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Ich habe aufgehört, meine Achseln zu rasieren - eigentlich unabsichtlich!

Es war kein Experiment. Es war kein feministischer Akt. Es war ganz einfach Faulheit. Ich habe meine Achseln ein Monat nicht rasiert - und das ist passiert.

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Ich habe aufgehört, meine Achseln zu rasieren - eigentlich unabsichtlich!

Na, sooo schlimm sind unrasierte Achseln ja doch nicht. Eben? Eben.

© Photo by Billie on Unsplash

Solange ich denken kann, hatte ich niemals Achselhaare - also zumindest keine, die über eine Länge von 0,0005 Millimeter hinausgingen. Schon bevor überhaupt das Haarwachstum wirklich einsetzte, rasierte ich meine Achseln. Vorsorglich. Sicher ist sicher. Ich kann mich auch erinnern, dass mir meine Hippie-Mama mit ihren langen Haaren unter den Armen am See immer peinlich war. Die coolen Mamis meiner Freundinnen hatten die nämlich nicht. Kurz gesagt: Meine Achselhaare zu entfernen gehörte für mich in den letzten 15 Jahre nicht nur deswegen genauso dazu, wie das tägliche Zähneputzen.

Heute, gute 20 Jahre später hätte ich gern die von mir so missverstandene Coolness meiner Mutter. Die ist zwar mittlerweile auch achselhaarfrei, en vogue war das Achselhaar aber selbst in den Neunzigern nicht mehr. Fakt ist: Nach gängigen Schönheitsstandards haben sich die weiblichen Wesen dieser Erde ihrer Achselhaare zu entledigen. (So löste das Model Gigi Hadid noch im Jahr 2017 einen ordentlichen Shit-Storm aus, weil sie sich mit unrasierten Achseln zeigte.) Und auch wenn mein Lebensmotto ganz allgemein auf "Jeder, wie er will" heruntergebrochen werden könnte, habe ich doch nie in Frage gestellt, ob es denn auch zu meinem persönlichen Beautystandard gehört, nackte Achseln zu haben.

Ich habe einen Monat lang meine Achseln nicht rasiert - und das ist passiert

Jetzt war ich aber drei Wochen auf Bali und habe dort vollständig diesen ganzen Eso-Spirit angenommen, dann waren die Wochen danach arbeitstechnisch hektisch, mein Freund außer Landes. Es gab einfach keinen Umstand, der mich nur einmal daran erinnert hätte, meine Achseln zu rasieren. Ich habe es schlicht nicht bemerkt. Es ist einfach passiert. Es war also weder ein feministischer Akt, noch ein wirklich Experiment, dass mich dazu veranlasste, den Rasierer Rasierer sein zu lassen. Es war Faulheit ... und anscheinend einfach keine Priorität

Aufgefallen ist es mir dann tatsächlich im Fitnessstudio. Nach der dreißigsten Push Press bemerkte ich den doch recht präsenten Schatten unter meinen Armen. Mir war es kurz etwas unangenehm. Ekeln sich die anderen im Gym genauso, wie ich damals bei meiner Mama? Das (eigentlich eh nicht so) Verwunderliche: Es war jedem im Kurs völlig wurscht, dass unter meinen Armen ein kleiner Garten spross. Meine Kollegin Anne, die ganz bewusst darauf verzichtet hat, ihre Achseln zu rasieren hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Anfangs war es komisch, ärmellos und behaart durch die Straßen zu flanieren, aber im Endeffekt war es jedem scheißegal, wie es unter meiner Achsel aussieht." Sie erzählte auch, dass sie sich so tatsächlich selbstbewusster, stärker und feministischer denn je fühlte.

Selbstbewusster, stärker, feministischer? Nur wegen der paar Achselhaare?

Ich habe hingegen weder mental noch physisch irgendwelche Veränderungen feststellen können und habe sie kürzlich erst wieder epiliert - auch ohne besonderen Grund. Ich mag einfach das Gefühl einer glatten Achsel. Was mein Freund, mein Umfeld oder die Mitzi auf der Kärntner Straße darüber denken mag, ist mir wirklich egal. Für Anne kam hingegen ein ganz besonderer Schlüsselmoment, an dem sie schwach wurde - sie stattete ihrer Heimatstadt Graz einen Beuch ab: "Klar, das kann jetzt auch nur das subjektives Erleben meiner Heimatstadt sein, aber in Graz hat das 'Sehen und Gesehen werden' noch immer einen hohen Wert. Die Leute machen sich hier noch schick fürs Einkaufen am Samstag in der Herrengasse. Außerdem läuft man immer jemandem über den Weg, den man zumindest vom Sehen kennt. Zweitgrößte Stadt Österreichs hin und her. Im Endeffekt habe ich seelisch vor Graz kapituliert und all meine Achselhaare abrasiert." Für sie war es ein trauriger Moment, der ihr und auch mir vor Augen führte, wie stark die Konventionen und gesellschaftlichen Richtlinien in uns selbst verankert sind.

Werde ich weiterhin auf das Rasieren verzichten?

Nein. Weil ich jetzt tatsächlich sagen kann, dass ich das Gefühl glatt rasierter Achseln lieber mag. Ich muss mich nicht rasieren. Will es aber. Allerdings habe ich einmal mehr gelernt, dass man sich ab und zu einfach - pardon - weniger scheißen sollte. So allgemein. Sollte ich irgendwann wieder auf die Rasur vergessen, wird es mich nicht davon abhalten, Tanktop oder Bikini in der Öffentlichkeit zu sporten. Alle. Menschen. haben. Körperhaare. Überall. Das sollte tatsächlich niemanden mehr schocken. Und wenn doch: Bussi! Und ob Anne nächsten Frühling wieder einen Versuch startet.. "Aufgeben ist nicht! Der Versuch wird neu gestartet, denn im Endeffekt hoffe ich auf eine Welt, in der man mit seinen Achsel- und anderen Körperhaaren tun und lassen kann, was man will, ohne dafür von anderen Menschen bewertet zu werden." Amen!

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