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Zurück zur Einfachheit: Hobbys, die entschleunigen!

Das Coronavirus hat uns fest im Griff, die Welt wird angehalten ... anzuhalten! Hobbys, die entschleunigen, Spaß machen und uns auch in den eigenen vier Wänden beschäftigen!


Zurück zur Einfachheit: Hobbys, die entschleunigen!

Sie lassen Retro-Hobbys wie Backen und Stricken hochleben. Und sie tauschen Karriere gegen Hausfrau-Dasein. Ist das das Ende des Feminismus? Oder nur eine Form von Entschleunigung? Die Analyse eines Trends.

© iStock

Stricken ist wieder in, genauso wie Obst einkochen oder Kleider selbst nähen. Alles Dinge, die vor Kurzem noch als völlig konservativ, wenn nicht sogar peinlich galten. Und nun plötzlich en vogue sind. Topausgebildete Frauen schmeißen den Job und sperren Cupcake-Shops auf. Viele pfeifen überhaupt auf die Karriere und bleiben bei den Kindern zu Hause.

Und andere empfinden Handarbeiten als neues Yoga. Es gibt eine Rückkehr zu traditionellen Werten. Manche nennen es auch Auferstehung der Spießigkeit - also der Kleinkariertheit und Rückschrittlichkeit. Was aber steckt hinter dem Trend? Wie wird er sich auf die Rollenverteilung zwischen Frau und Mann auswirken? Wie ist es überhaupt zu diesem Retro-Hype gekommen? "Durch die Angst, die Wirtschaftskrise, einen Arbeitsmarkt, der für Ausbildung nicht mehr entsprechend entlohnt. Und durch die stark doppelbelasteten Frauen der 1970er-Jahre, die Emanzipation bis zur Erschöpfung lebten und für ihre Töchter abschreckend wirkten", meint Angelika Hager, Buchautorin der feministischen Schrift "Schneewittchen-Fieber", die Gründe dafür zu kennen. Und resümiert enttäuscht: "Das Traditionskonzept, dass Frauen freiwillig bei Nachwuchs beruflich zurücktreten, scheint zur Zeit eine neue Salonfähigkeit zu bekommen." Rudolf Richter, Soziologe an der Universität Wien, hat eine Erklärung parat: "Die Retraditionalisierung hängt damit zusammen, dass es für den Rückzug ins Privatleben für die Frauen ebensolche Vorbilder gibt. Männer hingegen haben als Vorbild den leistungsstarken, berufstätigen Mann. Und tauschen Job nicht gegen Kindererziehung und Haushaltspflichten."

OHNE DRUCK.

Für Karin Csida passt die klassische Rollenverteilung aber ausgezeichnet. Sie ist zu Hause, ihr Mann verdient das Geld. Sie empfindet es als Luxus, bei ihren drei Kindern bleiben zu können: "Ich bin finanziell abgesichert, hatte keinen Druck, direkt nach Karenzende wieder arbeiten zu müssen. Außerdem kann ich als Volksschullehrerin jederzeit zurück in den Job." Abwertende Kommentare blieben der Niederösterreicherin bislang erspart: "Die Kinder sind ja recht klein, ich musste also meine Entscheidung noch nicht oft verteidigen. Rechtfertigen würde ich mich aber ohnehin nicht. Ich bin mit meinem Job als Hausfrau zufrieden, und das reicht mir."

Einen generellen Trend hin zu den Werten der 1950er-Jahre will Kommunikationstrainerin Doris Bernhard aber nicht erkennen: "Wozu hätten sich Frauen ihre Unabhängigkeit dann in den letzten Jahren so hart erkämpfen sollen? Ich bemerke auch keinen Rückgang der Scheidungsquoten, die Berufstätigkeit wird also für Frauen in Zukunft ein wichtiges Thema bleiben. Was sich aber sehr wohl abzeichnet: Alte Werte bekommen wieder einen höheren Stellenwert." Aber eben nicht als Stattdessen-Bewegung, sondern als eine Sowohl-als-auch-Einstellung.

WIEDERENTDECKUNG.

Traditionen bieten nun mal was Verlässliches. Etwas, das man von früher kennt und meist mit einem Gefühl von Einfachheit und Geborgenheit in Verbindung bringt. Es müssen nicht immer die großen Dinge sein, auch kleine Auszeiten in Form von Hobbys schaffen das. Unternehmerin Alexandra Koncar hat etwa das Stricken wieder für sich entdeckt: "Mein kleiner Sohn hat mich gefragt, ob ich ihm einen Pullover machen kann. Wir haben knallrote Wolle ausgesucht, und dann ging es los. Und ich konnte dabei herrlich entspannen. Es war wie eine Bremse im hektischen Alltag." Mit dem Eindruck, dass diese Art der Freizeitgestaltung neue Kraft verleiht, ist die Wienerin nicht allein:

»Ich kenne viele Frauen, die als Ausgleich Obst und Gemüse einkochen, sich mit ausgefallenen Kuchenrezepten beschäftigen oder einen sensationellen Garten auf den Balkon zaubern. Aber auch Männer suchen nach Entschleunigung. Sie haben das Musizieren entdeckt oder können stundenlang heimwerken.«

Und das geht quer durch alle Schichten und Altersstufen. Psychologin Johanna Hübner sieht diese Lust auch bei der Smartphone-Generation: "Zwischen Selfies, Zwitschereien und Facebook-Meldungen wollen sich viele vom omnipräsenten Druck des Multitaskings lösen und sich vermehrt auf wesentliche Dinge konzentrieren." Es geht also nicht darum, schnell mal neben dem Marmelademachen auch noch die Mails zu checken, sondern sich auf eine Sache zu konzentrieren und mit dem Herzen dabei zu sein. "Die persönliche Note ist gefragt. Man will einfach keine Massenware und freut sich wieder über Selbstgemachtes", so Soziologe Bernhard Riederer. Der zudem in den Retro-Hobbys einen anderen Charakter als früher sieht: "Heute geht es nicht mehr um die Befriedigung existenzieller Bedürfnisse. Stricken, Nähen, Kochen und Backen sind nicht länger Pflicht, sondern machen ganz einfach Spaß."

BITTE NICHT AUS DEM SUPERMARKT.

Mitunter seit Kindertagen. Die Wienerin Aurelia Littig etwa hat ihre Leidenschaft, Torten zu kreieren, über die Jahre perfektioniert. "Ich liebe es, das Resultat meiner Arbeit zu sehen. Eine Torte aus dem Supermarkt kann mir diese Zufriedenheit nicht geben. Auch, wenn sie vielleicht um einiges günstiger wäre." Für die Studentin ist jeder Euro gut investiert. "Meine Freunde und Verwandten machen mir häufig Komplimente. Ab und zu bekomme ich auch Aufträge, etwas Süßes zu Familienfesten mitzubringen. Das freut mich wahnsinnig."

Angelika Hager hält von der Verherrlichung althergebrachter Hobbys nur wenig: "Ich koche zwar auch unglaublich gerne und habe beim Hacken und Schnippseln oft meine besten Ideen. Aber ich mache daraus keine Ersatzreligion. Und wenn mir noch ein weiterer Strick-Blog unterkommt, bekomme ich allergische Reaktionen." Für die "profil"-Journalistin ist die Rückkehr zu all den Traditionen eine "riesengroße Gefahr für die Weiterentwicklung des Feminismus. Weil Spießigsein eine Art Schrebergarten-Denken mit sich bringt und Menschen dann versuchen, durch alte Rituale ihrer Unsicherheit Herr zu werden." Entwickelt sich unsere Gesellschaft also zurück zu Kleinkariertheit und konservativem Denken? Coach Doris Bernhard prognostiziert: "Ich denke, es bleibt ausgewogen. Jedenfalls wird sich in den kommenden Jahren noch einiges tun, aber nicht in Richtung Spießigkeit. Vielmehr werden Entschleunigung, Rücksichtnahme und Manieren für ein sozialeres Miteinander wichtig werden."

Stricken

ALEXANDRA KONCAR, UNTERNEHMERIN

Raus aus dem Alltag. "In der Schule habe ich Handarbeiten gehasst, aber meine Oma hat es mir dann nähergebracht. Wir haben dabei viel gelacht", erinnert sich die Mutter eines Siebenjährigen. Er war es auch, der die Wienerin wieder auf den Geschmack brachte: "Konstantin hat mich gefragt, ob ich stricken kann, weil er so gerne einen selbst gemachten Pullover hätte." Gesagt, getan. "Und dabei ist mir aufgefallen, wie sehr ich mich dabei entspanne. Ich kann mich so aus dem Arbeitsalltag ausklinken. Herrlich." Dass sie mit dem Gefühl der Entschleunigung nicht alleine ist, hat Koncar im Freundeskreis bemerkt: "Nur Joggen ist kein Ausgleich mehr, da wird gekocht oder gegartelt, um runterzukommen." Ein Rückschritt?"Nein, den gäbe es nur, könnte ich diese Schrulligkeit nicht mehr ausleben."

Backen AURELIA LITTIG, STUDENTIN

Kreativität leben. Vier Stunden: So viel Zeit verbringt die Wienerin im Schnitt damit, eine Torte fertigzubringen. "Kuchenboden, Füllung und Dekoelemente aus Zuckermasse. Ich mache alles selbst. Die meisten meiner Kreationen sind ziemlich aufwendig", so die 21-Jährige. Für die Zutaten investiert Littig dann auch schon mal bis zu 30 Euro. Ihre Leidenschaft zum Backen hat sie bereits als Kind entdeckt."Früher hab ich meiner Mama beim Kekse ausstechen geholfen. Heute zaubere ich mindestens zwei Mal pro Monat selbst was Süßes." Ob es die Wienerin konservativ findet, in der Küche zu stehen?"Von wegen! Ist mir aber auch egal, ob Backen im Moment modern ist oder nicht. Ich habe Spaß daran, kann meine Kreativität ausleben, und meinen Freunden schmeckt, was dabei rauskommt!"

Kinder KARIN CSIDA, HAUSFRAU & MUTTER

Gemeinsame Zeit als Luxus. "Ich bin finanziell abgesichert, habe drei Kinder in zwei Jahren bekommen und kann auch nach längerer Zeit wieder in meinen Job einsteigen ", nennt die Volksschullehrerin ihre Hauptgründe, warum sie bis auf Weiteres Hausfrau und Mutter ist. Die Niederösterreicherin selbst sieht es als Luxus, beim Aufwachsen ihrer Kinder (Tochter Heidi ist 4, Franzi und Toni sind 3) nichts zu versäumen. Die Reaktionen darauf?"Gehen von beneidenswert über nicht leistbar bis hin zu unvorstellbar. Ein ,Du machst es dir ja unnötig schwer, warum lässt du sie nicht länger im Kindergarten' bekomme ich des Öfteren zu hören. Aber ich bin mit meiner Rolle zufrieden, und das reicht mir, dafür muss ich mich nicht verteidigen." Spießig findet Csida ganz andere Dinge: "Intoleranz und festgefahrene Einstellungen."

Nähen BIRGIT ANGERMANN, VERKÄUFERIN

Können weitergeben. "Weil ich mir keine Designer-Mode leisten konnte, mich aber trotzdem trendig anziehen wollte, hab ich mir die Outfits mit günstigen Stoffen nachgeschneidert", erzählt die Tirolerin von ihren ersten Versuchen an der Nähmaschine. Damals war sie Anfang 20. Ihre Motivation: "Ich fand's praktisch, Sachen nach Maß anzufertigen. Und konnte dabei immer herrlich entspannen. Deshalb bin ich auch all die Jahre drangeblieben." Als spießig würde sich die Mutter dreier erwachsener Kinder deshalb aber keinesfalls bezeichnen: "Das kann man doch nicht an einem Hobby festmachen. Vielmehr sind Spießer kleinkarierte, engstirnige Menschen. Und da zähle ich mich nicht dazu." Nachdem Angermann mittlerweile zum Selbstmach-Profi geworden ist, gibt sie ihr Können an die nächste Generation weiter. "Meine jüngste Tochter bekommt bald ihr erstes Baby, und da haben wir gemeinsam für den Zwerg etwas geschneidert und die Zeit genossen."

Schokolade BARBARA JUNG, PSYCHOLOGIN

Qualität zählt. Schon mit neun Jahren hat die Wienerin ihren ersten Gugelhupf gebacken. Seitdem ist viel passiert, aber ihrem Hobby ist die Mutter einer Achtjährigen treu geblieben. Und hat ihr Betätigungsfeld erweitert: "Ich zeige mittlerweile in Workshops, wie man selbst Schokolade macht. Es wird immer wichtiger, zu wissen, was wir essen, welche Zutaten wir verarbeiten." Mit Konservativ-Sein hat das für Jung überhaupt nichts zu tun: "Jeder soll machen, was ihm Freude bereitet. Es ist gut, neben seinem Berufsalltag einen Ausgleich zu haben, der Spaß macht." Für die Psychologin gibt es aber noch einen weiteren Aspekt, warum Retro so angesagt ist: "Weil viele Produkte aus dem asiatischen Raum kommen, Kinderarbeit und Umweltverschmutzung dabei ein Thema sind. Selbstgemachtes ist viel nachhaltiger."

Einkochen KLAUDIA BOANDL, ARZT-ASSISTENTIN

Garteln zum Erden. "Wenn ich das Obst aus unserem 3000-Quadratmeter-Garten monatelang ernte und einkoche, ist das anstrengend. Dennoch gibt es mir ein Gefühl von Entschleunigung", so die Mutter zweier erwachsener Kinder. Spießig findet sie es gar nicht, wenn sie Marmeladegläser vollfüllt oder Kompott einlegt. "Für mich hat mein Hobby was mit Tradition und Überlieferung der vorhergehenden Generation zu tun. Beides war lange außer Mode und ist jetzt wieder in." Wie sich die Burgenländerin das erklärt?"Die Spirale nach oben - in Bezug auf schneller, bessser, höher, größer -, in die man manchmal zwangsläufig gerät, verlangt nach einer gewissen Erdung. Und Garteln bringt sie zum Beispiel." Spießig-sein definiert Boandl so: "Kein Anderssein zulassen und auf seinen Ansichten beharren. Völlig out!"

Dieser Artikel ist bereits 2015 im WOMAN-Magazin erschienen.

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