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Sie hat als erste Österreicherin alle 4.000er der Alpen bestiegen

Marlies Czerny hat die 82 höchsten Gipfel der Alpen erklommen. Dabei war sie in ihrer Jugend niemals am Berg und am Wochenende lieber in der Disko als im Bett. Das hat sich irgendwann schlagartig geändert.

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Sie hat als erste Österreicherin alle 4.000er der Alpen bestiegen
© hochzweimedia

Zum ersten Mal auf einen Berg gegangen ist Marlies Czerny vor 10 Jahren. Das war eine Tour bei ihr zuhause in Oberösterreich, gute 400 Höhenmeter dürften es gewesen sein. Eine kleine Wanderung also. Damals hatte sie 10 Kilo mehr und hätten sich nicht 8 Wochen Urlaub angesammelt gehabt und ihr Chef sie genötigt, diesen in Anspruch zu nehmen - möglicherweise wäre alles ganz anders gekommen. Aber: Was mit einer kleinen Wanderung im „Zwangsurlaub“ begann, sorgte in den vergangenen Jahren für zahlreiche Abenteuer und eine beeindruckende Bilanz: In sechs Jahren hat Marlies Czerny als erste Österreicherin alle 82 4.000er der Alpen bestiegen. Aber wie wird man "aus dem Nichts" zur Alpinistin?

So schaut Marlies' Leben heute aus.

„In meiner Jugend hatte ich mit Bergen echt gar nichts am Hut. Meine Eltern hatten ein Gasthaus, da hab ich am Sonntag Bier gezapft und Backhendl serviert. Zeit für Ausflüge hatten wir nicht, einmal im Jahr ist es zur Tante nach Caorle gegangen zum Strandurlaub“, erzählt Marlies Czerny über ihre Jugend in Oberösterreich. Ihre sportliche Leidenschaft sei Fußball gewesen, aber eben - am Berg war sie nie unterwegs. Bereits einen Tag nach der Maturareise hat sie begonnen als Journalistin zu arbeiten, sie betreute den Skiweltcup und war ständig unterwegs. Und so sammelten sich auch die 8 Wochen Urlaub an, die bei Czerny - die damals noch als „Workaholic“ gegolten hatte - im ersten Moment den Gedanken hervorrief: „Scheiße, was tu ich jetzt mit der ganzen Freizeit?“.

Ihr Job heute: Selbstständig mit Abenteuern

Nach besagter erster Bergtour war dieses Problem jedenfalls gelöst - Marlies Czerny war den Bergen verfallen. Und wenn sie etwas macht, „dann macht sie es Vollgas“, sagt ihr Partner Andi Lattner beim gemeinsamen Interview. So kam es, dass sie immer öfter am Berg ging, immer mehr Leute kennen lernte, die diese Leidenschaft teilten. Auch ihren Freund Andi, mit dem sie nicht nur am Berg unterwegs ist, sondern ihre Touren auch in Text und Bild auf ihrem gemeinsamen Blog „Hochzwei.media“ verarbeitet. Inzwischen haben die beiden ihre „Brotjobs“ aufgegeben und sich mit ihren Bergabenteuern selbstständig gemacht. Journalistin Marlies Czerny schreibt die Texte, Andi Lattner, der nicht nur Techniker sondern vor allem Fotograf ist, liefert die Bilder.

Ein gutes Team!

Aber gehen wir noch einmal ein paar Schritte zurück. Wie man von einer kleiner Hüttenwanderung auf die höchsten Gipfel der Alpen kommt? „Durch das neue Umfeld hat sich auch mein Leben verändert. Als ich meine erste Hochtour mitgemacht habe, war ich 20 - das hat mir sehr getaugt. Und dann wollte ich einfach ganz genau wissen, was ich da tue, habe einen Ausbildung zur Hochtouren- Instruktorin gemacht und ab dem Moment konnte ich mir zutrauen, selbst Touren zu machen und Entscheidungen zu treffen. Etwa drei Jahre nachdem ich zum ersten Mal wandern war, habe ich dann meinem ersten 4.000er bestiegen - den Dom in der Schweiz.“

"Kitschig aber wahr: So geht die Bergtour nie zu Ende"

Inzwischen hat sie alle 82 4.000er „erledigt“, nicht alle, aber viele davon mit Lebens- und Seilpartner Andi. Was es für die Beziehung bedeutet, gemeinsam in so extremen Situationen unterwegs zu sein? „Alles in allem schweißt es auf jeden Fall zusammen“, sagt Andi. „Wenn du mit deinem Partner auf den Berg gehst, dann bist du es gewohnt Meinungsverschiedenheiten auszutragen und auch mal nachzubohren - weil du weißt, du musst auch nachher mit dem Menschen klar kommen. Mit einem anderen Bergpartner würdest du halt einfach keine Tour mehr machen.“ Auch Marlies sieht es absolut verbindend: „Mit Andi bin ich jetzt 4 Jahre zusammen, aber ich war auch vorher viel am Berg und auch journalistische Abenteuer hab ich erlebt. Und nach solchen Touren war ich oft richtig melancholisch, weil die Zeit einfach so schön und so intensiv war. Da war danach fast immer ein Loch. Das ist mit Andi jetzt ganz anders, weil selbst wenn wir wieder zuhause am arbeiten und dokumentieren sind, ist die Verbundenheit immer noch da.“ Und fügt hinzu: „Auch wenn es kitschig klingt: So geht eine Bergtour nie zu Ende.“

Gemeinsame Abenteuer verbinden.

Ob es bei den beiden sowas wie eine fixe Rollenverteilung gibt? „Nein, eigentlich nicht. Je nachdem wer noch mehr Kondition übrig hat, nimmt vielleicht mal 1-2 Kilo mehr im Rucksack. Einzig: Beim Klettern steige ich manchmal vor, weil Marlies mit ihren sagenhaften 1,59 Meter manche Griffe nicht erreicht. Aber beim Skifahren ist Marlies besser“, führt Andi aus. Dabei hat Marlies auch das Skifahren in ihrer Jugend nicht gelernt - auch das hat sie erst mit der wachsenden Bergbegeisterung angefangen, nachdem sie auch im Winter in die Berge wollte. Schon in ihrem ersten Jahr auf Ski war sie auf Skitour am Großen Priel - „die ist zwar nicht megaschwierig, aber lang. Das hab ich mir gleich zugetraut“, sagt Marlies. Dann hat sie gleich noch eine Ausbildung zur Skilehrerin gemacht, „weil so lern' ich es wirklich, hab ich mir gedacht. Ich wollte einfach immer gleich von den Besten lernen, wenn es irgendwie geht.“

Schwierige Situationen lösen

Und das hat sich ganz offensichtlich ausgezahlt, wenngleich sicher auch Marlies unerschrockene Art viel dazu beigetragen hat, all das zu schaffen. So hat sie auch schon die eine oder andere brenzlige Situation und wirklich schlimme Momente erlebt. „Das schlimmste war sicher, als ich am Mönch zwei Italiener abstürzen gesehen habe. Da hat der eine den anderen mitgerissen.“ Natürlich wisse man um das Risiko und nehme dieses bewusst in Kauf, aber „wenn dann halt echt was passiert, ist es schon sehr tragisch.“ Dennoch: Ein Thema ist das zwischen den beiden eigentlich nicht. Wenn man in schwierige Situationen kommt, gelte sowieso, diese zu lösen. So geschehen, als sie ihren letzten 4.000er im Mont Blanc Massiv, den Picco Luigi Amedeo, absolviert haben. „Die Schlüsselstelle dieser Route war zu Mittag in der Sonne und dann gab es Steinschlag und Eis, das herunter gekommen ist und wir konnten nicht weiter klettern. Von 12 Mittag weg haben wir auf 3 Quadratmetern in der Route biwakiert und gehofft, dass es in der Nacht wieder friert und wir in der Früh rauf kommen. Das hat zum Glück funktioniert.“

Wo man halt zur Ruhe kommt...

Oder die eine Nacht, als Marlies mit einem anderen Bergpartner auf 3.800 Metern mitten am Grat mit mobilen Sicherungsgeräten angehängt übernachten musste - ohne Schlafsack oder Isomatte und eine Nacht lang gezittert hat und immer wieder abgerutscht ist. „Man hält schon einiges aus“, sagt sie dazu. Und: Am nächsten Tag haben sie es noch auf den Gipfel geschafft.

Auch bei Dunkelheit heißt es "durchhalten".

All diese Abenteuer verarbeiten Marlies und Andi inzwischen hauptberuflich auf ihrer wunderschönen Website. Dabei geht es nicht darum, Schwierigkeitsgrade, GPS-Daten und Zeitangaben zu teilen, sondern Geschichten zu erzählen. „Wir haben schöne Fotos, Marlies kann das gut in Worte fassen - wir haben eine schöne Form gefunden unsere Abenteuer in längeren Geschichten zu erzählen. Es geht uns darum ein Gefühl zu vermitteln.“ Natürlich bedienen die beiden auch Social-Media-Kanäle, aber niemals live vom Berg: „Wenn wir am Berg sind, schätzen wir ja genau das. Wenn es kein Internet gibt - umso besser“, sagt Marlies. Zurück zuhause heißt es dann aber bis spät in die Nacht arbeiten, was nicht immer leicht fällt. Vor allem wenn das Wetter - so wie in diesem Herbst - bestens zum Bergsteigen geeignet wäre.

Trotz Gepäck geht's steil hinauf.

Digitale Selbstdarstellung vs. wildes Bergleben

Wie die ganze digitale Selbstdarstellung auf Instagram und Facebook überhaupt mit dem abenteuerlichen Outdoor-Leben zusammen passt? „Noch macht es uns Spaß, aber das hat wahrscheinlich ein Ablaufdatum. Wir sehen das ja schon auch kritisch.“ So sind sie auch nicht daran interessiert, jeden Tag ein neues Produkt zu testen und online vorzustellen, wenngleich sie natürlich auch Sponsoren brauchen um das alles Fulltime zu betreiben. „Aber da sind wir mehr an langfristigen Partnerschaften interessiert. Und: Ich brauche nur einen Rucksack und nur eine Jacke. Und die Hose flicke ich auch beim 10. Mal.“ Denn während Marlies vor 10 Jahren sicher noch einmal in der Woche in ihrem Lieblings-Gewandgeschäft shoppen war, gibt sie ihr Geld heute lieber anderweitig aus. Und genau darum geht es auch online bei den beiden: Keine verfälschten Hochglanzgeschichten mit dem schicksten Bergoutfit - sondern ehrliche und inspirierende Darstellung ihrer Abenteuer, egal ob kleine Tour in der Nachbarschaft oder 4.000er.

Unverfälschte Abenteuerberichte.

Und das wollen sie auch bei ihrer aktuellen Vortragstour durch ganz Österreich weitergeben; „Es ist schwierig seine Leidenschaft zu finden. Aber wenn du sie hast, dann geht alles ganz leicht, du spürst es. Ich hab auch 20 Jahre gebraucht, bis ich den ersten Schritt gemacht habe. Aber: Es ist nie zu spät.“

Es ist nie zu spät seine Träume zu verwirklichen!

Nicht verpassen: Vortragstour durch Österreich

Die nächsten Vorträge finden am 9. November in Linz, am 16. November in Königswiesen und am 21. November in Liezen statt, alle weiteren Termine sowie die wunderbaren Geschichten und Bilder von Marlies und Andi gibt’s unter www.hochzweimedia.at. Auf Facebook und Instagram könnt ihr den beiden natürlich auch folgen.