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Warum genau in diesem Lokal niemand mehr sexuell belästigt wird

In kaum einer Branche gibt es so viele sexuelle Übergriffe und Belästigungen wie in der Gastronomie. Aber in diesem Lokal gibt es fast keine mehr - dank einer ganz einfachen Idee.

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Lokal
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Erin Wade war es immer besonders wichtig, dass sich in ihrem Restaurant "Homeroom" in Kalifornien alle wohlfühlen: die Gäste und die Angestellten. Als sie jedoch eines Tages mitbekam, dass ein Familienvater vor den Augen seiner vier Kinder einer Kellnerin unter die Bluse fasste, wurde ihr klar, dass dieses Wohlfühlen unter solchen Bedingungen definitiv nicht möglich wäre. In Folge fragte sie nach und erfuhr, dass fast alle ihre Mitarbeitenden bereits Ähnliches durchgemacht haben: Anzügliche Meldungen, Berührungen und mehr waren an der Tagesordnung.

Ein prinzipielles Problem in der Gastronomie: 80 Prozent aller weiblichen Angestellten sind mindestens einmal bereits sexuell belästigt worden. Von Gästen, Kollegen oder dem Chef. Aber meist traut sich niemand dies zu melden.

Nach einer Phase der Fassungslosigkeit beschloss Wade etwas zu ändern: "All das geschieht auch in meinem Restaurant? Einem Familien-Restaurant! Unsere Spezialität sind doch überbackene Nudeln!" Gemeinsam mit ihren Angestellten entwickelte sie schließlich ein Drei-Stufen-System: Stufe Gelb kann nach dem ersten unangenehmen Blick oder Gefühl benannt werden. Orange, wenn eine Bemerkung fällt, die man als Belästigung interpretieren kann, diese jedoch nicht ganz eindeutig ist. Und Rot, wenn es sich um eindeutige Belästigung oder unerwünschte Berührungen handelt.

Bei Gelb kann die Kellnerin selbst entscheiden, ob sie diese Person noch weiter bedienen möchte, oder ob jemand anderer übernehmen soll. Bei Orange übernimmt auf jeden Fall ein Restaurant-Manager oder eine -Managerin diesen Tisch und bei Rot wird der Gast sofort gebeten zu gehen.

So können sich die Mitarbeitenden auf ihr Bauchgefühl verlassen und werden nicht in Frage gestellt, ihre Version nicht angezweifelt und sie müssen sich auch nicht rechtfertigen - egal bei welchem Farbcode. Wenn sie sich bei einem Gast nicht wohlfühlen, dann springt eben wer anderer ein. Und wenn es zu Berührungen oder verbalen Übergriffen kommt, wird die jeweilige Person des Lokals verwiesen.

Seit drei Jahren ist dieses System nun in Funktion und seitdem hat sich das Klima für die Kellnerinnen massiv zum Besseren verändert. Denn damit werden Situationen schon im Entstehen deeskaliert: "Frauen sind meist sehr gut darin, früh zu erkennen, ob ein Gast problematisch wird. Vielleicht aufgrund des Blickes, wenn er noch überlegt, ob er die Chance zum Grabschen nutzen soll - aber dann hat eben bereits ein Kollege übernommen und derjenige hat gar nicht mehr die Möglichkeit." so Wade.

Mit vollem Erfolg: "Früher hatten wir noch dauernd Rot, aber jetzt passiert es höchstens einmal im Jahr".
Und daher wurde das System auch noch erweitert: Es gilt nun ebenso bei rassistischen Bemerkungen oder prinzipiell, wenn jemand ausfällig wird.

Kommentare

ABGBkant

Bravo!! Da können österreichischen Unternehmer (nicht nur Gastwirte) sich ein Beispiel nehmen. Ich habe in meiner Jugend unzählige verschiedene Jobs gehabt und meist mit viel Kontakt zu Menschen. Du bist für die meisten Männer Freiwild. Ich war 1,70 groß, hatte lange blonde Locken un 60 kg. Kein Tag verging mit nicht mindestens einem Übergriff...und nicht selten vom Vorgesetzten selbst.