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"Ich will mich verschwenden!"

Am 8. Mai bringt Hubert von Goisern sein neues Album "Federn" auf den Markt. Wir sprachen mit dem Ausnahmekünstler über die Fehler unserer Politiker, Glück und Kindererziehung.

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"Ich will mich verschwenden!"
© PHILIPP HORAK

Zehn Monate hat 's gedauert, bis wir bei Musiker Hubert von Goisern (bürgerlich Hubert Achleitner), 62, einen Termin für ein Interview bekommen haben. Im Juli vergangenen Jahres, als wir zum ersten Mal angefragt haben, war er gerade damit beschäftigt, intensiv an neuen Liedern zu basteln. Zeitgleich wurde mit Hochdruck an einem Dokumentarfilm über das Leben des Künstlers gewerkelt. Mit Erfolg. Am 8. Mai erscheint das Album "Federn". Zwei Wochen davor, am 23. April, läuft "Brenna tuat 's scho lang" in den heimischen Kinos an. WOMAN traf den gebürtigen Oberösterreicher und Zweifachvater (Anm.: Niko, 27, und Laura, 21), der in Salzburg und auf der ganzen Welt zu Hause ist, im Hotel Altstadt Vienna. Und erlebte einen besonnenen Querdenker, der ohne viel Radau, dafür mit leisen Tönen, einiges bewegt und andere inspiriert.

»Meine Familie schätzt es, wenn wir Abstand voneinander bekommen.«

WOMAN: Der erste Song auf Ihrem neuen Album heißt "Snowdown" und handelt von politischer Wahrheit. Wofür gehen Sie auf die Barrikaden?

Goisern: Auf die Barrikaden bin ich überhaupt noch nie gegangen. Ich war in meinem Leben auf zwei Demos und hab 's bereut. Ich hatte jedes Mal Angst vor den Parolen und dieser Dumpfheit, die dabei entsteht. Über meine Musik aber möchte ich zum Ausdruck bringen, was mich bewegt. In Zeiten wie diesen regt mich auf, dass im stinkreichen Mitteleuropa viele Leute unter der Armutsgrenze leben und sich mit unterbezahlten Jobs über Wasser halten müssen. Und unsere Politiker sind unfähig, denen Herr zu werden, die dauernd den Rahm abschöpfen und kaum oder keine Steuern zahlen. Da bin ich fassungslos!

WOMAN: Was wäre Ihre Lösung?

Goisern: Ich würde um jeden Preis versuchen, Steuerflucht zu bekämpfen. Auch die prekären Arbeitsverhältnisse, die es bei vielen großen Institutionen in Österreich gibt.

WOMAN: Klingt sehr engagiert! Nichts wie rein mit Ihnen ins politische Geschehen!

Goisern: Bitte nicht! Ich bin zu sensibel und dünnhäutig für dieses Metier. Egal, was man sagt: Von irgendwem ist man immer der Feind.

WOMAN: Wie wichtig ist es Ihnen, wählen zu gehen?

Goisern: Ich hab das Gefühl, mit gutem Beispiel vorangehen zu müssen. Ich habe Kinder und möchte nicht daheim sitzen und sagen: Geht ihr nur schön wählen! Es gibt natürlich in so gut wie allen Parteien Leute, die integer sind und was Sinnvolles bewirken wollen. Das Problem aber ist: Die, die das Sagen haben, werden nichts tun, damit sich an unserem System etwas ändert. Denn das könnte bedeuten, dass sich damit auch ihr Standing ändern würde. Ohne Revolution wird sich da nicht viel tun. Aber wir müssen endlich nationale und internationale Solidarität umsetzen. Wir leben auf Kosten anderer. Dass es uns so gut geht, ist nur möglich, weil es einem Haufen anderer schlecht geht.

WOMAN: Sie sind oft auf Reisen auf der ganzen Welt unterwegs, demnächst geht es nach Grönland. Was treibt Sie an?

Goisern: Reisen ist bewusstseinserweiternd, weil man sein eigenes Leben von außen betrachten kann. Alles schaut anders aus, riecht und schmeckt anders. Du kannst nicht mehr reflexartig durch den Tag gehen, sondern musst über alles nachdenken. Das ist anstrengend und gleichzeitig erhellend, weil du dich auf dein Umfeld einlassen musst. Es verschafft dir einen Blick von außen nach daheim, und du merkst, dass du vieles nur machst, weil du es so gewohnt bist. Oder weil es Tradition hat. Aber nur weil etwas 200 Jahre lang so gemacht wurde, ist es nicht automatisch gut. Man muss drüber nachdenken.

WOMAN: In einem Interview mit einem deutschen Magazin haben Sie erzählt, dass Sie sich auf Ihren Reisen kaum bei Ihrer Familie melden.

Goisern: Die ersten Tage denke ich oft an sie und ruf an, um zu fragen: "Passt eh ois?" Dann kippe ich rein in diese andere Welt und will mich ganz auf das einlassen, was dort ist. Ich bin sehr oft in Gebieten, wo es keinen Handyempfang gibt. Aber auch meine Familie schätzt es, wenn wir Abstand voneinander bekommen. Das gibt einem die Möglichkeit, selbst zurechtzukommen. Es ist nicht immer leicht, weil man auf sich selbst zurückgeworfen und auf sich allein gestellt ist, aber es ist wichtig.

WOMAN: Worin sehen Sie eigentlich Ihre Lebensaufgabe?

Goisern: Ich will mich verschwenden! Es hat keinen Sinn, sich zurückzuhalten. Das Leben in seiner Fülle zu leben, soweit es einem möglich ist, und sich nicht für das Jenseits aufzusparen -darin liegt für mich die Aufgabe.

WOMAN: Wie viel Einfluss hat man selbst darauf, glücklich zu sein?

Goisern: Einen sehr, sehr großen. In vielen Situationen ist es schwierig, glücklich zu sein, weil die Umstände dagegensprechen. Da ist es leichter gesagt als getan, dem Leben etwas Schönes abzugewinnen. Aber es ist möglich! Das eigene Unglück hängt viel mit einem Verhaftetsein zusammen. Und mit der Einstellung: Nur wenn ich das oder das hab, geht 's mir gut. In schweren Zeiten muss man Loslassen lernen - von Menschen, Dingen und manchmal auch der Heimat. Wenn man das kann, kann man auch in dunklen Zeiten so etwas wie Glück empfinden.

WOMAN: Im Film sagen Sie: "Das Leben ist ein Annehmen von anderen." Mit welchen Menschen tun Sie sich dennoch schwer?

Goisern: Mit solchen, die offensichtlich unehrlich sind, weil es dann keinen Dialog mehr geben kann. Wenn jemand ein Lügengebäude auf baut, empfinde ich es als Zeitverschwendung, mich mit ihm zu unterhalten. Da bin ich einigermaßen konsequent und mache mir lieber keine Freunde, als dass ich da mitspiele. Und ich mag keine Leute, die anderen was Böses tun, nur um selbst Profit daraus zu schlagen.

WOMAN: Worauf sind Sie bei sich stolz?

Goisern: Ich freue mich über vieles, das mir gelungen ist. Ich freu mich darüber, dass ich noch immer den Mut habe, etwas zu machen, das auch schiefgehen kann. Das finde ich wichtig. Aber ob ich darauf stolz bin? Nein. Ich bin froh, dass ich zufrieden bin. (lacht) Und wenn ich jetzt sage, ich bin auf meine Kinder stolz, ist das auch ein Blödsinn. Sie sind, was sie selbst aus sich gemacht haben.

WOMAN: Aber Sie hatten bestimmt auch großen Einfluss auf ihre Entwicklung.

Goisern: Ja, aber ich schau immer drauf, dass ich mit meinen positiven Einflüssen die negativen ausgleiche und in gewisser Weise neutral aussteige. Der Einfluss, den man auf seine Kinder ausübt, ist auch eine Belastung. Das macht Kinder unfrei. Du sollst Orientierungspunkte geben und ein Leuchtturm für sie sein, aber von allem nicht zu viel.

WOMAN: Aber Sie hatten bestimmt auch großen Einfluss auf ihre Entwicklung.

Goisern: Ja, aber ich schau immer drauf, dass ich mit meinen positiven Einflüssen die negativen ausgleiche und in gewisser Weise neutral aussteige. Der Einfluss, den man auf seine Kinder ausübt, ist auch eine Belastung. Das macht Kinder unfrei. Du sollst Orientierungspunkte geben und ein Leuchtturm für sie sein, aber von allem nicht zu viel.

PHILIPP HORAK
Themen: Musik, Society