gefällt mir eine Zeile besonders: „Lass uns einfach missverstehen“. Ist die Idee eines Streits dahinter, den man nicht unbedingt ausdiskutieren muss?
Grönemeyer: (Lacht) Nein, bloß nicht! Es geht aber auch darum, dass man sich auch ein paar Geheimnisse bewahrt. Ich glaube, jeder Mensch bleibt erotisch, wenn man ihn nicht ganz versteht. Man muss nicht alles klären.

Oft ist es so, dass man ohnehin versteht, was der andere meint, man will bloß recht haben …
Grönemeyer: Es geht auch um das Sich-Positionieren. Die Fähigkeit, sich so ein bisschen charmant aufzuspielen, mit seiner Männlichkeit zu spielen, mit der Körperlichkeit. Man muss auch nicht die ganze Zeit reden, kann sich auch manchmal nur dem Gefühl hingeben.

Und sind Sie gerne ein Held? Haben Sie das "Beschützerische" in sich?
Grönemeyer: Zumindest würde ich das "Beschützerische" als Mann wahrnehmen. Dass man in der Lage ist, Schutz zu bieten und im gegebenen Fall auch zuzupacken. Bei allem Verständnis will man als Frau spüren: Im Bedarfsfall macht der das Kreuz breit. Wenn man das nicht hat als Mann, kann man, glaub ich, noch so klug und verständnisvoll sein. Frauen möchten schon, dass man in Krisen auch Schutz bietet.

Manche Frauen würden da heftig widersprechen, weil sie meinen, dazu bräuchten sie keinen Mann.
Grönemeyer: Das mag ja sein, aber es ist ja trotzdem angenehm. Ich kann auch alles selber machen. Aber ich freu mich trotzdem über eine Frau an meiner Seite, die mir vielleicht Verantwortung abnimmt oder zupackt, auch geistig. Ich glaub, man checkt ununterbrochen gegenseitig: Ist der andere in einer Krisensituation? Oder in Krankheitsfällen: Bleibt der da? Kann der das aushalten? Das check ich bei jeder Frau und das checken Frauen bei Männern.

Das singen Sie ja auch in dem Lied „für immer“: „Immer wenn dich der Kummer bricht, leg ich beide Arme stark um dich.“ Ich merk da eine stärkere Hinwendung zu diesem Vertrauen in die Zweisamkeit. Die Sie schon vorher hatten, aber die jetzt so aus jeder Pore in Ihren Liedern rauskommt.
Grönemeyer: Ich hatte eine lange Phase in meinem Leben, wo das durch viele äußere Einflüsse in der Form nicht lebbar war. Deshalb genieße ich gerade, dass ich das wieder leben kann. Das war mir gar nicht so bewusst, aber jetzt, wo wir darüber reden … da geht mir was auf, da steckt was dahinter.

Sie haben sich ja immer so gefreut auf das lustige Tourleben mit Rock 'n' Roll und Feiern nach dem Auftritt. Ist das jetzt, wo Sie eine erfüllte Partnerschaft haben, anders?
Grönemeyer: Pffff … Also ich würde jetzt keinem Feiern aus dem Weg gehen, aber natürlich ist die Dynamik eine etwas andere. Als ich 30 war, hab ich keine Nacht geschlafen auf der Tour, wir haben nur durchgemacht und ich saß ohne Stimme im Bus. Man musste feiern, das gehörte zum Rock ’n’ Roll dazu. Heute ist das Konzert – und je nachdem, was die Stadt noch anbietet und wie man selber drauf ist, guckt man, ob man noch ein bisschen Hauch von Rock ’n’ Roll mitkriegt. Aber es wäre jetzt extrem gelogen, wenn ich sage, dass ich noch jede Disco unsicher mache.

Bei unserem Interview 2011 waren Sie noch auf der Suche und ich titelte das Zitat: „Es fehlt der Geschmack von Weiblichkeit“. 2014 erklärten Sie, dass Sie seit zweieinhalb Jahren wieder Boden unter den Füßen haben und ich titelte das Zitat: „Ich bin glücklich verliebt.“ Welchen Titel sollte ich dieses Mal unserem Interview geben?
Grönemeyer: (Lacht) Krieg ich dafür eine Prämie? „Ich lebe in einem stabilen Glück“, würde ich sagen … hmmm … nein: „Es fehlt NICHT mehr der Geschmack von Weiblichkeit“ – das ist vielleicht schöner.

Bei seinem Auftritt am Dienstag in der ORF-Show "Willkommen Österreich" hat Herbert Grönemeyer gemeinsam mit Russkaja den zweisprachigen Song "Doppelherz" vom neuen Album gesungen. Sehr bewegend! Das wollten wir euch nicht vorenthalten:

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