Ressort
Du befindest dich hier:

Hetze, Mobbing, Hass im Netz: Was kann ich dagegen tun?

Beleidigungen, Drohungen, Lügengeschichten - der Ton im Internet wird immer rauer! Wir haben mit der Medienexpertin Ingrid Brodnig gesprochen, was man tun kann, wenn man selbst mit Hasskommentaren konfrontiert wird.

von

Ingrid Brodnig - "Hass im Netz"
© Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag

Wirft man einen Blick auf Kommentare - egal ob auf Facebook oder in Zeitungsforen - schlägt einem oft der blanke Hass entgegen. Neben wüsten Beleidigungen werden auch Drohungen ausgesprochen, darunter mischen sich wüste Behauptungen. Ruhige, sachliche und vor allem respektvolle Nachrichten gehen dagegen meist unter.

Ingrid Brodnig, Medienredakteurin des Nachrichtenmagazins profil, möchte hingegen das Netz zurückerobern und gibt in ihrem neuen Buch "Hass im Netz" konkrete Tipps und Strategien, wie man sich vor dieser digitalen Hasskultur schützen kann.

WOMAN: Wann war dein „erstes Mal“? Wann hattest du den ersten Kontakt mit Hasskommentaren?
Ingrid Brodnig: Zur Schulzeit hatten wir einen Computerraum, wo wir in Informatik immer den Ö3-Chat aufgerufen haben - da war sicherlich Unfreundliches dabei. Ich persönlich bin zum Glück nicht das große Feindobjekt im Internet.
Mich hat jedoch fasziniert, wie schnell eine Debatte online aus dem Ruder läuft. Man kann online - also in Foren oder auf Facebook - eindrücklich beobachten, wie sehr Menschen aneinander vorbei reden. Das Netz verleitet dazu, den anderen falsch zu verstehen oder dass Diskussionen scheitern, die gar nicht scheitern müssten. Das liegt an der sogenannten "Unsichtbarkeit" im Netz, dem Umstand, dass ich online mein Gegenüber nicht sehe, keinen Augenkontakt, keine Mimik, keine Gestik habe. Es fehlen also nötige Signale, um zu verstehen, wie meint er oder sie das wirklich. Daher ist es auch leichter hart zu sein. Man sieht keine direkte Reaktion, bekommt nicht mit, wie sehr man jemanden kränkt - hört beispielsweise keine Verzweiflung in der Stimme.

WOMAN: Smileys wurden ja dazu geschaffen, um beispielsweise Ironie online besser erkennbar zu machen - aber so recht funktionieren sie auch nicht, oder?
Ingrid Brodnig: Smileys und Emojis werden ja gerne belächelt, ich glaube aber, dass sie die Funktion einer Krücke haben. Eine oft nicht ausreichende Prothese, um die unemotionale, verschriftlichte Kommunikation zu ergänzen. Aber dennoch ist es eine große Hoffnung von mir, dass wir in der Zukunft verstärkt eine Bildsprache im Netz haben, die auch Gesichter ersetzt. Wir brauchen online neue Tools, um differenzierte Emotionen darzustellen. Facebook-Reactions gehen in diese Richtung. Die Idee ist gut, die Umsetzung ist vielleicht etwas zu überzogen und comichaft. Sie zeigen aber, dass diese Problematik auch bei Facebook angekommen ist und wie begrenzt aktuell die Möglichkeiten sind, unsere Gefühle online auszudrücken.

WOMAN: Du hast ja schon den Begriff der Unsichtbarkeit erwähnt. Würde es da helfen, wenn beispielsweise die Avatare (die Bilder in sozialen Netzwerken, die für dein Profil stehen) größer werden? Damit man das Gesicht des Gegenübers vor Augen hat?
Ingrid Brodnig: Zu einem gewissen Grad kann das helfen. Man muss aber auch aufpassen, speziell, was Frauen betrifft: Da folgen oft untergriffige Kommentare, sexualisierte Anspielungen oder die Tatsache dass nicht auf Inhalt, sondern nur auf das Aussehen der Person reagiert wird. Das Netz ist oft besonders garstig zu Frauen.

WOMAN: Warum gerade Frauen? Warum werden nur sie aufs Aussehen reduziert?
Ingrid Brodnig: Ich glaube, es gibt eine Gruppe von Nutzern, die einfach ein Problem mit selbstbewussten, sichtbaren Frauen haben. Es gibt ja auch die Antifeministen, die ein Problem mit der Gleichstellung haben. Diese posten so viel und zeigen ihre Wut so stark, dass sie einfach sehr gut sichtbar im Netz sind. Wenn Menschen aggressiv sind und andere fertig machen wollen, dann ist das Aussehen eine der simpelsten Methoden dafür. Es funktioniert, da muss man sich nicht viele Gedanken dazu machen.

Hass im Netz

WOMAN: Warum hast du dich entschieden, dich genauer mit dem Thema Hass im Netz auseinander zu setzen?
Ingrid Brodnig: Es waren mehrere Aha-Erlebnisse im letzten Jahr, zu einer neuen Dynamik im Netz. Es tauchten neue Formen von Hass auf - vor allem Lügengeschichten im Rahmen der Flüchtlingsdebatte. Eine neue Art des untergriffigen Postings: Wo Dinge behauptet werden, die so gar nicht stimmen. Das hatten wir in dieser Extremform im deutschsprachigen Raum noch überhaupt nicht. Da wurde ein neues Level unterschritten: mit gefälschten Zitate von Politikerinnen oder vermeintlichen Verbrechen, die Flüchtlingen untergeschoben werden.

WOMAN: Der Hass scheint im Netz und in der Realität zu steigen - wo hat das angefangen und befeuern sich die beiden da gegenseitig?
Ingrid Brodnig: Das Internet verstärkt in meinen Augen die Wirklichkeit und ist ein Katalysator. Die Ursachen für den Unmut in Teilen der Bevölkerung ist nicht ursprünglich im Netz zu finden - aber Mechanismen online eignen sich, um die Wut auszuleben. Es gibt eigentlich auch keine strikte Trennung - online ist ja ebenso real. Aber Hass im Netz funktioniert deswegen so gut, weil es sogenannte Echokammern gibt. In sozialen Netzwerken können wir beobachten, dass Menschen Seiten abonnieren und sich mit Usern vernetzen, die Dinge ähnlich sehen wie sie. Das führt auch zu Echokammern der Wut und der Angst, worin man jeden Tag man nur mit Nachrichten und Gerüchten konfrontiert wird, die das eigene Weltbild bestätigen und man wird so immer überzeugter und vehementer Andersdenkenden gegenüber. Im Gegenzug bekommt man zu wenig Informationen, die einen auch einmal zum Nachdenken bringen.

WOMAN: Wie kann man Menschen dazu bringen, wieder kritischer zu werden? Wir wollen ja Nachrichten von Freunden eher glauben als anderen, aber gerade auf Facebook kursieren sehr viele Falschinformationen. Wie bringt man Leute dazu, diese Postings mehr zu hinterfragen?
Ingrid Brodnig: Ich glaube, zum Teil wird das automatisch eintreten. Sehr vielen Nutzern ist es schon passiert, dass sie etwas geteilt und danach bemerkt haben, das stimmt ja so gar nicht. Und die meisten wollen sich nicht reinlegen lassen. Das wird aber nicht das ganze Problem lösen. Es mangelt leider häufig an Medienkenntnissen - sehr obskure Websiten werden von vielen als sehr authentisch wahrgenommen. Es braucht daher mehr Sicherheits-Mechanismen. Wie beispielsweise mit Websiten, die sich mit den kursierenden Fakes beschäftigen und diese aufklären.
Will man selbst so einer Lügenmeldung etwas entgegensetzen, dann muss man ebenso bestimmte Dinge beachten: Der erste Impuls von Menschen wäre zu sagen "Nein, das ist nicht so.". Viel effizienter ist es, diese Gegenmeldung positiv zu formulieren. Also statt die Falschmeldung zu verneinen, den realen Sachverhalt darzustellen. So werden die falschen Informationen nicht wiederholt.
Einen Teil der Bevölkerung wird es jedoch immer geben - und hat es wahrscheinlich auch immer gegeben -, der sich von Fakten nicht beeindrucken lässt. Und das ist die größte Herausforderung.

Wie entlarvt man Falschmeldungen oder Halbwahrheiten möglichst schnell?

WOMAN: Was kannst du unseren Leserinnen empfehlen - wie kann ich selbst herausfinden, ob eine Quelle seriös ist oder nicht?
Ingrid Brodnig: Zum einen empfehle ich vorsichtig oder wachsam zu werden, wenn einen eine Nachricht richtig in Aufruhr versetzt: "Das ist so arg, da muss ich sofort draufklicken". Das ist oft schon ein Zeichen, dass eine Meldung zu gut ist, um wahr zu sein. Dann kann man einfach mal nachsehen: Wer ist die Quelle, worauf bezieht sich diese? Wer wird als Verfasser genannt? Ist all dies sehr ungenau oder gar nicht vorhanden, sollte man vorsichtig sein.
Dann gibt es Websiten wie Mimikama.at, die sehr schnell Fakes aufgreifen und darüber schreiben. Man kann Mimikama übrigens auch selbst anschreiben, um eine Nachricht überprüfen zu lassen.
Darüber hinaus sind diese Schreckensmeldungen oft mit krassen Bildern versehen. Diese kann man in der Google Bildersuche hochladen und so sehen, wo die Fotos ebenso verwendet wurden. Das Faszinierende ist, dass viele Fälscher sich nicht viel Arbeit antun, und einfach irgendwelche Fotos verwenden. Man sieht dann, dass die Bilder ursprünglich in einem komplett anderen Zusammenhang entstanden sind und daher auch der Text dazu falsch beziehungsweise mehr als fragwürdig ist.

WOMAN: Oftmals hilft jedoch nicht einmal das, da dann das Argument folgt "Es könnte ja wahr sein".
Ingrid Brodnig: Das ist eine ganz gefährliche Entwicklung, wenn man so tut, als ob sogar eine Falschmeldung relevant ist. So kann man nicht mehr miteinander reden. Denn dann behauptet jeder irgendetwas. Und alle sind sich nur einig, dass der andere ein Depp ist. Die Fähigkeit, Fakten anzuerkennen, auch wenn sie mir nicht recht sind, darum sollten wir kämpfen!

Was tun, wenn man selbst im Netz gemobbt wird?

WOMAN: Wenn eine Freundin von dir mit Drohungen online konfrontiert ist – was würdest du ihr raten als Erstes zu tun?
Ingrid Brodnig: In jedem Fall sollte sofort ein Screenshot, also eine Aufnahme der Nachricht oder des Postings, gemacht werden. Es passiert immer wieder, dass Menschen grässliche Meldungen bekommen und dann so schockiert sind, dass sie diese einfach löschen. Dann wissen sie nicht mehr, wer die Drohung geschickt hat und können vor Gericht nichts beweisen. Also unbedingt alles dokumentieren - im Zweifelsfall lieber zu oft und zu viel als zu wenig.
Dann muss man unterscheiden, ob es sich wirklich um eine Drohung handelt. Geht es wirklich um dich persönlich, ist es wirklich so konkret, um damit zur Polizei zu gehen? Passieren diese Drohungen über einen längeren Zeitrahmen kann auch der Cybermobbing-Paragraph angewendet werden, der dich schützt. Dann muss es auch keine klare Drohung sein.
Es gibt jedoch auch Grauzonen, wo das Strafrecht nicht greift. Wenn man beispielsweise "nur" unangenehm angepöbelt wird. Bemerkt man das bei anderen, dann hilft es auch sehr, für diese einzutreten. Um so den Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Beispielsweise mit Worten wie "Lass dich nicht unterkriegen." oder "Das ist nicht ok, was da gerade passiert." Denn oftmals entsteht für Opfer so einer Wut der Eindruck, es hassen einen wirklich alle. Da hilft es zu erkennen, der der attackiert ist das Problem und nicht du selber.
Darüber hinaus kann ich den jeweiligen User auf Facebook, Twitter oder der Redaktion eines Forums auch melden, damit sein Account gelöscht wird. Je mehr User dies melden, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert.

WOMAN: Oftmals jedoch werden selbst extreme Kommentare und User in sozialen Netzwerken nicht von offizieller Seite gelöscht. Glaubst du, dass Facebook und Co lieber von hitzigen Diskussionen profitieren wollen?
Ingrid Brodnig: Das glaube ich bei Facebook nicht, denn gerade Facebook hat im Moment das Problem im deutschsprachigen Raum als Wutportal abgestempelt zu werden. Und diesen Ruf wollen sie wohl nicht haben. Aber das Unternehmen kommt aus einer sehr amerikanischen Tradition und lässt tatsächlich härtere Meldungen eher stehen, als es wir im deutschsprachigen Raum gewohnt sind. Hinzu kommt, dass Facebook zu wenig transparent ist, wie viele Moderatoren es beispielsweise anstellt.

WOMAN: Du gibst ja Gebrauchsanweisungen, um besser mit dem Hass im Netz umgehen zu können. Ist das Buch aber nicht auch eine Art Gebrauchsanweisung, um von genau jenen Trollen missbraucht werden?
Ingrid Brodnig: Wer bewusst andere Menschen fertig machen will, der würde mich und mein Buch hassen, weil ich ja immer erkläre, warum was schlecht ist. Aber andererseits könnte man tatsächlich eine Art Handlungsanleitung daraus ziehen, weil ich erkläre, wie diese Handlungen am besten funktionieren. Wobei der Witz ohnehin ist, dass aggressive Nutzer gar keine Anleitung benötigen, da vieles automatisch für sie gut funktioniert. Wer ein extremes Mitteilungsbedürfnis in seiner Wut hat, der postet nicht nur 1 mal sondern 20 mal in der Stunde. Und in vielen Foren wird als erster Kommentar immer der neueste angezeigt. Somit ist er 20 mal in der Stunde oben gereiht und damit auch sichtbarer. Die Technik macht es den Rüpeln leider oft sehr einfach. Die die sachlich diskutieren wollen, haben also sogar technisch schwerere Voraussetzungen.

WOMAN: Wie waren prinzipiell die Reaktionen auf dein Buch?
Ingrid Brodnig: Eigentlich sehr gut. Beeindruckend war, dass viele Opfer von Hass im Netz mir geschrieben haben, dass sie sich freuen, dass diese Problematik nun stärker thematisiert wird. Sie haben darunter gelitten, dass dieses nicht sichtbar war und nun endlich ernst genommen wird.
Es hat sich in der letzten Zeit prinzipiell etwas verändert. Wir hatten sehr viele Jahre eine Diskussion, die mit rhetorischen Nebelgranaten geführt wurde: Immer wenn in Zeitungsforen Moderation gefördert wurde oder es hieß, man muss Hasskommentare löschen, dann wurde erwidert, man wolle die Meinungsfreiheit zensurieren. Aber es ist absurd zu glauben, dass die Meinungsfreiheit grenzenlos sei. Diese erlaubt ja nicht, dass ich andere Menschen fertig machen und sie mit dem Leben oder mit einer Vergewaltigung bedrohen darf. Abseits der klaren rechtlichen Grenzen, ist auch eine Meinung nur weil sie legal ist, noch keine fördernswerte Meinung. Es ist beispielsweise legal zu schreiben "Alle Politiker gehören mit Eisenstangen verprügelt", weil die Drohung nicht konkret genug ist, dass 1 Politiker das anzeigen könnte. Selbst wenn die Aussage legal ist, ist es eine furchtbare Aussage. Und es ist absolut in Ordnung jene zu löschen. Niemand ist verpflichtet, so einem Menschenhass einen Platz zu geben.

WOMAN: Und es ist ja immer noch ein Aufruf zu Gewalt.
Ingrid Brodnig: Genau. Nicht alles, was böse ist, ist auch strafbar. Wenn man dann immer die Meinungsfreiheit als Argument heranzieht, dann verharmlost man so vieles. Man kann natürlich verschiedene Meinungen haben und diese in einem demokratischen Diskurs auch ausdrücken - nur Beleidigungen oder Gewaltaufrufe gehören da nicht dazu! "Ich bin gegen XY weil die Fotzen ja ohnehin schon zu viel Macht haben!" – eine solche Aussage ist keine Meinung, sondern eine Beleidigung. Man muss ganz klar differenzieren: "Ja, du hast natürlich ein Recht auf deine Meinung, aber du hast nicht das Recht andere fertig zu machen und dann mit dem Argument der Meinungsfreiheit durchzukommen."

WOMAN: Viele Frauen würden sich gerne in Diskussionen einbringen, aber haben dann Angst, es als Nächste abzubekommen.
Ingrid Brodnig: Es gibt tatsächlich Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen in einigen Foren unterrepräsentiert sind. Viele Frauen haben eben Angst angefeindet zu werden beziehungsweise haben dies bereits erlebt. Wenn der Ton besonders rau wird, diskutieren Frauen noch weitaus weniger mit. Das ist aber eine Gefahr für die Demokratie. Wenn wir davon ausgehen, dass auch online gesellschaftliche Themen verhandelt werden, will ich schon, dass Frauen gehört werden und ihre Stimmen nicht untergehen.
Wie beim folgenden Beispiel: In den USA wurde gefragt, ob der Arbeitgeber in den USA im Rahmen der Krankenversicherung einen Teil der Verhütungskosten übernehmen soll. Bei Männer waren die Antworten gemischt bis negativ, bei allen Frauen positiv, weil diese Kosten für Verhütung sonst oft an ihnen hängen bleiben. Wenn Frauen nicht mehr gehört werden, fehlt eine wichtige Stimme in der Diskussion und birgt die Gefahr, dass ihre Perspektive nicht so berücksichtigt wird, wie sie berücksichtigt werden sollte.

WOMAN: Soll man also über seinen Schatten springen und trotzdem kommentieren?
Ingrid Brodnig: Ich würde sagen, man muss Diskussionsräume schaffen, in denen Frauen sich sicher fühlen. Wenn jemand sich unsicher fühlt und es einen zu sehr emotional belastet, dann würde ich niemals sagen, du sollst da jetzt mitdiskutieren.
Das, was an Kommentaren und Drohungen wirklich strafbar ist, müssen wir endlich wegbekommen - dann hat das auch eine Strahlkraft. Je mehr Untergriffe passieren, desto mehr Wut entwickelt sich auch rundherum. Manchmal werde ich gefragt, ob das Internet nicht ein Medium ist, wo man sich eben gerne auskotzt und einfach eine gewisse Wut dazugehört. Da bin ich skeptisch. Es ist ja nicht so, dass wir schon alles getan hätten, um den Hass im Netz zurückzudrängen. Wenn wir das noch nicht gemacht haben, ist es ein bisschen zu früh zu sagen, man könne nichts tun. Machen wir es einmal und schauen wir dann, wie gut es uns gelungen ist - vom einzelnen über die Plattformen bis zur Politik.

Hass im Netz

WOMAN: Wie groß kann diese Strahlkraft wirklich sein? Verurteilungen gibt es vereinzelt, aber die Hassmeldungen hat ja schon fast jeder in der ein oder anderen Form gesehen.
Ingrid Brodnig: Das ist ein bisschen so wie bei Alkohol am Steuer. Das war früher schon verboten, aber ist nicht wirklich ernst genommen worden. Dann wurde jedoch immer öfter von der Polizei kontrolliert. Das Bewusstsein hat sich dadurch schon verändert.
Aber auch zur Strahlkraft von Wut: Selbst harmlose Beleidigungen haben oft eine toxische Wirkung. Wie ein Untersuchung der University of Wisconsin zeigt: Dafür bat man 1100 Menschen einen Artikel zu Nanotechnologie zu lesen inklusive Kommentare darunter. Die eine Hälfte las Kommentare mit Schimpfworten, die andere ohne diese. Danach war die Gruppe, die Schimpfworte las, weitaus mehr radikalisiert. Sie waren umso mehr total für oder total gegen Nanotechnologie. Tauchen Schimpfworte auf, können Menschen nicht mehr aufeinander zugehen. Denn werde ich beleidigt, will ich nichts mehr mit dem Andersdenkenden zu tun haben und noch weniger auf seine Argumente eingehen. Die Gefahr ist, dass wenn wenige Nutzer aggressiv sind, diese auch den anderen die Möglichkeit nehmen, aufeinander zuzugehen. Darum ist es so wichtig, Worte wie "Idiot" oder Schlimmeres ernst zu nehmen. Sonst können wir als Gesellschaft nicht zueinander finden.

Wie kann man auf untergriffige Meldungen reagieren?

WOMAN: Wie einfach ist es für dich selber, nicht emotional zu reagieren?
Ingrid Brodnig: Wahnsinnig schwierig. Im ersten Moment möchte man einfach mit Hass auf Hass reagieren. Wenn ich merke, ich kann nicht sachlich reagieren, dann schreibe ich erst einmal nicht zurück. Es gibt ja kein Recht darauf, sofort eine Antwort zu bekommen. Wenn man aber manchmal nachfragt, wie eine Person etwas meint, dann stellt sich das Posting vielleicht gar nicht als so angriffig heraus und war nur ein Missverständnis. Oft werden Nutzer dann auch freundlicher, weil sie gar nicht damit gerechnet haben, dass sie gehört werden. Oder dass jemand sachlich zurückschreibt.
Das funktioniert natürlich nicht bei allen. Wenn man sieht, dass es nicht funktioniert, dann kann man immer noch sagen, dass das nicht die Tonalität ist, mit der man diskutieren möchte. Im Idealfall schafft man es sogar mit Humor darauf zu reagieren. Aber wenn man wütend ist, ist Humor extrem schwierig. Nur man es aber schafft, ist Humor oft die stärkste Waffe, dass auch das Gegenüber von seiner Wut herunterkommt. Denn wer lacht, vergisst für diesen Moment seine Wut.

Wenn du mehr zu diesem Thema erfahren möchtest, empfehlen wir dir das Buch "Hass im Netz" von Ingrid Brodnig - um 17,90 € im Brandstätter Verlag.

Ingrid Brodnig - "Hass im Netz"
Thema: Internet-Hype