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Sie hat das Leben der Frauen in Nepal verändert

"Wir sind dann mit 900 Frauen unerlaubt durch das Zentrum von Kathmandu marschiert, ich ganz vorne. Ich hatte echt Angst, als Polizei und Militär kamen." - Die Steirerin Carola Gosch hat viel erlebt. Uns erzählt sie von ihrem Hilfsprojekt.

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Sie hat das Leben der Frauen in Nepal verändert
© Sunny's Photography / Roots for Life

Wir können nicht die ganze Welt retten, aber wir können sie Tag für Tag ein kleines Stück besser machen. Wie zum Beispiel Carola Gosch. Sie hat in Eigeninitiative ein Hilfsprojekt für Frauen in Nepal gestartet.

"Es ist ein Geschenk, positive Veränderungen bewirken zu können", sagt Carola Gosch, während sie erzählt, wie sie anderen Frauen im über 6.000 Kilometer entfernten Nepal eine neue Perspektive schenkt. Und ganz pragmatisch erklärt sie auch ihre Beweggründe dafür: "Es hat Hilfe gebraucht und ich konnte sie geben."

Wie alles begann

2006 war die gebürtige Steirerin zum ersten Mal vor Ort. Damals stand die Unternehmensberaterin kurz vor dem eigenen Burnout und war für eine Trekkingtour nach Nepal gereist: "Ich hab mich in das wunderschöne Land verliebt und war gleichzeitig von der Situation der Frauen erschüttert. Wie viel sie arbeiten müssen, sie schleppen die Ziegel am Kopf, haben ein Kind am Rücken umgebunden, bekommen keine Unterstützung. Dass es eine Arbeitsteilung geben müsste oder Betreuungsmöglichkeiten, auf die Idee kommen sie gar nicht. Außerdem sind Menschenhandel und Zwangsprostitution ein großes Problem, viele junge Mädchen werden verschleppt. Ich wollte etwas dagegen tun, und ihnen die Türen ein bisschen öffnen …"

(c) Roots for Life

Also vernetzte sich Carola Gosch mit Organisationen, die bereits vor Ort tätig waren. 2013 gründete sie schließlich ihre eigenen Hilfsorganisation: "Roots for Life".

Ein Heim für Vergewaltigungsopfer

"Angefangen habe ich mit einem Heim, in dem missbrauchte Mädchen gelebt haben. Ihnen habe ich alles, was ausbildungstechnisch notwendig war, finanziert. Und auch die Betreuung für Vergewaltigungsopfer organisiert. Mich hat die Herzlichkeit und der Optimismus der Frauen, in dieser für uns unvorstellbaren Situation, sehr berührt. Und ich habe begriffen, dass ohne Bildung, Geld und politische Bedeutung die Lage für die Frauen fast aussichtslos ist." Nach dem schrecklichen Erdbeben 2015 wurde ihre Unterstützung noch einmal verstärkt gebraucht.

Eigenes Einkommen für die Frauen

Schritt für Schritt hat die Management-Beraterin ihre Unterstützungen ausgebaut: "Vor allem in den Gesprächen mit den Frauen hat sich gezeigt, was es ist, das ihnen wirklich weiterhilft." Mit fünf Frauen hat sie begonnen: "Jede hat ein paar Groschen eingezahlt, damit sie sich Hühner kaufen können. Sobald sie Eier und Küken verkaufen konnten, wurden die nächsten Frauen dazu geholt." Mittlerweile gibt es ein sogenanntes Modellfarm-Projekt: "Die Frauen werden von uns auch ausgebildet, damit sie ihre Buchhaltung selber führen, ihr Gemüse verkaufen und Leute anstellen können." Die Frauen-Kooperative wird größer und größer. Mittlerweile arbeiten bereits bis zu 200 Frauen aus vier Dörfern zusammen: "Es geht um Ausbildung, biologische Landwirtschaft und Einkommensgenerierung."

Das erste Dorf mit Modellfarm (c) Roots for Life

Für die eigenen Rechte einstehen

Einer ihrer prägendsten Momente: 2014 organisierte sie mit ihrer Projektpartnerin eine Demonstration in Kathmandu, um gegen die patriarchalen Strukturen und Machtverhältnisse aufzustehen. Das Motto: Our daughters are not for sale! "Schon die Tatsache, darauf hinweisen zu müssen, war für mich schockierend. Aber das Thema Mädchenhandel ist leider auch heute noch sehr relevant", erzählt sie.

»Our daughters are not for sale!«

"Wir sind dann mit 900 Frauen unerlaubt durch das Zentrum marschiert, ich ganz vorne, weil ich als Europäerin im Touristenviertel der Schutz für alle war. Ich hatte ziemlich Angst, als Polizei und Militär kamen und doch habe ich verstanden, dass wir uns vorwagen müssen, um sichtbar zu werden."

Manche Mädchen kennt die 60-Jährige mittlerweile schon seit über acht Jahren und "zu sehen, wie sie ihren Weg machen, es teilweise bis zur Universität schaffen und das System von innen verändern, ist eine große Motivation", sagt sie. Die Frauen, die früher noch verschreckt und schüchtern gewesen sind, treten jetzt in der Gruppe selbstbewusst auf und stehen für sich ein.

(c) Tomàs Martinez

Da fällt der Diplomingenieurin noch eine Geschichte ein: "Ein Mädchen, das wir unterstützt haben, damit sie in die Schule gehen kann. Unsere Psychologin hat mir gleich gesagt, dass es hier Gefahrenpotential gibt, weil sie, die Älteste, mit ihrem Stiefvater, der Mutter und drei kleinen Buben zusammenlebte. Die Schule konnte sie nur sporadisch besuchen, da sie nach dem Erdbeben Haushalt und Geschwister versorgen musste."

"Eines Tages war sie nicht mehr in der Schule, keiner wusste, wo sie ist, bis wir herausfanden, dass sie vom Stiefvater für umgerechnet zirka 100 Euro an ein Hotel verkauft wurde. Sie hatte keine Geburtsurkunde, die Polizei fand es nicht verfolgungswürdig, aber wir haben sie gesucht und gefunden. Sie konnte nicht mehr zurück nach Hause, die Gefahr, dass sie missbraucht oder sofort verheiratet wird, war zu groß. Seit drei Jahren ist sie jetzt sicher in einem Internat und wir hoffen, dass sie es bis zur Universität schafft. Mittlerweile will sie Juristin werden, um sich für die Rechte der Mädchen einzusetzen.“

(c) Roots for Life

Gegen körperliche Übergriffe

Eine Entwicklung anstoßen, die ohne sie auch weitergetragen wird – das ist das große Ziel von Carola Gosch. Und da hat sie schon viel weitergebracht: "So haben die Frauen nach vielen Trainings zum Thema 'Recht auf Körper und Unversehrtheit' begonnen, sich gegen körperliche Übergriffe der Männer zu wehren. Eine Frau zum Beispiel lief weg, holte die anderen und gemeinsam haben sie den Mann verprügelt. Seine Reaktion war auch interessant: Er hat dann irgendwie erkannt, dass dies keine gute Kommunikationsform ist und motiviert jetzt andere Männer, lieber zu reden als zu schlagen und vor allem, wenn sie betrunken sind, Kontakt zu vermeiden."

Natürlich kommen Carola Gosch bei der karitativen Arbeit auch die Erfahrungen aus ihrer Zeit als Management Coach und Unternehmensberaterin zu Gute: "Ich kann mein Wissen für eine systemische Weiterentwicklung der ganzen Dorfgemeinschaft nutzen. Wir lernen gemeinsam, wie Lebensumstände entstehen und wirken, was getan werden kann und wie groß die Schritte sein können."

Nachhaltige Veränderungen bewirken

In zwei bis drei Jahren, hofft sie, dass die Frauen in den Dörfern ohne sie weiterarbeiten können und "ich all das gesammelte Wissen weitergeben kann. Es könnte ein Muster für nachhaltige Dorfentwicklung werden, worüber ich auch gern noch ein Buch schreiben würde. Außerdem möchte ich", so Carola Gosch, "finanzielle Mittel in Form eines nachhaltigen Stipendienprogramms für die Ausbildung der besonders motivierten Mädchen bereitstellen."

Carola mit Stipendiatinnen (c) Roots for Life

Ihr persönlicher, größter Wunsch: "Noch lange gesund genug für den Aufenthalt in Nepal zu bleiben. Ich bin ins Dorf zwischen 10 und 16 Stunden im Jeep, dann zu Fuß oder auf noch schlechteren Straßen unterwegs. Auch der lange Aufenthalt über 3.000 Meter mit wenig Infrastruktur wird mit dem Alter schwieriger." Im Frühjahr möchte Carola Gosch endlich wieder hinfahren: "Wir arbeiten schon das zweite Jahr nur digital viele Stunden pro Woche zusammen und das ist für alle schwierig."

(c) Roots for Life

Eine positive Veränderung bewirken, Raum für Entwicklung schaffen, das ist die größte Motivation für Carola Gosch. Trotzdem, so sagt sie, fragt sie sich schon immer wieder, warum es Situationen wie diese überhaupt geben muss: "Die Antwort darauf sehe ich relativ klar, aber es will keiner hören: Der Wohlstand, den wir haben, basiert massiv auf armen Ländern wie Nepal. Europäische Firmen haben in diesen Gegenden ihre Callcenter oder andere Produktionen, wo die Leute für ein geringes Gehalt drei Stunden in die Arbeit fahren. Wir dulden diese Zustände. Also sind wir direkt und indirekt mitverantwortlich für das Ungleichgewicht zwischen den Ländern und Geschlechtern. Und ich finde, dass wir als Gesellschaft eine Verpflichtung haben, das zu verändern. Soziales Engagement kann einen Beitrag leisten, wo politische Strukturen versagen."

Mehr Infos sowie die Möglichkeit zum Spenden findest du auf www.rootsforlife.info