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Hyperhidrose: Wenn Schwitzen zur Krankheit wird

Aktuell schwitzen wir ja alle recht viel. Bei manchen Menschen hat das allerdings nichts mit den Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius zu tun - es kann eine Krankheit sein, die auch massive soziale Auswirkungen hat.

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Hyperhidrose: Wenn Schwitzen zur Krankheit wird
© iStock/andriano_cz

Wenn man sich nicht gerade beim Sport verausgabt, möchte man sie tunlichst vermeiden: für alle sichtbare Schweißflecken. Sie sind peinlich und mit Scham behaftet, vor allem, wenn sie in Situationen auftreten, in denen wir sie ganz und gar nicht brauchen können. Ob Date, Vorstellungsgespräch oder Arztbesuch – sichtbares Schwitzen in unpassenden Momenten ist definitiv verzichtbar.

Während allerdings die meisten von uns nur hin und wieder in solch eine Lage geraten und es auf Aufregung, Hitze oder Anstrengung zurückführen können, sind andere ständig damit konfrontiert. Sie leiden unter Hyperhidrose, dem übermäßigen bzw. krankhaften Schwitzen. „Geht das Schwitzen über die Erfordernisse der Wärmeregulation unseres Körpers hinaus, spricht man von Hyperhidrose.“, so die Fachärztin für Dermatologie und Venerologie Dr. Margit Meidinger. „Die Betroffenen schwitzen ohne erkennbaren Anlass bzw. auch in nicht schweißtreibenden Situationen extrem, neigen also zu unkontrollierbaren Schweißausbrüchen.“ Unterschieden wird zwischen primärer Hyperhidrose, die ohne Grunderkrankung auftritt, sowie sekundärer Hyperhidrose, die hormonell bedingt (z.B. im Rahmen des Klimakteriums) bzw. als Folge einer Erkrankung (z.B. im Falle von Nervenverletzungen oder Adipositas) auftritt. Sie kann generalisiert, also am ganzen Körper, oder lokal, z.B. an den Händen oder im Genitalbereich, auftreten.

Lebenswichtige Funktion als Stigma

Für unseren Organismus ist Schwitzen lebenswichtig und unverzichtbar, denn es sorgt nicht nur für die Abkühlung unserer Hülle, der Haut, sondern reguliert auch die Temperatur im Innern unseres Körpers. Tritt diese Körperfunktion allerdings in übermäßiger Form auf, führt das nicht selten zur Stigmatisierung der Betroffenen. Schweißhände zum Beispiel werden meist als unhygienisch und abstoßend empfunden, man möchte Körperkontakt tunlichst vermeiden. „Hyperhidrose kann mit erheblichen psychosozialen Problemen verbunden sein, die mitunter zur sozialen Isolation führen.“, erläutert der Facharzt für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie Dr. Veith Moser. „Die Erkrankung geht außerdem mit enormen Einschränkungen im Berufsleben einher und ist nicht selten mit häufigen Infektionen der Haut durch Viren, Bakterien und Pilze vergesellschaftet.“ Das Gefühl, für jeden sichtbar zu schwitzen kann zu Stress und damit zu weiterer vermehrter Schweißproduktion führen – ein Teufelskreis, den Betroffene nur schwerlich durchbrechen können. „Derartige Situationen werden deshalb immer häufiger vermieden.“, so Dr. Margit Meidinger. „Unglücklicherweise ist es vielen Hyperhidrose-Patienten unangenehm, zum Arzt zu gehen. Viele leiden seit dem Kindes- oder Jugendalter unter der Erkrankung.“

Problemzone Intimbereich

Wenngleich übermäßiges Schwitzen meist an den Händen, den Füßen oder im Achselbereich auftritt, kann es sich auch im Genitalbereich manifestieren. Betroffene versuchen häufig, es mittels Slipeinlagen oder anderer Hilfsmittel zu kaschieren, was zu erheblichen gesundheitlichen Problemen bzw. Infektionen führen kann. In erster Linie leidet allerdings die Psyche, wie die Fachärztin für Gynäkologie, Dr. Eva Lehner-Rothe, erläutert: „Vermehrtes Schwitzen im Intimbereich stellt für die Patienten ein großes Problem dar. Den meisten ist es peinlich und unangenehm und sie trauen sich nicht einmal, ihrem Partner oder ihrer Frauenärztin davon zu erzählen. Das kann sich auf die Psyche und auch auf die Partnerschaft negativ auswirken.“ Die Expertin empfiehlt eine sanfte Intimpflege mit Salbeitee sowie eine Intimrasur, um unangenehmen Geruch zu verhindern. „Im Schamhaar sammeln sich Bakterien, die den Geruch verstärken.“ Dr. Lehner-Rothe plädiert dafür, sich einem Arzt anzuvertrauen, wenn das Problem Hyperhidrose besteht. Das verhindere eine Einschränkung der Lebensqualität und den Rückzug in die Isolation. Gemeinsam könne man eine Lösung bzw. die passende Therapie finden.

Verschiedenste Therapiemöglichkeiten

Die Diagnose Hyperhidrose kann von Allgemeinmedizinern, Fachärzten für Dermatologie, aber im Bedarfsfall oder bei Verdacht auf hormonelle Störungen auch von Endokrinologen gestellt werden. Wichtig ist, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen bzw. um ärztlichen Rat zu bitten. Bevor therapeutische Maßnahmen zum Einsatz kommen, gilt es, herauszufinden, ob es sich um eine sekundäre Hyperhidrose handelt und welche Grunderkrankung vorliegt. „Die primäre Hyperhidrose kann mittels lokaler Therapien behandelt werden.“, erklärt Dr. Margit Meidinger. „Das heißt, man trägt aluminiumchloridhaltige Lösungen, Deos oder Cremes auf die betroffenen Areale auf – meist vor dem Schlafengehen. Dadurch wird eine Verlegung der Schweißdrüsenausführungsgänge erreicht, was zu einer verminderten Schweißsekretion führt.“ Des Weiteren sei die Leitungswasseriontophorese, eine Gleichstromtherapie für Hände und Füße, empfehlenswert. „Die medikamentöse Behandlung mittels Anticholinergika ist ebenfalls hilfreich.“

Eine weitere und langanhaltende Therapiemöglichkeit stellt Botulinum Toxin A dar, das man aus dem Bereich der Faltenbehandlung kennt und das mittlerweile auch gegen Migräne zur Anwendung kommt. Dr. Veith Moser sagt: „Botox, wie es umgangssprachlich genannt wird, hat sich in den letzten Jahren als effektives Mittel gegen Hyperhidrose bewährt. Vor allem im Achselbereich können Patienten enorm davon profitieren, aber auch Hände, Füße und Genitalbereich sind damit nachhaltig behandelbar.“ Die Wirkdauer liege zwischen sechs bis acht Monaten, manche Patienten seien zwölf Monate trocken, so der Experte. „Im Bereich der Hände kann es nach erfolgter Injektion bzw. Einsetzen der Wirkung zu Hauttrockenheit sowie zur Beeinträchtigung von Grobkraft und Feinmotorik kommen. Diese Nebenwirkungen lassen mit der Zeit nach und verschwinden nach einigen Monaten völlig.“ Der Experte behandelt auch Patienten, die unter übermäßigem Schwitzen im Genitalbereich leiden. Dr. Lehner-Rothe ist überzeugt: „Botox kann bei therapieresistenter und starker Hyperhidrose effektiv und nachhaltig helfen. Ich persönlich injiziere das Nervengift nicht, würde meine Patientinnen aber zur Behandlung zu einem Facharzt für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie schicken.“

Neben weiteren Maßnahmen wie Stress- bzw. Gewichtsreduktion, dem Tragen atmungsaktiver Kleidung ohne Kunstfasern, Ernährungsumstellung und ausreichender Flüssigkeitszufuhr stehen mit der Schweißdrüsenabsaugung (Saugkürettage) im Achselbereich, der Grenzstrangverödung im Rahmen einer Brustraumspiegelung (thorakoskopische Sympathektomie) sowie der vollständigen Entfernung der Schweißdrüsen tragenden Haut im Achselhöhlenbereich chirurgische Verfahren zur Verfügung. Diese sind allerdings nicht unumstritten und sollten nur von Fachleuten durchgeführt werden – nach Abwägung aller Eventualitäten und genauester Aufklärung.

Über die Autorin:

Sonja Streit ist freie Medizinjournalistin in Wien, auf Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie sowie Nervenchirurgie spezialisiert und verfügt über Erfahrungswerte mit Botox.