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"Ich will Sterbende begleiten!": Cathy Zimmermann im WOMAN-Interview

Cathy Zimmermann. Am 28. Dezember verlässt die Moderatorin den ORF Niederösterreich. Freiwillig. Nach einem Schicksalsschlag und einer Eingebung will sie sich in der Hospiz engagieren.


"Ich will Sterbende begleiten!": Cathy Zimmermann im WOMAN-Interview
© Christian Maislinger

Weihnachten ist für Cathy Zimmermann, 30, immer besonders. „Denn am Heiligen Abend versammeln sich meine geschiedenen Eltern vor dem Christbaum, um mit mir – ich bin die einzige Tochter – als Familie zu feiern. Die beiden sind zwar schon seit über zehn Jahren getrennt – und das ist auch gut so. Aber das ist uns allen ein Herzensanliegen. Heuer ist es noch spezieller: denn fast wäre meine Mama Helene, 63, im Frühsommer an einem Darmverschluss gestorben“, erzählt die ORF-Lady und Freundin von „ZiB-Flash“-Moderator Roman Rafreider, 42 (die beiden sind seit zwei Jahren ein Paar) - und bekommt feuchte Augen. Die bangen Stunden während der OP, aber auch die Wochen der Genesung im Anschluss sind an Zimmermann jedenfalls nicht spurlos vorübergegangen. In WOMAN verrät sie, wie sehr sie diese tödliche Bedrohung prägte und warum sie jetzt nur noch Dinge machen will, die ihr sinnvoll erscheinen. Und dazu gehört auch: „Weg von der Infoschiene im Fernsehen!“

WOMAN: Cathy, warum waren Sie mit Ihrem Job im ORF Niederösterreich unzufrieden? Andere würden sich dafür ein Bein ausreißen.

Zimmermann: Manche sagen eh: „Das wirst du bereuen“, aber die meisten Kollegen verstehen mich absolut und finden es „ein mutiges Statement“, was nicht die Absicht dahinter ist. Die Entscheidung fühlt sich einfach richtig an. Deshalb sagt Roman auch nicht viel dazu.

WOMAN: Wieso? Denkt er insgeheim auch an Kündigung?

Zimmermann: (lacht) Nein, da braucht sich niemand Sorgen zu machen! Aber er weiß, dass ich immer mache, was ich mir in den Kopf setze. Ich habe zweieinhalb Jahre die lokale Vorabendsendung moderiert und schon vor Monaten gemerkt: „Das erfüllt mich nicht mehr. Ich mag lieber in die Unterhaltung wechseln.“ Der Auslöser war sicher meine Teilnahme bei Dancing Stars. Ich würde gerne ein Reisemagazin aus den coolsten Metropolen der Welt moderieren – mit spannenden Porträts über die Künstler, Designer, Sänger, die dort leben und den Zuschauern die Stadt mit ihren Augen zeigen. Ich habe auch schon ein fixfertiges Konzept zu so einem Sendungsformat abgegeben. Das war gleich zu Beginn, als ich von ATV zum ORF wechselte. Aber Feedback gab’s bis heute nicht. Schade, denn Servus TV macht jetzt genau das! Hubertus von Hohenlohe moderiert dort die „Hubertusjagd“.

WOMAN: Dann verkaufen Sie Ihre Idee doch den Privaten! Sie müssen ja nicht so eitel sein und beim Staatsfunk bleiben, wenn Sie bei kleineren Sendern mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben.

Zimmermann: Keine Eitelkeit, nur hab ich auch keine Eile. Und ja, vielleicht mach ich das.. ich wurde ja - skurrilerweise bei der ATV-Programmpräsentation - vom ORF abgeworben um unter anderem „frischen Wind“ hineinzubringen. Das habe ich getan und wahnsinnig viel in Sachen Profession gelernt. Aber mittlerweile merke ich: Ich will mehr! Eine Sendung moderieren, die lebt!

WOMAN: Also Castingshows im Hauptabend, die sich alle Doris Golpashin unter den Nagel reißt.

Zimmermann: Castingshow muss es eh keine sein. Ich finde gut, was Golpashin macht, obwohl sich da ja die Geister scheiden! Ich dachte mir kein einziges Mal: „Na geh, das missgönne ich der! Warum steh ich nicht auf der Bühne?“ Wenn Sie mich aber fragen, ob ich mir das auch zutraue, dann ja. Live moderieren ist super spannend, auch wenn ich noch immer sehr nervös bin. Das wird wohl nie vergehen und ist auch gut so. Man kann viel mit mir machen, im Sinne von: dass ich gern Neues ausprobiere! Auch ein Ausflug in die Filmbranche würde mich reizen! Da wäre ich aber gerne mehr als nur a schöne Leich’ (lacht), wobei...! Ich bin eine Phantastin, in meiner Welt ist alles möglich. Auch außerhalb Österreichs – mit Homebase in Wien.

WOMAN: Haben Sie Ihre Chefs mit mehr Gehalt versucht zu halten? Oder meinten sie nur: „Ist okay, viel Glück für die Zukunft!“

Zimmermann: Weder noch. Und nein das kränkt mich nicht, wie manche vielleicht denken. Es war ja meine Entscheidung. Und Einschleimen oder Hochschlafen sind für mich keine Option, wurscht wo!

WOMAN: Klingt, als hätte man Ihnen ein unmoralisches Angebot gemacht?

Zimmermann: Größtenteils blieb ich in meinem Leben davon verschont.. Signale gab‘s aber natürlich, doch diese subtile Anmache habe ich einfach weggelächelt. Das war dann nie wieder ein Thema und überlasse ich anderen. Denn ich mag stolz auf mich sein! Hochschlafen kann sich eine jede, dafür muss man nicht clever, schön oder gut sein. In der Position halten nur wenige. Aber wie auch immer: seit meinem Schlüsselerlebnis im Sommer haben sich meine Wertigkeiten sowieso verschoben.

WOMAN: Als Ihre Mutter Helene fast starb…

Zimmermann: Genau. Sie saß in jeder Sendung von Dancing Stars und feuerte mich an. Es war, als hätte ihr Körper darauf gewartet, erst dann schwach sein zu dürfen, wenn ich aus dem Rennen bin. Am Tag nach meinem Rauswurf - es war der 8. Mai - klagte sie über starke Bauchkrämpfe. Aber weil sie an einer seltenen Blutkrankheit leidet und deshalb um Spitäler einen weiten Bogen macht, zögerte sie alles tagelang hinaus. Denn große Operationsschnitte erhöhen das Risiko! Doch als ich am zehnten Tag bemerkte, dass sie Blut gebrochen hatte und Mama sich vor Schmerzen wirklich schon krümmte, packte ich sie und fuhr sie sofort ins Krankenhaus. Die Ärzte diagnostizierten Darmverschluss!

WOMAN: Normalerweise überlebt man das nicht.

Zimmermann: Sie hatte Glück und konnte dank einer Notoperation gerettet werden. Paar Stunden später- und sie wäre jetzt tot! Ich habe mir nachher wahnsinnige Vorwürfe gemacht deshalb. Möchte nicht daran denken, wie es wäre, sie nicht mehr zu haben…Das alles hat existenzielle Fragen in mir aufgeworfen: Was, wenn sie nicht mehr ist? Wenn ich nicht mehr bin? War ich glücklich? Hab ich alles gemacht, was ich wollte...?

WOMAN: Was ist dann passiert?

Zimmermann: Diese Fragen haben mich innerlich wachgerüttelt. Alles hat sich relativiert. Ich brettere nicht mehr mit 150 Stundenkilometer über die Autobahn, um irgendwo fünf Minuten früher zu sein. Jammere nicht mehr, wenn ich verspannt bin oder Kopfweh habe. Und krieg auch nicht die Krise, wenn ein Fernsehbeitrag um paar Sekunden zu kurz ist. Das ist lächerlich! Mir geht’s im Grunde so gut! Es geht so schnell, dass etwas passiert, und alles über den Haufen wirft. Gegen Krankheiten oder Unfälle bist du machtlos, aber beruflich hab ich das Steuer zumindest zu einem Teil in der Hand…Ich habe mir selbst versprochen: „Hör auf deinen Bauch und tue was du möchtest, nicht das, was nur gut ausschaut!“….Im Spital habe ich gemerkt, dass ich offenbar eine angenehme Wirkung auf alte Menschen habe. Sie haben mir von allein sehr viel aus ihrem Leben erzählt. Lächelten mich immerzu an. Ich weiß das klingt blöd, aber das hat mir echt etwas gegeben! Einmal nach einem Krankenhausbesuch – es war ein sonniger Herbsttag – saß ich im Auto und hatte plötzlich eine Art Eingebung: Mach’ die Ausbildung für Lebens-, Trauer- und Sterbebegleitung. Ich grinste auf dieser Fahrt übers ganze Gesicht! So wie jetzt!

WOMAN: Muss ich mich sorgen, dass Sie depressiv werden und das Sterben faszinierender finden als das Leben?

Zimmermann: Im Gegenteil: ich spüre eine ungeheure Lebenslust in mir, bin ein sehr lebensbejahender Mensch. Genau deshalb glaube ich, halte ich die andere Seite aus. Der Tod ist unsexy und ein Tabuthema, keine Frage! Deshalb ist es umso wichtiger, dass man den Sterbenden die Angst nimmt vor dem Ungewissen. Im Februar beginne ich meine Ausbildung in einem Hospiz bei der Caritas. Das kostet nichts und ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, also nix zum reich und berühmt werden. Man betreut auch die Angehörigen, die zurückbleiben. Aber nichts ist Schlimmer, als allein von dieser Welt gehen zu müssen. Und manche haben keine Familie, die da ist…

WOMAN: Sind Sie schon an jemandes Sterbebett gesessen und haben gespürt, wie aufwühlend es ist, ihn leiden zu sehen und loslassen zu müssen?

Zimmermann: Nein. Ich bin total unbescholten, hatte noch keinen Todesfall in der Familie. Als eine Oma starb, war ich noch klein, bekam nichts mit.

WOMAN: Wer soll in Ihrer letzten Stunde Ihre Hand halten?

Zimmermann: Puh. Jemand, den ich sehr lieb habe.

WOMAN: Glauben Sie an eine Existenz nach dem Tod?

Zimmermann: Ich würde es mir gerne vorstellen, kann’s aber nicht. Da lässt die Phantastin in mir aus. Aber ich glaube ganz fest an eine höhere Macht, nennen wir’s Gott, die dein Schicksal bestimmt. Aber weil es eben eine Deadline gibt, versuche ich so viel wie möglich selbst zu steuern. Ich halte mich da an die Worte des verstorbenen Applegründers Steve Jobs: „Habe den Mut deinem Herzen zu folgen und lass dein Leben nicht von anderen bestimmen!“ – machen leider viel zu wenige Menschen. Ich freue mich jedenfalls auf die neue Aufgabe.

WOMAN: Man merkt’s. Eigentlich wäre das auch ein berührendes und hilfreiches TV-Format!

Zimmermann: Stimmt! Aber mal schauen, wie es wirklich ist…

WOMAN: Wollen Sie auch mal Leben schenken, Mutter werden?

Zimmermann: Roman und ich planen im Moment weder Kind noch Hochzeit. Das hat alles Zeit, obwohl ich schon glaube, dass ich noch Mutter werden möchte. Im Frühjahr ziehen wir erst mal zusammen.

WOMAN: Wie verstehen Sie sich mit seinem Sohn Luca, 11?

Zimmermann: Bestens. Wir haben einander sofort ins Herz geschlossen.

Interview: Petra Klikovits