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Wie mich ein High Heels Tanzkurs ins Wanken brachte

Eigentlich wollte unsere Redakteurin nur einen harmlosen High Heels Kurs besuchen, doch irgendwie wurde das für sie zu einem echt peinlichen Erlebnis.

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Wie mich ein High Heels Tanzkurs ins Wanken brachte
© Miguel Passos

Wie viel Peinlichkeit kann der Mensch ertragen? Ziemlich viel auf einmal. Das habe ich kürzlich am eigenen Leib erfahren, als ich mir einbildete an einem High-Heels-Tanzkurs teilzunehmen. Dass dieser Kurs zu meinem persönlichen Bridget-Jones-trifft-Ally-McBeal-Moment werden sollte, konnte ich ja nicht ahnen. Dabei begann alles so harmlos: Drei liebe Mädels - Valerie, Sabrina und Teresa - schrieben mich an, ob ich nicht ihre 3D Heels Dance Class besuchen wollte, um darüber zu schreiben. Ich sondierte den Ablauf (Warm Up, Basics und Choreographie), die Zeit (90 Minuten) und den Beitext ("Uns ist wichtig, immer eine positive Atmosphäre zu kreieren, sodass sich jeder in der Stunde wohl fühlt." ) und sagte gleich zu.

Schließlich bin ich ein High-Heels-Muffel und trage meine 6,5 Zentimeter hohen Sandaletten nur alle heiligen Zeiten. In meinem Kopf habe ich ein schönes Bild gesponnen: Ich würde aus dem Kurs rauskommen und endlich selbstbewusst in meinen Heels vor mich hin stolzieren. Da ich sportlich eine absolute Null bin, dachte ich schon, dass ich gewisse Konditionsprobleme haben würde, aber ganz so schlimm konnte eine "Open Class" ja nicht sein. Und hier beginnt der Teil, in dem ich meine eigenen Recherchefähigkeiten wohl lieber noch einmal hinterfragt hätte. Hätte ich mir nämlich ein Video vom Kurs angeschaut, dann hätte ich ziemlich wahrscheinlich einen Rückzieher gemacht. Denn diese drei Mädels haben es absolut drauf - und ich nicht einmal ein bisschen. Doch so nahm alles seinen Lauf...

Wie cool sind Teresa, Sabrina und Valerie bitte? / (c) Marina Dworak

Phase 1: Warm-Up

Der Kurs findet freitags im Malu Fitnessclub statt, wird aber von BigsMile Club organisiert. Ich war noch nie in einem fancy Fitnessstudio (sorry, McFit!) und war dementsprechend gleich mal eingeschüchtert. Hab ich schon erwähnt, dass ich eine sportliche Null bin? Ja? Egal, dann nochmal: Unsportlichkeit ist meine Achillesferse, meine Siegfried'sche Schulter. Es ist mir an sich ziemlich unangenehm, aber ich will nicht wirklich was daran ändern. Also selbst Schuld, könnte man sagen.

Ich ziehe mir also mehr oder weniger stylisches Sportgewand an und blicke mich in der Umkleide um. Ich versuche zu erahnen, wer mit mir zum High Heels Kurs geht, doch das ist nicht schwer, denn die besagten Teilnehmerinnen haben alle Stöckelschuhe dabei. Wir warten gemeinsam schweigend vor dem Saal und beginnen dann nach kurzer Begrüßung in Söckchen oder barfuß mit dem Warm-Up. Das ist ziemlich fordernd und ich merke, wie meine Muskeln wach werden. Leider hat mein Gesicht die Angewohnheit, sich in Wassermelonen-Rosa zu färben, sobald ich mich ein bisschen bewege. Allen anderen Teilnehmerinnen siehst du die Anstrengung gar nicht an. Sie sind rund 15 Kilo leichter und 6 Jahre jünger als ich. Das ist der erste Stich in meine Siegfried'sche Schulter.

Phase 2: Walk & Pose

Sabrina, Valerie und Teresa sind total aufgeweckte junge Frauen, die lieben, was sie tun. Sie teilen sich die Kurse immer auf, sodass Teresa das Warm-Up mit uns macht, Valerie uns tolle Dehnübungen zeigt und Sabrina den tänzerischen Part übernimmt. Und nicht nur sie sind motiviert: Die ganze Klasse, also um die 15 Teilnehmerinnen, können es kaum erwarten, zu posen und zu tanzen.

Wir stellen uns ganz nah vor den Spiegel, der die Hälfte der Wände bedeckt und sollen Posen was das Zeug hält. Mädels rechts und links von mir werfen sich auf den Boden, spreizen ihre Beine, strecken ihre Arme in die Luft. Und was mache ich? Schaue wie ein begossener Pudel auf mein Ebenbild und stemme die Arme halbherzig in die Hüfte. Ich lerne etwas über mich: Sexy zu sein - jedenfalls in diesem Kontext - ist mir total unangenehm. Doch leider ist das auch die Grundbedingung des Walks. Wir durchqueren mit rhythmisch wippenden Hüften den Saal, drehen uns dabei und vergesse schon nach 5 Minuten, wie man ganz grundsätzlich auf zwei Beinen geht.

Als ob das nicht schon reichen würde, stört mich auch etwas an meinem Schuh. Irgendwas ist in der Sandalette. Ich greife hinunter und spüre genau das, was ich eigentlich ignorieren wollte: Meine Haut löst sich vom Rist. Und das tut sie nicht, weil ich solch arge Blasen oder gar eine Hautkrankheit habe. Nein, ich habe bei der Vereinbarung des Termins einfach vergessen, dass ich mitten in einem Beauty-Test stecke. Ich habe vor Tagen eine Fußmaske verwendet, mit deren Hilfe ich meine alte Hornhaut einfach abziehen kann. Und das tut sie auch! Befeuert vom warmen Schweiß und viel Reibung im Schuh, löst sich ein großes Stück Haut.

Lockdown, mein Gehirn schaltet sich auf Überlebensmodus und überlegt krampfhaft, was ich mit dem Stück Haut machen soll. Abreißen und was dann? Und dann kommt der Punkt, auf den ich nicht stolz bin: Ich schmeiße das Hautstück einfach aus dem Fenster. Es ist gerade Trinkpause und niemand sieht zu mir rüber. Leider steht auch an den Seiten meines Fußes Haut ab. Diese wird ganz schnell in der Hosentasche verschwinden. Das Blut pumpt durch meinen Kopf und das Peinlichkeitslevel hat den Zenit erreicht.

Phase 3: Choreographie

Sabrina hat im Vorfeld auf Instagram gefragt, zu welchem Lied die Gruppe tanzen will. Es ist "Bad Blood" von Nao geworden. Der Song lebt von langsamen, verträumten Passagen, die in schnelle, Beat-lastige Teile übergehen. Es fühlt sich an, als würde ich mit Beyoncés Backgroundtänzern die Generalprobe der Superbowl-Halftimeshow durchführen. Die Bewegungen sind so beeindruckend, so stimmig mit der Musik und ich kann sie einfach nicht meistern. Ich bin frustriert, aber durch meine vorherige Haut-Aktion noch so verwirrt, dass ich die ganze Zeit grinsen muss, weil mir die ganze Sache so absurd vorkommt.

Dann haben wir es geschafft. Besser gesagt, ich habe es geschafft. Die anderen haben jede Sekunde ausgekostet, jede Bewegung genossen und viel Spaß gehabt. Sie haben auf die sexy Art geschwitzt - also am Nacken oder am Steißbein. Mir sind Sturzbäche runtergeronnen und mein Kopf wird wohl nie mehr zu seiner noblen Blässe zurückkehren können, so rot bin ich. Sabrina, Teresa und Valerie gratulieren mir überschwänglich zu meiner Teilnahme. Auch sie scheinen zu ahnen, dass es ein Wunder ist, dass ich nicht umgekippt bin. Ich stöckle zu meinem Spind und ahne schon, dass jede Stiege, die in den nächsten Tagen zu bewältigen ist, eine Qual sein wird.

Abspann

Mein Fazit: Tanzen ist cool! Ich wünsche mir so sehr, körperlich fitter zu sein, so dass meine Teilnahme an der 3D Heels Class einen Sinn macht. Doch das bin ich leider nicht, weshalb ich erst wieder mit Sabrina, Teresa und Valerie tanzen würde, wenn sie einen ausschließlichen Basic-Kurs für AnfängerInnen anbieten. Die Drei sind mit einer Begeisterung und Professionalität bei der Sache, dass es eine Freude macht, mit ihnen gemeinsam zu trainieren. Während dem Kurs herrscht wirklich eine so positive Atmosphäre, wie Sabrina mir das beschrieben hatte.

Bleibt nur noch, die Frage vom Anfang zu beantworten: Kann ich mich jetzt besser auf High Heels bewegen als zuvor? Ja, ich bin - trotz aller Peinlichkeiten - selbstsicherer geworden und vielleicht lege ich mir sogar ein noch höheres Paar Schuhe zu.