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Ihr blieben nur 424 Tage

Man könnte meinen, ein todgeweihter Mensch verzweifelt. Nanas Geschichte ist anders. Sie hat sich im letzten Jahr ihres Lebens selbst gefunden und ihrer Familie viel gegeben. WOMAN sprach mit ihrer Mutter über eine beeindruckende junge Frau.

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  • Nana.

    Bild 1 von 6 © Ron Maas
  • Nana als Model.

    Bild 2 von 6 © Barbara Stäcker

Wie sieht er aus, der perfekte Tod? Ein Ende ohne große Schmerzen, von einem Moment auf den anderen tot umfallen? Rasch Gedanken daran wegschieben, lieber das Leben so intensiv wie möglich leben. Nana hatte diese Chance nicht: Sie musste sich ihrer Sterblichkeit schon mit 20 Jahren stellen. Denn ob und wie lange sie überleben würde, konnte man der jungen, bildhübschen Münchnerin im Oktober 2010, als sie mit der Diagnose "Ewing-Sarkom" konfrontiert wurde, nicht vorhersagen. Begonnen hatte alles mit einer schlimmen Ahnung: Blässe, Appetitlosigkeit, ein geschwollenes Gelenk, Erschöpfung. Untersuchungen reihten sich aneinander, zuletzt die unbegreifliche Diagnose: Ein extrem seltener, bösartiger Knochenkrebs wütete im Körper des jungen Mädchens. Hilflosigkeit, Angst. Wie lange noch? Die Prognosen waren schon rein statistisch gesehen äußerst schlecht. Bei Nana sollten es 15 Monate werden. Ein gutes Jahr Zeit, sich auf das Sterben vorzubereiten. In dieses Jahr noch schnell hineinpacken, was ihr wichtig war. Vor allem Zeit mit ihrer Familie und ihrem Freund. Die frischgebackene Maturantin wollte gegen das Biest in ihr kämpfen. Zukunftspläne, wie ein Lehramtsstudium zu beginnen, nicht ad acta legen, obwohl es ihr immer schlechter ging. Und es gab leider auch kein Happy End. Am 10. Jänner 2012 verlor die außergewöhnliche junge Frau ihren Kampf gegen den Krebs. Nanas Mutter, Barbara Stäcker, hat die Geschichte ihrer Tochter nun in "Nana … der Tod trägt Pink" (Irisiana-Verlag, € 15,50) aufgeschrieben. WOMAN traf sie zum intensiven Gespräch über Tod, Liebe und Sehnsüchte:

WOMAN: Ihre Tochter ist vor einem Jahr verstorben. Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie heute?

Stäcker: Mal gibt es gute Tage, dann wiederum ist der Schmerz gnadenlos. Nana hätte nie gewollt, dass wir allzu traurig sind. Das hätte sie uns verboten. Daran versuchen wir immer zu denken.

WOMAN: Wo spüren Sie Ihre Tochter besonders? Wo ist sie Ihnen ganz nah?

Stäcker: In ihrem Zimmer, das ist noch immer so, wie sie es verlassen hat. Sie hat sich gewünscht, dass wir es als Rückzugsort behalten. Wir pflegen auch ihr Grab intensiv, mit pinken Blumen und Kerzen, doch dort fühlen wir uns mit ihr nicht so verbunden.

WOMAN: Sie haben Nana die schockierende Diagnose im Oktober 2010 überbracht. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Stäcker: Ich wollte am liebsten davonlaufen, es zog mir den Boden unter den Füßen weg. Gleichzeitig wusste ich, dass niemand besser für diese Aufgabe geeignet wäre als ich. Meine Tochter hätte sofort durchschaut, wenn ich ihr etwas verheimlicht oder sie angelogen hätte. Ich habe ganz offen mit ihr darüber geredet. Ihre erste Reaktion war keineswegs: "Muss ich jetzt sterben?" oder "Wie lange noch?", sondern "Werden mir die Haare ausfallen?". Irgendwie typisch, sie war immer sehr auf ihr Äußeres bedacht.

WOMAN: Und wie ist Ihre Familie mit der Krebserkrankung zurecht gekommen?

Stäcker: In unserem Haus leben mein Mann, unser Sohn Michi, seine Freundin Sabrina. Damals war auch Chris, Nanas Freund, hier zuhause. Es war für alle der Super-GAU, sie waren völlig orientierungslos. Letztendlich sind aber alle über sich hinausgewachsen und haben Nana bis zuletzt begleitet.

WOMAN: Stellt man sich dabei die verzweifelte Frage nach dem Warum?

Stäcker: Ja, aber nur ein einziges Mal, dann haben wir beschlossen, das sein zu lassen. Es bringt überhaupt nichts, auch meine Tochter hat sich das verboten. Es führt ja zu nichts, ist sinnlos. Sie hat ihre Krankheit einfach akzeptiert, die Tatsache, dass Dinge im Leben passieren, die man nicht ändern kann. Sie wollte das Beste aus der Zeit machen, die ihr noch blieb.

WOMAN: Wie wollte sie diese im Speziellen verbringen?

Stäcker: Man meint immer, Todgeweihte wollen nochmals möglichst viel reisen und viel sehen. Sie wollte eigentlich nur zuhause, im Kreis ihrer Familie sein, hatte keine großen Wünsche. Nur Finnland hätte sie noch gerne gesehen, aber ein Flug war leider nicht mehr möglich.

WOMAN: Wie kann man sich den familiären Alltag in dieser Zeit vorstellen?

Stäcker: Es verlief alles so normal wie möglich. Nana hätte alles andere verabscheut. Deswegen war sie auch so gerne zuhause, hat Spitalsaufenthalte gehasst. Bei uns wurde gekocht, gegessen, gestritten. Auch am Schluss, als sie schon zum Sterben zuhause war, hat sie immer gesagt: "Jetzt hört endlich auf mit eurem Mitleid." Sie war eigentlich die Stärkere.

WOMAN: Hat es dennoch Situationen gegeben, in denen Nana auch mal schwach oder besonders genervt war?

Stäcker: Dieses ewige Warten auf Untersuchungen in den nüchternen Krankenhausgängen, die oft wochenlangen Spitalsaufenthalte. Das war für sie extrem belastend. Sie meinte immer: "Ach Mama, was man da alles unternehmen könnte."

WOMAN: Sie hatten offenbar ein inniges Verhältnis. Hat sich das im Laufe der letzten Lebensmonate noch intensiviert?

Stäcker: Eigentlich kaum, es war schon immer eng. Wir haben so gut wie nie gestritten. Sie hat Streiten immer als vertane Zeit betrachtet. Als hätte sie schon geahnt, dass sie nicht ewig Zeit hätte. Sie hat mir Dinge anvertraut, die sie nicht einmal ihren Freundinnen erzählt hat. Auch während ihrer Krankheit war ich am liebsten mit ihr zusammen.

WOMAN: Wie konnten Sie das mit Ihrer Arbeit vereinbaren?

Stäcker: Ich bin Arzthelferin, mein Chef, der Internist Christoph Seitz in München, hat mich von Beginn an freigestellt und uns unterstützt, wo es nur ging. Die Pflege konnte ich aufgrund meiner Ausbildung gut bewältigen. Mein Mann ist Vertriebsleiter eines großen Konzerns, er war zwar berufsbedingt viel unterwegs, aber wenn er da war, hat er sich intensiv um Nana gekümmert. Das war unsere Abmachung. Er war für unsere finanzielle Basis zuständig, ich für die häusliche Pflege. Es war schwer für ihn, er wäre lieber aktiver beteiligt gewesen.

WOMAN: Wie hielt Nana den Kontakt zu Freunden? Hatte sie viel Besuch?

Stäcker: Wir hatten immer ein offenes Haus, als ihr Immunsystem immer schwächer wurde, war Facebook ihre wichtigste Kommunikationssäule. So hat sie auch Kontakt zu Profi-Fotografen geknüpft. Durch sie entstanden in ihrem letzten Jahr noch wunderschöne Fotostrecken. Ihr Freund Chris begleitete sie zu den Terminen. Meine Tochter liebte es, dabei mit extravaganten Perücken zu experimentieren.

WOMAN: Trug sie diese auch privat?

Stäcker: Nein, länger tragen wollte sie die nicht, dafür haben sie viel zu sehr gekratzt. Sie hatte lieber Mützen auf.

WOMAN: Sie erwähnten Nanas Freund. Wie wichtig war er für sie?

Stäcker: Er war ihr Anker – und er ist mein Held. Wir haben noch immer engen Kontakt. Nana und Chris hatten nur ein unbeschwertes Jahr, bevor ihre Krankheit ausbrach. Er war immer an ihrer Seite, bis zum letzten Atemzug. Er hat sich auch noch kurz vor ihrem Tod mit ihr verlobt. Mit einem Ring, der aussieht wie jener von William und Kate. Den hatte sich Nana gewünscht, und mit dem wollte sie auch begraben werden.

WOMAN: Wann haben Sie die Hoffnung auf Nanas Genesung aufgegeben?

Stäcker: Erst im Herbst, wenige Wochen vor ihrem Tod, als die Schmerzen für sie unerträglich wurden. Wir haben ihre Wünsche fürs Begräbnis besprochen, ganz ruhig und gefasst.

WOMAN: Was sind Ihre letzen Erinnerungen an Ihre Tochter?

Stäcker: Kurz bevor sie mit einer Schmerzpumpe in den Tiefschlaf versetzt wurde, haben sich noch alle Familienmitglieder von ihr verabschiedet. Sie wollte Kleidung und Make-up für ihre Beisetzung festlegen und meinte lächelnd: "Aber macht dabei keinen Scheiß." Danach war sie noch einige Tage im Dämmerschlaf und ist dann sanft hinübergeglitten.

WOMAN: Was bleibt von Nana?

Stäcker: Ihr Humor. Wir haben gelernt, bewusster zu leben, banale Dinge als etwas Besonderes anzunehmen und vor allem ihren wichtigsten Satz zu beherzigen: "Keine Zeit mit Streiten vergeuden."

Thema: Liebe