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Aus Konsum-Wahnsinn ausgestiegen: "Ich brauch (fast) nix!"

Waltraud Novak ist aus dem Konsum-Wahnsinn ausgestiegen. Ihr Ziel: so minimalistisch zu leben, dass sie weder der Umwelt noch anderen Menschen schadet.

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Aus Konsum-Wahnsinn ausgestiegen: "Ich brauch (fast) nix!"

Ihr Handy ist 9 Jahre alt, den Laptop hat sie aus einem Secondhand-Geschäft, und gekauft werden nur Dinge, die sie wirklich braucht.

© Monika Saulich

"Die Hose hat eine Arbeitskollegin vor ein paar Wochen ausgemistet. Ich hab sie anprobiert, und sie hat gleich perfekt gepasst", zeigt uns Waltraud Novak, 44, eine dunkelblaue Jeans, die auf ihrer Kleiderstange hängt. Was sich bei den meisten von uns über mehrere Kästen verteilt, hat die Wienerin auf eine Fläche von rund einem Quadratmeter reduziert. Hier hängen bunte Kleider, Hosen, Shirts. Viel davon hat Novak von ihren Reisen: "Der Rock stammt von einer Näherin aus Pakistan, der Stoff für die Hose ist aus Mosambik. Die Körbe, die in der Küche an der Wand hängen, kommen aus Osttimor. Dort habe ich sie alten Frauen am Markt abgekauft, die darin ihre Jause, ihr Geld oder ihre Liebesbriefe transportiert haben."

Jedes Stück in Waltraud Novaks Besitz hat eine Geschichte. Die Wienerin war jahrelang in Entwicklungsländern unterwegs: Mali, Guatemala, Osttimor. "Ich habe dort Gesundheits-und Ernährungsprojekte geleitet. Und dabei mit dem gelebt, was in einen Rucksack und einen Koffer passt. In Häusern ohne fließendes Wasser und oft ohne Strom. Trotzdem war es eine der besten Zeiten in meinem Leben", erzählt die studierte Ernährungswissenschafterin. "Ich habe Menschen erlebt, die fast gar nichts besitzen, am offenen Feuer kochen oder kilometerweit gehen müssen, um Wasser zu holen. Menschen, die oft nicht wissen, wie sie am nächsten Tag ihre Familie sattbekommen, weil ihre Vorräte leer sind. Trotzdem sind sie freundlich, fröhlich und gastfreundlich."

Durch diese Erfahrungen ist der 44-Jährigen Materielles immer unwichtiger geworden. Auch, weil sie gesehen hat, welche Konsequenzen die Produktion vieler Kleidungstücke, Smartphones & Co. hat. Dass andere Menschen oder die Umwelt dabei zu Schaden kommen: "Untragbare Arbeitsbedingungen, Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden bis hin zu Bürgerkriegen wegen wertvoller Bodenschätze. Die meisten denken nicht über die Folgen nach, wenn sie sich zwei Mal im Jahr ein neues Handy kaufen oder zum Spaß shoppen gehen." Der Kontrast, als sie 2010 wieder nach Wien zurückkehrte, war groß: "Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Leute in all dem Überfluss jammern, unzufrieden sind, sich sinnlos fühlen. Und dann auch noch versuchen, diese Leere durch Konsum zu füllen."

Aus den Stielen von alten Löffeln kreiert sie einzigartige Ringe. Ein paar davon hat sie auch schon am Flohmarkt verkauft.


"Man kann auch ohne schnellebige Trends und Must-Haves glücklich sein." Die Umweltaktivistin wollte da nicht mehr mitmachen und begann, ihr Leben anders zu gestalten: "Ich habe angefangen, nur noch Bio- Lebensmittel zu kaufen. Mittlerweile bin ich Teil einer Food Cooperative, wir bekommen die Nahrungsmittel direkt vom Produzenten. Und ich habe rigoros ausgemistet. In der Küche, im Keller, Kleidung, Bücher - das meiste, das ich hatte, brauche ich gar nicht. Schon gar nicht, um glücklich zu sein. Ich versuche, wenig zu konsumieren, und wenn, dann in fairer und guter Qualität. Gekauft werden nur Dinge, von denen ich weiß, wo sie herkommen, Neues ist kaum noch dabei. Meistens sind die Dinge aus dem Secondhand-Laden, oder ich übernehme Gebrauchtes."

Waltraud Novak lebt in einer 50 Quadratmeter großen Wohnung im 17. Wiener Gemeindebezirk. Die braune Ledercoach im Wohnbereich wurde in ihrer Firma aussortiert, das Geschirr hat sie von der Wohnung oberhalb, die Vasen hat ihr ein Freund vererbt. "Dinge wie ein großes Auto oder das neueste Handy machen mich nicht glücklich. Viel lieber bin ich selbst kreativ und verbringe Zeit mit mir wichtigen Menschen", so Novak. Eine dogmatische Minimalistin ist sie deshalb aber nicht: "Man soll sich den Alltag nicht mit Prinzipien schwer machen. Wir leben nun mal in der heutigen Zeit, viele Dinge kann man da manchmal gar nicht vermeiden. Allerdings finde ich, dass es in unserer Wegwerfgesellschaft wichtig ist, einen Gegenpool aufzuzeigen. Und zu verbreiten, dass man auch ohne diese schnelllebigen Trends und Must-haves glücklich sein kann."

Gemeinsam mit ihrer Food Cooperative in Wien bestellt sie direkt bei Bauern, Imkern oder Gärtnereien.


Novaks Handy zum Beispiel ist schon über neun Jahre alt, ihren Laptop hatte sie 15 Jahre lang. Und als er vor einem Jahr kaputt wurde, holte sie sich im Secondhand-Geschäft Ersatz. Wer loslässt, hat mehr Platz für Lebensfreude. "Wenn es mir schwer fällt, etwas wegzugeben, hilft mir die Frage: Macht mich dieser Gegenstand glücklich? Falls nicht, weg damit! Jedes Mal, wenn ich etwas ausmiste, freue ich mich über die gewonnene Freiheit, den Platz", lacht Novak. "Um Dinge müssen wir uns sorgen. Sie binden immer Energie. Wenn man etwas weggibt, wird sehr viel davon frei. Man hat mehr Platz für Lebensfreude."

Und noch einen Vorteil genießt die Global-2000- Angestellte: "Ich brauche mir keine Gedanken über die neuesten Trends zu machen. Mir fällt nichts ein, was mir abgeht. Ich habe keine Angst, etwas zu verpassen. Die meisten Produkte finde ich ökologisch unvertretbar. Und sollte ich doch etwas unbedingt wollen, versuche ich herauszufinden, wo es herkommt, wo und wie es produziert wurde. Meistens kaufe ich dann am Schluss doch wieder nichts." Hat sich der achtsame Lebensstil auch auf ihr Umfeld übertragen? "Ich möchte niemandem vorschreiben, wie sie oder er zu leben hat. Aber manchmal erzähle ich Bekannten schon etwas über die Dinge, die sie sich da gerade zugelegt haben. Es interessieren sich auch immer mehr dafür. Eine Freundin hat mir kürzlich erzählt, dass sie vor ein paar Jahren noch fand, dass es ,schon etwas seltsam sei', was ich da mache. Jetzt wird ihr langsam bewusst, dass es eigentlich gar keine Alternative gibt. Sie versteht, warum es wichtig ist, unseren Konsum zu hinterfragen." Auch Novak selbst ist immer wieder am Reflektieren. "Eigentlich ist das auch schon wieder alles viel zu viel", blickt sie durch die Wohnung. "Bald werde ich wieder ein paar Sachen spenden."

In der Food Cooperative, zu der Waltraud gehört, gibt es eine Tauschbörse. Bücher nimmt sie sich dort. Beauty-Produkte braucht sie nicht, die Haare wäscht sie sich etwa mit Roggenmehl. Statt Conditioner verwendet sie eine Leinsamen-Spülung.

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