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Van der Bellen & Hofer:
Wie die beiden wirklich ticken!

Ungewöhnliche Einblicke in die Persönlichkeitsstrukturen der Präsidentschaftskandidaten – die ermöglicht Mira Mühlenhof. Die Sozialpsychologin hat die "Key to see"-Methode erfunden und verschafft sich damit Einblick in alles, was hinter Worten, Blicken und Taten steht. Für WOMAN hat sie den neuen Bundespräsidenten, Alexander Van der Bellen, 72 – und seinen Konkurrenten aus der Stichwahl, Norbert Hofer, 45, analysiert ...

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Van der Bellen & Hofer:
Wie die beiden wirklich ticken!
© REUTERS/Heinz-Peter Bader

Alexander Van der Bellen: Mr. Independent und Beobachter

"Die heutige KPÖ hat mit dem, was Ostblock genannt wird, so wenig zu tun wie ich mit einer Prada-Handtasche." In dieser Aussage können wir einen ersten Hinweis auf die intrinsische Motivation des parteilosen Kandidaten entdecken. Bei Alexander Van der Bellen ist es der wahre Wert des Lebens oder vielmehr das Wissen darum. Sein Lebensthema ist das Wahren von Distanz – zu Dingen und Menschen.

Van der Bellens Persönlichkeitsmuster im Überblick:

Ein Mensch dieses Musters ist sachlich, ruhig, abwägend und bedächtig. Er verfügt über ein analytisches Superbrain, durchdenkt auf äußerst scharfsinnige Art und Weise das Leben und nimmt deswegen nicht immer an selbigem teil. Im übertragenen Sinn heißt das: Van der Bellen ist ein Mensch, der lieber beobachtet, als selbst aktiv zu werden. Alle Erfahrungen, vor allem aber die emotionalen, werden von ihm eher theoretisch betrachtet. Seine Distanziertheit kann bei seinen Mitmenschen für Irritation sorgen. Man möchte sich fragen: "Hat dieser Mensch gar keine Gefühle?" Doch, die hat er. Aber nur im stillen Kämmerlein.

Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur bemühen sich, ständig mehr zu lernen. Um zu systematisieren, sich einen Überblick über alles zu verschaffen und Zusammenhänge genau zu verstehen. Sein trockener Humor, sein riesiger Wissensschatz oder auch die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeiten bringen ihm Aufmerksamkeit, an der ihm eigentlich überhaupt nicht gelegen ist. Für ihn sind ungezügelter Genuss und Lebensfreude Fremdworte.

Aus dem Tierreich:

Das Tier, welches die Lebensenergie von Alexander Van der Bellen am ehesten verkörpert, ist die Eule: Sie sitzt auf dem Baum, schaut mit Distanz auf das Geschehen im Wald und sieht alles. Sogar nachts. Sie ist dabei, aber nicht beteiligt. Wer im Wald etwas wissen will, fragt die Eule, sie ist an größeren Zusammenhängen und Meta-Kontexten interessiert. Alexander Van der Bellen versteht es, seine Themen pointiert zu benennen. Dafür neigt er zum Snobismus und wird zuweilen zum distanzierten Eigenbrötler, der sein Wissen um die Geschicke der Welt nur auf Nachfrage von sich gibt. Sein Sprachstil ist nüchtern, ruhig, überlegt und wenig gefühlvoll. Kopfgesteuerte Menschen fühlen sich bei Van der Bellen sicher gut aufgehoben. Doch den Menschen, die darauf hoffen, dass es nun endlich besser werden möge, wird der Charakter Van der Bellens nicht gereicht haben. Er konnte den Wählern keine emotionale Heimat geben.

Der Schatten seiner Persönlichkeit:

Im Wahlkampf hat der grüne Politiker nur wenig von sich selbst gezeigt. Warum? Ein Mensch mit dem Persönlichkeitsstil Van der Bellens befürchtet, von den eigenen und den Gefühlen anderer überrannt zu werden. Er hat Angst vor zu viel Nähe. Dieses Verhalten führt jedoch auf Dauer dazu, dass keine tiefen Beziehungen aufgebaut werden können und die zwischenmenschliche Nähe auf der Strecke bleibt. Er kann verschlossen und unnahbar wirken, so als würde sein Fuß auf der Empathie-Bremse stehen.

Dabei vermeidet Van der Bellen doch lediglich das Gefühl, inkompetent und unfähig zu sein. Er wird schon früh im Leben gelernt haben, seine Energie dosiert einzusetzen und den eigenen Raum vor eindringenden Beziehungsansprüchen zu schützen. Van der Bellen mag sich nicht vereinnahmen oder gar in ein Schema pressen lassen. Zitat: "Ich hoffe, dass ich nach wie vor oft mit U-Bahn und Straßenbahn fahren kann."

So wird er als Bundespräsident sein:

Aus diesem Selbstbild heraus können wir erwarten, dass er in Konfliktfällen um eine sachliche, rasche Klärung bemüht sein wird - und zwar mit Hilfe logischer Argumente. Sollte er indes genervt sein, wird er zynisch und mit beißender Ironie antworten. In einem Konflikt könnte er durchaus heftig und emotional werden, obwohl es eine Reaktion ist, die bei Alexander Van der Bellen eher selten vorkommt. In Krisen wird er über sich selbst hinauswachsen, in Paniksituationen cool bleiben.

Norbert Hofer: Mr. Win-Win und Innovator

"Sie werden sich wundern, was alles gehen wird." In diesem Zitat können wir einen ersten Hinweis auf die intrinsische Motivation Hofers entdecken: Spaß. Der innere Antrieb ist per Definition wie ein Motor der Persönlichkeit zu verstehen, der das Denken, Fühlen und Handeln des Akteurs bestimmt. Und zwar so, dass die wahren Gründe des Handelns auch für die Person selbst bis zu einem gewissen Grad im Verborgenen liegen. Bei Norbert Hofer ist es die Lust am Leben. Sein Lebensthema ist die Erhaltung seiner inneren Lebendigkeit.

Hofers Persönlichkeitsmuster im Überblick:

Ein Mensch dieses Musters ist neugierig, verspielt, begeisterungsfähig und voller Energie. Er hat ein freundliches, offenes, sympathisches Auftreten, ein "Bub zum Gernhaben" selbst im Alter. Für ihn ist das Leben eine große Pralinenschachtel, prall gefüllt mit Mozartkugeln. Und wenn sie leer ist, gibt es eine neue. Im übertragenen Sinn heißt das: Er bekommt nie genug – von Spaß und Spiel, dem Genuss und der Liebe, von Sonne und Freude, Amüsement und Menschen. Nie genug vom Leben!

Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur sind gute Unterhalter. Sie machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt, sind verbal geschickt, optimistisch und idealistisch. Ziemlich beeindruckend, beinhaltet dieser Charakter doch das gnadenlose Talent zum Zweckoptimismus. Sein Kopf ist voller Pläne, er hat immer etwas Spannendes vor, hält sich alle Optionen offen und Spontanität ist sein höchstes Gut. Er lacht viel und besitzt das Talent, auch andere leicht zum Lachen zu bringen. Seine Kernqualitäten: Spontanität, Leichtherzigkeit, Neugier und Charme.

Aus dem Tierreich:

Das Tier, welches die Lebensenergie von Norbert Hofer am ehesten verkörpert, ist der Affe: Er schwingt von Ast zu Ast, neckt seine Kameraden und lacht dem Menschen und seinen Artgenossen direkt ins Gesicht. So charmant, dass ihm niemand böse sein kann. Affen sind ungeduldig und hassen Langeweile. Hofer auf die Frage nach einer Schwäche: "Mir fehlt manchmal die Gelassenheit, Dinge so hinzunehmen, wie sie sind." Willenskraft und Optimismus bezeichnet er als seine größten Stärken. Diese beiden Qualitäten finden sich auch in seiner Sprache wieder: Er spricht aufmunternd, fröhlich, leicht und animierend. Der FPÖ-Kandidat versteht es, seine Themen mit Leichtigkeit zu parlieren und steht damit personifiziert für die Hoffnung vieler Österreicher: Dass es endlich besser werden möge.

Der Schatten seiner Persönlichkeit:

Im Wahlkampf konnte Norbert Hofer die Schattenseite, die per se jedem Menschen innewohnt, relativ geschickt verbergen. Und diese ist nicht seiner politischen Gesinnung geschuldet, auch wenn die Vermutung nahe liegt. Vielmehr nährt sich die Schattenseite eines Menschen aus verdrängten Impulsen. Die Persönlichkeit entwickelt eine Strategie, um ein bestimmtes Gefühl nicht wieder fühlen, eine schmerzliche Situation nicht wieder erleben zu müssen. Um dieses Ziel herum formiert sich sein inneres Gerüst.

Ein Mensch mit dem Persönlichkeitsstil Hofers setzt alle vorhandenen Informationen in Beziehung und systematisiert sie so, dass selbst bei ungeliebten Verpflichtungen immer auch Hintertürchen und Ersatzlösungen drin sind. Diese Neigung kann zu einer bewussten Flucht aus schwierigen oder einschränkenden Aufgaben führen. Salopp formuliert: Ab durch die Mitte. Dieses Verhalten führt jedoch auf Dauer dazu, dass Gefahren unterschätzt und wahre Schwierigkeiten nicht mehr abgewendet werden können – und letztlich zum Realitätsverlust. Somit wird das eigene Persönlichkeitsmuster zur Falle.

So wäre er als Bundespräsident gewesen:

Norbert Hofer steht mit seiner Persönlichkeit für die folgenden inneren Glaubenssätze: "Freiheit heißt Wahlfreiheit. Ich mag mich aber nicht festlegen, ich hätte gern alles. Mehr ist besser – und ich habe das Recht dazu." Aus diesem Selbstbild heraus lässt sich ableiten, dass Norbert Hofer im Amt extremen Konflikten eher ausgewichen wäre. Weil sie sein Lusterleben beeinträchtigt hätten. Aggressiv wäre er nur geworden, wenn man ihm seinen Weg streitig machen hätte wollen.

Sozialpsychologin Mira Mühlenhof
Thema: Report