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Herbert Grönemeyer im Talk über Lebenslust, Sehnsucht nach Ungebundenheit & Co.

Vor dem Start seiner Europatournee spricht der Sänger mit uns über die Botschaften seines neuen Albums „Schiffsverkehr“. Und erzählt von Lebenslust, Sehnsucht nach Ungebundenheit – und einem Menschen, mit dem man dieses Gefühl teilen kann.


Herbert Grönemeyer im Talk über Lebenslust, Sehnsucht nach Ungebundenheit & Co.
© André Rival

WOMAN: Bei Ihren Liedern schreiben Sie zuerst die Musik, dann erst, wie Sie sagen, in mühseliger Kleinarbeit die Texte „ mit dem, was so gerade in Ihrem Kopf ist". Sind Sie oft selbst überrascht, was dabei herausgekommt?

Grönemeyer: Sicherlich läuft das Unterbewusstsein schon voraus und eine Platte erzählt auch etwas von mir, das ich während des Schreibens gar nicht wusste. Diese Dinge entdecke ich, wenn ich die Lieder später mit Abstand höre. Und wer sich die Mühe macht, aufmerksam durch meine Lieder zu gehen, der wird auch meine dunkle Seite finden.

WOMAN: Ich hab mir die Mühe gemacht, wenngleich es keine Mühe war. Gleich bei den ersten drei Liedern hatte ich den Eindruck, dass Sie an einer Lebenswende stehen, Neues wollen, Altes hinter sich lassen. Auch die Musik hebt sich vom Rest der CD ab, marschiert richtig rockig voran.

Grönemeyer: Ja, das stimmt schon.

WOMAN: Bei „Schiffsvekehr" etwa spürt man eine Sensucht nach Ungebundenheit, danach, frei von Verantwortung zu sein, zumindestens für einen Moment, und frei auch vom Gefühl der Liebe, das man doch immer so haben und hegen muss. Einfach nur mal leben, Spaß haben … wollten Sie auch diesem menschlichen Bedürfnis mal ein Lied widmen?

Grönemeyer: So schön hat’s noch keiner beschrieben! Ja, diese Sehnsucht nach Ungebundenheit gibt es. Dass man nicht ständig diese Debatten hat: „Liebst du mich, liebst du mich nicht, liebst du mich halb, liebst du mich richtig? Dass man auch mit sich selber das Leben knackig und fröhlich finden kann.

WOMAN: Dieses „Ich kann allein sein mit mir" kommt ja auf dem ganzen Album immer wieder vor, bei „Kreuz meinen Weg“ aber spürt man schon auch den Wunsch, Dinge mit Seelenverwandten teilen zu können. Werte, bei denen sich nicht alles um Geld und Gut dreht.

Grönemeyer: Ich glaube, dass die Menschen enger zusammenrücken. Von Gefühlsdingen will man sich nicht abhängig machen – aber die Nähe anderer Menschen sucht man doch, auf einer Freundschaftsbasis eher als auf der Beziehungsbasis. Die Leute gehen wieder raus, wie in Deutschland mit Aktionen gegen den Stuttgarter Bahnhof oder gegen Atomkraft. Man will die Dinge wieder in die Hand nehmen. Und man hat eben gerne einen Freund, der Haltung hat, der zu etwas steht, der einem selber auch mit Haltung sagt, was ihm an einem nicht gefällt. Man sehnt sich nach Freunden, die die Freundschaft ernst nehmen.

WOMAN: Ist auch Twitter und Facebook Freundschaft?

Grönemeyer: Da glaub ich eben nicht dran. Diese Virtualität ist sicher eine Form der Kommunikation. Aber der Versuch einer Freundschaft mit 700 Gästen, die dran teilhaben, was man im Restaurant gerade am Teller hat, funktioniert nicht. Freundschaft findet nur im direkten Kontakt statt, wenn man sich sieht oderzumindestens am Telefon hört.

WOMAN: Das Lied „Fernweh" ist ein Abgesang auf den Alltag: Schlafen, Stress im Job, Liebe ab und an, Essen – dem allen wollen Sie entfliehen mit Fernweh. Spricht da die Lust aufs wilde Rock'n'Roll-Leben aus Ihnen, aufs Touren?

Grönemeyer: Ja! Wir sind leidenschaftliche Musiker und wir haben das Glück in einer eigenen Welt zu leben, wenn wir auf Tournee gehen. Eine Auszeit, die mit dem normalen Leben nicht viel zu tun hat! Man geht raus, die Leute freuen sich, man spielt, solange man kann und schlägt sich die Nächte um die Ohren. Der Rock 'n' Roll findet ja meistens danach statt, das Konzert ist nur die Aufwärmphase. Ja, die ganze Platte hat zu tun mit Lebenslust, mit Ungebundenheit. Damit meine ichnicht Einzelkämpfertum. Aber man kann ja auch Beziehungen besser führen, wenn jeder einelne für sich in der Lage ist, mit sich selber klar zu kommen. Darum geht es auch in „Erzähl mir von morgen" …

WOMAN: Das Lied basiert dem Titelmotiv von „The American“ mit George Clooney, zu dem Sie den Soundtrackgeschrieben haben?

Grönemeyer: Ja, im Film bringt der Mann seine Freundin um, weil sie mitbekommt, das er Killer ist. Dann will er aussteigen und glaubt, dass er es mit der neuen Liebe hinkriegt, seine Vergangenheit auszulöschen. Das glauben wir bei Beziehungen ja oft: Wenn ich nur den richtigen Partner habe, der bringt mich schon aus meinem Drama heraus. An dieser tückischen Projektion scheitern aber auch viele Beziehungen. Kein Partner hilft aus einem Dilemma heraus, er kann einen nurstützen, dass man das Dilemma selber in die Hand nimmt. Der andere rettet einen nie! Umso mehr man klar kommt mit sich selbst, desto spaßiger wird auch die Beziehung.

WOMAN: Um eine Beziehung, eine Verliebtheit geht es auch in „Unfassbarer Grund". Wieder passend zum Grundtenor der Platte heißt es, dass auch die Liebe ganz unvernünftig, spontan und auch unkorrekt sein darf. Sie singen von einer Frau, die Frau „sehr direkt" ist. Finden Sie das okay, wenn eine Frau auch den ersten Schritt tut oder finden Sie, dass das schon der Mann machen soll?

Grönemeyer: Nein, das find ich nicht. Ich kann diese ganze Taktiererei nicht leiden. Auch wenn Frauen glauben, man muss sich da erst mal entziehen, damit der Mann das Gefühl kriegt … also, ich find das alles langweilig. Ich komm aus dem Ruhrgebiet, da haben wir gesagt: Machen wir jetzt was zusammen? Ich muss auch weiter, ich hab nicht soviel Zeit. Das versuch ich in dem Lied zu beschreiben – nicht dass die Frau einen besonders anmacht, aber dass sie mit ihrem ganzenWesen sehr direkt mitgeht und man nicht erst überlegt: Passen wir, passen wir nicht? Sondern dass man einfach sagt: Das fühlt sich gut an. Ich kann's auch nicht erklären, wir könnten jetzt stundenlang drüber debattieren, ob unsere Welten zusammenpassen … nein! Es ist wunderbar, wie es ist, ich hab keine Ahnung, wer du bist, aber das ist mir jetzt erst mal schnuppe und die Art und Weise, wie du das erwiderst, ist so erfrischend. Lass uns einfach das leben, was wir jetzt fühlen.

WOMAN: Also wieder dieses Thema der Spontaneität …

Grönemeyer: Ja, wenn man jünger ist, macht man sich über viele Dinge gar keine Gedanken. Wenn man älter wird, fängt man an, wahnsinnig verkopft an Dinge heranzugehen, abzuchecken, passt das, hat das eine Perspektive, fühle ich mich da geborgen, stimmt da auch wirklich alles … hätte man früher nie gemacht!

WOMAN: Man bekommt mit zunehmenden Alter so viele Befindlichkeiten …

Grönemeyer: Man schleppt einfach ständig diesen unglaublichen Wust von Gedanken mit sich rum. In England, wo ich auch lebe, nennen sie uns „the nervous Germans“ und sagen: Mein Gott, macht ihr euch die ganze Zeit Gedanken, das ist ja kaum auszuhalten! Deshalb freut es einen, wenn jemand frisch und direkt ist. Ich war da mal mit einer Frau essen, weil ich schon längere Zeit so vor mich hinsuche. Die hatte diese Attitüde: So, erober mich jetzt. Bis ich sagte: Bist du eigentlich eine Diva? Dazu sitz ich jetzt auch nicht da, um dich zu becircen. Das hab ich nie gemacht, das nervt! Und dann hab ich eben bei einer anderen erlebt, dass jemand sehr direkt und spontan kommt und nicht so einen Zickendraht macht.

WOMAN: Und das hat dann erfrischt und erfreut.

Grönemeyer: Sehr erfrischt!

WOMAN: Eine der schönsten Balladen auf der CD ist nur auf den ersten Blick ein Liebeslied im üblichen Sinn: „Deine Zeit“ handelt von Ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter. Es erinnert in seinem liebevollemUmgang mit dem Thema an das berührenden Bestseller von Arno Geiger über seinen Vater, „Der alte König in seinem Exil“ …

Grönemeyer: Ja, ich habe kein tragisches Lied geschrieben, eher eine zärtliche, freundliche Beschreibungeiner Person. Es beschäftigt sich damit, was passiert, wenn ein Mensch langsam verschwindet. Das ist ein normaler Vorgang, kein Schicksalsschlag. Im Alterverlieren sich die Gedanken und Alzheimer beschleunigt diesen Vorgang. Ich bin nicht mal sicher, ob es für die Betroffenen nicht ganz schön ist, wenn sie nicht mehr alles mitbekommen. Meine Mutter ist zumindest recht gut drauf.

WOMAN: Ein ganz anderes Thema behandelt „Auf dem Felde“, das Sie für einen Soldaten in Afghanistan geschrieben haben – was daheim niemanden interessiert, weil die Leute lieber Shoppen gehen. Nun haben sich viele neue Krisengebiete aufgetan. Und wir mischen uns ein ... somit werden wir uns auseinandersetzen müssen.

Grönemeyer: Der Krieg in Afghanistan so wie auch im Irak macht für mich überhaupt keinen Sinn. Diese These der Keimzelle des Terrorismus ist absurd! Fakt ist, dass die Amerikaner den Taliban, wohl wissend, das es sich da im islamische Fundamentalisten handelt, erst in Afghanistan angesiedelt haben, damit er gegen die Russen kämpft. Der Westen will einen Fuß im mittleren Osten haben – wegen des Erdöls. Und zu Recht sagen die Menschen dort: Moment mal, was wollt ihr hier?! Wennaber umgekehrt die arabische Welt sagt: Wir sind für eine Flugverbotszone, weil der Herr Gaddafi anfängt, sein Volk zu beschießen, und den Westen um Unterstützung bittet, dann find ich es absurd von den Deutschen, zu sagen: Da wollen wir jetzt aber nicht mitmachen. Der Hintergrund, so wird vermutet: Bleibt Gaddafi an der Macht, dann dreht er den Deutschen das Öl ab. In Afghanistan will man also sein, damit man den Fuß am Öl hat, hier macht man nicht mit, damit einem das Öl nicht abgedreht wird! Und aus der Atomkraft steigt man am besten nicht so schnell aus, weil noch 400 AKWs weltweit gebaut werden und da wollen die Deutschen gern mitmachen, denn ihre Technik ist sehr begehrt – da flammt Zynismus auf!

WOMAN: Ganz großer Schwenk: Ist „Zu dir“ ein Lied für Ihre verstorbene Frau Anna?

Grönemeyer: Natürlich ist die Erinnerung ein Ansatz, über eine Person zu schreiben, die einem einfach gut getan hat, gestützt hat. Über die Weiblichkeit, die einem fehlt, diesen Geschmack von Weiblichkeit. Da mein ich jetzt nicht nur die Erotik, sondern diesen Menschen, der da ist und Dinge anders sieht als man selbst, eine andere Sinnlichkeit und Sensibilität hat. Bei dem ich weiß: Wenn der neben mir sitzt, fühl ich mich einfach einen Hauch mehr ich, der vergrößert das Karma. Man ist als Muschel komplett. Und das hatte ich mit meiner Frau sehr lange, trotz allerReibereien, die auch da waren … das passte schon sehr gut. So hat das Lied hat sicher auch mit Erinnerungen an meine Frau zu tun.

WOMAN: So eine Frau trifft man aber nur alle heiligen Zeiten, denn sonst hätte man sie ja …

Grönemeyer: Jaja! Aber auch umgekehrt! So einen Mann trifft man ja auch nicht überall (lacht) ...

WOMAN: Apropos toller Mann: Wie kann man in „So wie ich“ die Zeilen ”Ich bin total verliebt in mich/keiner liebt mich so wie ich“ verstehen? ist das eine Aufforderung, zu sich selbst zu stehen? Sich „zu mögen“, dazu sind wir in unseren Breiten ja nicht besonders talentiert ...

Grönemeyer: Das ist britische Selbstironie, bei der man zwischen den Zeilen aber auch sagt: Wenn man sich mal euphorisch selber toll findet, ist das eine wunderschöner Moment. Das muss auch erlaubt sein! Bloß nicht mit dieser ständigen protestantischen Bescheidenheit durchs Leben zu marschieren und dann am Ende vor Gott zu stehen und zu sagen: Ich war bescheiden, aber das Leben war ein bisschen öde.

WOMAN: Selbstironisch klingt auch „Wäre ich einfach nur feige“. Ist das nun ein Plädoyer für Zivilcourage oder dafür, dass das Leben viel lustiger ist, wenn man sich Schwächen verzeiht?

Grönemeyer: Ja, da ist alles drin. Ich glaube, das sich die Menschen am besten in der Schwäche treffen. Das heißt nicht, dass man nicht auch stark sein kann, aber wenn dir jemand ständig erzählt, wie toll er ist, da denkt man: Ist ja gut, du bist bein Gutmensch, das nervt. Im feige Sein steckt ja auch Mut: Man traut sich, sich kurz mal rauszuziehen und kann dann mit viel Dynamik wieder einsteigen. Ich kenn Leute, die ununterbrochen stark sein müssen und dabei ganz erschöpft werden: Jetzt muss ich heute das für die schon wieder klären und der geht's auch grade schlecht und der auch – anstatt einmal zu sagen: Pass auf, ich kann dir heute auch nicht helfen. Das wär viel ehrlicher, aber das trauen wir uns nicht.

WOMAN: „Lass es uns nicht regnen“ ist ein Abschiedslied, das ganz neue Töne anschlägt. Früher hörte man bei Ihren Trennungsliedern Verzweiflung und auch Hass, heraus, jetzt klingtalles versöhnlicher.... sind Sie da geläuterter worden?

Grönemeyer: Ich denke schon, dass man, wenn man so eine Schockphase erlebt hat wie ich, zum Leben eine engere Beziehung bekommt, auch im positiven Sinne. Man nimmt alles intensiver wahr und fängt an, gelassener zu werden – natürlich nur, wenn man nicht gerade grausame Dinge erlebt. Hätte ich in den letzten zehn Jahren Dinge erlebt, die mich privat tierisch geärgert hätten, dann hätte ich auch nach wie vor genervte Lieder geschrieben.

WOMAN: Also Keine Altersreife?

Grönemeyer: Keine Altersreife! Die Wut ist schon noch vorhanden. Wenn jemand sehr genervt hätte, dann würde ich auch relativ wütend darüber schreiben können, da würd mir schon noch was einfallen ... Aber das ist eben nicht passiert. Und man sollte es ja schaffen, so eine Beziehung zu beenden, ohne dass man aus Wut aufhört, ihre Schönheit zu sehen und sagen: Sieben Kapitel meines Lebensbuches sind wir zusammen gelaufen und da waren einfach tolle Momente drin. Lass uns die jetzt bloß nicht, nur weil wir uns jetzt trennen, mit irgendwelchen Zerfleischereien zerschlagen.

MEHR zu Herbert Grönemeyer finden Sie in WOMAN 07/2011!

Interview: Barbara Poche